Heute in den Feuilletons

Hellauf hätte ich gejauchzt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.11.2011. Die New York Times stellt das Google Cultural Institute vor, das in Paris gegründet wird. Mashable hat ganz aktuelle Fotos vom Tahrir-Platz gesammelt, die Demonstranten per Twitter und Facebook publizierten. Die EU-Kommissarin Neelie Kroes hat eine erstaunliche Rede über Urheberrecht gehalten, vermerkt unter anderem Heise. Der Tagesspiegel wirft einen kritischen Blick auf die Berliner Philharmoniker als Veranstalter. Die SZ bringt die Rede der Kleist-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff, die ihr Unbehagen an Kleist bekennt. Die Zwickauer Nazis beschäftigen die Feuilletons weiterhin.

Tagesspiegel, 21.11.2011

Frederik Hanssen bringt einen interessanten Hintergrund zu klassischen Konzertveranstaltern in Berlin - und findet besonders die Berliner Philharmoniker problematisch, die privaten Veranstaltern Konkurrenz machen, ohne selbst ein Risiko zu tragen: "In acht verschiedenen Reihen der Philharmoniker treten mittlerweile Gäste auf. Darunter Maurizio Pollini und Murray Perahia, die früher von Witiko Adler vertreten wurden, oder Krystian Zimerman... Da werden ganze Orchester wie 'Il Giardino Armonico' geholt, mit denen Kommerzielle gutes Geld verdienen könnten, oder Gesangsstars wie Jonas Kaufmann und Joyce DiDonato."

Weitere Medien, 21.11.2011

(Via Heise und Neunetz): Die EU macht zwar häufig eine verwerterfreundliche Politik, aber ihre Repräsentanten halten manchmal urheber- und nutzerfreundliche Reden. So Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, gestern in Avignon, die die gängige Praxis des Urheberrechts scharf kritisierte: "We need to keep on fighting against piracy, but legal enforceability is becoming increasingly difficult; the millions of dollars invested trying to enforce copyright have not stemmed piracy. Meanwhile citizens increasingly hear the word copyright and hate what is behind it. Sadly, many see the current system as a tool to punish and withhold, not a tool to recognise and reward."

Google betreibt nun auch noch ein Google Cultural Institute, das in Paris beheimatet sein soll und die Digitalisierung kultureller Artefakte in höchster Qualität betreibt, so etwa die Reprografie von antiken Schriftrollen für das Israel Museum in Jerusalem, berichtet Eric Pfanner in der New York Times: "The Google Cultural Institute plans to make artifacts like the scrolls - from museums, archives, universities and other collections around the world - accessible to any Internet user. "We"re building services and tools that help people get culture online, help people preserve it online, promote it online and eventually even create it online," said Steve Crossan, director of the institute... The plans for the Cultural Institute grew out of the Dead Sea Scrolls initiative and another pilot project for Google in Israel, in which it helped bring the photos and documents of the Yad Vashem Holocaust memorial onto the Web."

NZZ, 21.11.2011

Andre Bideau besichtigt das neue, von den Architekten Diller, Scofifio und Renfro umgebaute Lincoln Center in New York. Überzeugt hat ihn die Arbeit nicht: "Überspitzt ließe sich behaupten, dass hier zeitgenössische Architekten Opfer der Ambition sind, sich der gebauten Realität über den Umweg größtmöglicher Problematisierung zu nähern."

Außerdem: Marco Frei wirft einen kritischen Blick auf Venezuelas Musikprojekt El Sistema, kann sein Unbehagen aber nicht dingfest machen. Nicht glücklich wurde Georg-Friedrich Kühn mit Smetanas "Verkaufter Braut" an der Berliner Staatsoper.
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Welt, 21.11.2011

Uwe Schultz besichtigt die große, der Sammlerfamilie Stein gewidmete Ausstellung "Matisse, Cezanne, Picasso... L"aventure des Stein" im Pariser Grand Palais, die ihm einen schönen Einblick in deren Kunstbesessenheit gewährte.

Zum großen Kleist-Wochenende hat sich Elmar Krekeler Antu Romero Nunes" Inszenierung der "Familie Schroffstenstein" am Berliner Maxim-Gorki-Theater angesehen, Dankwart Guratzsch war im umgebauten Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder. Marko Martin erklärt außerdem, warum auch auf Tahiti die SED eine üble Hypothek darstellt. Britta Stuff kaut mit der Bunten-Kolumnistin Eva Kohlrusch die Trennung von Demi Moore und Ashton Kutcher durch.

Aus den Blogs, 21.11.2011

Mashable hat Fotos vom Tahrir-Platz gesammelt, die per Twitter und Facebook von Demonstranten publiziert wurden.
Stichwörter: Ägypten, Arabellion, Tahrir

FR/Berliner, 21.11.2011

Die FR-Kolumnistin Mely Kijak schreibt: "Noch sind keine hochrangigen Politiker in Demut und Scham vor die Opferfamilien getreten und haben um Verzeihung gebeten. Noch haben Journalisten sich für ihre vorurteilsvolle und diskriminierende Berichterstattung über Belange der migrantischen Bevölkerung über Jahre hinweg nicht entschuldigt."

Besprochen werden das Actionmusical "Fahr zur Hölle, Ingo Sachs" am Deutschen Theater Berlin von und mit Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger, eine Aufführung von Kleists "Familie Schroffenstein" am Berliner Maxim-Gorki-Theater und ein Sonny-Rollins-Konzert beim Enjoy-Jazz-Festival in Ludwigshafen.

Hier zum Wochenbeginn etwas Tenor Madness von Sonny Rollins:


TAZ, 21.11.2011

Wenn sie von arbeitscheuem Gesindel sprechen, meinen die Rechtsradikalen dann nicht eigentlich sich selbst, fragt Jan Feddersen. Die Opfer der Zwickauer Neonazis waren jedenfalls alle "Handwerker und Kleinunternehmer. Orte wie Frisör- und Gemüseläden symbolisieren aber mehr als Migration. Wer diese betreibt, arbeitet extrem hart und fleißig an der eigenen bürgerlichen Existenz. Der will es in der neuen Heimat unbedingt schaffen, und zwar mit Arbeitszeiten, die vom frühen Morgen bis in den späteren Abend reichen. ... Von den drei mutmaßlichen MörderInnen aus Thüringen ist nicht überliefert, dass sie mit Ehrgeiz und Fleiß aus ihren Leben etwas Anständiges machen wollten."

"Zielony erreicht den Standard des Stern nicht mit einem einzigen Bild", ärgert sich Ulf Erdmann Ziegler beim Betrachten von Tobias Zielonys Fotoausstellung "Manitoba" im Frankfurter Museum für Moderne Kunst: "Man fragt sich bisweilen, ob manche Museumsleute heute nicht simple Bildchen wie die aus "Manitoba" benutzen, um die Fotografie, die sie ohnehin nicht verstanden haben, dauerhaft zu diskreditieren."

Weitere Artikel: Dirk Knipphals beendet seine Serie zum Kleist-Jahr.
Besprochen wird das Musical "Fahr zur Hölle, Ingo Sachs" am Deutschen Theater Berlin.

Und Tom.

Weitere Medien, 21.11.2011

In Focus, die Fotoreihe bei The Atlantic, bringt eine faszinierende Fotostrecke mit Bildern von der US-Krise in den 70er Jahren, darunter etliche wundervolle, teils fast schon apokalyptisch anmutende americana! Mehr Bilder aus diesem historischen Fundus gibt es übrigens hier.

Genau das richtige für den Start in die Woche: Ein Mix mit Songs aus den späten 70ern und frühen 80ern mit wunderbaren Stummfilm-Fantasmagorien aus der Frühzeit des Kinos. (via dangerous minds, wo es im übrigen noch einen zweiten Mix dieser Art und Tracklists gibt).

Stichwörter: 70er, Stummfilm

SZ, 21.11.2011

In ihrer Dankesrede für den Kleistpreis erklärt Sibylle Lewitscharoff, warum Kleist sie mindestens so sehr abstößt wie anzieht. Seine "moralische Verwilderung" erinnert sie unangenehm an ihr jugendliches Ich: "Wenn ich da an mich selbst denke, wie heftig ich den in der westdeutschen Adenauer- und Kiesinger-Ära noch immer recht selbstgewiss auftretenden ehemaligen Nationalsozialisten den Tod gewünscht und wie ich diese Leute selbst auf grausame Weise nächtens zur Strecke gebracht habe, wird mir etwas mulmig zumute. Hellauf hätte ich gejauchzt, wenn einer das Messer in Filbingers Herz gebohrt hätte, hellauf! Am liebsten hätte ich es selbst getan. Ich bin selbst zuweilen durchaus ein kalter Hasscharakter."

Weitere Artikel: Niklas Hofmann informierte sich auf der Berliner Tagung "Ins Netz gegangen - Neue Wege zum kulturellen Erbe" über den Stand der Dinge bei der allerorten erfolgenden Digitalisierung von Archivbeständen. In den "Nachrichten aus dem Netz" stellt Franziska Schwarz die Möglichkeiten semantischer Suchmaschinen am Beispiel von Kochrezeptrecherche vor. David Steinitz fand die Dokumentarfilme beim 31. Internationalen Studentenfilmfestival in München am interessantesten. Einen "grandiosen Abend" erlebte Karl Lippegaus beim Ludwigshafener Konzert von Sonny Rollins.

Besprochen werden u.a. eine CD mit von Riccardo Chailly in Leipzig dirigierten Beethoven-Symphonien, die Ausstellung "Degas and the Ballet: Picturing Movement" in der Royal Academy of Arts in London, Jürgen Kuttners und Suse Wächters Inszenierung von "Der Geldkomplex" am Münchner Marstall-Theater, die neue Präsentation islamischer Kunst im Metropolitian Museum in New York sowie Herbert Fritschs, scheint"s, deftig skatologische Inszenierung vom "Raub der Sabinerinnen" am Thalia Hamburg, die ein angewiderter Till Briegleb der "Niveauvernichtung" zeiht.

FAZ, 21.11.2011

Eindringlich schildert Kerstin Holm in der Leitglosse den Handel mit Schwarzkarten vor dem renovierten und nun vom Schwarzmarkt heimgesuchten Bolschoitheater. Dieter Bartetzko findet die Wanderausstellung "Tutanchamun - Sein Grab und die Schätze", die ausschließlich mit Repliken bestückt ist, museumspädagogisch gar nicht so schlecht gemacht. "Die Bewegung bewegt sich noch", meldet Jordan Mejias, nachdem die Wall Street-Besetzer vertrieben wurden. Hubert Spiegel war dabei, als Sibylle Lewitscharoff den Kleist-Preis erhielt. Julia Bähr besucht ein offenbar gut besuchtes Münchner Literaturfest, bei dem vor berstenden Sälen über die mangelnde Anziehungskraft der Literatur geklagt wurde. Jochen Hieber verfolgte ein Fernsehfilmfestival in Baden-Baden.

In der Sonntags-FAZ spekuliert Nils Minkmar über die Zwickauer Nazis und zitiert den Kommentar eines Terrorexperten zu Osama bin Laden: "Wenn sich jemand über viele Jahre einer intensiven Fahndung entziehen kann, dann genießt er staatlichen Schutz."

Besprochen werden ein konzertanter "Lohengrin" unter Marek Janowski in Berlin, Herbert Fritschs "Raub der Sabinerinnen" am Hamburger Thalia Theater und Bücher, darunter Jürgen Habermas" neuer "Europa"-Essay (den der Soziologe Stefan Müller-Doohm wohlwollend zur Kenntnis nimmt, mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).