Magazinrundschau
Avatar de luxe
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
21.12.2021. Auch Joe Biden beendet die Drohnenangriffe der USA nicht, lernen die New York Times und The Intercept. Bloomberg bewundert die Kreativität, mit der der Shop "The Dematerialised" gelangweilte Nabobs schröpft. En attendant Nadeau erzählt die Geschichte des Nachlasses von Céline. Die London Review erkennt: Russland führt tatsächlich einen Krieg gegen die Ukraine. In A2Alarm fordert Regisseurin Vera Lacková, endlich den Roma-Widerstand gegen Hitler zu würdigen. Quietus verzeichnet den Schaden, den die britische Musikindustrie durch den Brexit erlitten hat.
New York Times (USA), 19.12.2021
Mehr über den Drohnenkrieg der Amerikaner findet man in The Intercept bei Jeremy Scahill, der feststellt, dass Joe Biden die Regeln für Drohnenangriffe, die Obama irgendwann aufgestellt hat und die von Trump weitesgehend abgeschafft wurden, von Biden nicht wieder installiert wurden.
Respekt (Tschechien), 17.12.2021
Anlässlich des Regierungswechsels in Tschechien und des Abgangs von Premier Andrej Babiš stellt Jaroslav Spurný fest, die tschechische Zivilgesellschaft sei gestärkt aus den schwierigen vergangenen Jahren hervorgegangen. "Mit einem gewissen Staunen lässt sich feststellen, dass wir die vierjährige gemeinsame Regierung des unberechenbaren und rachsüchtigen Präsidenten Miloš Zeman, der für Unterwürfigkeit gegenüber Russland und China stand, und des skrupellosen Andrej Babiš, der für Macht und Geld stand, hinter uns gebracht haben. (…) Und mit noch größerem Staunen lässt sich feststellen, dass das Land in wesentlichen Punkten viel besser dasteht als zur Anfangszeit dieser beiden." Denn es habe sich gezeigt, so Spurný, dass Premier und Präsident schwächer seien als die Bürgergesellschaft. Die hat ihren Widerstand durch zahlreiche Demonstrationen und zuletzt die Wahlen ausgedrückt. Von Zeman propagierte Projekte wie die chinesischen Investitionen der Firma Huawei - "die mit ihren Technologien digitale Schlüsselknotenpunkte in Tschechien besetzen sollte" - oder russische Investitionen in tschechische Kernkraft haben sich zerschlagen. "China hat das Interesse an uns verloren. Ebenso Russland, wo wir sogar auf der Liste der feindlichen Länder gelandet sind." Staatspräsident Zeman bleibt den Tschechen zwar noch einige Monate erhalten, aber auch hier besteht die Hoffnung, dass die Bürger im nächsten Jahr eine andere Wahl treffen werden.Bloomberg Businessweek (USA), 09.12.2021
In einem Artikel des Magazins stellt Mark Ellwood fest, dass sich das Metaverse für Luxusmarken wie Gucci und Hermes schon rechnet - mit Accessoires, die nur virtuell existieren: "Die Wartezeit für eine Birkin-Bag kann sich über Jahre hinziehen, aber manche wollen nur eine Handtasche, die sie nie tragen werden können. The Dematerialised, ein britisches Startup, das Mitbegründerin Karinna Nobbs 'das digitale Kaufhaus deiner Träume' nennt, verkauft nichts als virtuellen Luxus. Es ist ein Marktplatz für Kleidung und Accessoires, der nur online existiert. Das erste Stück kam am 12. Dezember 2020 heraus, ein silberner Pullover, der für 121 Euro wegging. Wie alle Produkte seither verkaufte sich die gesamte Auflage von 1.212 digitalen Exemplaren innerhalb von drei Stunden. Nobbs hat mit Fabricant zusammengearbeitet, einem niederländischen virtuellen Couture-Haus, in dem Benutzer exklusive Kleidung für ihre digitalen Avatare auf sozialen Plattformen wie VRChat zusammenstellen können, eine digitale 3D-Welt, die in der Pandemie immer beliebter wurde. Die Fabricant-Kollaboration erzielte den teuersten Preis bisher: 9.000 Euro für ein einzelnes Kleidungsstück, genauer gesagt, ein Nicht-Kleidungsstück. The Dematerialized arbeitet nach dem populären Standardmodell von Streetwear und veröffentlicht einen Schuh, eine Tasche oder einen anderen Artikel in einer limitierten Auflage von normalerweise nicht mehr als 150 Einheiten. Es ist immer nur eine einzige Marke oder ein am Computer entworfenes Produkt verfügbar. Erfolgreiche Käufer erhalten einen non fungible token (NFT), ein virtuelles Eigentumszertifikat, das auf einer Blockchain ausgeführt wird. Mit diesem Echtheitsnachweis kann ein Besitzer eine Handtasche oder ein Kleid auf VRChat präsentieren, wo Zehntausende User täglich über Avatare interagieren - und ihre Outfits zur Schau stellen. Es mag albern erscheinen, so viel Geld für Luxus auszugeben, den man nie anfassen oder tragen kann, aber Spieler verwenden seit langem Kleidung, um ihre Online-Identität zu etablieren, genau wie Menschen in der realen Welt. Diese als skins bezeichneten Outfits werden von Spielern gekauft, um ihr Aussehen in einem Online-Spiel anzupassen. Die Modebranche nimmt den Trend ernst, insbesondere nachdem Facebook in Meta Platforms Inc. umbenannt wurde, um eine simulierte digitale Welt zu schaffen, in der Benutzer wie in einem realen physischen Raum interagieren können. Plötzlich hat diese Nischenpraxis das Potenzial, sehr groß zu werden. In einem Video im Oktober war Mark Zuckerberg zu sehen, wie er seine und die Avatare seiner Kollegen dazu verwendete, um Kleidung anzuprobieren, Karten zu spielen und sogar zu surfen."En attendant Nadeau (Frankreich), 15.12.2021
Philippe Roussin erzählt die eines Romans oder einer literarischen Reportage würdige Geschichte jener Manuskripte von Céline, die im Jahr 2017, nachdem sie für Jahrzehnte verloren schienen, wieder aufgetaucht sind (unser Resümee). Es handelt sich um 5.300 Seiten, unbekannte Werke darunter, und Skizzen zu bekannten Werken, alle aus der Zeit vor den antisemitischen Machwerken des Nazis im Geiste - was nicht heißt, dass sich nicht auch antisemitische Texte im Konvolut befinden. Die Werke seien "gestohlen" worden, haben die jetzigen Rechteinhaber behauptet. Das Gegenteil ist der Fall, so Roussin. Sie waren von Widerstandskämpfern gesichert und irgendwann dem Kritiker Jean-Pierre Thibaudat übergeben worden, der sie aufbewahrte, damit die Rechteinhaber nicht auch noch Geld aus dem Dossier ziehen. Das Dumme ist, das Célines Witwe, Lucette Destouches, erst 2019 im Alter von 107 Jahren gestorben ist. Nun gehören die Rechte ihrem Anwalt und einer Freundin von Célines Tochter. "Nach dem Ende des Rechtsstreits haben die Rechteinhaber nun alle Manuskripte zurückerhalten und können sie… zu einem hohen Preis verkaufen, wobei ihr finanzieller Wert durch den verursachten 'Skandal' noch gesteigert wird. Man spricht von mehreren Millionen Euro. Außerdem werden sie die Kontrolle über die Edition der Texte haben, die ab 2022 bei Gallimard in vier Bänden erscheinen sollen: 'Casse-pipe', 'London', 'Guerre', 'La légende du roi Krogold'. Auf diese Weise werden sie die Texte und das Image des Autors kontrollieren." Erst im Jahr 2031 fällt das Werk Célines in die Public Domain.HVG (Ungarn), 17.12.2021
Im Gespräch mit HVG erzählt der Dichter, Slammer und Übersetzer Ferenc André, der gerade neben neben Zsófia Czakó ein Literaturstipendium erhalten hat, von seinem neuen, noch nicht veröffentlichten Buch: "Nach Ansicht des Dichters besteht die Schönheit des Textes darin, dass er die Figuren zwar von Enttäuschung zu Enttäuschung führt, sie aber immer wieder davor bewahrt, in die Hoffnungslosigkeit abzudriften: denn wenn alles hoffnungslos erscheint, kann man zumindest versuchen zu hoffen. 'Es hat einen romantischen Aspekt, und das ist eines der wichtigsten Dinge, die ich suche. Zum Beispiel, was mit der Liebe im Jahr 2021 zu tun ist. Es ist keine spezifische Trauma-Geschichte, es geht nicht darum, dass alles kaputt ist und oh mein Gott, was wird mit uns passieren. Von der Antike bis zur Gegenwart kann man feststellen, dass jemand, der über sehr nahe politische Themen schreibt, in Hoffnungslosigkeit versinkt. Aber natürlich sind in den letzten zweitausend Jahren eine Menge cooler Dinge passiert, und ich hoffe, dass sie wieder passieren werden."London Review of Books (UK), 16.12.2021
In einem etwas mäandernden Artikel zeichnet James Meek die verwickelte Lage zwischen Russland und der Ukraine nach, erkennt aber auch sehr klar, wie sich in Wladimir Putins Politik Aggresion und Negation verbinden: "In der Ukraine begann und befeuerte er einen Krieg zwischen zwei Völkern, Ukrainern und Russen, von denen er immer wieder behauptet, dass sie zusammengehörten. Seine verheerendsten Interventionen 2014 waren verbaler Natur. Indem er leugnete, dass Russland in den Krieg involviert war, von dem jeder wusste, dass er ihn führte, und indem er erklärte, er glaube nicht, dass die Ukraine ein eigenständiges Land sei, machte er einen Friedensschluss unmöglich: Wie kann man mit einem Invasoren verhandeln, der leugnet, einmarschiert zu sein. und der die Existenz des okkupierten Landes leugnet? Da er keinerlei Andeutungen machte, wann und wo er seine Angriffe beenden würde, ließ er der Ukraine keine andere Wahl, als um jeden Zentimeter Boden zu kämpfen. 'Ich erinnere Sie daran, dass dies Novorossiya ist', sagte er über die Süd- und Ostukraine im April 2014, als die separatistische Rebellion im Donbass in ihre bewaffnete Phase überging. 'Und Charkow, Luhansk, Donezk, Cherson, Nikolajew, Odessa gehörten in zaristischer Zeit nicht zur Ukraine. All diese Territorien wurden der Ukraine von der sowjetischen Regierung überlassen. Weiß der Himmel, warum.'"A2larm (Tschechien), 13.12.2021
Quietus (UK), 14.12.2021
El Pais Semanal (Spanien), 12.12.2021

New Yorker (USA), 27.12.2021
Dass die Lebensverhältnisse von Frauen in Afghanistan entsetzlich sind, weiß man. Aber in den Berichten darüber gehen oft die individuellen Geschichten unter. Anders in dieser Reportage der seinerzeit schwanger durch Afghanistan reisenden Eliza Griswold über Zarmina Faqeer und ihre Familie. Faqueer ist die Tochter eines Mannes, der vor den Sowjets nach Pakistan geflüchtet war und seine vielköpfige Familie als Sicherheitswächter ernährte. Als die 16-jährige Faqueer hörte, dass die BBC eine Sprecherin für eine Soap-Oper im Radio suchte, bewarb sie sich und wurde genommen. Die Soap und Faqueer wurden höchst populär in Afghanistan, wohin die Familie zurückgekehrt 2001 war. Faqueer ernährte jetzt die Familie und frönte ihrer Leidenschaft für bunte Kleidung, hohe Absätze und Schmuck - bis die Taliban zurückkamen. Am Ende gelingt der Familie die Flucht in die USA. Aber viele Menschen sitzen noch in Afghanistan fest: "In den vergangenen dreieinhalb Monaten hat die US-Regierung nur etwa dreitausend Menschen evakuiert. Die Passagiere müssen jetzt Pässe mit sich führen, aber sie bei den Taliban anzufordern, ist für Dissidenten gefährlich; diejenigen mit Neugeborenen, die noch keinen Ausweis erhalten haben, haben praktisch ein Flugverbot. Kürzlich erzählte mir ein hochrangiger Beamter der Regierung, dass aufgrund anhaltender logistischer Streitigkeiten am Flughafen die Flüge ganz eingestellt wurden. Biden hat die Bemühungen als 'eine der größten und schwierigsten Lufttransporte der Geschichte' bezeichnet; die USA haben mehr als 120.000 Menschen zur Flucht verholfen. Dennoch hat die Regierung eingeräumt, dass sich in diesem Monat noch eine Handvoll US-Bürger im Land aufhalten, zusammen mit vierzehntausend Green-Card-Inhabern, dreißigtausend Afghanen mit überprüften S.I.V.s und dreißigtausend, die einen Antrag gestellt haben. 'Zusammen mit ihren unmittelbaren Familienangehörigen könnten das leicht über hundertfünfzigtausend Menschen sein', sagt mir Vikram. Es gibt noch eine ungezählte Anzahl von Afghanen, die durch ihre Arbeit gefährdet sind, darunter Menschenrechtsaktivisten, Journalisten, ehemalige Mitglieder des afghanischen Militärs und Richter. 'Ihr einziger Weg nach draußen führt über die US-Basen', sagt Vikram." (Wie unfreundlich auch die Briten mit ihren Helfern umgehen, erzählt Tom Mutch bei Open Democracy. Dass die Deutschen keinen Deut besser sind, kann man bei Matthias Gebauer auf Spon nachlesen.)
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