Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.05.2006. Die FAZ erfreut sich am durchnässten Gewand der Arsinoe. Auch die SZ berichtet über die Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze" in Berlin und über eine Fatwa gegen die freizügigen antiken Statuen. Die Zeit macht auf den Fall des iranischen Philosophen Ramin Jahanbegloo aufmerksam, der vom Regime des Landes ins Gefängnis gesteckt wurde. Die NZZ berichtet über die Einführung von Windows XP in Kisuaheli. Die FR feiert Jean Nouvels Entwurf für das Pariser Museum der außereuropäischen Künste und Zivilisationen. Die Welt kritisiert Simon Rattles Programmpolitik für die Berliner Philharmoniker: Wohlfühlen ohne Wehtun.

Zeit, 11.05.2006

"Seit dem 27. April befindet sich der 46-jährige Philosoph Ramin Jahanbegloo im berüchtigten Evin Gefängnis der iranischen Hauptstadt. Er wollte zu einem Kongress nach Brüssel ausreisen, als er am Teheraner Flughafen verhaftet wurde. Bisher ist unklar, was ihm zur Last gelegt wird. Er ist der erste Oppositionelle, der seit Ahmadineschads Machtübernahme eingesperrt wurde", berichtet Jörg Lau besorgt und fürchtet: "Jahanbegloos Verhaftung könnte der Beginn einer neuen Repressionswelle gegen die lebendige iranische Szene sein, die er mit Büchern, Vorträgen und Essays in dürftiger Zeit gefüttert hat." (Hier Jahanbegloos Website mit seiner Biografie und zahlreichen Artikeln).

Weiteres: In einer Reihe kürzerer Solidaritätsadressen bekennen sich internationale Kritiker zu ihrem Faible für den deutschen Film, der trotz seiner neuen Erfolge in ihren Ländern - Frankreich, Großbritannien, Spanien und den USA - noch immer kaum wahrgenommen wird. Volker Hagedorn stellt den britischen Dirigenten Daniel Harding vor, der mit seinen dreißig Jahren eine faszinierende Balance aus Risiko und Klarheit halte: "Steht gut geerdet da, macht sich zur Mitte, wirft sich aber mit Körper und Armen ganz hinein in die Musik. Wie ein Surfer, der das Unberechenbare sucht, dort rasch Überblick gewinnt - und mit feinsten Handbewegungen vermitteln kann."

Tief bewegt hat Ulrich Greiner die große Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in Essen, auch wenn sie wenig Neues zeige: "Wer aber die Kreidefelsen noch nie leibhaftig gesehen hat, fällt im Folkwang Museum unvorbereitet ins Bodenlose. Jäh erfüllt ihn der Drang, es dem Mann im Vordergrund gleichzutun, der sich angstvoll in die Erde krallt." Nächste Woche kommt die Verfilmung von Dan Browns Bestseller "Sakrileg" ins Kino, der Kunsthistoriker Frank Zöllner verteidigt Leonardo da Vincis "Abendmahl" gegen Browns hermeneutische Kapriolen ("Jesus trug ein rotes Untergewand und einen blauen Mantel, Maria Magdalena ein blaues Untergewand und einen roten Umhang. Yin und Yang. Sophie war fasziniert"). Thomas Groß seufzt vor dem anstehenden Bob-Dylan-Kongress in Frankfurt: "Würde die Menschheit so viel Energie in ihr eigenes Fortkommen investieren wie in die Frage, wer Bob Dylan ist, womöglich stünde sie anders da." Claudia Herstatt begrüßt die Auffrischungskur für die Art Cologne.

Besprochen werden Peter Lichts "Lieder vom Ende des Kapitalismus", Erzählungen von Ruth Berlau als Hörbuch "Jedes Tier kann es" und als Klassiker der modernen Musik Olivier Messiaens "Quatuor pour la fin du temps".

Im Aufmacher des Literaturteils sieht Sven Hillenkamp Hans Magnus Enzensberger mit seiner Studie über das Böse, "Schreckens Männer", schillern und scheitern.

Welt, 11.05.2006

Von einer Krise kann vielleicht noch nicht die Rede sein, aber das Überraschungspotenzial der Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle habe sich doch deutlich erschöpft, moniert Manuel Brug: "Wohlfühlen ohne Wehtun. Kaum echte Herausforderungen und Horizonterweiterungen. Ja, Simon Rattle hat den Philharmonikern die Beschäftigung mit Alter-Musik-Praxis nähergebracht, er lässt viel Französisches spielen, achtet auf größtmögliche Varianz. Er hat das Orchester transparenter getunt, aber auch ein wenig neutraler klingen lassen. Er begeistert die Allgemeinheit mit Standard-Sprüchen und dem Education-Programm, das dank der Deutschen Bank blüht. Er lässt aber auch die Experten ein wenig zweifeln, weil er sich so gar nicht weiterentwickelt, weil er munter diversifiziert, statt sich auch zu spezialisieren. Berlin scheint für ihn immer noch ein wenig Birmingham zu sein. Weder erarbeitet er sich mit diesem Traditionsorchester die große deutsche Symphonik, vor allem das Werk Anton Bruckners, noch bricht er zu neuen Ufern auf."

Weitere Artikel: Berthold Seewald stellt das Schlesische Museum vor, das am Samstag in Görlitz eröffnet wird. Uwe Schmitt lauschte einer Radioshow des Satelliten-Networks XM, die Bob Dylan moderierte. ("Wer nicht eine Gänsehaut bekam, als er nach Regenrauschen und Donnergrollen die 'Theme Time Radio Hour with your host Bob Dylan' ansagte, dem ist nicht zu helfen"). Uta Baier weist darauf hin, dass die von Karin Jäckel entdeckten Bilder der Katharina von Bora keineswegs eine Sensation sind - weil sie schlicht nicht existieren.

Besprochen werden unter anderem Jan Müller-Wielands Opern-Inszenierung "Der Held der westlichen Welt" in Köln, Benjamin Heisenbergs Film "Schläfer", "Moolaade", ein Dokumentarfilm zum Thema Beschneidung des afrikanischen Regisseurs Ousmane Sembene, Noah Baumbachs New-York-Film "Der Tintenfisch und der Wal" und die neue Comicverfilmung "Asterix und die Wikinger".

NZZ, 11.05.2006

Axel Timor Purr berichtet, dass Microsoft jetzt auch den afrikanischen Kontinent für sich als Markt entdeckt und - ein Jahr nach OpenOffice - eine Kisuaheli-Version seines Windows XP einführt. "Zwar sind in Ostafrika auch Computer ein nahezu unerschwinglicher Luxusgegenstand, den nur etwa ein Prozent der Bevölkerung besitzt. Doch anders als das Buch ist der Rechner, im Kisuaheli neben 'Kompyuta' auch 'Tarakilishi' ('das mit Zahlen Gefütterte') genannt, inzwischen fast überall präsent: Internetcafes mit integriertem Office-Angebot und kleine IT-Schulen existieren inzwischen selbst in Gebieten, die nicht an das feste Stromnetz angeschlossen sind oder die von wochenlangen Stromausfällen heimgesucht werden; Dieselgeneratoren gehören hier zur Standard-Hardwareausstattung."

Mischa Suter begrüßt die Schweizer Compilation "Sounds From Home", die den Klang der Migration festhält. Mit dabei: die Zürcherin Mhina Namusoke, Tempo Al Tempo und der Rapper Lulzim Axhami mit dem Besinnungsstück "Läbe ohni Plan": "Wie viu Träne fliesse, wie viu müettere müesse gränne."

Besprochen werden das neue Album "Stadium Arcadium" der Red Hot Chili Peppers und William T. Vollmanns Trinkerroman "Huren für Gloria" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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Stichwörter: Microsoft, Migration

FR, 11.05.2006

"Man muss sich diesem Bau von oben nähern, wie ein Vogel. Oder den Eiffelturm besteigen und hinunterblicken", empfiehlt Martina Meister für die erste Begegnung mit Jean Nouvels Meisterwerk, seinem Neubau für das Pariser Museum der außereuropäischen Künste und Zivilisationen. "Nouvels Kollegen werden ihm allein den Ort neiden: Quai Branly. Direkt an der Seine, fast am Fuße des Eiffelturms ist das Museum entstanden auf einer 2,5 Hektar großen Fläche, die wie durch ein Wunder im dicht bebauten Steinmeer von Paris brach lag. Und noch außergewöhnlicher ist die städtebauliche Symmetrie: Aus der Vogelperspektive betrachtet, wirkt Quai Branly im Westen von Paris tatsächlich wie die spiegelverkehrte Entsprechung zu Nouvels 'Institut du Monde Arabe' im Osten, das knapp zwei Jahrzehnte zuvor seinen exponierten Platz an der Seine eingenommen hat."

Weiteres: Harry Nutt rekapituliert ein Jahr Holocaust-Mahnmal in Berlin, das inzwischen sogar von Martin Walser gelobt wurde, und ist fast ein bisschen enttäuscht von so viel "Entdramatisierungsenergie". In Times Mager macht uns Hans-Jürgen Linke mit der Existenz des Führungskräfte-Ensembles "LeaderChor Berlin" vertraut und kündigt ein Konzert desselben im September an. Auf der Medienseite berichtet Harald Maass, dass die chinesische Regierung Hotmail, den E-Mail-Dienst von Microsoft, in der Volksrepublik gesperrt hat.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Cy Twomblys kaum bekannten und gezeigten plastischen Arbeiten in Münchens Alter Pinakothek, Benjamin Heisenbergs Film "Der Schläfer" (den Daniel Kothenschulte hervorragend findet), die deutsche Erstaufführung von Jake Heggies Oper "Dead Man Walking" in in Dresden und Frank Heuels lettisch-deutsche Kirschgarten-Koproduktion im Forum Freies Theater in Düsseldorf.

TAZ, 11.05.2006

Auf der Meinungsseite stellt Helga Lukoschat im Interview die Studie "Karrierek(n)ick Kinder" vor. Danach "beflügeln" Kinder die Karriere von Frauen. "Erstens erfahren die Mütter, wie sehr sich Führungs- und Familienkompetenz gegenseitig anreichern. Im Umgang mit ihren Kindern lernen sie klarer zu handeln, davon profitieren sie im Beruf. Zweitens optimieren sie ihr Zeitmanagement. Sie reduzieren Zeitfresser wie Meetings, delegieren, lassen sich vertreten. Ihre Arbeit wird effizienter. Drittens gibt ihnen die Familie Kraft. Sie erleben sie nicht etwa als zusätzliche Belastung, sondern wertvolle Ressource, die hilft, Abstand zu halten von der Berufswelt." Entsprechende Gestaltungsräume hätten allerdings meist nur Frauen in Führungspositionen. "Das sollte ein Ansporn für junge Frauen sein, dorthin zu streben - und statt Kunstgeschichte mal Ingenieurswissenschaften zu studieren."

Im Kulturteil erzählt der Schriftsteller Steffen Kopetzky von Indien, wo er Theater- und Tanzgruppen für die am Wochenende beginnende Bonn Biennale gesucht hat. "Bangalore und Chennai, der Süden allgemein, ist etwas konservativer, da wird mehr Wert auf die Tradition gelegt. Die klassischen Tanzproduktionen kommen von dort. Bombay ist die Finanzstadt und das Zentrum der Filmindustrie, da leben mehr Millionäre als in Manhattan - und die Produktionen von dort sind sehr tough. Kalkutta versteht sich als das intellektuelle Zentrum, neben dem schon erwähnten '16 Millimeter' kommt das Stück "Chokh Gyalo" von dort, "Die Hexe": ein Stück über den Aberglauben auf dem Land und die Ausgrenzung von Frauen. Das sind sehr diskursive, um Analyse und Reflexion bemühte Stücke."

Weiteres: Dominik Kamalzadeh schreibt über die Kurzfilmtage in Oberhausen, wo ihn vor allem die Sonderreihe "Radical Closure" über Gewalt und Leben im Nahen Osten beeindruckt hat. In der Serie "Meine Werte" gibt Ulrich Hannemann seiner Verachtung für Vordrängler Ausdruck. In der zweiten taz erfährt Sascha Tegtmeier von Berliner Hauptschülern, dass die umstrittene ZDF-Doku "SOS Schule - Hilferuf aus dem Klassenzimmer" ihnen zu hart vorkommt.

Besprochen werden Noah Baumbachs Film "Der Tintenfisch und der Wal" und das dritte Album mit dem einfallsreichen Titel "Three" des Duos Phantom/Ghost, bestehend aus Dirk von Lowtzow und Thies Mynther.

Und Tom.

FAZ, 11.05.2006

Dieter Bartetzko durfte die viel erwartete Schau mit versunkenen und jüngst erst wieder aufgespürten ägyptischen Schätzen aus Alexandria, Kanopus und Thonis-Heraklion im Berliner Gropius-Bau schon vorher sehen und erfreut sich zumal an einer sexy Frauenstatue aus poliertem grünem Stein: "Man steht einer hochbrüstigen Schönheit gegenüber, üppig und doch zierlich wie eine Aphrodite, würdevoll posierend wie Isis, Ägyptens Hauptgöttin. Auf diese verweist auch das hauchdünn und wie durchnässt dem Körper anliegende, über der Brust geknotete Gewand. Doch Stil und Details ergaben, dass es sich um die ptolemäische Königin Arsinoe handelt, die in Zwiegestalt, nämlich als dem Meer entsteigende Aphrodite und als lebenspendende Isis, wiedergegeben ist. So perfekt sind hier hellenistisches und ägyptisches Formengut kombiniert, so selbstverständlich verbinden sich altorientalisches Ewigkeitspathos und mediterrane antike Momenthaftigkeit, dass man neidvoll auf diese Synthese schaut, die unser klapperdürres Bemühen um 'multikulturelle' Verfassung zur Stümperei macht."

Weitere Artikel: Nils Minkmar berichtet von der Vorstellung eines Buchs des investigativen Journalisten Thomas Leif über unschöne Kungeleien zwischen Politik und Beraterbranche. Hubert Spiegel stellt den heute beginnenden Abdruck des neuesten FAZ-Feuilletonromans als kleine Sensation vor: Es handelt sich um die erste Erzählung Hans Magnus Enzensbergers seit Jahrzehnten, "Josefine und ich". Regina Mönch macht auf ein "Gutachten zur Neuordnung der DDR-Gedenkstätten, der Stasi-Unterlagenbehörde und der Stiftung Aufarbeitung" aufmerksam, das am Montag veröffentlicht wird, und attackiert den Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen Hubertus Knabe, der dieses Gutachten in der Welt schon vorab heftig kritisierte. Michael Martens berichtet vom Balkan-Schwerpunkt der Basler Buchmesse. Kerstin Holm schreibt über fremdenfeindliche und faschistoide Tendenzen in Russland. Ernst Horst resümiert einen Münchner Vortrag des Islamwissenschaftlers Tilman Nagel über "Verstehen und Nachahmen" als zwei Wege der Mohammed-Nachfolge. Tilman Lahme stellt ein bisher unbekanntes Foto der Geschwister Klaus und Erika Mann aus ihrer Internatszeit in Hochwaldhausen vor. Und Jürg Altwegg schildert neueste Episoden im Pariser Streit über Peter Handkes Engagement für Serbien.

Auf der Filmseite unterhalten sich die für den deutschen Filmpreis nominierten Schauspielerinnen Martina Gedeck, Jasmin Tabatabai und Nadja Uhl über die Lage des deutschen Films und die Schwierigkeiten des Schauspielerinnen-Lebens. Michael Althen greift einen Artikel aus der gestrigen Welt auf, der das Jahr 2006 zu einem großartigen deutschen Filmjahr erklärte. Auf der Medienseite schreibt Michael Hanfeld über die Beziehungen zwischen öffentlich-rechtlichen Sendern und Arbeitsamt, das gerne mal die Berichterstattung über sein segensreiches Wirken sponsert. Jordan Mejias stellt einen volkspädagogischen amerikanischen Fernsehfilm über die Gefahren der Vogelgrippe vor.

Für die letzte Seite begeht Heinrich Wefing den vor der Eröffnung stehenden neuen Berliner Hauptbahnhof und kommt nochmal auf die Piefigkeit zurück, mit der Hartmut Mehdorns Bahn den Architektenentwurf Meinhard von Gerkans verhunzte - sicherheitshalber darf Gerkan bei der Eröffnung auch keine Rede halten. Martin Kämpchen beschreibt, wie Indien mit immer neuen Quotenregelungen das fortbestehende Kastensystem bekämpft. Und Alexandra Kemmerer lauschte dem Berliner Vortrag der Völkerrechtlerin Ruth Wedgwood.

Besprochen werden eine Ausstellung über Leon Battista Alberti in Florenz, Neuinszenierungen von Verdis "Simon Boccanegra" in Paris und Amsterdam, Ereignisse der Kurzfilmtage Oberhausen, Terence Kohlers Choreografie nach "Anna Karenina" in Karlsruhe und Ousmane Sembenes neuer Film "Moolaade".

SZ, 11.05.2006

Heute abend eröffnen die Präsidenten Hosni Mubarak und Horst Köhler im Berliner Martin Gropius Bau die phantastische Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze" mit über 2000 Jahre alten Funden aus der Bucht von Alexandria, berichtet Sonia Zekri. "Für Mubarak ist es ein selten schöner Auftritt. Wie bei kaum einem anderen Land zerfällt die Außenwirkung Ägyptens in das Bild einer von Folter und Fundamentalismus erschütterten Despotie und in das eines Hortes der strahlenden Antike. Gerade in Alexandria lässt sich dieser Widerspruch nicht immer überbrücken. Heute ist die Stadt eine Hochburg der Muslimbrüder, bei Krawallen zwischen Muslimen und Kopten floss erst vor wenigen Wochen wieder Blut. Überhaupt hat die kulturelle Flexibilität seit den Ptolemäern stark nachgelassen. Vor kurzem erließ Ägyptens Großmufti Ali Gomaa eine Fatwa, die das Aufstellen von Statuen als Sünde bezeichnet. Noch, so betonen seine Exegeten, gehe es nur um unislamische Götzen in Privathäusern, nicht um Museen und öffentliche Plätze."

In der britischen Hafenstadt Bristol ist ein Streit darüber entbrannt, ob sich die Stadt für ihre Rolle als Umschlagsplatz für den Sklavenhandel im 18. Jahrhundert entschuldigen soll, berichtet Alexander Menden. "Business West, der wichtigste Wirtschaftsverband der Stadt, hat die Forderung hingegen als 'balderdash' (Kokolores) abgetan. Eine Entschuldigung, so ein Sprecher der Vereinigung, wäre nach so langer Zeit bedeutungslos. In einem Internet-Forum der regionalen BBC-Station entlädt sich derweil der Bürgerzorn über den 'absoluten Unsinn, sich für etwas zu entschuldigen, was vor Hunderten von Jahren passiert ist'."

Weitere Artikel: Johannes Willms skizziert die "Abgründe intellektueller Verblendung", die die Proteste der französischen Linken gegen die Auslieferung des in Paris lebenden italienischen Ex-Terroristen Cesare Battisti offenbaren. Hans Schifferle schickt einen Bericht von den Oberhausener Kurzfilmtagen. Anke Sterneborg hat sich mit der amerikanischen Filmschauspielerin Laura Linney ("Der Tintenfisch und der Wal") unterhalten. Cornelius Wüllenkemper war auf einer Tagung an der Berliner Humboldt Universität, die sich mit der "konfliktgeladenen Vielstimmigkeit" des Andenkens an Nationalsozialismus und sowjetische Diktatur in Osteuropa befasste.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Jean Paul Sartres "Die schmutzigen Hände" am Hamburger Thalia Theater (für Till Briegleb eine Inszenierung, "die von den Ängsten unserer Zeit erzählt"), Karin Beiers Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" am Burgtheater in Wien, Benjamin Heisenbergs Film "Schläfer" (den Rainer Gansera immer wieder in einen "banalen Fernsehspiel-Psychologismus" abrutschen sieht), Petra Katharina Wagners Post-mortem-E-Mail-Komödie "Maria an Callas", Christophe Gans' Horrorvideospiel-Filmadaption "Silent Hill", Michael Scheidls Inszenierung von Aureliano Cattaneos Oper "La philosophie dans le labyrinthe" bei der Münchner Biennale, die Ausstellung "Geschichtsort Olympiagelände" im Glockenturm auf dem Berliner Olympiagelände, und Bücher, darunter Michel Houellebecqs Gedichte "Suche nach Glück - Wiedergeburt - Der Sinn des Kampfes", die Rezensent Burkhard Müller wesenhaft sprudeln sieht (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).