Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.11.2005. In der FR sagt Andre Glucksmann Nein zum französischen Nihilismus. In der Zeit gesteht Lars von Trier: "Ich bin eine amerikanische Frau." Die NZZ begleitet die Maghreb-Staaten auf dem schwierigen Weg in eine zivile Gesellschaft. Die taz berichtet pünktlich zum Staatsbesuch von Hu Jintao, dass die Chinesen nach wie vor politische Gefangene in Psychoknäste stecken. In der Welt geht Theodore Dalrymple nach Clichy-sur-Jungle.

Zeit, 10.11.2005

Peter Kümmel hat die ersten Inszenierungen unter der neuen Intendanz von Friedrich Schirmer am Hamburger Schauspielhaus gesehen: Shakespeares "Macbeth" und Jahnns "Richard III.". Die Essenzen der zwei Blut- und Schlachtstücke haben ihn kalt gelassen. "Zur Herstellung von Essenzen gehört es, dass man dem alten Stoff mit Analogien zu Leibe rückt. Macbeth = Don Corleone. Don Corleone = Heinz Mustermann. So demonstriert der Regisseur seine Verfügungsmacht über den Stoff. Analogien stehen nur dem Großdurchschauer zu Gebote: Er stellt sich über die Welten, die er vergleicht. Er verweigert jede Zeitgenossenschaft, indem er alle Epochen angewidert 'kurzschließt'. Das »=«-Zeichen, das er zwischen alle Zeiten und alle Menschen setzt und das ihm stets als Brücke dient, ist der Mord: Den gab es immer, und es wird ihn immer geben. Es ist dieses »=«-Zeichen, welches das aktuelle Theater so leer, so tautologisch macht."

Lars von Trier muss sich im Interview von Katja Nicodemus "abgedroschene Pornofantasien" vorwerfen lassen und verteidigt sein Machotum mit der ultimativen Behauptung: "Aber ich bin keine Frau. Ich bin keine Frau! Um das einmal klar zu sagen! Na ja, vielleicht doch. Ich bin eine amerikanische Frau. Zu 65 Prozent."

Im Aufmacher erklärt Tahar Ben Jelloun, warum junge Franzosen auf die Barrikaden gehen und wie man sie künftig vielleicht davon abhalten könnte: mit einer "neuen Politik, die die Wirklichkeit anerkennt und den revoltierenden Bevölkerungsteil in die Zukunft unseres Landes einbindet. Denn diese Jugendlichen erklären laut und deutlich, ihre Heimat sei Frankreich. Doch Frankreich hört diesen Ruf viel zu selten." Der Stadtsoziologe Hartmut Häussermann versichert - wie auch mehrere Autoren vorne im Politikteil - dass in Deutschland noch alles besser ist und auch bleiben wird, vorausgesetzt, wir öffnen Bildungssystem und Arbeitsmarkt für Migrantenkinder. Christoph Siemes hat mit prominenten Unterstützern der SPD über die Krise ihrer Partei gesprochen - Klaus Staeck, Peter Rühmkorf, Juli Zeh, Michael Kumpfmüller - und Kommentare in allen Nuancen von Grau erhalten.

Salman Rushdie erklärt klipp und klar, was passiert, wenn wir Kaschmir nicht umgehend helfen: "Wenn in den nächsten vier Wochen keine winterfesten Notunterkünfte gebaut werden können, verwandelt sich Kaschmir in einen eisigen Friedhof, auf dem Hunderttausende erfrieren werden." In der Leitglosse mokiert sich Jens Jessen über die Dummheit des Fernsehens. In der Reihe 50 Filmklassiker stellt Birgit Glombitza John Hustons "The Misfits" vor. Volker Ullrich schreibt den Nachruf auf den amerikanischen Historiker Gordon A. Craig. Und Claudia Herstatt meldet Rekordpreise auf dem Kunstmarkt in London und New York.

Besprochen werden Kate Bushs neue CD "Aerial", Mozarts "Kleine Nachtmusik" mit dem Polish Chamber Philharmonic Orchestra, Philip Grönings Dokumentarfilm "Die große Stille" und zwei Ausstellungen junger ostdeutscher Maler - Eberhard Havekost im Kunstmuseum Wolfsburg und Matthias Weischer im Museum der bildenden Künste in Leipzig.

Zwei Beilagen gibt es heute in der Zeit: Das Musikspecial macht mit Madonna auf. Die Literaturbeilage mit dem jungen ukrainischen Dichter Ljubko Deresch. Das Dossier ist Wien gewidmet, das sich zur multikulturellen Metropole wandelt.

NZZ, 10.11.2005

Beat Stauffer beschreibt, wie schwer es in den Maghreb-Staaten ist, eine zivile Gesellschaft aufzubauen. In Tunesien etwa werden Menschenrechtsgruppen nicht verboten, sondern unterwandert. So soll der tunesische Staat Tausende von künstlichen Vereinen ins Leben gerufen haben, um die authentischen Organisationen zu bekämpfen. "'Von den über 9400 Nichtregierungsorganisationen, die offiziell in Tunesien existieren, sind gerade einmal 7 wirklich unabhängig', erklärt etwa Essia Bel Hassen, Sprecherin der Association Tunisienne des Femmes Democrates. Alle anderen Organisationen seien von den Behörden geschaffen worden und verfügten über keine Basis. Die unabhängigen Verbände und Organisationen hätten dagegen mit größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie sehen sich zudem alle mit einer Infiltrationsstrategie der immer noch fast allmächtigen ehemaligen Einheitspartei RCD konfrontiert. Staatlich bezahlte Agenten, so ist zu erfahren, versuchten in großer Zahl den unabhängigen Organisationen beizutreten und in den Leitungsgremien eine Mehrheit zu gewinnen."

Für die reinste Enttäuschung hält Ueli Bernays Madonnas neues Album: "Mit dem neuen Album 'Confessions on a Dance Floor' wird Madonna den alten Ansprüchen nicht mehr gerecht. Wie sollte sie auch? Ästhetisch gesehen ist sie ja eine Opportunistin; was man als Verwandlungskunst gepriesen hat, war gewiefte Anpassungsfähigkeit. Und nur wo die Sonne eines neuen Trends aufging, vermochte die künstlerische Kaltblüterin zu brillieren. Heute aber sind die Subkulturen konservativ, sie formieren sich um 'Neo' und 'Retro'."

Alle hohen Erwartungen erfüllt findet Hanspeter Künzler dagegen von Kate Bushs Album "Aerial": "Sie hält die Fahne hoch für alle Eigenbrötler dieser Welt." Anlässlich von Jim Jarmuschs Film "Broken Flowers" preist Andreas Maurer den amerikanischen Schauspieler Bill Murray als das "größte clowneske Pokerface" seit Buster Keaton in 'Seven Chances'".

Besprochen werden Bücher, darunter Paul Feyerabends Bericht über "Die Vernichtung der Vielfalt" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 10.11.2005

Im Gespräch mit Joseph Hanimann analysiert der junge französische Schriftsteller Mehdi Belhaj Kacem das symbolische Spiel zwischen Nicolas Sarkozy und den revoltierenden Jugendlichen: "Eine linke Zeitschrift präsentierte unlängst den Innenminister Sarkozy als eine Art Al Pacino, der sich nicht vom Ziel abbringen lässt und dafür auch durch Steinregen geht. Man hat den Eindruck, Sarkozy habe den Artikel gelesen und noch eins draufsetzen wollen: Sarkozy als Held im Gangsterspiel der Vorstädte. Die Antwort der Jugendlichen hat nicht auf sich warten lassen. Sie nahmen das Angebot des Ministers, der sich verbal auf ihr Niveau herabbegeben hat, an und ließen sich aufs Gangsterspiel ein."

In einem zweiten Artikel zum Thema schreibt Lorenz Jäger, dass der konservative Politiker Enoch Powell, der selbst den Torys einst zu reaktionär war, in einer Rede von 1968 schon alles hat kommen sehen: "Eine völlige Verwandlung stehe England bevor, ohne Vergleich in der Geschichte. Den Zuwanderern werde es mit legalen Mitteln - schon damals stand ein Antidiskriminierungsgesetz zur Diskussion - gelingen, die englische Bevölkerung unter Druck zu setzen und zu dominieren." Tja, und jetzt müssen wir bei den Pakistanis putzen gehen.

Weitere Artikel: Jordan Mejias besucht für den Aufmacher einige New Yorker Restaurants, die vom ersten Michelin-Führer über die Stadt zu Unrecht nicht ausgezeichnet werden. Der Grünen-Politiker Reinhard Loske sieht in Antwort auf einen Artikel von Botho Strauß durchaus schwarz-grüne Bündnisse auf uns zukommen. Gemeldet wird, dass die katholische Kirche durchaus kein Verständnis für die Doppelkonfessionalität des Theologen Klaus Berger aufbringt. Paul Ingendaay hört in Spanien immer mehr publizistische Stimmen, die sich den guten alten Machismo des Landes zurückwünschen. Iris Hanika verfolgte eine Tagung der Synode der deutschen evangelischen Kirche in Berlin. Timo John besucht das von den Architekten Ramseier entworfene Museum der Plüschtier-Firma Steiff in Giengen an der Brenz. In der Reihe "Deutsche gesucht?" über die möglichen Ziele auswanderungswilliger Deutscher stellt Robert von Lucius den Organisten Michael Dierks vor, der heute in Stockholm arbeitet. Brita Sachs erzählt, wie Adolph Menzels Gemälde "Nachmittag im Tuileriengarten", das sich die Nazis von einer Jüdin zwangsweise verkaufen ließen, von Dresden in die Londoner National Gallery gelangte. Ulrich Schreiber meldet, dass der Düsseldorfer "Tonhalle" durch bauliche Maßnahmen endlich die gefürchtete Überakustik ausgetrieben wurde.

Auf der Kinoseite berichtet Michael Althen von den Dreharbeiten zur Verfilmung von Patrick Süskinds "Das Parfüm". Hans-Jörg Rother würdigt die Verdienste des Evangelischen Zentrums für entwicklungsbezogene Filmarbeit um das afrikanische Kino. Und Andreas Kilb kommentiert das von der mutmaßlichen neuen Koalition beschlossene Ende der Medienfonds.

Auf der Medienseite schildert Dirk Schümer den Fall des italienischen Moderators Paolo Bonoli, der trotz eines Jahresgehalts von 8 Millionen Euro eine Fußballshow für Berlusconis Sender in den Quotenabgrund manövrierte. Und Jürg Altwegg stellt die renovierte Zeitung Le Monde vor, die Artikel über den Premierminister Villepin neuerdings mit Fotos garniert, die origineller Weise Premierminister Villepin zeigen.

Auf der letzten Seite berichtet Alexandra Kemmerer über einen weiteren Beutekunst-Fall um ein Gemälde Canalettos, der in Straßburg ein gutes Ende fand. Andreas Rossmann meldet, dass Jürgen Goschs Düsseldorfer "Macbeth"-Inszenierung wegen des Einsatzes von Bühnen-Blut und -Kot von der Düsseldorfer Boulevard-Presse zu Unrecht als "Sudel-Mac" herabgeschrieben wurde. Und Dietmar Dath stellt den Fantasy-Autor John C. Wright vor.

Besprochen wird eine Ausstellung mit der Modesammlung des Bühnenbildners Martin Kamer in Berlin.
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FR, 10.11.2005

"Die Jungs in den Vorstädten sagen: Heute ist hier Bagdad. Sie sehen das im Fernsehen und finden das sehr gut", sagt der französische Philosoph Andre Glucksmann im Gespräch mit Ruthard Stäblein. "Es gibt also ein weltweites Element und ein französisches Element. Entschuldigung, aber die Franzosen haben mit Nein gegen Europa gestimmt; die Franzosen haben überall ihr Veto eingelegt, in der UN, bei den Verhandlungen über den Welthandel, über die Landwirtschaft. Jedes Mal sagen die Franzosen Nein. Die Franzosen, das heißt, die Regierung, Chirac. Meiner Meinung nach imitieren diese Jugendlichen, die zu Mördern werden, die Großen. Sie ahmen die Politiker nach. In Frankreich herrscht zur Zeit eine nihilistische Atmosphäre, die bei weitem die Vorstädte überschreitet."

Kritisch sieht der deutsch-türkische Schriftsteller Jamal Tuschick die Vergabe des Geschwister-Scholl-Preises an die türkisch-deutsche Soziologin Necla Kelek für ihr Buch über Zwangsehen "Die fremde Braut". Für Tuschick ist dies stark polemische Buch derart gezielt als Anklage geschrieben, dass er sich fragt, ob hinter der Auszeichnung für Kelek nicht auch eine generelle Ablehnung von Türken in Deutschland steckt. "Die Türkei nach der Umma (der Gemeinschaft der Muslime) zu beurteilen, ist ebenso verfehlt wie der Versuch, Italien aus der Omerta (dem Mafiagesetz des Schweigens) zu verstehen."

In der Kolumne Times Mager erinnert Daniel Kothenschulte angesichts der französischen Vorstadtkrawalle an die leise und gandhihafte Effektivität der Rosa Parks vor fünfzig Jahren.

Besprochen werden die Ausstellung "Superstars von Warhol bis Madonna" in der Wiener Kunsthalle, Bushidos neue Platte "Staatsfeind Nr. 1", Lars von Triers zweiter Amerikafilm "Manderlay", Niko von Glasows historischer Actionfilm aus dem Zweiten Weltkrieg "Edelweißpiraten", Philip Grönings Dokumentarfilm über das Kartäuserkloster 'La Grande Chartreuse' "Die große Stille" und John Singletons Film "Vier Brüder" sowie das von Heute-Redakteur Steffen Seibert edierte Fernsehbuch für Kinder "Auf Sendung!" (mehr in unserer Bücherschau heute ab ab 14 Uhr).

TAZ, 10.11.2005

In der taz ist heute Kinotag. Gertrud Koch sieht in Lars von Triers Film "Manderlay" den Masochismus in der Nachfolge herrschaftsdialektischer Überlegungen von Michel Foucault und de Sade als eine Philosophie des Glücks verhandelt.

Besprochen werden außerdem Doris Metz' Dokumentarfilm "Schattenväter", Niko von Glasows Film "Edelweißpiraten", Thorsten Trimpops Film "Der irrationale Rest", Thomas Heises neuer Dokumentarfilm "Mein Bruder - We'll Meet Again", und Philip Grönings Klosterdokumentation "Die große Stille".

Ein einziger kinoferner Beitrag von Katrin Bettina Müller befasst sich mit der Situation der Berliner Schaubühne nach der Senatsentscheidung, einen eigenen Etat für Sasha Waltz' Tanzcompagnie bereitzustellen, diesen jedoch aus dem Haushalt der Schaubühne herauszuschmelzen.

Auf der Tagesthemenseite enthüllt Georg Blume pünktlich zum Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao in Deutschland, dass in China immer noch politische Gefangene in sogenannte Ankangs - Psycho-Knäste - gesteckt werden. Zum Beispiel Qiu Jinyou: "Qiu war in den 90er-Jahren Personalchef der staatlichen Chemiefabrik Hongshan im Bezirk Xiaoshan von Hangzhou. Er bemerkte dort, dass das Management der Fabrik Geld veruntreute. Er sammelte Beweise, und als er genügend belastendes Material zu haben glaubte, auch Unterschriften unter den Angestellten. Damit ging er zur Beschwerdebehörde der Zentralregierung in Peking. Die Beamten dort unterrichteten die Hangzhouer Polizei, die ihn bei seiner Rückkehr festnahm und ohne ärztliche Untersuchung ins Ankang einwies."

Schließlich Tom.

Welt, 10.11.2005

Die Forumsseiten übernehmen Theodore Dalrymples Kommentar aus dem Spectator, in dem er die Unruhen in den französischen Banlieues kommentierte: "Tatsache ist, dass der Großteil von Sarkozys Abschaum nordafrikanischer oder afrikanischer Abstammung ist, und meistens muslimisch. Und der französische Staat hat - bewusst oder versehentlich - die südafrikanische Lösung der Apartheid-Ära für das Problem der sozialen Unzufriedenheit gewählt: Er hat die große Mehrheit der Unzufriedenen geographisch in Townships untergebracht, deren Architektur dem großen frankophonen Architekten Le Corbusier gefallen hätte. Le Corbusier wollte - wir erinnern uns - ganz Paris niederreißen und nach dem Vorbild von Clichy-sous-Bois wieder aufbauen, das jetzt auch als 'Clichy-sur-Jungle' bekannt geworden ist."

Im Feuilleton analysiert der Soziologe Wolfgang Sofsky die Funktionsfähigkeit Großer Koalitionen: "Über die Lebensdauer der neuen Koalition kursieren pessimistische Prognosen. Der Vorrat an Zielen scheint gering, die Zahl der Verräter unübersehbar. Die Zufälle der Zukunft kennt niemand. Aber im Prozess der politischen Macht ist eines gewiss: Das Bündnis wird fortbestehen, solange jede Seite glaubt, mit der Koalition mehr Macht zu haben als ohne sie."

Besprochen werden die Retrospektive auf Rosemarie Trockel im Kölner Museum Ludwig und die neuen Filme, darunter Lars von Triers Amerika-Schelte "Manderlay", Doris Metz' Film "Schattenväter" über die Söhne von Willy Brandt und Günter Guillaume, Hans Brandt und Pierre Boom, Curtis Hansons Rührstück "In den Schuhen meiner Schwester", Li Yangs Trauerspiel über chinesische Bergarbeiter "Blinder Schacht".

SZ, 10.11.2005

Heribert Prantl kommentiert das im vergangenen Jahr verabschiedete, so genannte Flugzeugabschussgesetz, das seiner Ansicht nach vom Bundesverfassungsgericht kassiert werden wird. Der Abschuss "sprengt das Rechtssystem. Er ist der untaugliche Versuch, das Unregelbare zu regeln. Das Flugzeugabschussgesetz suggeriert die Legalisierung des nicht Legalisierbaren. Es entzieht den potenziellen Opfern einer Flugzeugentführung das Recht auf Leben, um, vermeintlich, mit diesen Menschenopfern mehr Leben zu retten, als geopfert werden. Der Todesabschuss quantifiziert Menschenleben und wird daher vor dem Bundesverfassungsgericht nicht Bestand haben können. Bemerkenswert ist freilich, dass die Diskussion über den Flugzeugabschuss viel weniger intensiv ist, als es die über den Todesschuss war. Der 11. September 2001 hat den Geist der Gesetze verseucht und die Gewissheiten über das, was der Staat nicht darf, beseitigt."

Jörg Königsdorf war dabei, als das Nürnberger Staatstheater in Peking Richard Wagners "Ring der Nibelungen" aufführten: "Die anhaltende, gespannte Konzentration im Pekinger Publikum und die viertelstündige, von skandierten 'Ho-Ho-Ho'-Rufen gekrönten Standing Ovations für das Ensemble des Nürnberger Staatstheaters nach der 'Götterdämmerung' zeigen, dass Wagners Parabel von Gold, Gier und Göttern die Chinesen offensichtlich ins Mark getroffen hat. Was auf den zweiten Blick sogar einleuchtet: Denn kaum irgendwo auf der Welt besitzen Wagners gesellschaftliche Umbruchsvisionen einen unmittelbareren Lebensanschluss wie hier. Nur ein kleiner Gedankenschritt ist es von Wotan zu Mao ..."

Weitere Artikel: Andrian Kreye sucht Vorläufer der französischen Vorstadtaufstände in den Ghettounruhen von Watts, Brixton und Los Angeles und fragt Gangsta-Rap hörend: "Hätte man die Zeichen lesen können?" Henning Klüver sorgt sich um das deutsch-italienische Verhältnis, das ihm momentan von auffälligem gegenseitigen Desinteresse geprägt zu sein scheint. Dirk Peitz beobachtet Pharrell Williams, der in Berlin gerade sein neues Album "In My Mind" vorstellt ("Nach den Hörproben zu urteilen, die den Journalisten morgens vorgespielt wurden, ist das dann wohl die Platte des Jahres"). Kurt Kister macht Werbung für Band 10 der SZ-Kinderklassikerreihe, Robert Bolts "Der kleine dicke Ritter". Pawel Polian schreibt zum Tod des russischen Philologen Michail Gasparow. Fritz Göttler befragt Philip Gröning zu seinem Dokumentarfilm über die Kartäuser "Die große Stille" und verabschiedet außerdem die Ufa-Lady Carola Höhn, die am Dienstag fünfundneunzigjährig in München starb.

Besprochen werden die Ausstellung "Four from Korea" im Museum für Ostasiatische Kunst in Berlin, Doris Metz' Dokumentarfilm "Schattenväter" über die Söhne von Willy Brandt und Günter Guillaume, Lars von Triers zweiter Film seiner Amerika-Trilogie "Manderlay", Takashi Miikes Horrormärchen "The Call", Neil Marshalls Teenager-Gruselfilm "The Descent - Abgrund des Grauens", ein Anna-Netrebko-Konzert in der Münchner Philharmonie, Dieter Giesings Bochumer Inszenierung von Botho Strauss' "Die Zeit und das Zimmer" ("ein Kunst-Stück, präsentiert von einem glänzenden Ensemble"), die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs jüngstem Drama "Angebot und Nachfrage" ebenfalls am Schauspielhaus Bochum ("Theater unter seinen Möglichkeiten", winkt Thomas Thieringer ab) und Bücher, darunter Dirk Blasius' große Studie über "Weimars Ende" und Ljudmilla Ulitzkajas neuer Roman "Ergebenst, euer Schurik" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).