Bestellen Sie bei eichendorff21!Die tschechischen Feuilletonisten mokieren sich über den neuen, diesmal in Prag spielenden Bestseller-Roman von Dan Brown, der gleichwohl nicht nur dem tschechischen Buchhandel, sondern auch dem Prag-Tourismus einen neuen Schub verleihen wird. Tatsächlich plant Prague City Tourism bereits Touren auf den Spuren von Browns "The Secret of Secrets". Während sich Libor Akrman in den Lidové Noviny schon Sorgen macht um drohenden Overtourismus, meint Pavel Mandys in iliteratura.cz: "Eigentlich hatten wir ja gehofft, Prag würde Brown zu einer etwas besseren Leistung inspirieren." Und Daniel Konrád analysiert in Seznam Zprávy, Brown knüpfe an die B-Linie der Pragliteratur an, also an jene romantischen Mythen, die seit dem 19. Jahrhundert angelsächsische Autoren wie Francis Marion Crawford in Romanen wie "The Witch of Prague" über die tschechische Metropole verbreiteten. Brown schreibt ohne zu erröten, jahrhundertelang sei "diese magische Stadt von Mystizismus, Gespenstern und Geistern durchdrungen. Selbst heute sagten Reiseführer ihr eine übernatürliche Aura nach, die jeder spüren könne, der dafür offen sei." Und so schaudert sein Protagonist Robert Langdon auf dem Weg zum Hügel Petřín beim Gedanken an die "Geschichte des Petřín-Waldes, in dem einst Jungfrauen geopfert wurden" und grübelt darüber nach, dass "bis heute regelmäßig mysteriöse Feuer auf dem Petřín erscheinen", mutmaßlich das Werk "Hunderter geopferter Frauen", deren verirrte Seelen noch immer in den hiesigen Obstgärten spukten. Konráds Fazit: "Das neue Buch des Autors von 'The Da Vinci Code' wird die Verkaufscharts stürmen und seine Fans begeistern. Alle anderen werden Mühe haben, beim Lesen nicht laut loszulachen."
Die Kunsthalle Prag bringt das Künstlerpaar Anna-Eva Bergman und Hans Hartung erstmals in einer Doppelausstellung zusammen. Obwohl der gebürtige Deutsche Hartung, der als Vertreter der gestischen Malerei gilt, und die norwegische Malerin Bergmann jeweils ihren eigenen einzigartigen Stil bewahrten, stellen die Kuratoren interessante Überschneidungen in ihrem Schaffen heraus, wie Helena Kardová berichtet. Deutlich werde auch die Hingabe, mit der beide sich der Kunst auch allgemein widmeten: "In Erinnerung an seine Besuche europäischer Museen skizzierte er Werke von Francisco Goya und Oskar Kokoschka. Sie wiederum studierte berühmte Kompositionen oder den Goldenen Schnitt anhand detaillierter geometrischer Diagramme." Kardová sieht zwar auch die Gefahr, das man hier eine Liebe idealisiert, die nicht immer romantisch war (Scheidung, Fremdenlegion, Kriegsverwundung etc.), es sei jedoch ein Verdienst der Ausstellung, dass sie die verborgene Kommunikation zwischen den Künstlern herausarbeite. "Bemerkenswert ist zum Beispiel Hartungs Mondfotografie aus dem Jahr 1916. Er nahm das Bild mithilfe eines selbstgebauten Teleskops auf, und mehr als ein halbes Jahrhundert später schuf Anna-Eva Bergman ihre Komposition mit Goldfolie und roter, blauer und schwarzer Farbe." Erfrischend sei in jedem Fall, dass es hier nicht um das klassische Stereotyp "Meister und Schülerin/Muse" gehe, sondern um zwei Künstler auf Augenhöhe in einer gleichberechtigten Ausstellung. Die ist in Prag noch bis zum 13. Oktober zu sehen.
Der im Berliner Exil lebende chinesische Dissident, Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Liao Yiwu erzählt im Gespräch mit Petr Vizina, was für eine Bedeutung der tschechische Schriftsteller und spätere Präsident Václav Havel in den 90er-Jahren für ihn besaß: "Nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis fiel mir eine Übersetzung seines Essays 'Versuch, in der Wahrheit zu leben' in die Hände, die damals in Hongkong erschien. Havels Text hat mir, ohne Übertreibung, das Leben gerettet. Er hat mir einen Weg gezeigt, mit der Verfolgung umzugehen. In gewisser Weise betrachte ich Havel als meinen Retter. Die chinesische Übersetzung des Essays hat mir dann mein Freund, der spätere Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo geklaut, was ich nicht als Vorwurf meine. Der Text war für uns so wichtig, dass man sogar unter besten Freunden darum rangelte. Wir wollten ihn im Haus haben, er half uns zu überleben. (…) Die Charta 77 hat uns auch inspiriert, die Charta 08 zu verfassen. Kurz, Havel ist unter den zeitgenössischen westlichen Denkern bis heute derjenige, der in China den größten Einfluss hat. Jemand wie Havel mit seiner moralischen Haltung und seinem geistigen Weitblick ist unter den heutigen Staatsmännern selten."
In den vergangenen Jahren hat sich die tschechische Literatur verstärkt der tschechisch-deutschen Geschichte gestellt, besonders Schriftstellerinnen sind es, die die Vertreibung der Deutschen und damit verbundene Traumata schilderten und schildern - oft mit einem großen Publikumsecho in Tschechien. Nun ist die Anthologie "Sudety: Ztracený ráj" (Sudeten: Das verlorene Paradies) erschienen, die in zehn Erzählungen von Autoren wie Kateřina Tučková und Jaroslav Rudiš und Illustrationen von Jaromír 99 Geschichten jenseits von Eskalation und Gewalt suchen, also vom früheren, ganz normalen Zusammenleben zwischen Tschechen und Deutschen in der Grenzregion erzählen. "In diesen Geschichten wird Tschechen und Deutschen gleichermaßen viel Raum und erzählerische Empathie gewidmet", stellt Jonáš Zbořil in seiner Rezension fest. Meist in der Zwischenkriegszeit angesiedelt, handeln sie "von erster Liebe, dem komplizierten Aufbau der Ersten Tschechoslowakischen Republik, auch von einem Mord, zu dem es aus Angst vor Entwurzelung kommt. Die Schuld wird von einer Figur auf die andere abgewälzt, unabhängig von ihrer Herkunft. Aber das Gleiche gilt für die Liebe. Hier kennen Tschechen und Deutsche sich gut, verlieben sich oder entfremden sich voneinander. Manchmal geht dies mit Wut, manchmal mit Frustration einher, etwa wenn sich Freunde plötzlich auf der anderen Seite einer Kriegsfront oder politischer Werte wiederfinden."
Auf der Prager Buchmesse Svět Knihy hat sich Daniel Konrád mit dem ukrainischen SchriftstellerAndrej Kurkowunterhalten, der sich bemüht, Stereotypen über sein Land zu zerstreuen, die er im Westen oft zu hören bekomme, "etwa, dass Russen und Ukrainer viel miteinander gemein hätten. Dabei könnte der Unterschied nicht größer sein. Russland war lange eine Monarchie, und so haben die Russen sich eine Kollektivmentalität angeeignet. Sie sind leicht zu manipulieren. Auch leicht zu verängstigen. In den letzten Jahren hat sich ihrer wieder eine Art genetische Angst vor Stalinismus und Gulag bemächtigt. Die Ukrainer hingegen behalten ihre individualistische Mentalität bei. (…) Für Ukrainer ist Freiheit wichtiger als Stabilität. Bei den Russen ist umgekehrt. In den letzten 20 Jahren haben sie zugunsten der Stabilität auf jegliche Freiheit verzichtet und Wladimir Putin erlaubt, buchstäblich jede Opposition auszuradieren." Die kulturelle Situation dort vergleicht Kurkow mit dem Jahr 1917: "Damals floh ein Teil der russischen Intellektuellen vor den Bolschewiken und begann sich in der Diaspora parallele kulturelle Zentren aufzubauen. Heute wiederholt sich die Situation, in Berlin oder London entstehen erneut russische Verlage. Aber auch das wird das Interesse der Ukrainer an der russischen Kultur nicht wieder wecken. Schon wegen der Sprachenfrage." Andrej Kurkow selbst wird in der Ukraine durchaus kritisch gesehen, weil er seine Romane weiterhin in "der Sprache des Agressors", auf Russisch, schreibt. Kurkow hat Verständnis dafür: "Das beweist nur, wie freigeistig die ukrainische Gesellschaft ist. In Russland würde so eine Debatte überhaupt nicht geführt, da die Russen das Denken verlernt haben und gedankenlos alles übernehmen, was ihnen von oben diktiert wird. Die Ukrainer aber sind Individualisten, und so hat jeder in der Ukraine die Freiheit, seinen Willen auszudrücken. Das ist völlig in Ordnung."