Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.05.2006. Die NZZ ist entsetzt über den Zustand der italienischen Literaturkritik. Die SZ lässt kein gutes Haar an Luciano Canforas Geschichte der Demokratie. Die Welt weiß schon jetzt: 2006 ist ein Traumjahr des deutschen Films. Die FAZ porträtiert den tschechischen Regisseur Miroslav Bambusek, der die Vertreibung der Deutschen thematisiert, und kritisiert die französischen Intellektuellen 100 Jahre nach Dreyfus. Die taz lobt Michael Elmgreens Entwurf des Denkmals für die homosexuellen Opfer des Nazis als männlich intim.

NZZ, 10.05.2006

Franz Haas ist entsetzt über den Zustand der italienischen Literaturkritik. Diese lobt nämlich besonders gern Romane über heißblütige Nymphchen und alte Herren hoch. Etwa das Werk eines 63-Jährigen, der von einem heißen Sommer auf Capri, "der 13-jährigen Giada und dem fast 63-jährigen Intellektuellen Bruno, von den maliziösen Blicken und sündigen Gedanken der beiden" erzählt. Der Autor, der sein Werk unter dem Pseudonym Paolo Doni veröffentlicht hat, sei ein berühmter Herr aus dem Umkreis des Corriere della Sera, so Haas. Antonio D'Orrico, der Kritiker des Corriere, widmete "dem kläglichen 'Lolita'-Imitat und seinem (mutmaßlichen) Kollegen das Beilagen-Titelblatt und ganze sieben hymnische Seiten, samt Fotos blutjunger Schauspielerinnen, die für eine Verfilmung des Romans in Frage kämen. Solch fidele Kumpanei ist beschämend, mindestens so peinlich ist aber der Mangel an kritischer Courage bei den Rezensenten anderer Blätter."

Marcus Stäbler rühmt die "weite stilistische Bandbreite der Werke" bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik: "Mit nervös gewisperten Gesten tastete sich da Peter Ruzickas Quartett Sturz kaum hörbar am Rande der Stille entlang - ein auskomponiertes Verstummen, in direkter Nachbarschaft zur überbordenden (und wohl nur für das famose Arditti String Quartet spielbaren) Komplexität des fünften Quartetts von Brian Ferneyhough mit seinen sechsfachen Fortissimi."

Besprochen werden die Ausstellung "Modernism" im Victoria & Albert Museum und Bücher, darunter Norbert Rehrmanns Lateinamerikanische Geschichte und die Anthologie "Last & Lost" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 10.05.2006

"Es ist, als wenn einer der Blöcke vom Holocaustdenkmal nächtens über die Straße gelaufen wäre, sich in den Wald gestellt hätte und nun sagt: Seht her, ich bin ein Teil der ganzen Geschichte, ich bin aber auch etwas Eigenes. Ich bin schwul." So beschreibt Michael Elmgreen das von ihm mitgestaltete Denkmal für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus, dessen Bau am Berliner Tiergarten jetzt beschlossene Sache ist (mehr). Jan Feddersen lobt es auf den Tagesthemenseiten als männlich intim und kritisiert in einem zweiten Artikel nur, dass die Verfolgung Homosexueller im Nachkriegsdeutschland ausgespart wird. Kein Wunder, meint Feddersen. "In Bund und Ländern sitzt jene Partei in den Regierungen, deren Vorfahren die frühbundesdeutsche Rechtskriminalität gegen Homosexuelle weder verhindert haben noch es wollten: Sie fanden es, so ihre damalige Staatsräson, völlig in Ordnung."

Weiteres: Benjamin Heisenbergs Regiedebüt "Schläfer" (mehr) ist realistisch und verzerrt zugleich, meint Sven von Reden, der nicht umhin kommt, Heisenbergs Kumpanen Christoph Hochhäusler und die jungen Kollegen zur nouvelle vague allemande zu verschweißen. In einer zweiten Filmbesprechung preist Andreas Busche die Balance von Didaktik und Poetik in der Milieustudie "Moolaade" des senegalesische Regisseurs Ousmane Sembene. Gerrit Bartels schreibt zum Tod des Popmusikers Grant McLennan. Und Ariel Scher berichtet in der zweiten taz, dass in Argentinien die Vergangenheit in der Militärdiktatur besonders anhand von Sportlerschicksalen aufgearbeitet wird.

Schließlich Tom.

SZ, 10.05.2006

Heute erscheint im PapyRossa Verlag die umstrittene "Geschichte der Demokratie" des italienischen Historikers Luciano Canfora, die der Beck Verlag als zu abstrus abgelehnt hatte. Wie Johan Schloemann referiert, vertritt Canfora darin die Thesen, dass die Sowjetunion ein Beispiel für den "kürzesten Weg zu sozialer Gerechtigkeit" gewesen sei, die liberalen Demokratien des Westens die Katastrophen des 20. Jahrhunderts verursacht hätten und der Hitler-Stalin-Pakt vor allem die Sowjetunion vor dem hysterisch antikommunistischen Polen schützen sollte. Nicht nur das Buch ärgert Schloemann, sondern auch Canforas Gerede von Zensur. "Jeder kann sich in diesem Land hinstellen und solche Sachen sagen und sie auch in einschlägigen Verlagen und Magazinen in gedruckter Form vorbringen. Der eine Verlag druckt's, der andere nicht. Und dies (man darf angesichts des unablässigen Meinungsbombardements, das Canfora veranstaltet, ruhig ein wenig pathetisch werden), dies ist das Verdienst des freiheitlichen liberalen Verfassungsstaates mit demokratischen Wahlen, des Gesellschaftsmodells also, dem Luciano Canfora, selbst der Idee nach, keine anderen Leistungen zubilligen mag als 'die einlullende Manipulation der Massen'." (Hierzu auch ein Essay von Adam Krzeminski).

Ein Jahr nach Eröffnung des Berliner Holocaust-Mahnmals ist für Jens Bisky die große Leistung des Architekten Peter Eisenman erkennbar geworden: "Die inhaltliche Unbestimmtheit der Form, von vielen Kritikern moniert, erweist sich als größter Vorzug. Dem Verbrechen wird kein Sinn abgetrotzt, keine moralischen Lehren werden verkündet. Es ist nahezu undenkbar, dass einer durchs Stelenfeld geht, ohne zu wissen, an welches Verbrechen hier erinnert wird. Aber das Gedenken wird keinem eingehämmert, das Entsetzen drängt sich nicht auf."

Weitere Artikel: Holger Liebs und Jörg Häntzschel lassen sich von Chris Dercon erklären, warum er den Schriftzug der Münchner Allianz-Arena, der während der WM abmontiert sein muss, vom Haus der Kunst prangen lässt: "Das ist eine kritisch-paranoische Geste im Sinne Dalis." Ijoma Mangold berichtet, dass die Frankfurter Buchmesse nach London expandiert (hierzu auch unser gestriger Virtualienmarkt). Hans-Martin Schönherr-Mann schreibt zum 70. Geburtstag des Philosophen Manfred Riedel.

Die Schallplattenseite widmet sich ganz den großen Monumentalwerken der Renaissance, deren Komponisten, allen voran Claudio Monteverdi, es erstmals gelang, "sinnfällig, stimmig Stücke" zu schreiben, "die länger als nur ein paar Minuten dauern", so Reinhard J. Brembeck. Reinhard Schulz erklärt, was die Musikgeschichte alles Monteverdi verdankt: "Chromatik, dramatische Tempowechsel, die innehaltende Ruhe der Kadenzen, die Semantik von Tiefe und Höhe, Klangfarbendifferenzierung, die natürlichen Brücken zwischen Geste und Melodie und vieles mehr". Und Jörg Königsdorf unterhält sich mit dem Dirigenten und Lautenisten Konrad Junghänel über katholische und protestantische Barockmusik, über Monteverdi und Bach.

Besprochen werden Noah Baumbachs "traurig-schöner" Film über das Zerbrechen einer Familie "Der Tintenfisch und der Wal" und "Stadium Arcadium", das neue Album der Red Hot Chili Peppers: "Ihre Musik ist von zuweilen berückender Schönheit, aber dann auch von einer panischen Hast, von wilder, zuckender Kraft und lärmerfüllter, manchmal albtraumhafter Enge", schwärmt Thomas Steinfeld.
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Tagesspiegel, 10.05.2006

Kai Müller spricht mit dem Bildreporter Thomas Hoepker, der das Ende der Autorenfotografie betrauert: "Wenn ich daran denke, dass ich 1963 für eine mehrteilige USA- Reportage ein Vierteljahr mit dem Auto durch das Land gefahren bin, von Küste zu Küste. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir überlegt hätten, ob wir uns dieses oder jenes Hotel leisten konnten. Wir haben irgendwo angehalten und sind reingegangen. Heute wäre das undenkbar. Für die Zeitschriften ist die Autorenfotografie tot. Sie wird vom Internet verdrängt. Aus jedem Land der Welt sind Bilder sofort abrufbar... Reportagefotografie wird es zwar weiterhin geben, sie lebt jedes Mal neue auf in Krisenmomenten, bei Kriegen, Hungersnöten oder Flutkatastrophen wie dem Tsunami. Aber der Tsunami zeigt auch, wie stark die Konkurrenz durch elektronische Medien geworden ist... Man will die Katastrophe sehen, wenn sie passiert. Wenn die Reporter anreisen, ist es oft zu spät."
Stichwörter: Internet

Welt, 10.05.2006

Für Hanns-Georg Rodek könnte 2006 ein Traumjahr für das deutsche Kino werden wie 1939 ein Traumjahr für das Weltkino war. "Die Berlinale hat das deutsche Kino gefeiert wie seit Generationen nicht mehr, deutsche Filme reüssieren bei Festivals quer über den Globus, deutsche Produktionen unter den Oscar-Nominierten sind zur Gewohnheit geworden. Das ist kein Glücksfall der Geschichte, sondern Kumulationspunkt einer Entwicklung, wie das goldene Jahr 1939 ... Statt Innovation zählt plötzlich die Wiederentdeckung verschütteter Tugenden. Dazu zählt in Deutschland die Professionalität des Filmemachens, dazu gehören der Wille zum Kino und der Mut zur konstruktiven Kreativität, dazu braucht es eine Bandbreite der Genres - alles Dinge, an denen es seit 40 Jahren hierzulande zum Teil fehlte."

Richard Burdett, Leiter der Architektur-Biennale von Venedig, verabschiedet sich im Gespräch von überspannten Dogmen der Moderne und staunt über die Erfolgsgeschichte der Berliner und Londoner Mietshausquartiere: "Die wurden einst als kommerzielle Projekte für Reiche mit Hauspersonal gebaut, in den dreißiger Jahren zog die Unterschicht ein, es folgten die Studenten, die vermögende Avantgarde, und jetzt leben dort die höchsten Einkommensgruppen. Dabei hat sich die städtebauliche Figur überhaupt nicht verändert. Solche Beispiele gibt es in jeder Stadt, ihnen müssen wir nacheifern - in der Struktur, nicht unbedingt im architektonischen Detail."

Weitere Artikel: Mariam Lau schreibt auf Seite 3 über ein Jahr Holocaustmahnmal. Besprochen werden einige Gastspiele des chinesischen Musiktheaters im Rahmen des China-Festivals im Berliner Haus der Kulturen der Welt, eine Ausstellung zur Sportfotografie im Deutschen Historischen Museum, Sebastian Baumgartens Kölner Inszenierung von Arthur Millers "Hexenjagd", die Opern-Collage "Unsichtbar Land" in Basel und einige Beiträge der 52. Kurzfilmtage Oberhausen.

FR, 10.05.2006

Der Historiker Dieter Pohl soll als neuer Direktor des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt am Main wohl vor allem die Motive von NS-Tätern erforschen, weiß Matthias Arning. In Times mager verquickt Judith von Sternburg den Heiligen Beatus, den Teufel und Europa.

Besprochen werden die Aufführung von Helmut Oehrings Oper "Unsichtbar Land" in Basel, die Shakespeares "Sturm" und Ernest Shackletons Antarktisexpedition verknüpft, und die Ausstellung "Mythos Dresden" im dortigen Hygienemuseum ("Das hier ist Dresden für Einsteiger", gibt Ulrich Clewing unbefriedigt zu Protokoll). Rezensionen gibt es wie immer mittwochs auch zu Büchern, darunter Rabea Edels "beachtlicher" Debütroman (eine Leseprobe ist hier) "Das Wasser, in dem wir schlafen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 10.05.2006

Die FAZ bietet heute eine Menge lesenswerte Artikel, nicht nur im Kulturteil. Auf Seite 3 des politischen Teils porträtiert Karl-Peter Schwarz den tschechischen Regisseur Miroslav Bambusek, der in einer szenischen Aktion das während der Vertreibung der Deutschen begangene Massaker in der Stadt Postoloprty (Postelberg) thematisiert. Die Provokation für die Tschechen liegt für Schwarz weniger im Thema als in dem Zusammenhang, in den Bambusek es stellt: "Die Vertreibung der Deutschen sieht er nicht als isolierte und zwangsläufige Folge der vorangegangenen Nazigreuel, sondern als einen logischen ersten Schritt auf dem Weg in die totalitäre Diktatur. Im Nachvollzug der Ereignisse schont er sein Publikum nicht. In Bussen bringt er die Zuschauer aus Prag zu den Massengräbern in Postelberg, lässt Augenzeugen sprechen und die an Zynismus kaum noch zu übertreffenden Protokolle der parlamentarischen Untersuchungskommission verlesen. In anschließenden Diskussionsrunden, zu denen Historiker eingeladen werden, werden diese Eindrücke verarbeitet."

Im Kulturteil kritisiert Jürg Altwegg hundert Jahre nach dem Freispruch des Hauptmanns Dreyfus das Engagement heutiger französischer Intellektueller - vorneweg Bernard-Henri Levys - für den ehemaligen italienischen Terroristen Cesare Battisti, der sich in Frankreich der italienischen Justiz entzieht: "Die einflussreichsten Medien- und Meinungsintellektuellen unterstützen Battisti, der seine Taten nie selbstkritisch bekannte, sondern sehr selbstgefällig literarisch verklärte. Das gründlich recherchierte Buch eines Figaro-Journalisten wird ignoriert, die italienische Justiz und öffentliche Meinung in einer Art und Weise verhöhnt, die an die übelsten fremdenfeindlichen Beschimpfungen des 'Italieners' Emile Zola durch die französischen Faschisten erinnert."

Weitere Artikel: Eleonore Büning führt ein schönes langes Interview mit Daniel Barenboim, der unter anderem eine Reform der musikalischen Erziehung fordert. Der Schriftsteller Michel Tournier, 82, schreibt über Freuden und Tücken des Alterns. Der Osteuropa-Historiker Dittmar Dahlmann zeichnet ein deprimierendes Bild des heutigen russischen Parlamentarismus. In der Leitglosse beschreibt Konrad Schuller, wie die polnische Rechte gerade aus der Geschichte des politischen Widerstands in Polen die Lizenz zu antisemitischen Äußerungen ableitet.

Ferner schildert Andreas Rossmann einige Untiefen der Hagener Kulturpolitik. Josef Oehrlein stellt den ehemaligen brasilianischen Kulturattache in der DDR Francisco Chagas Freitas vor, der in der agonisierenden DDR eine bedeutende, heute in Brasilien ausgestellte Kunstsammlung erwarb. Jürgen Richter fürchtet um den Bestand des 1859 in der Stadt Freudenberg errichteten Bethesda-Krankenhauses.

Auf der Medienseite beschreibt Roland Zorn, wie der Fußballsender Arena die Bundesliga zeigen will. Empfohlen wird Andreas Kleinerts Fernsehfilm "Als der Fremde kam", in dem Götz George einen Gewerkschaftsfunktionär spielt (heute in der ARD). Auf der letzten Seite schreibt Eberhard Straub windungsreich über die windungsreiche Oder, der in Frankfurt (an der Oder natürlich) ein Kongress gewidmet wurde. Paul Ingendaay schildert neueste Peripetien in der Auseinandersetzung um den Baumbestand auf Madrids Museumsmeile. Und Felicitas von Lovenberg porträtiert die einst und wieder berühmte Celia Birtwell (mehr hier), deren Kleiderentwürfe für die britische Modekette Topshop zu tragischen Szenen verzweifelt um sie ringender Käuferinnen führen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Fußballfotos in Berlin, Benjamin Heisenbergs Spielfilmdebüt "Schläfer", die Uraufführung von Helmut Oehrings Oper "Unsichtbar Land" in Basel und eine Ausstellung über Dortmund im Mittelalter ebendort.