Magazinrundschau

Mit Nescafé-Tinte und einem Hühnerknochen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.12.2021. Spricht sie die Wahrheit oder eine Lüge, wenn sie spielt, fragt sich die Schauspielerin Anouk Grinberg in La vie des idees. Die USA werden zu einem Minderheitenregime, fürchtet Lawrence Lessig in der der NYRB. In Eurozine erklärt Timothy Snyder, warum Memorial der russischen Regierung ein Dorn im Auge ist: Es sammelt die kleinen Wahrheiten. Pitchfork hört mit viel in der Pandemie geschulten Geduld Ambient Jazz. Der New Yorker sucht ein ablenkungsfreies Schreibgerät.

La vie des idees (Frankreich), 13.12.2021

Anouk Grinberg ist eine der bekanntesten Theaterschauspielerinnen Frankreichs. In ihrem Buch "Dans le cerveau des comédiens - Rencontres avec des acteurs et des scientifiques" stellt sie sich eine Frage, die in mehrerer Hinsicht aktuell ist. Nämlich ob das, was sie produziert, wenn sie spielt, Wahrheit oder Lüge ist. Dafür hat sie jahrelang mit Neurowissenschaftlern diskutiert, und spricht hier mit Ivan Jablonka von La Vie des Idées über Experimente per Magnetresonanztomographie, in denen sie mal als sie selbst, mal als Julia aus "Romeo und Julia" spricht und sich herausstellt, dass das Hirn Platz für mehrere Personen hat, die in der ersten Person sprechen. "In diesem Romeo-und-Julia-Experiment zeigt sich auch, dass das, was im Hirn der Schauspieler vor sich geht, mit Besessenheit zu tun hat, wie in afrikanischen Riten. Ihr Geist wird von einem anderen bewohnt, mit dem Unterschied, dass bei echten Besessenheitsriten die besessene Person wirklich ihrer selbst beraubt wird, während man bei den Schauspielern, die gerade arbeiten, sieht, dass sie nicht ihrer selbst beraubt werden. Das überschneidet sich mit der Erfahrung des Schauspielens: Wenn du dich völlig von dir selbst entkoppelst, kannst du die Figur nicht mehr nähren. Man braucht sein Selbst, um den anderen existieren zu lassen, und gleichzeitig muss das Selbst taktvoll genug sein, um so weit zu verschwinden, damit der andere zu Tage tritt."

New York Review of Books (USA), 10.12.2021

Die USA können anderen Ländern keine Ratschläge mehr in Sachen Demokratie erteilen, erklärt der Jurist Lawrence Lessig in etwas überschießender Rhetorik, sie seien ja selbst schon ein failed state. All die Verfahrenstricks, mit denen sich die Republikaner die politische Oberhoheit sichern - parteiliche Wahlkreiszuschnitte, Wählerdiskriminierung, das Filibustern, das Electoral College, die korrumpierenden Wahlkampfspenden - machten Amerika zu einer Minderheitendemokratie: "Wie sonst nur segregationistische oder sektiererische Regimes, etwa das Südafrika der Apartheid, der Irak unter der sunnitischen Herrschaft der Baath-Partei oder Syrien unter den Alawiten ist die amerikanische Republik, die ursprünglich als repräsentative Mehrheitsdemokratie entworfen wurde, zu einem Minderheitenstaat geworden." Lessigs Rettungsaufrufe klingen dann auch eher verzweifel als konstruktiv: "Wir haben es heute mit einer republikanischen Partei zu tun, die im Grunde der Mehrheitsdemokratie den Krieg erklärt hat. Die Führung dieser Partei widersetzt sich auf allen Ebenen dem fundamentalen Prinzip der Mehrheitsherrschaft. Anstatt ihre Politik so auszurichten, dass sie wirklich eine Mehrheit der Amerikaner anspricht, haben sich die Republikaner auf eine Minderheitenstrategie verlegt, um faktisch eine parteiliche, quasi-ethnische Gruppe gegen mögliche demokratische Herausforderungen zu schützen. Sie manipulieren das System, damit die Mehrheit nicht herrschen kann. Angesichts dieser Bedrohung braucht Amerika, was Franklin Delano Roosevelt den Worten Arnold Hyatts zufolge war: Einen Staatsmann, der eine 'zögernde Nation dazu brachte, in den Krieg zu ziehen, um die Demokratie zu retten'. Besser noch wäre ein Winston Churchill, der eine abgelenkte Nation davon überzeugte, dass unsere Demokratie fundamental bedroht ist und dass wir einen Krieg führen müssen, um sie zu retten. Aber wir haben keinen Churchill, der uns durch diesen Kampf führen kann. Wir haben einen Chamberlain. Anstatt die Bedrohung beim Namen zu nennen und Amerika gegen sie in Stellung zu bringen, bemüht sich Präsident Joe Biden, die Differenzen in versöhnlichem Ton zu behandeln."

Elet es Irodalom (Ungarn), 10.12.2021

Nach Ansicht des Verfassungsrechtler Dániel Deák wird eine Veränderung nach den Wahlen weder legal noch legitim sein, wenn die eventuell erfolgreiche, jedoch nur über eine einfache Mehrheit verfügende demokratische Opposition eine neue Ordnung einführen möchte, dies aber ohne Einhaltung der von der alten Ordnung geltenden Regeln. Deáks Aufsatz ist der nächste Beitrag in der seit Wochen geführten Debatte, ob die Opposition im Falle eines Sieges bei den Parlamentswahlen im kommenden Jahr die drohende Unregierbarkeit des Landes durch einfache Gesetzgebung - und damit durch Missachtung des gegenwärtigen, durch die aktuelle Regierung veränderten Grundgesetzes - abwenden dürfe. "In den oppositionellen Debatten über das Anstehende, wird oft das Argument laut, dass die durch eine einfache Mehrheit an die Macht gekommene Opposition aus einer Situation der juristischen Falle nur dann entkommen kann, wenn sie auf das juristische Problem eine politische Antwort gibt. Doch ein Einschreiten mit politischen Mitteln wäre die Verletzung all dessen, was wir unter konsolidierten Umständen vom Recht denken können. (…) Die Opposition kann auch ohne Zweidrittel-Mehrheit einiges tun und dabei die Sympathie des demokratischen In- und Auslands hinter sich wissen. (…) Das aktuell gültige Grundgesetz hat in den wenigsten Fällen kategorische Verordnungen. Die akademische Freiheit oder die Autonomie der Universitäten werden ja nicht verboten, nur werden sie nicht verfassungsrechtlich geschützt; doch jene Freiheiten können durch die geeigneten Bürger ausgeübt, die Autonomie kann ebenfalls hergestellt werden. Das Hochschulgesetz beispielsweise kann freilich mit einfacher Mehrheit verändert werden."
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Eurozine (Österreich), 10.12.2021

Der Kreml will die russische Menschenrechtsorganisation Memorial auflösen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder weiß genau, warum die noch von Andrei Sacharow und Arseni Roginski gegründete Gruppe der russischen Regierung ein Dorn im Auge ist und warum uns das auch im Westen interessieren sollte: Die Historiker von Memorial haben Fakten gesammelt, sie widersetzen sich dem Narrativ, der eingängigen, sinnstiftenden Erzählung: "Demokratie braucht Reflexion. Wir fallen leicht auf Geschichten herein, nach denen unsere eigene Gruppe immer recht hatte und die andere immer unrecht. Wenn uns diese Erzählungen erst einmal in Stämme verwandelt haben, folgen wir den Stammesführern, die sie erzählen, anstatt selber zu denken. Demokratie heißt, dass das Volk herrscht, aber um dies tun zu können, braucht es das Werkzeug, um die Lügen der Mächtigen zu durchschauen. Reflexion erfordert Fakten, und an die heranzukommen ist schwerer als es scheint. In der Sowjetunion gaben die Dissidenten ein ethisches und praktisches Beispiel, wie man vorgeht: Kümmere dich nicht um die Propagandageschichten, zumindest nicht am Anfang. Interessiere dich für die grundlegenden Fakten. Finde die Namen der Verfolgten heraus, halte die Details ihrer Prozesse fest, ihrer Verhöre, ihrer Urteile, ihre Haft in den Lagern. Schreib alles nieder, und zieh dann die Konsequenzen. Auch die kleinen Wahrheiten sind das Risiko wert. Lass dich dafür selbst verhaften und vertrau darauf, dass andere deinen Namen aufschreiben."

Außerdem: Belarus braucht eine Idee seiner Zukunft, befindet Aleksey Bratochkin mit Blick auf verdampfte sowjetische und nationale Utopien.
Archiv: Eurozine

En attendant Nadeau (Frankreich), 12.12.2021

Die Nazis und die deutsche Bevölkerung waren vereint in einem sexualisierten Theater der Reinheit, in dem sich die Auslöschung der Untermenschen und die Feier einer deutschen "Lebensborn"-Sexualität gegenseitig bedingten. Das lernt Georges-Arthur Goldschmidt aus dem Buch "Amour, mariage, sexualité. Une histoire intime du nazisme (1930-1950)" der Historikerin Elissa Mailänder, die am Centre Marc Bloch forscht: "Von der Reglementierung der Ehe über die Sterilisation von Personen, die nicht als würdig galten, sich fortzupflanzen, über die Orgien nach Massenhinrichtungen oder den Ablauf von Hochzeiten - alles fand im Rahmen nationalsozialistischer Vorgaben statt. Scheidung oder außereheliche Affären sollten nach vorgeschriebenen Mustern ablaufen, die zugleich scheinbar liberal und strengstens kontrolliert waren, um der 'Rasse' und der Demografie willen. Darum schuf man den 'Lebensborn', eine Art Harem, der dazu diente, die arischen Geburtenzahlen zu erhöhen, als Gegenpol zu den Vernichtungen, von deren Existenz alle informiert waren."

Pitchfork (USA), 09.12.2021

2021 war das Jahr des Ambient Jazz, meint Philip Sherburne und legt unter anderem mit dem kollaborativen Album "Promises" von Floating Points, Pharoah Sanders und dem London Symphony Orchestra (mehr dazu bereits hier in unserer Kulturrundschau) sowie Nala Sinephros Debüt "Space 1.8" ziemlich überzeugende Beispiele vor, die er zudem im Kontext der zwar reichen, wenn auch regionalen und zeitlichen Konjunkturen unterworfenen Geschichte dieses Genre-Amalgams verortet (schon alleine wegen der vielen aufgelisteten Beispiele lohnt es sich im übrigen, parallel zum Lesen den Streamingdienst der persönlichen Wahl mitlaufen zu lassen). Die Ansicht, dass dieser Rückzug in die Klangtexturen eine künstlerische Reaktion auf die Coronapandemie darstellen soll, lässt Sherburne zwar nicht für alle aufgeführten Beispiele gelten - wohl aber dürfte die Hörkultur, in der sich diese Werke nun entfalten, stark damit zusammenhängen. Als Beispiel führt er Nicolás Jaars Komposition "Weavings" an, die erstmals im Lockdown gestreamt, später aber auch vor Publikum auf die Bühne gebracht wurde. "Im Publikum war ich tief beeindruckt davon, wie das Stück Geduld in den Vordergrund stellt - nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Musiker. Alle elf Performer befanden sich über die ganze Dauer des Konzerts auf der Bühne und doch spielte jeder von ihnen nur 21 Minuten. Den Großteil verbrachten sie, wie das Publikum, schweigsam. Vor dem Hintergrund, dass die Komposition während der Quarantäne entstand, empfand ich die Geduld des Kollektivs als ganz besonders bewegend. Sie regte mich zum Nachdenken darüber an, wie wir alle in den vergangenen zwei Jahren mit der Geduld hadern mussten und welche Opfer wir dem Allgemeinwohl brachten. Die Zurückhaltung, aus der 'Weavings' besteht, ist mehr als nur eine ästhetische Entscheidung; sie ist ein Ausdruck der Solidarität, des Mitgefühls und sogar der Ethik." Hier eine Hörprobe:

Archiv: Pitchfork

Magyar Narancs (Ungarn), 08.12.2021

András Bíró-Nagy und Andrea Szabó sind die Verfasser einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützten Studie über ungarische Heranwachsende 2021. Sie entstand in Kooperation mit der gesellschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und ist Teil einer größeren Untersuchung über die Einstellungen von Jugendlichen und Heranwachsenden in den V4- und den baltischen Staaten bezüglich Zufriedenheit, Polarisierung und der Haltung zur EU. "In dieser Hinsicht sind die Wahlen von 2022 in der Tat entscheidend für die Heranwachsenden", erklären die beiden im Interview mit Zsófia Fülöp. "In so einer unbefriedigenden Situation können drei Dinge unternommen werden: Emigration, Protest, Loyalität. Die Loyalität existiert bei den Heranwachsenden, die mit der Fidesz sympathisieren. Die Oppositionellen dagegen wollen nicht loyal werden, denn sie würden dadurch mit sich selbst in Widerspruch geraten. Protest ist weniger attraktiv, dafür ist die Passivität zu groß. Ein Drittel der Heranwachsenden würde an keinerlei politischen Aktionen teilnehmen. Aber auch die restlichen Zweidrittel würden sich eher nur an Aktionen beteiligen, die keine große Involvierung verlangen. Man geht ungern auf die Straße, um zu protestieren. Es bleibt also die Emigration, was aus der Sicht der Zukunft des Landes die schlechteste Option ist. Denn die Klügsten und am besten Ausgebildeten verlassen das Land und kommen nicht zurück."
Stichwörter: Ungarn

New Yorker (USA), 14.12.2021

In einem Beitrag für das Magazin wittert Julian Lucas Morgenluft für schreibende Prokrastinationsopfer. Ob iA Writer, AlphaSmart, reMarkable oder ablenkungsfreie Apps für Autoren, die Auswahl ist groß: "Es ist sogar für Enthusiasten verlockend, die Renaissance von Textverarbeitungshardware als einen weiteren Vintage-Fetisch abzutun. Neben den AlphaSmarties gibt es Subkulturen, die der Pomera, einem faltbaren japanischen Taschenschreiber, und dem USB Typewriter gewidmet sind, einem Umbausatz, der mit vergoldeten Sensoren Tastenanschläge von Schreibmaschinen digital erfasst. Technisch Versiertere bauen ablenkungsfreie Schreibgeräte aus alten E-Readern, Computertastaturen und ausrangierten Telefonen zusammen und präsentieren ihre Erfindungen online. Diese Extreme des Life-Hacking sind Belege dafür, wie sehr sich Schriftsteller von ihren Werkzeugen entfremdet fühlen … Heute ist das Schreiben auf von Unternehmen kontrollierten Apps und Geräten die Regel, was uns anfälliger macht für Abonnements, Algorithmen, proprietäre Formate und willkürliche Updates. Eine literarische Doktrin besagt, dass großartiges Schreiben plattformunabhängig sein sollte. Wole Soyinka schrieb 'The Man Died' in einem nigerianischen Gefängnis mit Nescafé-Tinte und einem Hühnerknochen als Stift. Die Fähigkeit, mit allem zu schreiben, und der Drang, mit allem zu experimentieren, spiegeln aber auch die Tatsache wider, dass sich die Mittel ebenso wie die Materie des Schreibens an uns und unsere Umstände anpassen sollten. Das Streben nach der Übereinstimmung von Autor und Maschine mag in seiner Art ebenso notwendig sein wie das endlose Bemühen der Literatur, Erfahrung und Ausdruck in Einklang zu bringen."

Außerdem: Steve Coll und Adam Entous enthüllen die heimliche US-Diplomatie in Afghanistan - und ihr Scheitern auf ganzer Linie. Nick Paumgarten spricht mit "Dinosaur Jr."-Frontmann J Mascis über Bob Dylan, Tourradeln im Central Park und das Gefühl, nach zwei Jahren zu Hause wieder vor Publikum zu spielen. Louis Menand denkt anlässlich zweier kritischer Bücher von Arnold Weinstein und Roosevelt Montás über den Stand der Literaturwissenschaften in Amerika nach. Und Anthony Lane sah im Kino Steven Spielbergs "West Side Story".
Archiv: New Yorker