Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.11.2005. Die NZZ sorgt sich anlässlich des World Summit on the Information Society um den freien Informationsfluss im Internet. In der FR zieht der Lyriker Tymofiy Havryliv ein Jahr nach der Orangenen Revolution in der Ukraine trotz allem eine positive Bilanz. Die Welt porträtiert den chinesischen Soziologen Wang Hui, der die Idee des Sozialismus gegen die Politik der kommunisitischen Partei wendet. Die SZ findet die neue Madonna zu rosa, zu Spandex, zu Pornofrisur.

NZZ, 11.11.2005

"Ist der freie Informationsfluss im Internet gefährdet? Wächst der Einfluss autoritärer Staaten auf das Netz der Netze?", fragt Rainer Stadler vor dem World Summit on the Information Society (WSIS), der nächste Woche in Tunis stattfinden wird. Worum es dabei geht, erklärt Stadler auf den Medienseiten so: "Einige Kommentatoren befürchten das Schlimmste, eine Knebelung der freien Rede. Anlass der Besorgnis sind Versuche, die Verwaltung des Internets zu reformieren. Zurzeit wird das Internet durch eine private US-Firma, die Icann, gesteuert. Diese wiederum wird vom Handelsdepartement der USA beaufsichtigt. Das bedeutet, dass die USA autonom Internet-Entscheide fällen können, welche Auswirkungen auf den ganzen Globus haben. Aus Sicht der andern Staaten muss eine solche Situation kurios erscheinen. Darum gibt es Bestrebungen, den Internet- Akteuren außerhalb der USA mehr Mitbestimmung zu ermöglichen."

Wie sich die einzelnen Länder und Organisationen in dieser komplizierten Angelegenheit positionieren, erklärt Stefan Betschon in einem weiteren Artikel. Und Urs Hölzle, der Schweizer Vizechef von Google gesteht zu den Plänen von Google-Print: "Es ist nicht so einfach, Bücher zu digitalisieren, ohne dabei das Buch zu zerstören."

Im Feuilleton erinnert Uwe Justus Wenzel zum 150. Todestag an den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard. Hans-Anton Drewes berichtet von einem Heidelberger Symposion zu Karl Barth. Und Urs Bitterli gratuliert dem Historiker Peter Stadler zum Achtzigsten.

Besprochen werden die Ausstellung "Projekt Migration" im Kölnischen Kunstverein (die es laut Samuel Herzog schafft, "utopisches Potenzial von Entwicklungen aufflackern lassen, die von vielen nur als problematisch angesehen werden") und das Londoner Festival Dance Umbrella.

Auf der Filmseite berichtet Andreas Maurer über einen neuen Trend bei der Finanzierung von Filmen: Man angelt sich einen attraktiven Sponsor. Ein Film wie "Mein Name ist Eugen" über die Abenteuer von "vier Lausbuben" zum Beispiel "vermochte neben den SBB die Schweizerische Mobiliar als Hauptsponsorin zu gewinnen, was 'bei den "Problemfilmen" und der Marktsituation der Siebziger undenkbar gewesen wäre', wie es ein Branchenvertreter formuliert."

Besprochen werden Curtis Hansons Film "In Her Shoes" mit Toni Collette und Cameron Diaz, Doris Dörries Filmmärchen "Der Fischer und seine Frau" und Tim Burtons phantastischer Puppentrickfilm "Corpse Bride".

FR, 11.11.2005

Was ist geblieben von den Hoffnungen der Ukrainer ein Jahr nach der orangenen Revolution? Der Lyriker Tymofiy Havryliv macht eine Liste auf: In der linken Spalte die Minus-Punkte, in der rechten die Plus-Punkte. Links ist länger. "Dennoch. Werde ich gefragt, ob ich enttäuscht sei, dann sage ich: Nein. Trotz der jüngsten Korruptionsskandale. Die rechte Spalte hat doch etwas aufzuweisen: die Medienfreiheit, zumindest vor Einmischung der staatlichen Organe; die transparente Reprivatisierung von 'Kryvorizhstal', grünes Licht für die Investoren und Hoffnung für alle, dass die 'Jungs-bedient-euch'-Mentalität in absehbarer Zeit endgültig abdanken wird; klare Prioritäten in der Außenpolitik: Integration in die EU und Nato. Denn war es etwa nicht Joseph Roth, der geschrieben hat: 'Nein, hier hört Europa nicht auf.' Die wichtigste Eintragung aber betrifft das Gefühl, etwas bewirken zu können, das Gefühl der Mündigkeit."

Weiteres: Christian Thomas kommentiert den Frankfurter Fachwerkstreit: "Absehbar ist bereits, dass es von der Adelung einer Ahnungs- und Kenntnislosigkeit zu einer weiteren Pauperisierung des Heimatkults nurmehr ein kleiner Schritt ist." In Times Mager denkt Christian Schlüter anlässlich des 150. Todestags von Sören Kierkegaard über "jene seltenen Autoren" nach, die sich eine Kommentierung ihrer Werke verbitten. Besprochen wird die Ausstellung des Malers Eberhard Havekost im Wolfsburger Kunstmuseum.

Welt, 11.11.2005

Wolf Lepenies porträtiert den chinesischen Soziologen Wang Hui, der sagt, dass der Spielraum für Kritik in China inzwischen so groß sei, dass man nicht mehr zum Dissidenten werden müsse: "Wang Hui möchte nicht zur 'Neuen Linken' Chinas gerechnet werden. Dennoch ist es seine 'linke Kritik' am Zustand Chinas, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Wo der chinesische Staat seine Macht bewahren will, ist er kompromissloser Leviathan. Wo er Fürsorge zeigen müsste, spielt er den Drückeberger und verweist auf die Kräfte des Marktes, die sich angeblich vom Staat nicht mehr steuern lassen... Die weitgehende 'Privatisierung' der chinesischen Wirtschaft ist nicht das Ergebnis einer liberalen, sondern einer autoritären Politik. Provozierend kehrt Wang Hui die Idee des Sozialismus gegen die Politik einer kommunistischen Partei, der das soziale Gewissen abhanden gekommen ist."

Weitere Artikel Sven Felix Kellerhoff liest eine europäische Umfrage zur Frage der Vertreibung. Johannes Wetzel interviewt den französischen Soziologen Michel Wieviorka zu den französischen Jugendunruhen. Hanns-Georg Rodek interviewt den Regisseur Curtis Hanson, dessen Komödie "In den Schuhen meiner Schwester" mit Cameron Diaz und Toni Collette gerade angelaufern ist. Reinhard Wengierek kommentiert den Streit um die Berliner Schaubühne. Hanns-Georg Rodek schreibt zum Tod der Schauspielerin Carola Höhn. Uta Baier schreibt über den Verkauf von Adolph Menzels "Tuileriengarten" an die Londoner National Gallery. Und Rainer Haubrich porträtiert den Berliner Architekten Jan Kleihues, Sohn des bekannten Josef Paul, dessen Concorde-Hotel die traurige Umgebung am Berliner Bahnhof Zoo ein wenig aufheitert.

Besprochen wird eine Ausstellung über "Sexarbeit" im Hamburger Museum der Arbeit, neue CDs.
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TAZ, 11.11.2005

Im Kulturteil ausschließlich Rezensionen. Besprochen werden eine Anthologie über Heino Jaeger, die neue Arbeit des südafrikanischen Künstlers William Kentridge in der Deutschen Guggenheim Berlin und neue Reggae-CDs.

Schließlich Tom.

FAZ, 11.11.2005

Reinhard Wandtner greift einen Bericht von Spiegel Online auf, der behauptet, dass man den Kokain-Konsum unserer Bevölkerung durch Messung winzigster Ausscheidungsreste im Wasser unserer Flüsse ermitteln kann. Wolfgang Sandner freut sich über das Engagement des Dirigenten Sebastian Weigle an der Frankfurter Oper ab 2008. Mark Siemons stellt ein für Berlin geplantes chinesisches Kulturzentrum in Aussicht, für das heute der Grundstein gelegt wird. Joseph Hanimann führt ein in die spezifische französische, das heißt staatlich durchgeplante Ghettobautradition, die zu den jüngsten Ausschreitungen beigetragen hat. Eberhard Rathgeb schreibt zum 150. Todestag Sören Kierkegaards.

Auf der Medienseite berichtet Jordan Mejias, dass die umstrittene Reporterin Judith Miller die New York Times verlässt. Für die letzte Seite hat Hannes Hintermeier eine launige Reportage über einen Kochkurs im Hotel Sacher verfasst. Kerstin Holm fürchtet für Russland ähnliche Ausschreitungen wie in Frankreich. Und Ingeborg Harms porträtiert den italienischen Modedesigner Tristano Onofri, der eine hohe italienische Auszeichnung erhält.

Besprochen werden die Ausstellung "Niederländer in München um 1600" in der Neuen Pinakothek, ein Bob-Dylan-Konzert in München, Milos Radovic' Komödie "Falling into Paradise" und eine neue Choreografie von Martin Schläpfer in Mainz.

SZ, 11.11.2005

In einem großen Gespräch unterhalten sich der Philosoph Julian Nida-Rümelin und der Ökonom Meinhard Miegel. Während Nida-Rümelin auf der Vereinbarkeit von Freiheit und Gleichheit und dem gerechten Ausgleich beharrt, fürchtet Miegel, dass nicht die Umverteilung innerhalb eines Landes das Problem ist, sondern die zwischen Deutschland und beispielsweise China: "Eines der Ergebnisse wird sein, dass für den deutschen Sozialstaat künftig weniger zur Verfügung stehen wird als in der Vergangenheit. Wir müssen in den kommenden Jahren mit massiven Einkommensverlusten rechnen, die sich auch auf die Höhe der Sozialtransfers auswirken werden, beispielsweise auf die Renten. Ich sage nicht, dass wir verelenden oder verhungern werden. Aber die Erwerbseinkommen werden, so nehme ich an, in gar nicht so ferner Zukunft im Durchschnitt um etwa 15 bis 20 Prozent niedriger sein werden als heute. Allerdings liegen wir damit materiell noch immer weit vor dem größten Teil der übrigen Menschheit."

Entgegen ihrer sonstigen Strategie, "immer haarscharf dem neuesten Trend hinterher, immer mit dem heißesten Produzenten an Bord", hat Madonna ihr neues Album "Confessions on a Dancefloor" mit Stuart Price ganz im alten Stil gehalten: "Ein bisschen zu süßlich, zu eng im Schritt, zu rosa, zu Spandex, zu Pornofrisur", meint Tobias Kniebe, der ("romantisch erwacht" in den Achtziger) das aber nicht für das Schlechteste hält: "Wenn wieder Musik möglich ist, die so brillant, überzeugend und unverfroren auf die mächtigsten und niedrigsten Instinkte des Dancefloors zielt, was soll dann bitte die Verzagtheit des herrschenden Gefrickels?"

Weitere Artikel: Jens Bisky fürchtet, dass sich die Große Koalition in der Kulturpolitik nur auf "politische Rhetorik und bedachtes Verwaltungshandeln" wird einigen können. Andrian Kreye hat sich in einem Kino in Downtown Brooklyn den GangstaRap-Film "Get Rich or Die Trying" mit 50 Cent angesehen und bedenklich viele Rülpser vom Publikum vernommen. Er fand ihn trotzdem ziemlich gut. Reinhard J. Brembeck schreibt zum zwanzigjährigen Bestehen des Münchner Musikzentrums Gasteig. Auf der Medienseite befasst sich anlässlich des Falls des Chefredakteurs der Ostsee-Zeitung mit dem Umgang der Ost-Blätter mit Stasi-Altlasten.

Besprochen werden die Bernhard-Heiliger-Retrospektive im Berliner Gropiusbau und Bücher, darunter der erste Band der Sören-Kierkegaard-Werkausgabe und die Poesiekassette des Ammann Verlages "Mein Gedicht ist mein Messer" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).