Heute in den Feuilletons

Weitreichender Beschluss ist eindrucksvolles Bekenntnis

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.11.2009. Die taz würdigt den zivilisatorischen Einfluss Peter Kraus', Mary Roos' und Udo Jürgens' auf die Deutschen. Die FR stellt die Frage der Verteilung neu. In der SZ plädiert Boris Groys für das Englische als lingua franca in Europa. Die FAZ wundert sich über die Frenesie der Franzosen in bezug auf den 9. November. Und die Internetpetition zu Open Access hat schon 1309 Unterzeichner. Im Guardian sieht Adam Michnik postkommunistischen Krokodilen aufs Maul.

Weitere Medien, 10.11.2009

Die letzten zwanzig Jahre waren für die Polen die besten seit 300 Jahren. Trotzdem sind viele Polen heute "zutiefst unzufrieden", schreibt Adam Michnik im Guardian und erklärt warum: "Der große russische Schriftsteller Anton Tschechow schrieb über seine Heimat: 'Unter dem Banner der Wissenschaften, der Kunst und des unterdrückten Freiheitsdenkens werden bei uns in Russland solche Kröten und Krokodile herrschen, wie sie nicht einmal Spanien während der Inquisition gekannt hat - ein engstirniger, selbstgerechter, übermäßig ehrgeiziger Typus ohne jedes Gewissen. Scharlatane und Wölfe in Schafspelzen werden nach Herzenslust lügen und heucheln.' Das russische Genie sah voraus was mit einer Nation geschieht, wenn sie nach Jahren der Sklaverei die Freiheit erlangt. Genau dies geschieht jetzt in den postkommunistischen Demokratien."

TAZ, 10.11.2009

"3. Tagung des 17. Zentralkabinetts der Republik beschließt Wachstumsbeschleunigungsgesetz", meldet die taz im Aufmacher: "Weitreichender Beschluss ist eindrucksvolles Bekenntnis zur Entwicklung der Produktivkräfte. Erhebliche Erleichterungen für kinderreiche Werktätige, Angehörige verstorbener Kapitalinhaber, Betreiber von produzierenden Werkstätten in Privatbesitz und gewerbliche Übernachtungseinrichtungen ab 1. Januar 2010."

In der Kultur unterhält sich Jan Feddersen mit den Historikern Axel Schildt und Detlef Siegfried, die auch die U-Musik in ihre gerade vorgelegte große Kulturgeschichte der Bundesrepublik einbezogen haben: "Meines Erachtens haben Peter Kraus, Mary Roos und Udo Jürgens erheblich zur Zivilisierung der Deutschen beigetragen, und dafür sollte man dankbar sein."

Weitere Artikel: Cristina Nord porträtiert den Dokumentarfilmer James Benning, der einen Film über den Wandel im Ruhrgebiet gemacht hat. Aram Lintzel liest in seiner Kolumne mit dem Titel "Diskurse, um Linksradikalität einen Anstrich von Glamour zu geben" einige Bände mit millenaristischer linksradikaler Literatur. Außerdem gibt's ein Gespräch mit Ted Gaier von den Goldenen Zitronen, der sich jetzt für den Erhalt historischer Viertel in Hamburg engagiert. Besprochen wird eine Musikalisierung von Peter Eszterhazys "Harmonia Celestis" in Wien.

Auf der Medienseite schreibt Ulrich Gutmair, ehemals Kulturredakteur des Instituts, einen Nachruf auf die Netzeitung: "Erstaunlich ist nur, dass das Sterben so lange gedauert hat. Von Anfang an blickte der Tod der ersten und einzigen, ausschließlich im Internet publizierten Tageszeitung Deutschlands über die Schulter."

Und Tom.

Aus den Blogs, 10.11.2009

Klaus Graf verweist per Twitter auf eine Internetpetition zum Thema Open Acces, die gestern Abend bereits 900 Unterzeichner hatte: "Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass wissenschaftliche Publikationen, die aus öffentlich geförderter Forschung hervorgehen, allen Bürgern kostenfrei zugänglich sein müssen. Institutionen, die staatliche Forschungsgelder autonom verwalten, soll der Bundestag auffordern, entsprechende Vorschriften zu erlassen und die technischen Voraussetzungen zu schaffen. Begründung: Die öffentliche Hand fördert Forschung und Entwicklung nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung jährlich mit etwa 12 Milliarden Euro. Die Ergebnisse dieser Forschung jedoch werden überwiegend in kostenpflichtigen Zeitschriften publiziert. (...) Wegen der hohen Kosten und der Vielzahl wissenschaftlicher Zeitschriften sind Forschungsergebnisse nur in wenigen Bibliotheken einsehbar. Den meisten Bürgern ist der Zugang zu der von ihnen finanzierten Wissenschaft dadurch nicht nur erschwert, sondern de facto ganz verschlossen. Es ist nicht angemessen, dass der Steuerzahler für die von ihm finanzierten Forschungsergebnisse erneut bezahlen muss. "

Rupert Murdoch will Google von seinen Webseiten aussperrren, wird unter Bezug auf ein Fernsehinterview des Tycoons in den Medien gemeldet. Mashable kommentiert: "one has to listen to the entire interview to understand that Murdoch is not quite clear about what, exactly, he plans to do, and even if he is, it doesn?t make much sense."

Im Interview mit Spreerauschen kommentiert Michael Maier, ehemals Chefredakteur der Netzeitung, das Ende derselben: "In gewisser Hinsicht ist das Ende der Netzeitung auch ein Menetekel für die Branche: Für beliebige Inhalte zahlen die Leser nicht, und auch die Werbekunden entscheiden sich im Fall von mangelnder Einzigartigkeit für die Reichweite. Erfolgreiche Finanzierungsmodelle wird es nur dort geben, wo die Verlage den Journalismus ins Zentrum ihrer Aktivitäten rücken."
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NZZ, 10.11.2009

Andrea Köhler stellt die "New Literary History of America" von Werner Sollors und Greil Marcus vor, aus der sie unter anderem erfahren hat, wer die "authentische Stimme der Depression - erschöpft, immer auf der Hut und hartgesotten" - in die Literatur gebracht hat: die Anonymen Alkoholiker. Jürg Huber berichtet von den Tagen für Neue Musik in Zürich. Urs Hafner war auf einem Symposium zur wachsenden Bedeutung der Religion.

Besprochen werden Calixto Bieitos Inszenierung von Leos Janaceks "Aus einem Totenhaus" in Basel, Aufführungen von Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache" und Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" in Bern sowie Bücher, darunter Paul Celans Briefwechsel mit Klaus und Nani Demus, Alaa al-Aswanis frühe Erzählungen "Ich wollt', ich würd' Ägypter" und Rüdiger Görners Buch "Schillers Apfel" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 10.11.2009

Stefan Hebel widerspricht Peter Sloterdijk und Franz Sommerfeld, die unsere Leistungsträger hier und hier gegen den kleptokratischen Staat verteidigten: "Die Aversion gegen den umverteilenden Staat führt dazu, dass die Frage der Verteilung überhaupt nicht mehr gestellt wird." In Times mager schreibt Arno Widmann dann all den Managern, die vor lauter Leistungtragen keine Zeit mehr zum Zeitungslesen haben, ins Stammbuch: "Wenn Herren in Führungspositionen glauben, das Lernen delegieren zu können, dann ist der Abstieg programmiert. Nicht unbedingt der eigene, aber doch der der Firma."

Christian Thomas feiert die Wiedereröffnung des Marbacher Schillermuseums nach seiner Restaurierung durch David Chipperfield. Zu Friedrich Schillers 250. Geburtstag unter besonderer Berücksichtigung seines Schädels schreibt der Bochumer Germanist Manfred Schneider.

Besprochen werden Antye Greies Album "Einzelkämpfer" (von dessen sperriger Schönheit Thomas Winkler ganz hingerissen ist), Ben Jonsons Stück "Volpone" in Wiesbaden und Dana Caspersens Choreografie "Radio Mythic Theater".

Welt, 10.11.2009

Thomas Lindemann berichtet über einen Streit um Fatih Akins Film "Soul Kitchen", der vom Roman des Schriftstellers Alexander Wall inspiriert sein könnte. Es gibt da gewisse Ähnlichkeiten. Akins Firma und seine Anwälte reagierten äußerst gereizt, und daran sind "auch die Raubkopiererszene oder die Gratispräsentation lieferbarer Bücher bei Google Books mitschuld", so Lindemann. Kein Wunder, dass die Zeitungen an Auflage verlieren.

Weitere Artikel: Uta Baier ist unzufrieden mit dem Bundestag, der nicht bemerkt hat, dass Raubkunst an seinen Wänden hängt. Tilman Krause stellt kurz einige Neuerscheinungen im Schillerjahr vor. Josef Engels berichtet über das Berliner Jazzfest. Imre Kertesz äußert sich im Interview kurz zur Aufregung über seine Kritik an den Ungarn.

Besprochen werden die Dauerausstellung im Schillermuseum in Marbach, zwei Düsseldorfer Ausstellungen über Begegnungen mit dem Fremden im Goethe-Museum und im Hetjens-Museum, Berlioz' Oper "Les Troyens" im Opernhaus von Valencia sowie einige CDs.

SZ, 10.11.2009

Tobias Haberkorn unterhält sich mit Boris Groys über die Sarrazin- und Sloterdijk-Debatten. Nebenbei plädiert er für das Englische als lingua franca in Europa: "Es gibt mittlerweile zwei Ebenen der kulturellen Aktivität. Man funktioniert in der eigenen Sprache und innerhalb der eigenen Kultur, aber gleichzeitig benutzt man Englisch, als Latein unserer Zeit, und beginnt international zu wirken. Diese Zweigleisigkeit wird in vielen Ländern praktiziert und erweist sich als durchaus effizient. Es scheint mir die optimale Strategie zu sein."

Weitere Artikel: Kristina Maidt-Zinke gratuliert Max Zottuk (so nannte Christian Morgenstern Friedrich Schiller, dessen Name ihm von seinen gedenkenden Zeitgenossen verleidet worden war) zum 250. Stephan Speicher wirft der Kuratorin der Berliner Ausstellung "Taswir - Islamische Bildwelten und Moderne" vor, gar nicht wirklich einen "Begriff vom Islamischen in der Kunst" zu haben. Musikkritiker Wolfgang Schreiber schreibt in der "Zwischenzeit" über die schlimmsten Buh- und grandiosesten Bravo-Tumulte, die er je erlebte. Jan Füchtjohann lässt klassische U-Bahn-Gewaltszenen der Filmgeschichte Revue passieren. Jens-Christian Rabe rät dazu, die Gruppe Rammstein, die in ihrem jüngsten Album mit Pornografie kokettiert, einfach gar nicht zu ignorieren. Besonders diese Textzeilen entlocken ihm einen ratlosen Kommentar ("Hm"): "Zu groß, zu klein / Der Schlagbaum sollte oben sein / Schönes Fräulein, Lust auf mehr / Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr / Schnaps im Kopf, du holde Braut / Steck Bratwurst in dein Sauerkraut." Und in "Ich tu dir weh": "Bisse, Tritte, harte Schläge / Nageln, Zangen, Stumpfe Säge / Wünsch' dir was, ich sag' nicht nein / Und führ' dir Nagetiere ein."

Besprochen werden Konzerte des Berliner Jazzfests, das nach Tobias Lehmkuhl bestens besucht war, und doch von seinen Mythen lebt ("zu bedauern allerdings war, dass das traditionell parallel zum Jazzfest stattfindende Total Music Meeting, ein Festival, auf dem vier Jahrzehnte lang die freiere Tradition gepflegt wurde, in diesem Jahr aus Mangel an finanzieller Unterstützung nicht stattfinden konnte").

Und wieder ein schönes Jubiläum. Kurz nach dem 200. Todes- begeht die SZ auf der ganzen Literaturseite Schillers 250. Geburtstag. Gustav Seibt hat eine Pantomime nur aus Regieanweisungen des Dichters kompiliert (ein sogenanntes "Mashup"): "Miller: schnell auf und ab gehend. Frau: schlürft eine Tasse aus. Wurm: macht falsche Augen. Frau: lächelt dumm-vornehm. Miller: voll Zorn seine Frau vor den Hintern stoßend." Die gesamte Kulturredaktion wartet in der Folge mit Vignetten aus dem Leben des Dichters auf.

FAZ, 10.11.2009

Vor zwanzig Jahren war Frankreich vom Mauerfall nicht begeistert. Dafür ist, wie Jürg Altwegg berichtet, die Aufregung heute umso größer: "In diesem November ist alles ganz anders. Reihenweise Bücher, auch Romane, über Deutschland sind erschienen. Wer 1989 etwas verpasst hatte, musste 2009 dabei sein. 'Tout Paris' war am Montag in Berlin, und wer zu Hause blieb, blickte nach Deutschland und konnte gar nicht anders. 'Wo waren Sie, als die Berliner Mauer fiel?' ist das Umfragethema Nummer eins. Simone Veil hat im Nouvel Observateur ihre Fotos aus dem vergessenen Familienalbum veröffentlicht. Sie stand am 11. November ungläubig vor der Mauer."

Weitere Artikel: Gekürzt abgedruckt wird Salomon Korns gestern in der Frankfurter Westendsynagoge gehaltene Rede zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht (ungekürzt steht sie online). Hubert Spiegel blickt auf die heute stattfindende feierliche Wiedereröffnung des Marbacher Schiller-Nationalmuseums (Website), passend zum 250. Geburtstag des Dichters. Hannes Hintermeier glossiert Versuche zur Wirtschaftsankurbelung. Oliver G. Hamm freut sich, dass das neue Unilever-Haus (Foto) in der Hamburger Hafencity in puncto Ästhetik wie Ökologie "neue Maßstäbe" setzt. An einen Rechtsstreit aus dem Jahr 1972 erinnert Bernd Noack: Quelle hatte damals gegen einen satirischen Grafiker geklagt, der die Hand im Quelle-Logo durch eine geballte Faust ersetzt hatte. Die Reaktionen auf Herta Müllers Kritik an der Evangelischen Landeskirche in Siebenbürgen schildert Thomas Trappe. Gemeldet wird der Tod des Physikers Witali Ginsburg. Auf der Medienseite berichtet Eva-Maria Lenz von den Hörspieltagen der ARD in Karlsruhe.

Besprochen werden Kevin Rittbergers in Berlin uraufgeführte Theaterversion von Dietmar Daths Roman "Abschaffung der Arten" ("zwischen Pop und Papperlapapp", urteilt Irene Bazinger), Calixto Bieitos Baseler Inszenierung von Leos Janaceks Dostojewskij-Oper "Aus einem Totenhaus", eine Rogier van der Weyden-Ausstellung im Museum Löwen, und Bücher, darunter Niklas Holzbergs Studie "Horaz. Dichter und Werk" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).