Heute in den Feuilletons

Die Gerontokraten zum Teufel

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.11.2009. In der Welt erinnert sich Buchpreisträgerin Kathrin Schmidt an ihren Überschwang im Herbst 89. Die FAZ fragt, was das Jahr 1989 heute den Chinesen und den Russen bedeutet. Die SZ sucht nach architektonischen Leistungen Berlins seit dem Mauerfall und und erstarrt vor einer Blutwurst zur Salzsäule. In der NZZ plädiert der Architekt Magnago Lampugnani für eine Verdichtung der Städte.

Welt, 09.11.2009

Buchpreisträgerin Kathrin Schmidt erinnert sich an den Herbst 89, die Anti-Krenz-Demo am 4. November. "Schabowski, Markus Wolf und Manfred Gerlach werden ausgebuht, sie gehen wie geschlagene Hunde vom Platz. Die Stimmung ist großartig. Wieder zu Hause, ist da Euphorie in mir, dass nun endlich alles, alles losgehen kann. Diese Euphorie ist es, an die ich hier erinnern will. ... Ich erinnere mich des Überschwangs, der unermesslichen Selbstsicherheit, jetzt endlich an die Reihe zu kommen, meine Generation war um die dreißig, und die Gerontokraten zum Teufel zu jagen, die sich mit aller Macht an die Macht klammerten und sie doch nicht halten konnten."

Weitere Artikel: Auch Michael Gwisdek, Christiane Paul, Nadja Uhl und Wolfgang Kohlhaase erinnern sich an "ihre" Nacht des 9. November. Matthias Heine mag sich nicht über die Indizierung der neuen Rammstein-CD aufregen - schließlich habe es die Band genau darauf angelegt, glaubt er. Eckhard Fuhr sah Thomas Grimms Film "Frau Walter Jens".

Besprochen werden die Bühnenversion von Peter Esterhazys Roman "Harmonia Caelestis" in Wien, die Aufführung von Jaromir Weinbergers "Wallenstein" in Gera und einige CDs.

Aus den Blogs, 09.11.2009

(Via BoingBoing) Das Gerücht geht um, dass Universitäten heute so unpersönlich geworden sind, dass einfach jeder dort einen Abschluss machen kann. Stimmt! Wikipedia hat eine Liste mit diplomierten Katzen zusammengestellt. Sie tragen Namen wie Oliver Greenhalgh und Henrietta Goldacre und brachten es bis zum BA in Buchhaltung.
Stichwörter: Wikipedia

NZZ, 09.11.2009

Die NZZ ist heute morgen noch nicht online.

Der Architekt Magnago Lampugnani plädiert nach Jahrzehnten des Lobs der Peripherie für eine neue Verdichtung von Städten: "Dichte ist nicht nur für den Einzelnen ökonomisch vorteilhaft, sondern auch für die Gemeinschaft. Jede Vorortsiedlung setzt aufwendige Verkehrserschließung, Kanalisation und Anschlussleitungen voraus; Einrichtungen, die eine kompakte Ansiedlung in geringerem Maße benötigt und besser auslastet."

Weitere Artikel: Navid Kemani staunt in einer Glosse über die Brutalo-Architektur einer Speisehalle in einer gehobenen Ferienanlage irgendwo am Mittelmeer. Besprochen werden Tracy Letts Drama "Eine Familie", das in Wien und in Basel Premiere hatte, und der "Rosenkavalier", inszeniert von Stefan Herheim an der Staatsoper Stuttgart.
Anzeige

TAZ, 09.11.2009

Martin Reichert porträtiert den Schauspieler Matthias Freihof, der in Heiner Carows legendärem "Coming Out" spielte und heute ein bisschen die Nestwärme der DDR-Homoszene vermisst: "Diese kuschelige Atmosphäre, man saß in Kneipen, quatschte. Natürlich ging es auch um Sex, aber nicht nur. Heute hängen alle im Internet rum."

Besprochen werden das neue Album "II" von Raz Ohara and the Odd Orchestra und Juli Zehs Stück über Folter "Der Kaktus" am Münchner Volkstheater.

Zum Mauerfall erklärt außerdem Eduard Schewardnadse, einst Außenminister der Sowjetunion, im Interview mit Klaus-Helge Donath, wie brenzlig die Situation am 9. November gewesen sei. Barbara Bollwahn erinnert sich an ihre ersten Tage im Westen.

Und Tom.

FR, 09.11.2009

Ina Rudolph, Model, Schauspielerin und nun auch Autorin, spricht im Interview mit Arno Widmann über Mut, Gesang und Pausen: "Ich finde es geil, wenn man es erträgt, es aushält, einmal nichts zu sagen, nichts zu tun, wenn man das Leben mal nicht vollstopft." Karl Grobe rekapituliert noch einmal die großen historischen Ereignisse vom 9. November. Ina Hartwig gratuliert dem "großen Illusionszertrümmerer" und Nobelpreisträger Imre Kertesz zum Achtzigsten. In Times mager erzählt Natalie Soondrum von ihrer Familie aus Dresden.

Auf der Medienseite erinnert sich Hans-Ulrich Köhler daran, wie die Mitteldeutsche Zeitung beschloss, am 10.11.1989 doch lieber nicht mit der Öffnung der Grenzen aufzumachen, sondern mit der ZK-Tagung.

Besprochen werden Achim Freyers Inszenierung von Philip Glass' "The Fall of the House Usher" und Juli Zehs Stück "Der Kaktus" am Münchner Volkstheater.

FAZ, 09.11.2009

Das Feuilleton steht im Zeichen des historischen Datums, das aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. Mark Siemons erklärt, wie man es in China anstellt, im Mauerfall kein Menetekel für den Kommunismus zu sehen: "In der pekingfreundlichen Hongkonger Zeitung 'Wen Wei Po' interpretiert der Publizist Qiu Zhenhai den Mauerfall jetzt als die erste Phase im Ringen zwischen Sozialismus und Kapitalismus, die Übernahme Hongkongs durch die Volksrepublik aber als die zweite: Die Konfrontation sei wieder offen." Kerstin Holm sammelt russische Stimmen, etwa die der nach anfänglicher Euphorie ernüchterten Historikerin Natalja Narotschnizkaja: "Statt zu verschwinden, sei die Berliner Mauer nur weitergewandert bis zur Grenze des Moskowitischen Reiches im siebzehnten Jahrhundert." Edo Reents hat Einblick genommen in Walter Kempowskis in der Welt am Sonntag jetzt auszugsweise veröffentlichtes "kollektives Tagebuch" des 9. November, das unterschiedlichste Stimmen versammelt. Thalia Gigerenzer besucht die Heimatmuseen in Wittstock, Eisenhüttenstadt und Wittenberge.

Weitere Artikel: In der Glosse schildert Paul Ingendaay den souverän-friedlichen Tod des spanischen Schriftstellers Francisco Ayala, der im Alter von 103 starb, "wie eine Kerze verlischt". Die Geburtstagsglückwünsche der Woche gehen an den Schriftsteller Imre Kertesz (80), den Waffenbauer Michail Kalaschnikow (90) und - in Form eines Gesprächs - an den Filmemacher Rudolf Thome (70).

Besprochen werden Marc Pommerenings Wuppertaler Uraufführung von Peter Hacks' DDR-Niedergangs-Prophetie aus dem Jahr 1988 "Jona", Mei Hong Lins "Schwanengesang"-Choreografie in Darmstadt, Achim Freyers Inszenierung von Philip Glass' Oper "Der Untergang des Hauses Usher" in Potsdam, und Bücher, darunter Olivier Guez und Jean-Marc Gonins Tatsachenbericht "Die Mauer fällt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 09.11.2009

Eine Mauer ist gefallen, viele Fassaden wurden errichtet. Auf Seite 3 der SZ bleibt der Münchner Architekturkritiker Gottfried Knapp nach einigen lobenden Worten für Regierungsviertel und Museumsinsel in der notorischen Berliner Investorenarchitektur stecken, die Berlin zwanzig Jahre nach dem Mauerfall prägt: "Und wer hat das schwarzbraune Monster hinter den Bahnhof Friedrichstraße gestellt? Auf dem dreieckigen Grundstück an der Spreebrücke, auf dem Mies van der Rohe in den Zwanzigern ein filigranes Bürohaus hochschießen lassen wollte, erhebt sich seit kurzem ein Stück Blutwurst, das unschön geknetet worden ist."

Weitere Artikel: Im Feuilletonaufmacher recherchiert Johannes Boie über Machenschaften von Suchfirmen und Abmahnanwälten, die Bloggern und Privatleuten exorbitante Gebühren für Urheberrechtsverletzungen in Rechnung stellen. Fritz Göttler zitiert eine Interviewäußerung Roland Emmerich, in dessen jüngstem Katastrophenschinken die halbe Welt pardauz macht, nur die Kaaba in Mekka nicht: "Christliche Symbole kann man durchaus zusammenkrachen lassen, aber arabische Symbole... So ist das halt im Augenblick in der Welt." Till Briegleb schildert das Wunder von Hamburg, welches in einer emotionalen Aufwallung der Pfeffersäcke und journalistischen Blazerträger in bezug auf das Gängeviertel besteht. Andrian Kreye hört sich einen offensichtlich recht kümmerlich geratenen Popsampler zum Mauerfall an. Franziska Augstein unterhält sich mit Imre Kertesz, der heute achtzig Jahre alt wird. Peter Esterhazy schreibt eine kleine Hommage auf den Kollegen. Helmut Böttiger hat in der Berliner Akademie der Künste einen Dokumentarfilm von Thomas Grimm über Inge und Walter Jens gesehen. Arnd Wesemann verfolgte den Hamburger Tanzkongress. In den "Nachrichten aus dem Netz" berichtet Johannes Kuhn über Verschwörungstheorien zur Schweinegrippe.

Besprochen werden die neue Dauerausstellung des Kolumba-Museums in Köln, neue DVDs und Bücher, darunter "Meditationen über das Glück" des Philosophen Michael Hambe (mehr in unserer büchrschau ab 14 Uhr).