Heute in den Feuilletons

Sehen Sie diese Boje, Herr Kunert?

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.03.2009. In der FR erinnert sich Günter Kunert an Uwe Johnson. Die Achse des Guten deckt auf, wie das ZDF seinen Politikern die Reverenz erweist. Die Berliner Zeitung schildert die traurige Lage der Männer im chinesischen Volk der Mosuo, wo die Frauen herrschen. Die SZ bringt einen Nachruf auf Rüsselsheim. In The Daily Beast begrüßt George Clooney den Haftbefehl gegen Omar al-Bashir.

FR, 06.03.2009

Katrin Hillgruber unterhält sich mit dem Schriftsteller Günter Kunert, der heute achtzig wird, über Früh-Ökotum, Weltwirtschaftskrise und eine Begegnung mit Uwe Johnson: "Ich habe ihn auch in Sheerness-on-Sea besucht. Das war eigentlich trostlos, so eine Art Insel in der Themse-Mündung, zu der man mit einem Triebwagen fuhr, durch eine Landschaft voller Schrott, Autowracks, Kühen und verlassener Fabriken. Dann kam man in dieses Nest, wo Underdogs Urlaub machten. Er hatte da ein Reihenhaus und konnte direkt aufs Meer schauen, auf die Themse-Mündung. Und er fragte voller Stolz: 'Sehen Sie diese Boje, Herr Kunert? Da ist im Kriege ein amerikanischer Munitionstransporter untergegangen, der nicht gehoben werden kann. Auch die Japaner haben es versucht und sagen, es geht nicht, der explodiert sonst. Und ich erwarte, dass er demnächst explodiert.' Darüber war er sehr zufrieden, das freute ihn."

Weitere Artikel: Christian Thomas preist David Chipperfields Wiederherstellung des Neuen Museums als "Großtat aus dem Geist der Synthese". Hans-Jürgen Linke schreibt über den Komponisten Jörg Bikenkötter, der versucht, die verschiedenen Eindrücke von Johannesburg in seine Musik einfließen zu lassen. Tobi Müller erkennt in der Band The Whitest Boy Alive die "heimlichen Anti-Heroen der neuen Neunziger".

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen Michelangelos im Frankfurter Städel und Jan Fabres Inszenierung von "Orgy of Tolerance" im Mousonturm Frankfurt.

Aus den Blogs, 06.03.2009

In The Daily Beast beschreibt George Clooney, wie er in Darfur nach Bildern und Geschichten suchte, die das Interesse einer launischen westlichen Öffentlichkeit an dem Flüchtlingsdrama neu erwecken könnte. Und dann hörte er die Neuigkeit, dass sich Sudans Präsident Omar al-Bashir vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten soll: "Das ist der Moment. Wenn die Uno ihn nicht nutzen kann, um auf härteren Sanktionen zu bestehen, wenn die USA ihn nicht nutzen können, um Druck auf China auszuüben. Wenn China nicht die Augen der Welt auf sich fühlt, die nach seiner Führerschaft in einem Land suchen, von dem es derart profitiert hat, dann sind der Gerichtshof und das internationale Recht verloren. Jetzt haben wir unsere Überschrift: PRÄSIDENT DES SUDAN ANGEKLAGT. Jetzt brauchen wir keine traurigen Geschichten mehr über verhungernde Kinder oder herzerweichende Bilder von einem Koalabärbaby, der mit verbrannten Pfoten aus einer Wasserflasche trinkt. Stattdessen Millionen Stimmen, die aufstehen und 'GERECHTIGKEIT' fordern."

Nicht nur zu Roland Koch unterhält das ZDF gute Beziehungen, es kofinanzierte auch eine Feier zum 60. Geburtstag Kurt Becks, der lange Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsratsvorsitzenden war. Die Achse des Guten zitiert aus einem Brief des ZDF an einen Zuschauer, der nach den näheren Umständen gefragt hatte: "Ursprünglich war im ZDF daran gedacht worden, den langjährigen Vorsitzenden seines Verwaltungsrats mit einer gesonderten Veranstaltung zu ehren, um der Geschäftsleitung, den Mitgliedern der ZDF-Aufsichtsgremien sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses die Gelegenheit zu geben, Kurt Beck ihre Reverenz zu erweisen. Es war aber nicht nur die Bitte des Ministerpräsidenten, dass auf persönliche Geschenke verzichtet werde, sondern sich auch der Aufwand für einen Empfang in einem vertretbaren Rahmen bewegen müsse. Deshalb haben sich das Land Rheinland-Pfalz und das ZDF darauf verständigt, gemeinsam zu einer Veranstaltung einzuladen. Dabei konzentriert das ZDF seinen begrenzten Beitrag zu dieser Veranstaltung im Wesentlichen auf eine technisch-organisatorische Unterstützung sowie auf einen Zuschuss." (Und wie sah die Reverenz genau aus: Haben sie ihm den Ring geküsst?)

Über - jedenfalls in Deutschland - neue Formen der Hexenjagd schreibt der Anwalt Udo Vetter in seinem lawblog: Der Landrat des Kreises Heinsberg warnte vor einem Sexualstraftäter, der nach Verbüßung seiner Strafe aus der Haft entlassen wurde. Und ein Flugblatt im Briefkasten warnte Vetter vor einem angeblichen Neonazi in der Nachbarschaft.

Welt, 06.03.2009

Die frühere Polen-Korrespondentin und Autorin Helga Hirsch konstatiert, dass die Debatten um Vertreibung und Zentrum in Polen und Deutschland noch immer aneinander vorbei laufen: "Anstatt Räume zuzulassen, in denen neben den historischen Fakten auch die schmerzlichen, teilweise gegenläufigen Erfahrungen ausgetauscht werden könnten und wir uns gegenseitig in dem jeweiligen Schmerz respektieren lernten, gelten in der polnischen Öffentlichkeit Regeln wie auf einem Fußballfeld. Sieg oder Niederlage, heißt die Frage, wo es gar nicht um Sieg oder Niederlage gehen kann, sondern um Lösungen, die den unterschiedlichen Erfahrungen gerecht werden, ohne eine Seite zu verletzen. Eben der Sensibilität Rechnung tragen, aber auf beiden Seiten."

Weiteres: Im Interview mit Uwe Wittstock ist Kiepenheuer-und-Witsch-Verleger Helge Malchow entsetzt, dass mit dem Kölner Stadtarchiv der Nachlass Heinrich Bölls verschüttet wurde. Ulrich Weinzierl greift die Debatte in Österreich um eine verheerende Umfrage unter Islamlehrer auf, die ergab, dass jeder Vierte die Demokratie ablehnt. Paul Badde berichtet von einer Vatikankonferenz zu Darwin. Gabriela Walde informiert über den gesamten Masterplan für die Berliner Museumsinsel.

Besprochen werden eine Aufführung der Carmen in Berlin mit Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager, das neue Stück von Rimini Protokoll "Radio Muezzin" und die neue BBC-Verfilmung von Jane Austens "Sinn und Sinnlichkeit", die für Elmar Krekeler von einer "gewissen gelangweilten Landsitzhaftigkeit" ist.
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NZZ, 06.03.2009

Marc Zitzmann berichtet, wie Nicolas Sarkozy in einer Rede die Wissenschaftler der französischen Universitäten verunglimpft und damit für einen Aufschrei in akademischen Reihen gesorgt hat: "Zu den gemäßigteren Reaktionen zählt jene des Mathematikers Wendelin Werner ... Wie viele, schreibt Werner in einem offenen Brief an den Präsidenten, habe er seinen Ohren nicht trauen wollen. ... 'Ihre Rede', wirft Werner dem Präsidenten vor, 'enthält flagrante Unwahrheiten, unstatthafte Verallgemeinerungen, krasse Vereinfachungen und zweifelhafte rhetorische Effekte, die jeden Wissenschafter ratlos lassen. Sie sprechen von der Wichtigkeit von Evaluierungen. Aber wie Sie zu Ihren Schlussfolgerungen gelangen, stellt genau die Art von überstürztem und tendenziösem Räsonieren dar, das jeder gewissenhafte Gutachter zu bekämpfen verpflichtet ist.'"

Weiteres: Vor zehn Jahren wurde David Chipperfield mit der Erweiterung des venezianischen Friedhofs San Michele beauftragt; Hubertus Adam berichtet von der Fertigstellung eines ersten Teilabschnitts des architektonischen Konzepts, das bis 2013 fertiggestellt werden soll (eine Frist, deren Einhaltung Adam allerdings bezweifelt).

Besprochen werden eine CD-Edition mit der geistlichen Vokalmusik Felix Mendelssohn Bartholdys sowie eine Aufnahme des Gewandhaus-Quartetts mit sämtlichen Streichquartetten des Komponisten, die Max-Beckmann-Ausstellung "Apokalypse", mit der die Stuttgarter Alte Staatsgalerie wiedereröffnet, diverse Hörbücher und Cristina Peri Rossis Buch "Endlich allein!" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Medienseite diskutieren der Medienwissenschaftler Otfried Jarren und der Blogger Ronnie Grob (medienlese), ob journalistische Torwächter für Kommunikation und Information noch nötig sind: Natürlich, meint Jarren: "Medial vermittelte Kommunikation ist immer eine organisierte Form der Kommunikation - und das setzt Organisationen, Rollenträger und aufseiten des Publikums die Kenntnis ebendieser sozialen Strukturen voraus. Es bedarf also vor allem einer Organisation." Natürlich nicht, meint Grob: "Die Elitären weisen darauf hin, dass Inhalte, die lesenswert, verlässlich und verantwortungsbewusst sind, nicht einfach so entstehen, sondern dass für diese bezahlt werden muss. Sie weisen darauf hin, dass sie ihre Inhalte mit Fleiß und durch Nutzung der wichtigsten Quellen realisiert haben. Mit der Publikation sehen sie ihre Aufgabe abgeschlossen. Für jene jedoch, die an die Weisheit der vielen glauben, wird die Geschichte erst von da an richtig spannend."

TAZ, 06.03.2009

Die Soziologin Saskia Sassen rechnet auf der Meinungsseite vor, warum sich die Ökonomie radikal "entfinanzieren" muss: "Heute ist die Verschuldung der USA höher als während der Depression in den 30er-Jahren. 1929 betrug sie etwa 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), und 260 Prozent im Jahr 1932. Im September 2008 summierte sie sich auf gigantische 62 Billionen US-Dollar. Das ist mehr als das BIP sämtlicher Länder weltweit zusammen. Das wird derzeit mit 54 Billionen berechnet. Damit nicht genug: Die ausstehenden Derivate beziffern die unvorstellbare Summe von 640 Billionen US-Dollar. Das ist dann gleich 14-mal das BIP der Welt."

Weitere Artikel: Rolf Lautenschläger sieht in David Chipperfields Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin einen "harten ästhetischen Bruch und die Konfrontation des Hauses mit seiner Geschichte" und "letztendlich seine Dekonstruktion" am Werk. In einem Gespräch erklärt die Bühnenbildnerin Constanze Kümmel, wie man zu arbeiten beginnt, noch bevor das Stück überhaupt existiert, in diesem Falle Schorsch Kameruns "MS Adenauer", das heute am Schauspiel Köln Premiere hat. Gisa Funck geißelt das für den Zusammensturz des Historischen Stadtarchivs in Köln verantwortliche milliardenteure U-Bahn-Prestigeprojekt, das die Südstadt längst in einen "Slum" verwandelt habe. Besprochen werden neue Alben unter anderem von Harmonic 313 und Martyn.

Und Tom.

Berliner Zeitung, 06.03.2009

Sabine Vogel führt ein Gespräch mit dem Autor Ricardo Coler, der ein Buch über das chinesische Volk der Mosuo geschrieben hat. In diesem Volk herrschen bis heute die Frauen. Eine Passage über die Männer des Volks - "Frage: Die Männer der Mosuo erscheinen in Ihrem Buch ziemlich kindisch. Sie lungern herum, spielen Karten oder Mahjong und trinken Bier ...
Coler: Und sie machen Musik! Sie haben keine Eigeninitiative, keine Persönlichkeit, sind antriebslos.
Frage: Die Männer behaupten, sie schützen die Umwelt. Wie tun sie das?
Coler: Indem sie nichts zu ihrer Zerstörung beitragen. Es gibt keine Industrialisierung, keine ausgeprägte Kultur ... nur Gerede."
Stichwörter: Industrialisierung

SZ, 06.03.2009

Volker Breidecker schreibt eine Art Nachruf auf die Opel-Stadt Rüsselsheim, die gesichtslos sei, eben autogerecht, und zugleich geprägt von der "palastartigen Geschlossenheit" des Opel-Werks: "Wie ein barockes Schloss sich mit deutlichen Distanzgesten von seiner Cite abgrenzt, die es dennoch beherrscht, so scheint auch das Rüsselsheimer Opel-Werk sich von der Stadt, die keine ist, abzuwenden."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld verfolgte ein Hearing des Kulturausschusses im Bundestag zur Kulturförderung in Zeiten der Krise. Kia Vahland unterhält sich mit Klaus Schrenk, dem neuen Direktor der Pinakotheken München. Tobias Lehmkuhl gratuliert Günter Kunert zum Achtzigsten. Julia Grosse war dabei, als Michael Jackson in London vor Tausenden Fans eine neue Platte und eine Konzerttournee ankündigte - un zwar leibhaftig: "Er machte 'Ähem', und alles versank in hemmungslosem Gejubel. Er sagte 'Yes', und die ersten Fans warfen Stoffherzen." Fritz Göttler schreibt zum Tod des Theater- und Drehbuchautors Horton Foote.

Besprochen werden eine Grillparzer-Inszenierung in Weimar, Ian Bostridge mit Händel in der Münchner Philharmonie, eine Martin Kippenberger-Retro in New York, die Ausstellung "Vom Tatort ins Labor - Rechtsmediziner decken auf " im Medizinhistorischen Museum der Charite in Berlin und Bücher, darunter Karl-Heinz Otts "Tumult und Grazie" über Georg Friedrich Händel. Außerdem bringt die SZ eine Kinder- und Jugendbuchseite.

Auf Seite 1 verweist Jörg Häntzschel (wie vor einigen Tagen auch die New York Times, hier) auf die "beispiellose Anzeigenaktion" mit der Google die Autoren von Büchern darüber informiert, dass es seine Bücher einscannt, und dass sie dafür pauschal 60 Dollar an Rechten (und künftig auch Anteile an Werbeeinnahmen) beanspruchen dürfen - sie können ihre Bücher aber auch entfernen lassen.

Auf der Medienseite verabschiedet Stefan Fischer den Deutschlandradio-Intendanten Ernst Elitz, der die Fusion des Deutschlandfunks mit dem ehemaligen RIAS vollzog. Und Claudia Tieschky resümiert einige anhängige Prozesse zur Rundfunkgebühr für Computer, die dazu führen könnten, dass das ganze System auf den Kopf gestellt werden könnte - so dass am Ende eine Haushaltsabgabe für die Anstalten stünde.

FAZ, 06.03.2009

Über das Revolutionsfieber und die Zerstörungslust der Futuristen mag man heute nicht mal mehr lachen. Aber in Mexiko sah der Futurismus - von Rivera, Orozco und Siqueiros - ganz anders aus, erinnert Eduard Beaucamp. "Die mexikanischen Futuristen bildeten und evangelisierten im Auftrag der Politik mit monumentalen Bilderzyklen in öffentlichen Gebäuden ein vielfach amorphes und analphabetisches Publikum, das ohne Selbstbewusstsein und ohne eigenes Geschichtsbild war. Diese Maler entwarfen Zukunft, indem sie in ideologischer Vereinfachung die Vergangenheit mobilisierten: die glorreich verklärte der Indios, die böse und verruchte der spanischen Eroberer und die heroische Vergangenheit der Unabhängigkeitskriege und Revolten. Octavio Paz hat einmal geschrieben, die Revolution sei in Mexiko die Rückkehr zu den Ursprüngen gewesen. Doch kehrten die Mexikaner nicht in die Geschichte zurück, um sie zu wiederholen, sondern um mit ungeheurem Furor eine neue Geschichte in Szene zu setzen."

Weitere Artikel: Die Patientenverfügung gilt, auch wenn kein Gesetz sie stützt, schlussfolgert Christian Geyer aus einer Stellungnahme der Bundesjustizministerin Zypries. Die Frage sei nun, ob man eigentlich überhaupt ein Gesetz braucht. Andreas Rossmann berichtet über Pläne zur Restaurierung der aus dem eingestürzten Kölner Stadtarchiv geretteten Dokumente. S.K., der den Umzug Suhrkamps nach Frankfurt offenbar nicht verknusern kann, tritt in der Leitglosse dem Suhrkamp-Geschäftsführer Thomas Sparr nach. Andreas Kilb berichtet von einer Tagung des Kulturausschusses zur Frage: "Wen wird die Krise verschonen, wen wird sie verschlingen? Wie lange wird sie dauern? Wen können wir retten?" Antwort der geladenen Experten: In der Kultur trifft es die Kleinen zuerst, und viel machen kann der Bund nicht, da steht die Förderalismusreform von 2006 vor. J.M. schreibt zum Tod des Dramatikers Horton Foote. Jordan Mejias meldet, dass der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace, der sich im vergangenen Jahr tötete, ein Romanmanuskript hinterlassen hat (mehr im New Yorker).

Besprochen werden Zack Snyders Comic-Verfilmung "Watchmen", Jens-Daniel Herzogs Inszenierung von Haydns Oper "La Fedelta premiata", ein Konzert von Maximo Park in Köln und die Uraufführung von Mark Ravenhills "Over there" in London.