Magazinrundschau
Riesiger Fehlalarm
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
15.12.2025. Eurozine erkundet den Sinofuturismus. New Lines besucht das Königreich Eswatini, das aus den USA abgeschobene Flüchtlinge in sein Hochsicherheitsgefängnis aufnimmt. HVG erklärt, warum man László Krasznahorkai auch ohne Punkt sehr gut lesen kann. Der Guardian schildert das Dilemma der British Virgin Islands. In der LRB denkt John Lanchester über die KI-Revolution - oder eher das Revolutiönchen - nach. Verstka besucht eine Leichenhalle im russischen Rostow.
Eurozine (Österreich), 15.12.2025
Afra Wang untersucht, wie sich das Bild Chinas in den USA ändert. Galt das Land früher als weniger entwickelt und den USA unterlegen, wächst die Bewunderung, vor allem bei jungen Menschen: "Manchmal verflacht diese Naivität China zu einem glänzenden Idealbild, ignoriert Widersprüche und übersieht die Kosten. Auf TikTok und Instagram präsentiert sich China als schillerndes Spektakel: Drohnen formen dreidimensionale Gebilde über Chongqing, Magnetschwebebahnen gleiten in Zeitlupe dahin, Fabriken produzieren Elektroauto-Komponenten in rasender Geschwindigkeit, und die Straßenmode der Nachtmärkte von Chengdu ist allgegenwärtig. Der Sinofuturismus, einst ein von Lawrence Lek geprägter Begriff der Kunstwelt, hat sich zu einer Massenästhetik entwickelt. Er ist heute die visuelle Standardsprache, durch die Millionen von Westlern China wahrnehmen." Doch "diese Bewunderung für China entspringt auch der Krise Amerikas. Vor einigen Monaten hörte ich den Ökonomen Daron Acemoglu auf einer Veranstaltung in London erklären, dass liberale Demokratien sowohl an Zahl als auch an Legitimität verlieren. Junge Menschen zweifeln zunehmend am demokratischen Modell, und die Sympathie für autoritäre Alternativen hat sich von den Rändern in die Mitte verlagert. Antiliberale Ideen gewinnen an Einfluss. In einer postindustriellen Wirtschaft, die von Automatisierung, digitaler Technologie und Globalisierung geprägt ist, hat Amerikas Verlustgefühl China auf seltsame Weise anziehend gemacht. Der Politikwissenschaftler Rory Truex von der Princeton University formulierte es drastischer: Amerika erlebt eine Aushöhlung der Demokratie (...) Die Ironie ist offensichtlich: Truex hat seine Karriere der Erforschung des chinesischen Autoritarismus gewidmet und analysiert nun ähnliche autokratische Muster im eigenen Land."New Lines Magazine (USA), 15.12.2025
Nick Alexandra berichtet von einem heimlichen Deal der Trump-Regierung mit dem Königreich Eswatini, einem kleinen Binnenland im südlichen Afrika und die letzte absolute Monarchie des Kontinents. Dorthin lässt Trump nun nämlich unliebsame Migranten abschieben und im Hochsicherheitsgefängnis inhaftieren: "Etoria, der fast 50 Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt hatte, besaß einen jamaikanischen Pass und rechnete mit einer unkomplizierten Abschiebung. Doch er ahnte nicht, was die Trump-Regierung stattdessen mit ihm vorhatte. Schließlich, nach etwa 24 Stunden Flugzeit, kurz vor der Landung, erfuhren sie, dass sie in ein Land fliegen würden, von dem er noch nie gehört hatte." Die hierher abgeschobenen Migranten wie Etoria sind ehemalige Kriminelle, die allerdings ihre Auflagen vor Ort erfüllt haben und der Einwanderungsbehörde ICE unterstehen. Sie haben einen unsicheren Aufenthaltsstatus - eine Abschiebung in ein ihnen unbekanntes Drittland verstößt jedoch gegen amerikanisches Recht, betont Alexandra: "Nach ihrer Ankunft wurden die Männer nach Matsapha, dem Hochsicherheitsgefängnis von Eswatini außerhalb der Hauptstadt Mbabane, gebracht und in eine Einzelzelle gesperrt. Sie wurden ohne Anklage oder Verurteilung inhaftiert." Diese neue Praxis "umgeht rechtsstaatliche Prinzipien, indem Abgeschobene in ein Drittland geschickt werden, das bereit ist, sie auf unbestimmte Zeit festzuhalten, so die Anwälte der Betroffenen. Die Vereinbarung, eine unverbindliche Absichtserklärung, die erst Monate nach ihrer Unterzeichnung öffentlich wurde, erlaubt den USA, bis zu 160 Abgeschobene innerhalb eines einjährigen Transitzeitraums abzuschieben und stellt 5,1 Millionen US-Dollar für den 'Kapazitätsaufbau' bereit, lehnt aber jegliche rechtliche Verpflichtungen ab. Was in der Vereinbarung als 'Transithaft' bezeichnet wird, gleicht in der Praxis einer unbefristeten Haft, einem ausgelagerten Verwahrungssystem, das Kritiker als Menschenhandel bezeichnen." Arianna Poletti schaut sich in Oromia, Äthiopiens wichtigster Agrarregion um und will wissen, welchen Einfluss die von Premierminister Abiy Ahmed seit 2018 angestrebten Landreformen auf die lokale Bevölkerung haben. Ahmed richtete seinen Fokus auf das Agrarwesen: "Er liberalisierte die Landwirtschaft, verband sie mit den globalen Märkten und verknüpfte Geschichte, Nationalstolz und Wirtschaftsstrategie zu einer einzigen Erzählung: der Wiedergeburt der 'Kornkammer Afrikas'", erklärt Poletti. Stolz verkündete die Regierung nach nur wenigen Jahren große Erfolge - "unabhängige Analysen - unter anderem von der Afrikanischen Entwicklungsbank, dem US-Landwirtschaftsministerium und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) - schätzten die Ernte 2022/23 jedoch auf weniger als die Hälfte der von der Regierung angegebenen Zahlen." Vor "Ort kämpfen Kleinbauern weiterhin mit zersplitterten Parzellen, hohen Betriebsmitteln und unvorhersehbaren Regenfällen, was Zweifel an der langfristigen Nachhaltigkeit der äthiopischen Weizenanbauziele aufkommen lässt. Die Bemühungen der Regierung um ein ausgeglichenes Verhältnis von Exporten und Importen, die als Weg zu Ernährungssicherheit und globaler Integration propagiert werden, setzen oft gerade jene Gemeinschaften unter Druck, die sie unterstützen wollen, und untergraben so die lokale Ernährungssouveränität. 'Der Anbau von Enset (Zierbanane) auf dem eigenen Feld ist eine uralte Tradition, die sicherstellt, dass Familien immer etwas zu essen haben (...)', erklärt der Forstexperte Benura Walde und unterstreicht damit den Wert des lokalen Wissens über das Land. Doch diese traditionellen Nutzpflanzen drohen nun von Monokulturen verdrängt zu werden, wodurch die Bauern von kommerziellen Nutzpflanzen abhängig werden und die Böden der Degradation ausgesetzt sind."
HVG (Ungarn), 11.12.2025
András Szegő, der Lektor des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai beim Verlag Magvető, erklärt im Interview mit Zsuzsa Mátraházi u.a. eventuelle Herausforderungen beim Sich-Einlassen auf die Texte des diesjährigen Literatur Nobelpreisträgers. "Ich höre dieses Vorurteil der Leser (über lange Sätze) oft, aber ich kann es widerlegen. Man kann sehr wohl mit diesen Sätzen reisen, und gerade das macht sie so vertraut - dass sie sich auf die richtige Weise drehen. Der einflussreiche Kritiker Péter Balassa beschrieb 'Satanstango' als Lebewesen, als ewigen Bewegungsapparat. Krasznahorkai versteht es auf beeindruckende Weise, mit der Geschichte zu spielen: Einmal befinden wir uns im Bewusstsein des Erzählers, dann sehen wir plötzlich dieselbe Szene von außen, so wie man bei den besten Kameraleuten nicht erkennen kann, wo der Schnitt im Film ist, weil sie einen Trick anwenden. Es handelt sich eigentlich um falsche lange Sätze, weil Krasznahorkai oft nicht dort einen Punkt setzt, wo er es könnte, aber wir gehen mit ihm weiter. Die Welt dreht sich weiter, wie der Titel eines seiner Bücher sagt. Darüber hinaus sind es keine so langen Sätze wie in Nádas' 'Buch der Erinnerungen' oder in bestimmten Büchern von Hrabal und Thomas Bernhard oder in den Werken von Cormac McCarthy, der in seinen endlosen Texten nicht einmal Kommata gesetzt hat. Man muss sich nur ein wenig auf Krasznahorkais Sätze einlassen, die Außenwelt ausblenden, und schon wird man von der Langsamkeit, den unerwarteten Höhen und Tiefen der Texte, die intim werden, mitgerissen. Ich würde allerdings nicht empfehlen, ein Ei zu kochen, mit dem Vorsatz, dass man in der Zwischenzeit diesen Satz noch lesen kann. Die Küche könnte abbrennen."Guardian (UK), 16.12.2025
London Review of Books (UK), 18.12.2025
John Lanchester rekonstruiert noch einmal ausführlich die Geschichte der KI-Revolution, entlang der Entwickler zweier Firmen, des Chip-Riesen NVidia und des machine-learning-Unternehmens Open AI. Dass der vor allem von ChatGPT befeuerte KI-Hype den Charakter einer Blase angenommen hat, die irgendwann platzen wird, steht Lanchester zufolge außer Frage. Nur: was dann? Lanchester entwirft vier Szenarien: "Die erste Möglichkeit ist, dass KI ein riesiger Fehlalarm ist. Große Sprachmodelle - derzeit dank OpenAI und seinen Wettbewerbern marktführend - erweisen sich als grundlegend begrenzt. Man hat festgestellt, dass die Modelle nicht aus Eingaben lernen und dazu neigen, zu 'halluzinieren'. (Dieser Begriff ist übrigens ein weiteres Beispiel für verkappte Verkaufsrhetorik. Die Rede von 'Halluzinationen' lenkt davon ab, dass KI-Systeme schlicht ständig Fehler machen. Zugleich wird suggeriert, die Fehler seien ein Nebenprodukt von Bewusstsein - denn nur bewusste Wesen können halluzinieren.) (…) Szenario Nummer zwei: Jemand erschafft eine außer Kontrolle geratene Superintelligenz, die die Menschheit auslöscht. Dies war - man vergisst das leicht - eines der Motive für die Gründung von OpenAI. Das apokalyptische Szenario halte ich jedoch aus Gründen, die mit der Frage der Bewusstseinsfähigkeit zusammenhängen, für wenig plausibel. KIs können Absicht nachahmen, sie aber nicht besitzen. Warum sollten sie sich also die Mühe machen, uns zu töten? Noch einmal: Ein Kühlschrank kann dich töten, aber er kann es nicht mit Absicht tun. Das dritte Szenario: KI führt zur 'Singularität', dem Punkt, an dem Computer intelligenter werden als Menschen; lernt, sich selbst zu programmieren und zu verbessern; dies schnell und in großem Maßstab; und die Menschheit in ein neues Zeitalter führen - um den neuesten Modebegriff zu verwenden - der Fülle. Künstliche allgemeine Intelligenz oder gar künstliche Superintelligenz schafft eine neue Ära billiger Energie, der Medikamentenentwicklung, der Entsalzung, ein Ende des Hungers - was immer man nennen will. (…) Viertes Szenario: KI entpuppt sich als das, was Arvind Narayanan und Sayash Kapoor eine 'normale Technologie' nennen. Sie ist eine wichtige Erfindung, so wie Elektrizität oder das Internet wichtig sind, aber sie stellt keinen radikalen Bruch in der Geschichte der Menschheit dar. Das liegt zum Teil daran, dass Computerintelligenz grundsätzlich begrenzt ist, und zum Teil an 'Engpässen' - menschlichen Hindernissen bei der Einführung neuer Technologien. Manche Dinge bleiben gleich, andere verändern sich grundlegend. Einige Jobs, insbesondere Einstiegsstellen im White-Collar-Bereich, werden automatisiert verschwinden. Hintergrundprozesse in Logistik und Ähnlichem werden effizienter. Manche Formen von Arbeit gewinnen an Wert, andere verlieren. In einigen Bereichen, etwa der Medikamentenforschung, kommt es zu Durchbrüchen. Andere Felder bleiben weitgehend unberührt, und in vielen Bereichen ist KI eine merkwürdige Mischung aus überraschend nützlich und zutiefst unzuverlässig."
Quillette (Australien), 13.12.2025
Verstka (Russland), 12.12.2025
Hlidaci pes (Tschechien), 11.12.2025
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