Magazinrundschau

Wo wild die Wildgeword'nen streiten

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
03.11.2026. In Eurozine erklärt der ukrainische Autor Mykola Riabchuk, warum die Ukrainer so am Habsburgerreich hängen. Der New Yorker fragt, warum die Alzeimer-Forschung sich auf Menschen konzentriert, die gar keine Symptome zeigen. Seznam Zprávy weiß, wie es der tschechische Kulturminister Oto Klempíř in kürzester Zeit geschafft hat, sich die tschechische Kulturszene zum Feind zu machen. Die London Review of Books taucht ein ins wenig glamouröse Alltagsleben im Römischen Reich. Der Merkur erkennt in einem Pariser Keller: "Ja heißt ja" ist auch noch nicht die Lösung. Und die Blätter denken über Ethik und KI im Krieg nach.

Eurozine (Österreich), 27.10.2026

Der ukrainische Autor und Journalist Mykola Riabchuk antwortet in seinem Beitrag für die Zeitschrift Kritika & Kontext auf die Frage: "Was haben wir nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 gewonnen, was haben wir verloren?" Riabchuk erklärt, warum sich in der Ukraine das "sanfte, mitunter nostalgische Bild des Habsburgerreichs" bis heute hält: "Mit dem Zusammenbruch des Russischen und des Habsburgerreichs am Ende des Ersten Weltkriegs wurden sowohl die Ruthenen in der Westukraine als auch die Ukrainer im Großteil des Landes von den siegreichen Alliierten ihren neuen Herren geopfert - den Polen im einen Fall und den Bolschewiki im anderen. Weder die im Januar 1918 in Kiew ausgerufene Ukrainische Nationalrepublik noch die im November 1918 in Lemberg ausgerufene Westukrainische Nationalrepublik erhielten Unterstützung oder Anerkennung vonseiten der Entente und unterlagen letztlich deutlich stärkeren und besser ausgerüsteten Rivalen. Ihr Scheitern war nicht die Schuld der Habsburger. Vielmehr lag es an den Führern der Entente, die sich weigerten, Woodrow Wilsons Prinzipien der nationalen Selbstbestimmung auf die über 30 Millionen Ukrainer anzuwenden. Die Ukraine wurde wie ein Nichts behandelt, 'nicht einmal eine Nation', wie ein berüchtigter russischer Präsident es 90 Jahre später ausdrücken sollte. Dies ebnete den Weg für den Völkermordkrieg, den er bis heute gegen die Existenz der Ukraine führt." Je mehr "die Ukrainer mit anderen Regimen - sei es dem russischen, polnischen, deutschen oder sowjetischen - in Berührung kamen, desto mehr Gründe hatten sie, die Herrschaft der Habsburger trotz all ihrer Mängel und Ungerechtigkeiten zu schätzen. Ihre blinde und (bis vor Kurzem) unerwiderte Liebe zur EU mag auf der vagen Ähnlichkeit beruhen, die sie intuitiv zwischen der Union und der Habsburgermonarchie spürten. Robert Cooper formuliert es so: 'Vor allem boten sowohl die Habsburgermonarchie als auch die EU den kleinen europäischen Nationen eine Heimat, die allein kaum überleben konnten: Im 19. Jahrhundert wollten sie der Willkür der weniger liberalen deutschen und russischen Reiche entfliehen. Im 20. Jahrhundert brachte die Zugehörigkeit zu einem größeren Rahmen politische und wirtschaftliche Sicherheit.' Das ist der Kern der Sache: Die existenzielle Angst, die alle mittelosteuropäischen Nationen angesichts ihrer mächtigen und nicht gerade sanftmütigen und friedlichen Nachbarn empfinden (wie Milan Kundera bemerkte), macht sie zu natürlichen Verbündeten und loyalen Untertanen imperialer liberaler Herren und glaubwürdiger Beschützer - sei es Wien im 19. Jahrhundert oder Brüssel im 21. Jahrhundert. Die Ukrainer spüren diese Angst heute besser als alle anderen und loben die scheinbar überholten Habsburger nicht nur als Beweis ihrer europäischen Vergangenheit, sondern auch als Symbol ihrer europäischen - sprich EU- Zukunft." 

Weitere Artikel: Der Historiker Vítězslav Sommer zeichnet Leben und Verdienst des tschechischen Historikers und Dissidenten Jan Tesař (1933-2025) nach.
Archiv: Eurozine

New Yorker (USA), 02.11.2026

Mit Hochdruck arbeiten Forscher daran, Medikamente zu finden, die den Ausbruch von Alzheimer verhindern können, wie Manvir Singh berichtet. Ein Problem dabei ist aber, dass die Ablagerung des Proteins Amyloid im Gehirn für den Ausbruch der Krankheit vielleicht gar nicht so entscheidend ist wie einige Wissenschaftler glauben: Die Forschung konzentriert sich allerdings darauf und schlägt vor, Menschen mit Alzheimer zu diagnostizieren, sobald Ablagerungen bestehen, auch wenn es gar keine kognitiven Symptome gibt. Singh hält diese Einengung für wenig produktiv, möglicherweise führt die ausschließliche Konzentration auf das Protein dazu, dass andere mögliche Faktoren für die Krankheitsentstehung übersehen werden: "Eine von vier kognitiv gesunden Personen über 65 hat wahrscheinlich Ansammlungen von Amyloid im Hirn. Feldman (einer der Forscher, Anm. d. Red.) schätzt, dass es hunderte Millionen solcher Menschen weltweit gibt. Aber nur fünf bis zehn Prozent von ihnen wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren Alzheimer-Demenz entwickeln. Die Zahl jener, die die Krankheit über den Rest ihres Lebens bekommen wird, ist schwerer festzustellen, aber publizierte Studien schätzen sie auf ungefähr ein Viertel bis ein Drittel. In anderen Worten, die meisten Menschen, die heute unter das Alzheimer-Kriterium fallen, werden nie das Symptom entwickeln, das die Krankheit einst bestimmt hat." Die "Alzheimer's Association betrachtet die entscheidende Rolle von Amyloid bei Alzheimer als im Grunde genommen bestätigt, aber eine Reihe von Wissenschaftlern fragen sich, ob hier Ursache und Wirkung vertauscht werden. Einige Krankheitsmodelle sehen die Akkumulation von Amyloid als Folge von Störungen in den zellularen Mechanismen, die Proteine verarbeiten und verwerten. Andere Forscher argumentieren, das seine vaskuläre Dysfunktion die Fähigkeit des Hirns hemmt, Amyloide zu beseitigen und dadurch Neuronen schädigt. In diesem Fall wäre die Ansammlungen zu entfernen so, als würde man ein Feuer bekämpfen, indem man den Rauch beseitigt."

Als Meisterwerk der Kuration würdigt der amerikanische Schriftsteller Hilton Als die große Roy-Lichtenstein-Retrospektive im New Yorker Whitney Museum, auch wenn er sich danach ein wenig schuldig fühlt - gerade weil die Schau ihn ein wenig vom "Trauerporno" der zeitgenössischen Kunst ablenkt. Wie aber gelingt es dem Museum, das seit Jahren weiße männliche Macht anprangert, ausgerechnet Lichtenstein und seine "saubere weiße Welt" zu integrieren? Indem sie zeigt, wie ironisch Lichtenstein schon früh mit Geschlechterfragen umging, so Als: "Der Durchbruch gelang ihm 1960, als er am Douglass College (das später Teil der Rutgers University wurde) unterrichtete und dort den Performancekünstler Allan Kaprow kennenlernte, der ihn mit Claes Oldenburg und George Segal bekannt machte - Künstlern, die sich ebenso wie Lichtenstein für das Erscheinungsbild und die Zeichen von Männlichkeit begeisterten. (…) Sicherlich trug die Freiheit, die Lichtenstein in den Werken dieser Bildhauer und bei Kaprows 'Happenings' erkannte, dazu bei, ihn zu befreien und ihm den Weg zu seinen größten künstlerischen Stärken zu ebnen: seinem Interesse an Geschlechterfragen und seinem amüsanten Witz. Lichtensteins wunderbares Frühwerk 'Masterpiece' (1962) bringt mich immer noch zum Lachen. Darin betrachtet ein Paar eine Leinwand. Die Frau, eine Blondine, hat eine Sprechblase, die aus ihren roten Lippen kommt: 'Aber Brad, Liebling, dieses Gemälde ist ein Meisterwerk! Meine Güte, bald wird ganz New York nach deinen Werken schreien!' Der Mann schweigt, ist nur teilweise im Profil zu sehen; die Frau steht im Mittelpunkt. Sie könnte die Art von Frau sein, die einen erfolgreichen Mann braucht, um ihre Macht als Frau zu untermauern - eine, die im Gegensatz zu Donald Duck einen großen Fisch an Land gezogen hat. Es ist ein Witz über die glitzernde, gewinnorientierte Kunstwelt, in der nichts so viel Gewicht hat wie Erfolg. Zu den weiteren großartigen frühen Werken gehört ... 'Drowning Girl' (1963), in dem eine blauhaarige Frau, der Tränen aus den geschlossenen Augen laufen, ebenso sehr in unglücklicher Liebe ertrinkt wie in einem Strudel aus schwarz-weißen Wellen. In einer Sprechblase steht: 'Das ist mir egal! Ich würde lieber untergehen - als Brad um Hilfe zu rufen!'"
Archiv: New Yorker

Dekoder (Deutschland), 31.10.2026

Siarhiej Šupa stellt den belarusisch-jiddischen Schriftsteller Moische Kulbak vor, der 1896 geboren wurde, und der unmittelbar nach dem Einmarsch der Sowjettruppen folgende Zeilen schrieb: "Es schreit der Flammenwirbel angezünd'ter Städte, drei Geister reiten, rot und eisern, durch die Straßen, durch Rauch, Fabrikengrau und Telegrafendrähte, wo wild die Wildgeword'nen streiten: der Flammenmensch, der Stadtherr und der Satan - […] S' ist Wüstenkält'! Ich lauf geschmäht, gelähmt und müde von dem Streit, allein … S' ist rote Zeit! Der rote Reiter, Todbegleiter, reitet!" Unter nicht geklärten Umständen ging er nach Vilnius, später nach Berlin, wieder zurück nach Vilnius und um seinen Lebensunterhalt für seine Familie zu bestreiten, zurück nach Mensk (belarusische Schreibeweise, Anm. d. Red.), wo er 1937 dem Stalinistischen Terror zum Opfer fiel. "Die Rückkehr Kulbaks zur belarusischen Leserschaft zog sich über Jahrzehnte. Nach der Vernichtung des Dichters waren alle seine Bücher in der UdSSR verboten, aus den Bibliotheken und Buchhandlungen entfernt und zerstört worden. Erst mit seiner Rehabilitierung 1956 wurden auch seine Bücher vom Bann befreit, es erschienen Neuausgaben und Übersetzungen seiner Werke. Den Lesern zugänglich waren allerdings nur der Roman 'Die Selmenianer' (in belarusischer Übersetzung 1960 in Mensk) und ein Band ausgewählter Gedichte (Mensk, 1970). Die Übersetzung des Romans wurde durch die Zensur arg zerpflückt (etwa 20 Prozent des Textes wurden gestrichen), die Übersetzungen der Gedichte waren in Geist und Gehalt so weit vom Original entfernt, dass man einige Texte nicht wiedererkennt. (...) Erst 2015 löste die Neuauflage der 'Selmenianer' (Mensk: Papury) eine Welle des Interesses aus, das Buch erklomm plötzlich Rankings der besten Romane über die belarusische Hauptstadt. Kulbaks Name erschien immer häufiger in literarischen Publikationen, qualitativ hochwertige Neuübersetzungen seiner Lyrik entstanden, auch das Theaterstück vom Räuber Bojtre wurde in einer Zeitschrift auf Belarusisch gedruckt. Schließlich edierte der Prager Verlag Vesna von 2018 bis 2024 das lyrische und prosaische Gesamtwerk Kulbaks in belarusischer (Neu-)Übersetzung. So kehrte Kulbak - der weltweit bekannteste Schriftsteller aus dem Belarus der Zwischenkriegszeit - in das Land zurück, in dem er zur Welt gekommen und auf tragische Weise gestorben war."
Archiv: Dekoder
Stichwörter: Kulbak, Moyshe, Belarus

Seznam Zpravy (Tschechien), 27.10.2026

Die Kritik an der tschechischen Regierung und den Eingriffen des Kulturministeriums reißt nicht ab. Inzwischen hat auch das Ensemble des Prager Nationaltheaters wegen des Versuchs, die öffentlich-rechtlichen Medien zu schwächen, seine Streikbereitschaft erklärt. Kulturminister Oto Klempíř hat es in den vergangenen Wochen geschafft, sich Theaterleute, Filmemacher, Schriftsteller, Musiker, Festivalkuratoren und Tänzer zum Feind zu machen, wie Lucie Stuchlíková und Václav Dolejší berichten. Sein Ministerium soll soeben neue Förderrichtlinien erarbeitet haben, die nach Ansicht der Kulturszene die Unabhängigkeit und die künstlerische Freiheit gefährden. "Den neuen Vorgaben zufolge sollen Veranstaltungen, die einen Bezug zur Politik oder politischen Aktivismus aufweisen, künftig keine Fördermittel mehr erhalten." Das Gleiche gilt für die Förderung von Literaturzeitschriften, die nach den neuen Kriterien keine politischen Kommentare mehr abgeben dürften. In einer öffentlichen Erklärung sprechen darum die Zeitschriftenredakteure von "Zensurmaßnahmen, die aus autoritären Regimes bekannt sind." Kürzlich gab der Kulturminister ferner bekannt, dass er nicht nur die Zusammenarbeit mit dem Filmfestival Karlovy Vary und dem Musikfestival Prager Frühling "neu bewerten" werde, sondern dass der Staat auch erstmals seit Jahren keine Gelder für die Gedenkveranstaltungen zum 17. November [Jahrestag der Samtenen Revolution] bereitstellen werde. Als Reaktion darauf haben nun Privatpersonen und Kommunen mehr als neun Millionen Kronen für die Initiative "Díky, že můžem" gespendet, die für die Werte von Freiheit und Demokratie eintritt. Stuchlíková und Dolejší fragen sich in ihrem Podcast, warum Klempíř, der selbst aus dem Kulturmilieu stammt, solche Maßnahmen ergreift, die im Widerspruch zu allem stehen, was er vor den Wahlen versprochen hat. Die beide Journalisten vermuten zum einen Druck aus der Regierung, zum anderen eine persönliche Verbitterung Klempířs: "Erstens fühlt er sich von der Opposition zurückgewiesen. (…) Zweitens war der ehemalige Musiker wohl mit der Vorstellung in die Politik gegangen, in der Szene beliebt zu sein. Stattdessen haben ihn seine Bandkollegen von J.A.R. [wegen seines Engagements für die Motoristenpartei] aus der Band geworfen." Das Fass zum Überlaufen gebracht habe dann wohl die Frankfurter Buchmesse, wo die Schriftststellerin Radka Denemarková sich kritisch über ihn äußerte und er im Publikum ausgebuht wurde.
Archiv: Seznam Zpravy

London Review of Books (UK), 02.11.2026

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Christopher Harding beschäftigt sich anlässlich der von Peter Mauch verfassten Biografie "The Rise and Fall of Japan's Most Controversial World War II General" mit Hideki Tōjō, dem japanischen Premierminister der Jahre 1941 und 1944. Tōjō war eine zentrale Figur des japanischen Militarismus, aber "er war kein Hitler oder Stalin, der in der Lage gewesen wäre, seinen Willen und seine Vision auf den großen Apparat eines Nationalstaates zu projizieren. Wie Mauch in seiner Biografie zeigt, war Tōjō selbst ein Produkt dieses Apparats. Er war das Ergebnis einer Verfassung, die Macht und Verantwortung auf eine Reihe konkurrierender Interessen verteilte: Armee, Marine, Zivilkabinett, Diplomaten, ein Parlament, das vor allem ein Debattierclub war, Großunternehmen und ein Kaiser, dessen göttliche Entrücktheit dazu führte, dass niemand sich darüber einig war, welche Rolle er im Entscheidungsprozess spielen sollte. All das macht Tōjō für einen Biografen zugleich zur Herausforderung und zur Chance. Eine Herausforderung ist er, weil sein Innenleben undurchsichtig bleibt. Tōjō war kein Visionär wie Lenin, kein herausragender Redner wie Churchill und keine inspirierende Persönlichkeit vom Schlage eines Gandhi oder Martin Luther King. Wer sich von ihm Erklärungen für die Katastrophen erhofft, die Japan in den 1940er-Jahren heimsuchten, und für das immense Leid, das es seinen asiatischen Nachbarn zufügte, wird enttäuscht werden. Die Chance besteht darin, die Welt aus Tōjōs Perspektive zu betrachten. Er war der Mann, der die nahezu unmögliche Aufgabe hatte, als entschlossener Kriegsführer einem Land zu dienen, dessen Verfassung in den 1880er-Jahren von jenem kleinen Kreis von Männern, die das Fundament des modernen Japan gelegt hatten, im Geiste des Konsenses entworfen worden war. Diese Männer waren inzwischen verschwunden - und mit ihnen der Konsens."

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Emma Dench bespricht Kim Bowes' "Surviving Rome: The Economic Lives of the Ninety Percent" und Sarah E. Bonds "Strike: Labor, Unions and Resistance in the Roman Empire", die den Versuch unternehmen, das Alltagsleben im Römischen Reich der Antike unter bislang vernachlässigten Gesichtspunkten in den Blick zu nehmen. Das Problem besteht darin, dass es zwar durchaus schriftliche Quellen gibt, die Einblick in die damalige Lebenswelt gewähren - aber fast ausschließlich aus der Perspektive der gesellschaftlichen Elite. Neuere Forschungen zielen in eine andere Richtung: "Die seit dem 18. Jahrhundert durchgeführten Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum haben alles Mögliche ans Licht gebracht: von Brotlaiben, Fischgräten und Speisen aus antiken Garküchen bis hin zu Fußfesseln und Schlafräumen, die zugleich als Lager für landwirtschaftliche Geräte dienten. Nicht zu vergessen sind die Überreste einzelner Menschen und ganzer Gruppen sowie all das, was sie bei sich trugen, als sie ums Leben kamen. Unser Verständnis vom Alltag der einfachen Römer hat sich dank der Analyse und Interpretation menschlicher Überreste erheblich erweitert. So können wir heute etwa anhand der Kohlenstoff- und Stickstoffisotopenwerte in ihren Knochen Rückschlüsse darauf ziehen, wie viel Fisch und Fleisch die Römer verzehrten. Wir können erkennen, welche körperlichen Spuren die manuelle Arbeit bei den Bewohnern des Römischen Reiches hinterließ, auch bei Kindern, und welche verheerenden Schäden das Heben und Tragen schwerer Lasten, der Bergbau, das Sensen und Hacken ohne maschinelle Unterstützung verursachten. Solche Zeugnisse ermöglichen es uns, neue Geschichten zu erzählen - Geschichten, die auf jahrzehntelanger oder gar jahrhundertelanger, akribischer und wenig glamouröser Arbeit beruhen."

Blätter (Deutschland), 01.11.2026

An Debatten über Künstliche Intelligenz gibt es wahrlich keinen Mangel, aber ethische Fragen über deren Anwendung bei der Kriegsführung werden weitgehend ausgeblendet, wundert sich der Politikwissenschaftler Leon Oelschläger. Im AI-Act der EU finden sie nicht einmal Erwähnung, "dabei verschärfen zunehmend autonome Waffen viele der ethischen Probleme menschengesteuerter Drohnen erheblich", erklärt Oelschläger: "Das von Palantir integrierte 'Maven Smart System' beispielsweise, kurz MSS, kam im Irankrieg zum Einsatz und ist eine Software-Plattform des US-Kriegsministeriums, das auch von Nato-Verbündeten auf mehreren Ebenen genutzt wird. Es ermöglicht Informations- und Zielerfassung und teilt laut eines unveröffentlichten Dokuments von Palantir 'eine live synchronisierte Ansicht des Schlachtfelds, um Kämpfer und Entscheidungsträger mit einem Echtzeitverständnis von Missionen zu versorgen'. Außerdem erlaube es die menschliche Verifizierung der KI-Zielerfassung. Die klassische Drohne entfernte den Menschen physisch vom Geschehen, Systeme wie MSS können ihn jetzt zusätzlich epistemisch entfernen: Wer oder was als verdächtig gilt, was relevant ist, welche Bewegung wirklich ein Muster bildet und auch wer oder was am Ende angegriffen wird, entscheidet die Maschine. Ein Mensch, dessen Entscheidungsgrundlage bereits algorithmisch vorstrukturiert ist, kann diese nur noch begrenzt unabhängig beurteilen. Die Frage, was menschliche Verantwortung bedeutet, stellt sich in einem solchen Kontext neu. Problematisch wird diese Verschiebung gerade dann, wenn automatisierte Systeme in Zukunft immer stärker aufeinander reagieren könnten. Eine algorithmisch erkannte Bedrohung kann eine Reaktion auslösen, die vom gegnerischen System wiederum als neue Bedrohung interpretiert wird. Fehler und Fehlinterpretationen können sich so nicht nur beschleunigen, sondern gegenseitig verstärken und Eskalationsspiralen auslösen. Dem Menschen wird schon heute eine Lage zur Entscheidung vorgelegt, die das Ergebnis einer Kette maschineller Wahrnehmungen und Reaktionen ist. Menschliche Kontrolle kann dabei formal vollständig bestehen bleiben, während die Erkenntnisgrundlage zunehmend verloren geht. Wie real dieses Risiko selbst in den Führungsetagen eingeschätzt wird, die diese Entwicklung vorantreiben, zeigte sich beim jüngsten Besuch des chinesischen Präsidenten in Washington Ende September. Dort vereinbarten Trump und Xi Jinping die Einführung einer während des Kalten Krieges in der Popkultur als 'Rotes Telefon' bekannt gewordenen schnellen und direkten Kommunikationslinie für Zwischenfälle mit KI."
Archiv: Blätter

HVG (Ungarn), 03.11.2026

Der Publizist Imre Para-Kovács kommentiert die Meldung des Wall Street Journals, laut der Ex-Ministerpräsident Viktor Orbán der gemeinsame Kandidat von Russland, China und den USA für den Posten des UN-Generalsekretärs sei: "Ich betone nochmals: (die Aufgabe des Generalsekretärs ist) die Förderung der Achtung der Menschenrechte und der Grundfreiheiten. Es steht außer Frage, dass China, Russland und die Vereinigten Staaten im Hinblick auf diese Aufgabe begeistert den 'Ja'-Knopf drücken würden, aber wir haben in diesem Bereich genug direkte Erfahrungen gemacht. Wir haben in den letzten 16 Jahren eine solche 'Förderung' erlebt, dass wir uns fast in der Russischen Föderation wiedergefunden hätten, was die weitreichende Berücksichtigung und Durchsetzung der Grundfreiheiten angeht; daher kommen uns Zweifel hinsichtlich der Vereinbarkeit von Auftrag und Person auf. Der Würger von Boston hätte bessere Chancen auf das Amt. Unterdessen macht sich das hiesige Hinterland weiterhin vor, dass das Vaterland nicht in der Opposition sein könne, (…)  daher scheint der Moment noch in weiter Ferne zu liegen, in dem auch die derzeitige Opposition erkennt, dass das Vaterland gleichzeitig in der Opposition und an der Macht ist, ja sogar in den höchsten Kreisen, denn es ist noch nie gut ausgegangen, wenn die eine Hälfte versucht hat, die andere Hälfte aus dem Vaterland zu verdrängen. Natürlich ändern sich solche Dinge nicht so leicht, und die Erfahrung zeigt, dass nicht die Vertreiber ihre Meinung ändern, sondern sterben, und die nächste Generation schon mit etwas mehr Vernunft an die Frage herangeht, erkennt, akzeptiert und versteht; sie wird in jene Situation hineingeboren und wächst darin heran, in der wir gemeinsam versuchen, dieses verkorkste Land zum Laufen zu bringen, dessen Bürger wir törichterweise immer noch sind."
Archiv: HVG

Elet es Irodalom (Ungarn), 30.10.2026

Der in der Vojvodina lebende Schriftsteller und Publizist, György Szerbhorváth kommentiert den Ausgang der Parlamentswahlen in Serbien im Hinblick auf die Situation der ungarischen Minderheit. "Warum hat die serbische Gesellschaft, also die breite Masse der Wähler, die Seiten gewechselt? Die Situation ähnelt in vielerlei Hinsicht der in Ungarn, obwohl die Opposition hier keinen Anführer hat - auch wenn es ein Klischee ist, dass die Serben einen autokratischen Anführer brauchen. (…) Hier ist irgendwie jeder ein Partisan. Zweifellos lässt sich der Widerstand von unten im Vergleich zu Ungarn viel eher mit dem in Frankreich oder Italien vergleichen; das Umwerfen eines Mülleimers oder ein kleines Feuer anzünden liegt uns also gewissermaßen im Blut. (…) Aber noch etwas zu den Ungarn. Am 8. November finden die Wahlen zur Minderheiten-Selbstverwaltung statt. Bislang galten die Ungarn als 'Vorbild' bei der Selbstorganisation auf nationaler und Minderheitsebene - insofern, als sie sich dank der Unterstützung aus Ungarn eine eigene Klientel aufgebaut haben. Nach dem nun erzielten Ergebnis der ungarischen VMSZ in Serbien werden - so schwach ihre ungarische Opposition in der Vojvodina auch erscheinen mag - sie noch weniger Ungarn wählen, und obwohl sie legal sein werden, werden sie noch weniger Legitimität haben als bisher, obwohl sie im Bildungswesen, in der Kultur und in der Öffentlichkeitsarbeit weitreichende Befugnisse haben bzw. hatten. Gerade jetzt haben sie sich nicht nur mit der 'Tisza' angelegt und Orbán vergöttert, sondern auch mit der neuen serbischen Regierung, die ihnen kaum verzeihen wird, dass sie sich ständig gegen die Studentenbewegung gestellt haben. Vergessen wir nicht, dass der Protest ursprünglich wegen der Katastrophe am Bahnhof von Novi Sad ausgebrochen ist. Und es wird nichts nützen, dass zum hundertsten Mal angekündigt wurde: Die Zugverbindung Belgrad-Novi Sad-Subotica-Budapest nimmt den Betrieb auf.

Merkur (Deutschland), 01.11.2026

Wo bisher das "Nein heißt nein"-Prinzip gilt, könnte bald das "Nur Ja heißt Ja"-Prinzip stehen, erinnert Mona Leinung mit Blick auf die aktuelle Debatte über das Sexualstrafrecht. Ohne Zweifel herrschen immer noch lang überholte, patriarchale Vorstellungen in der Gesellschaft, was Zustimmung zu sexuellen Handlungen oder Besitzansprüche auf den Körper der Frau angeht. Aber auch die Sache mit dem "Ja heißt ja" muss differenzierter betrachten als es zunächst den Anschein hat, so Leinung: "Dass die Sache mit dem 'Ja' vertrackt ist, lässt sich derzeit auch in einem Keller im 15. Pariser Arrondissement besichtigen. Dort betrieb die Firma Z Machine seit 2023 unter dem Namen 'La Factory' eine Art Concierge-Service für sexuelle Fantasien und veranstaltete mehrmals wöchentlich Gangbangs mit Frauen für eine zahlende (männliche) Kundschaft. Nach Darstellung des Inhabers bestimmten die Frauen selbst das Szenario, alle Beteiligten unterzeichneten Einverständniserklärungen und die Veranstaltung konnte jederzeit abgebrochen werden. Wer sich freiwillig von zehn Männern benutzen, fesseln oder in einem zuvor verabredeten Rollenspiel entführen lassen will, so könnte man nun folgern, der möge das tun. Welche Instanz sollte sich anmaßen, einer Frau zu erklären, dass sie das eigentlich nicht wollen dürfe? Genau diese Frage landete vor dem französischen Conseil d'État, dem höchsten Verwaltungsgericht des Landes, das sich vor die schwierige Aufgabe gestellt sah, das Recht auf sexuelle Selbstentfaltung gegen das Gebot der körperlich-seelischen Unversehrtheit abzuwägen. Im Urteil offenbarte sich, wie schwer es bisweilen ist, beide Güter miteinander in Einklang zu bringen: Das Etablissement wird vorläufig geschlossen, die Praktiken - wie sollte es unter frei Zustimmenden auch anders sein? - aber nicht verboten. Bemerkenswert daran ist, dass die Richter mit ihrer Entscheidung erstmals ein gewisses Misstrauen gegenüber einer rein konsensualistischen Lesart zum Ausdruck brachten, indem sie Zweifel an der erfolgten Zustimmung anmeldeten: Auf der Website des Betreibers wurden Rollenspiele beworben, in denen Männer aufgefordert wurden, den Körper einer Frau 'auf jede nur mögliche Weise' zu benutzen, weil sie darin einwillige, 'nicht einzuwilligen'; andere Szenarien spielten mit sexuellen Übergriffen, Gewalt, Freiheitsberaubung und Entführung. Ein unterschriebenes Formular, befand das Gericht sinngemäß, erledigt unter solchen Bedingungen die Frage nach der Zustimmung noch lange nicht. Es müsse stattdessen geprüft werden, ob diese Zustimmung in der konkreten Situation tatsächlich frei, informiert und jederzeit widerruflich blieb."
Archiv: Merkur

Wired (USA), 28.10.2026

Das Internet zerfällt, schreibt Miles Klee. Nicht nur funktioniert ein immer größer werdender Anteil gesetzter Links heutzutage schon nicht mehr, hinzu kommt nervtötender, manipulativer KI-Slop, der die Timelines flutet und jede Online-Session zur Belastungsprobe macht. "Kurzgesagt, wer im Jahr 2026 online abhängt, bekommt wenig zu Gesicht, was das Abspeichern lohnen würde. Vielleicht noch vor einem Jahrzehnt hatte man den Eindruck, dass das Schimmern von Communitys und Freude, von künstlerischem und intellektuellem Austausch ausreichten, um den toxischen Müll auszubalancieren. Das ist nicht mehr länger der Fall. Dabei ist es gar nicht einmal notwendigerweise so, dass einfach die Leute schlimmer geworden sind. Die 'Dead Internet Theory' - die Annahme, dass ein Großteil der Interaktionen im Netz Fake sind, Bots, die mit Bots reden - wurde zuletzt von immer schlagenderen Beweisen unterstützt. Eine Cybersecurity-Firma kam zu dem Schlusss, dass solche Agenten bereits die Zahl menschlicher Nutzer übersteigen und der von ihnen generierte Traffic im Lauf des letzten Jahres um 8000 Prozent zugenommen hat. ... Wäre es da nicht befreiend, unsere Aufmerksamkeit für manipulierte Skandale, fabrizierte Viralität und für gesponserten Content von Influencern aktiv zu verweigern? Um die digitalen, von KI unterfütterten Überwachungstechnologien unterstützten Mainstream-Ökonomien endlich in den Ruin stürzen zu lassen? ... Ihre Plattformen für immer zu verlassen mag das letzte bisschen Stück Macht sein, das den Massen noch geblieben ist. Es könnte den Leute den Freiraum geben, eher entlegene Ecken zu erforschen."
Archiv: Wired
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