Heute in den Feuilletons

0,8 Prozent des ganzen Trümmerberges

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.03.2009. In der NZZ erzählt Karl Schlögel, wie er seinen Studenten den Stalinismus nahebringt. Die FAZ macht sich ein Bild von der Lage am Kölner Stadtarchiv - sie ist desolat. In der SZ rechnet Ingo Schulze mit den Siegern der Geschichte ab. Die taz stellt zum Tag der Frau fest: 88 Prozent aller Männer haben Angst vor Frauen.

NZZ, 07.03.2009

Dem Historiker Karl Schlögel wird nächste Woche der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen. Joachim Güntner führt mit Schlögel ein schönes Gespräch über dessen letztes Buch "Terror und Traum". Darin erklärt Schlögel, wie er seinen Studenten den Stalinismus näher bringt: "Meine Studenten sind als Nachkriegskinder genauso ahnungslos wie ich. Sie wissen nicht, was Gewalt, Hunger, Not bedeuten. Um überhaupt ein Problembewusstsein zu erzeugen, lasse ich sie einige gedankliche Operationen vornehmen. Beispielsweise lese ich mit ihnen Berichte von Warlam Schalamow aus dem Gulag. Ich möchte ihnen nahebringen, was es heißt, bei vierzig Grad Kälte zu arbeiten, ohne sich je erholen zu können. Wie man das für gewisse Zeit, sei es nur einen Monat, lebend übersteht. Ich bringe das dann in die Formel: 'Bitte keine Diskussionen über Stalinismus ohne Kälte.'"

Außerdem in Literatur und Kunst: Der Architekturtheoretiker Hans Frei erinnert an Max Bill (zwei angenehm kurze Namen, muss man sagen). Der Berliner Kunsthistoriker Christian Saehrendt schreibt über die "Kulturpolitik der DDR als Promotor staatlicher Souveränität und als Geburtshilfe für postkoloniale Nationen". Aufmacher ist Martin Meyers Laudatio auf Peter Sloterdijk für den internationalen Essay-Preis Charles Veillon der Universität Lausanne.

Im Feuilleton erinnert Roman Bucheli an das Erscheinen von Otto F. Walters Roman "Der Stumme" vor fünfzig Jahren, der die Schweizer Literatur der Nachkriegszeit prägte. Paul Jandl resümiert österreichische Diskussionen über radikale Islamlehrer an den Schulen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Pierre Bonnards späten Stillleben und Interieurs in New York und Bücher, darunter Emir Suljagics Bericht "Srebrenica - Notizen aus der Hölle" (mehr hier).

Aus den Blogs, 07.03.2009

via Gawker. Der Post-Intelligencer, eine Tageszeitung aus Seattle (etwa 100.000 Auflage), soll nur noch online erscheinen, berichtet Richard Perez-Pena in der NYT. "This week, Hearst executives made offers to some people in The Post-Intelligencer newsroom, asking them to stay if the company decided to proceed with an Internet-based news service. The news was first reported by The Post-Intelligencer. Hearst declined to comment."

Via BoingBoing. Barbara Demick erzählt in der LA Times von Sun Yaoting, Chinas letztem lebenden Eunuchen. 1911, als er acht Jahre alt war, kastrierte ihn sein Vater mit einer Rasierklinge, um ihn auf das "imperiale Leben der Reichen" vorzubereiten. Es kam dann aber alles ganz anders.

Die Zeitungen zeigen gern mit dem Finger auf Fehler bei anderen, vor allem, wenn sie im Internet stehen. Wie sie mit ihren eigenen Fehlern umgehen, zeigt Stefan Niggemeier hin.
Stichwörter: Gawker, Internet, Zeitungen

FR, 07.03.2009

Der amerikanische Journalist und Buchautor David Rieff denkt über die Rolle der Religion in der amerikanischen Politik nach. Sogar für liberale Demokraten wie Obama sei das Wort Gottes ein großes Versprechen - auf mehr Wähler. "Angesichts der Implosion des Hasardeur-Kapitalismus der letzten 25 Jahre und der quasi universalen Schande, die Wall Street über sich selbst gebracht hat, ist es weitaus wahrscheinlicher, dass der Sozialismus in Amerika Fuß fasst, als dass die Religion ins kulturelle und politische Abseits gedrängt wird, ungeachtet der Befürchtungen seitens der Rechten oder der Hoffnungen des frustrierten amerikanischen Weltbürgertums."

Weitere Artikel: Marcia Pally schreibt in ihrer Kolumne über das Phänomen, dass in Amerika "die Geschäfte damit, dass unsere Geschäfte ziemlich mies laufen, bestens laufen". Axel Brüggemann informiert über die vertrackten Vertragsverhandlungen für die neue Doppelspitze in der Leitung der Bayreuther Festspiele. Und in Times mager kommentiert Harry Nutt ein Urteil des Berliner Landgerichts, wonach das Deutsche Historische Museum (DHM) ein originales Titelbild der Zeitschrift Simplicissimus aus der Sammlung Sachs an den Sohn des Sammlers zurückgeben muss.

Besprochen wird die Ausstellung "Triptychen in der Moderne" in der Stuttgarter Kunsthalle.
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TAZ, 07.03.2009

Auf 12 Seiten begeht die taz den morgigen internationalen Frauentag. Unter anderem erklärt der Sozialpsychologe Rolf Pohl in einem Gespräch, was unter "rhetorischer Modernisierung" zu verstehen ist, warum Frauen kaum noch offen diskriminiert werden und Männer auch weiterhin das Gefühl brauchen, die Mächtigeren zu sein. "Unser vorherrschendes Männlichkeitskonzept lautet: Sei autonom, hab alles unter Kontrolle. Besonders in der Sexualität hat ein Mann aber weder seine Sexualfunktionen noch die Aktion oder Reaktion der Frau unter Kontrolle. Diese Diskrepanz macht in zweifacher Richtung Angst: Nach einer Umfrage haben 84 Prozent der deutschen Männer Angst vor Potenzversagen und 88 Prozent Angst vor Frauen. Und diese Angst wird häufig durch eine Kontrollfantasie kaschiert: Ich kann immer, sie will immer."

Auf den Kulturseiten sah Elisabeth Raether bei der diesjährigen Fashion Week in Paris "einen einzigen Zeichensalat". "To" wertet Michael Jacksons Comebackpläne als "Symptom" für die Probleme der Musikindustrie.

Im tazmag schreibt Ulrich Gutmair über das Projekt eines ehemaligen Polizisten, der in der Stadt Umm al-Fahm ein Museum bauen will, das die Geschichte der in Israel lebenden muslimischen Araber erzählt. Besprochen werden Bücher, darunter der "wunderbar leichte" DDR-Roman "Ich schlage vor, dass wir uns küssen" von Rayk Wieland und in der Abteilung Politisches Buch eine Studie über die NS-Kolonialplanungen für Afrika von Karsten Linne (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Und Tom.

Welt, 07.03.2009

Jahrzehntelang wollte Stanley Kubrick einen Film über den Holocaust drehen. Dazu ist es nie gekommen. Aber Anfang der 90er hatte er die Rechte an Louis Begleys Roman "Lügen in Zeiten des Krieges" erworben und Vorbereitungen zu einem Film getroffen, der "The Aryan Papers" heißen sollte, die Hauptrolle besetzte er mit der Holländerin Johanna ter Steege. Das British Film Institute hat jetzt eine Installation bei den Künstlerinnen Jane und Louise Wilson in Auftrag gegeben, die diesen Film zum Thema hat, erzählt Gerd Midding. "Im Zentrum ihrer Installation, einer 20minütigen Montage, die auf eine Leinwand projiziert und von zwei Spiegeln flankiert (und so endlos in Zeit und Raum vervielfacht) wird, stehen die Testaufnahmen und Kostümproben, die der Regisseur mit ter Steege machte. 'The Aryan Papers' wäre der erste Kubrick geworden, dessen Hauptfigur eine Frau ist. Entsprechend bleibt der Blick der Wilsons auf die Schauspielerin konzentriert, die sie zur Wiederbegegnung mit der Rolle einluden. Und wird doch Kubrick gerecht: Er war fasziniert vom dezenten, expressiven Spiel ihrer Hände. Man ahnt, es wäre ein sehr stiller Film geworden."

Weitere Artikel: Alexander Kluy berichtet über die Verleihung des Chamisso-Preises an Artur Becker. Uwe Schmitt schreibt schon mal einen kleinen Nachruf auf das Magazin Reader's Digest, das vor dem Ende steht: "Die 'Reader's Digest Assocation', eine Gruppe, die Büros in 45 Ländern unterhält, neben dem Flaggschiff und Namenspatron Reader's Digest 91 Magazine herausgibt und im Jahr 68 Millionen Bücher, CDs und Videos verkauft, bereitet nach amerikanischen Medienberichten einen geordneten Konkurs vor." Ulli Kulke hat wenig Mitleid mit Opel: "Bis heute ist Opel nicht das Image von Proll, Vertreter, Kavalierstaschentuch losgeworden."

Besprochen werden das Leipziger Auftaktkonzert zur Deutschlandtournee von AC/DC und einige Klassik-CDs.

Was bleibt von der Literatur der DDR? Uwe Wittstock und Tilman Krause liefern sich in der Literarischen Welt ein pro und kontra, das zum selben Ergebnis führt: Wittstock hebt verschiedene Autoren hervorhebt, und darunter eben auch solche, die nicht über die DDR geschrieben haben, und schließt: "die Literatur der DDR kann sich neben der Literatur der Bundesrepublik des gleichen Zeitraums sehr wohl sehen lassen". Krause findet rein ästhetisch wenig Gelungenes, obwohl Hacks, Müller und Wolf wohl überdauern werden: "So wenig ist es also nicht, was bleiben könnte, zumal sich fragt, ob es von 40 Jahren Bundesrepublik der Vorwende-Zeit so sehr viel mehr sein wird".

Besprochen werden unter anderem "Das Buch der Bücher" von Peter Altenberg, Julia Schochs Roman "Mit der Geschwindigkeit des Sommers", Joseph O'Neills Roman "Niederland", Fareed Zakarias Buch über Amerika und den Aufstieg neuer Mächte, "Der Aufstieg der Anderen", und Uwe Schultz' Richelieu-Biografie.

SZ, 07.03.2009

"'Die deutsche Einheit vollenden' - was um Himmels Willen soll das heißen?" fragt sich Ingo Schulz in einem Text zur Erinnerung an den Beitritt der DDR zur BRD. Im Nachhinein hätte er der DDR doch noch einen gewissen Bestandsschutz gewünscht: "Heute glaube ich, dass eine Übergangszeit vor allem eines ermöglicht hätte: Der Überrumplung zu entgehen, zur Besinnung zu kommen, nachzudenken und tatsächlich eine Vereinigung vorzubereiten. Die Vereinigung mit dem Osten wäre für den Westen die Chance gewesen, bisherige Praktiken zu überdenken und sich selbst zu wandeln. Das hätte nach dem Ende des Kalten Krieges, nach dem Ende des Wettrüstens, die eigentliche 'Friedensdividende' sein müssen."

Weitere Artikel: Alex Rühle stellt das Buch "Out of Exile - Narratives from The Abducted and Displaced People of Sudan" (Auszug) des amerikanischen Autors Dave Eggers vor, der darin mit der Methode der Oral History Geschichten und Biografien aus dem Sudan und Darfur gesammelt hat. Köln ist überall, meint Gerhard Matzig angesichts der systematischen Untertunnelung unserer Städte, da dort wie anderswo aufgrund der "Privatisierung" des oberirdischen, für den Individualverkehr reservierten Lebensraums "ein immer gewaltigeres Verkehrssystem als öffentlicher Lebensraum im Untergrund" entstehe. Reinhard J. Brembeck weist auf das neue Festival Salzburg Biennale hin, das die Affinität zwischen Neuer und traditioneller Musik erkundet. Gemeldet wird, dass der Sendesaal von Radio Bremen erhalten bleibt.

In der Wochenendbeilage schreibt Fritz J. Raddatz unter der Überschrift "Das Baguette der frühen Jahre" über die Sättigung hungriger Intellektueller nach 1945 durch die Franzosen. Und Verena Krebs porträtiert den Regisseur Danny Boyle ("Slumdog Millionaire").

Besprochen werden eine Ausstellung der Wiener Albertina zu niederländischen Künstlern der Rembrandt-Zeit, Niels Lauperts erster Spielfilm "Sieben Tage Sonntag", eine Inszenierung von Grimmelshausens "Simplicissimus" am Schauspiel Köln, David Frankels Tragikomödie "Marley & ich", Joachim Lafosses Film "Nu propriete" mit Isabelle Huppert und Bücher, darunter Matthias Frings? Porträt des Dichters Ronald M. Schernikau. (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

FAZ, 07.03.2009

Andreas Rossmann schildert die Lage am Kölner Stadtarchiv. Der Restaurierungsspezialist Robert Fuchs leitet die Arbeiten und berichtet der Presse: "Fünfzig Container mit Schutt seien bereits abtransportiert worden, um gesichtet und sortiert zu werden, doch mache dies nur 0,8 Prozent des ganzen Trümmerberges aus, und je weiter es in die Tiefe gehen, desto höher werde der Druck auf die Materialien, und um so schwieriger werde es: 'Die Dokumente sind in Boxen gesichert, doch immensen Kräften ausgesetzt', erklärt Robert Fuchs, manche Bücher seien verformt, wie er das nur nach Bombenanschlägen kenne, ein Band habe sich so fest in einem Regal verkeilt, dass beides, Papier und Stahl, nicht mehr zu trennen seien. Und von unten drücke das Grundwasser, vierundzwanzig Stunden lang hat es fast ununterbrochen geregnet."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg meldet, dass Charles Aznavour nicht nur die armenische Staatsbürgerschaft erhalten hat, sondern auch Botschafter Armeniens in der Schweiz wird. In seiner Gastrokolumne rät Jürgen Dollase dem hundertjährigen Guide Michelin, sich von nun an als Organ der Kritik zu verstehen. Sarah Elsing berichtet von der Verleihung des Chamisso-Preises an den polnischstämmigen Autor Artur Becker. Dieter Bartetzko lässt kein gutes Haar am Spreedreieck (Bild) des Architekten Mark Braun direkt am Bahnhof Berlin Friedrichstraße. Für seine Gerichtskolumne "Nichts als die Wahrheit" erzählt Klaus Ungerer von einem Fall von Gefangenenbefreiung. Auf der Medienseite unterhält sich Alexander Armbruster mit dem ehemaligen Verfassungsrichter Dieter Grimm über die Frage, wie die Gremien der öffentlich-rechtlichen Sender zu besetzen seien. Auf der letzten Seite erzählt Tilman Spreckelsen, wie es ist, mit einer Lochkamera ("kein Zoom, keine Elektronik, kein Sucher, keine Linse, nur Holz und Messing") zu fotografieren.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um Neuaufnahmen der Streichquartette von Janacek, eine Einspielung von Bellinis Oper "I Capuleti e i Montecchi" mit Anna Netrebko und Elina Garanca, die CD-Box "Ain't No Saint" des Sängers und Gitarristen John Martyn und eine Bach-CD des wiederzuentdeckenden Pianisten Carl Seemann

Besprochen werden ein Konzert der rüstigen Band AC/DC in Leipzig und Walter Jens' Philoktet-Version "Der tödliche Schlag" in Tübingen.

In Bilder und Zeiten meditiert FAZ-Wirtschaftsredakteur Rainer Hank über die Krise: "Einen machtvollen Eintritt des Staates als rettender Akteur auf den Märkten konnte sich noch vor einem halben Jahr niemand vorstellen. Es ist eine epochale Wende." Aber er warnt auch: "Nichts lieben Politiker mehr als diesen Mechanismus der fiskalischen Illusion; sie nutzen ihn gerne und nach Kräften aus. Denn sie werden für ihre Wohltaten, nicht für Preise (Steuern, Abgaben) gewählt."

Außerdem besucht Paul Ingendaay die Escuela Superior de la Musica Reina Sofia in Madrid. Auf der Literaturseite geht's um Joseph O'Neills Roman "Niederland" und einen Roman von Verena Roßbacher. Auf der letzten Seite steht ein Gespräch mit dem Comiczeichner Fil, dem Schöpfer von "Didi und Stulle".