Magazinrundschau

Mein Ich-Inhalt ist sehr klein

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
04.01.2022. Der New Yorker sieht die Iraner schon als die Herren des Nahen Ostens: Die Waffen dafür haben sie jedenfalls. Bloomberg porträtiert den Koblenzer Tobi Lütke, der von Kanada aus Amazon Konkurrenz macht. In Atlantic kritisiert David Brooks die amerikanischen Konservativen als unamerikanisch und unkonservativ. Die London Review blickt auf den illegalen Ölhandel Nigerias, der nur wenige reich macht. The Intercept fragt: Ist mein Impfausweis ein Überwachungstool? Im Van Magazin dreht Heiner Goebbels ein Orchester um neunzig Grad.

Elet es Irodalom (Ungarn), 22.12.2021

Péter Nádas spricht im Interview mit Csaba Károlyi und anderen über gelungenes Erzählen von sich selbst: "Ob jemand Glaube hat oder nicht, ist ebenso persönlich wie die Frage, wie und mit wem er Liebe macht. Das ist ihm und jener Person überlassen, mit der er sich vereint. Spiritualität ist lediglich in eine Richtung offen, ansonsten ist sie geschlossen, darum bezeichnen wir sie als intim. Ohne Gott kann das Bekenntnis nicht abgelegt werden. Ich sage nicht, dass der andere Glaube haben soll, doch wenn er keinen hat, dann gibt es keinen Vermittler. Wenn es keinen Vermittler gibt, dann gibt es nichts aus der Spiritualität zu vermitteln. Es gibt kein Medium. Dann bleibt nur das Individuum, ich erklimpere, wie ich morgens aufstehe, wie ich den Kaffee koche und jetzt erzähle ich es euch, meine Lieben, die ich euch ja nicht kenne, ansonsten scheiße ich auf euch, ihr interessiert mich nicht, sondern nur ich - und das wäre die individuelle Erzählung. Aber so interessiert es mich nicht. Mich interessiert meine eigene Person lediglich als Beispielsammlung. Ich bin mir die nächstgelegene Beispielsammlung. Ich kann sie jederzeit aufschlagen wie ein Lexikon. In der Beispielsammlung sehe ich nicht nur mich selbst. Mein Ich-Inhalt ist sehr klein, aber das habe ich bereits anderswo erzählt."
Stichwörter: Nadas, Peter

Bloomberg Businessweek (USA), 03.01.2022

Die bis dato größte Konkurrenz zu Amazon heißt Shopify. Aufgebaut hat sie der 1981 in Koblenz geborene Tobias Lütke - allerdings nicht in Deutschland, sondern in Kanada, wohin er 2002 auswanderte. Shopify ist eine Handelsplattform, die vor allem kleinen Händlern ein Refugium bietet, die sich nicht Amazon ausliefern wollen. Das klappte - auch wegen der Fehler von Amazon - exzellent, Shopify wurde das wertvollste kanadische Unternehmen. Bis jetzt. Denn jetzt ist Shopify an dem Punkt angelangt, an dem es eigene Logistik- und Verteilungszentren aufbauen und mit den selben harten Bandagen spielen müsste wie Amazon: "Shopify versprach, über einen Zeitraum von fünf Jahren eine Milliarde US-Dollar in den Ausbau des Dienstes zu investieren, und zahlte 450 Millionen US-Dollar für die Übernahme des Robotik-Start-ups 6 River Systems in Massachusetts, das die gleiche Art von Robotern herstellt, die in den Lagerhallen von Amazon eingesetzt werden. Beobachtern schien es, als sei Lütke bereit, Lagerhäuser zu kaufen, Arbeiter einzustellen und damit zu beginnen, Paletten und Pakete in der realen Welt zu bewegen. Doch dazu kam es nicht. Shopify überlässt die letzte Meile immer noch weitgehend seinen Händlern. Im Januar 2021 stellte Shopify einen Betriebsleiter von Amazon namens Nitin Kapoor ein, der das Unternehmen nach neun Monaten wieder verließ. (Kapoor lehnte eine Stellungnahme ab.) Lütke sagt, dass  Logistik 'eine harte Nuss für Byte-Firmen ist' - das heißt für Firmen, die es sich damit bequem gemacht haben, Software zu schreiben, ohne Klagen über die Verletzung von Mitarbeiterrechten oder  öffentlichkeitswirksame Gewerkschaftskampagnen fürchten zu müssen. Wenn für die Endauslieferung eine rücksichtslose Effizienz im Stil von Amazon erforderlich ist, so Lütke, 'dann glaube ich nicht, dass wir Erfolg haben werden. Wir werden es anders machen, weil wir nicht so auftreten wollen'."
Stichwörter: Shopify, Lütke, Tobias

London Review of Books (UK), 03.01.2022

Über zehn Prozent des Öls, das die großen Konzerne in Nigeria produzieren, wird abgeschöpft und in illegalen Raffinerien verarbeitet. Nach der Ermordung des Aktivisten Ken Saro-Wiwa durch das Militärregime 1995 hatte sich eine sehr disziplinierte Guerilla formiert, erzählt Adewale Maja-Pearce, die mit kalkulierten Entführungen und lokaler Ökonomie dafür sorgte, dass zumindest ein Teil der Gewinne im Nigerdelta blieb: "Doch jetzt herrscht Gesetzlosigkeit. Es gibt zahllose Berichte über bewaffnete Piraten in militärischer Tarnung, die Konvois von Flugbooten angreifen und ihre Opfer töten oder in den Mangrovensümpfen aussetzen... Die illegalen Raffinerien, die nur nach Einbruch der Dunkelheit betrieben werden, beschäftigen zwei Drittel der schätzungsweise dreitausend Einwohner der Stadt Bille und der umliegenden Gebiete. Ein Teil von ihnen arbeitet im Raffinerieprozess, erklärt der Umweltaktivist Fyneface Dumnamene Fyneface, der Rest sorgt für Unterkünfte, transportiert die fertigen Produkte oder verkauft Essen und Getränke. Die Arbeiter werden in die kleinen Buchten gebracht, wo es etwa zwanzig Raffinerien und Lager geben soll. Vor Ort werden sie mit Lebensmitteln, Alkohol, Zigaretten und Marihuana sowie mit Stiefeln versorgt, die ihnen helfen, mit dem Bitumenschlamm fertig zu werden, einem Nebenprodukt, das an Straßenbauunternehmen verkauft wird. Ein Lager, das Fyneface und seine Kunden besuchten, beschäftigt fünfzehn Männer; es wird von drei Generatoren angetrieben und produziert zwischen 80 und 150 Zweihundert-Liter-Fässer pro Tag. Ein Fass wird für etwa 60 Dollar verkauft, wovon die Arbeiter nur 2,50 Dollar erhalten, die sie zusammenlegen und am Ende einer langen Nachtschicht verteilen. Bei hundert Fässern bringt das jedem von ihnen 16 Dollar pro Tag ein, kaum ein königliches Vermögen, aber fürstlich genug in einem Land, in dem der lächerliche Mindestlohn von 30.000 nigerianischen Naira im Monat - etwa 70 Dollar - kaum eingehalten wird. Der Besitzer der Raffinerie hat seine Investition von 5.000 Dollar, die Kosten für die Einrichtung eines Lagers, schnell wieder hereingeholt."

Weiteres: Adam Phillips versucht, dem Aufgeben etwas Positives abzugewinnen. Patricia Lockwood nähert sich vorsichtig Karl Ove Knausgard. Alan Bennett erzählt sein Jahr 2021.
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The Atlantic (USA), 03.01.2022

David Brooks begeistert sich für den Konservatismus, seit er Edmund Burke gelesen hatte. Was Donald Trump aus den Republikanern gemacht hat, habe mit diesem Konservatismus jedoch nichts mehr zu tun, bedauert er und verortet sich jetzt am rechten Rand der Demokraten. In einem Essay sucht er nach den Gründen für das Umschlagen des Konservatismus in Trumpismus: "Erstens: Rasse. Konservatismus ist nur dann sinnvoll, wenn er versucht, soziale Bedingungen zu bewahren, die grundsätzlich gesund sind. Amerikas Rassenordnung ist grundlegend ungerecht. Es ist ein moralisches Verbrechen, in Rassenfragen konservativ zu sein. Die amerikanischen Konservativen haben das nie begriffen. ... Zweitens: Wirtschaft. Der Konservatismus ist im Wesentlichen eine Erklärung dafür, wie Gemeinschaften Weisheit und Tugend hervorbringen. Im späten 20. Jahrhundert werteten sowohl die Linke als auch die Rechte das befreite Individuum gegenüber der vernetzten Gemeinschaft auf. Auf der Rechten bedeutete das weniger Edmund Burke und mehr Milton Friedman. Der Schwerpunkt der Rechten verlagerte sich von Weisheit und Ethik auf Eigennutz und Wirtschaftswachstum. ... Aber der vielleicht wichtigste Grund für den Verfall des Konservatismus zum Trumpismus war geistiger Natur. Die britischen und amerikanischen Strömungen des Konservatismus basierten auf einem Fundament des nationalen Vertrauens. Sie wussten, dass es in jeder nationalen Tradition heilige Dinge gab, die es zu bewahren galt, und sie verstanden, dass sich der gesellschaftliche Wandel innerhalb der bestehenden Leitplanken des Bestehenden vollziehen musste. Im Jahr 2016 lag diese Zuversicht in Trümmern. ... Der republikanische Trumpismus plündert, erniedrigt und untergräbt Institutionen, um sich persönlich zu profilieren. Die trumpsche Sache wird durch den Hass auf den Anderen zusammengehalten." Um Amerika zu bewahren, so Brooks, "muss man den Pluralismus lieben. Solange das Ethos des Kriegers die GOP beherrscht, wird Brutalität über Wohlwollen, Propaganda über Diskurs, Konfrontation über Konservatismus, Entmenschlichung über Würde gestellt. Eine Bewegung, die Viktor Orbáns Ungarn mehr zugetan ist als dem Central Park in New York, ist weder konservativ noch amerikanisch."

Außerdem: Anne Applebaum empfiehlt dringend zwei Bücher zur Lektüre, die sich mit Geldwäsche und Korruption in den USA befassen: Casey Michels "American Kleptocracy" und Tom Burgis' "Kleptopia". Für Journalisten ist das ein verdammt undankbares Thema, erinnert sie die Leser, die bei der etwas trockenen Lektüre zu schnell aufzugeben drohen: "Es ist eine große Herausforderung, ein umfassendes Bild der Korruption zu vermitteln, von den Anfängen eines Systems bis zu seinen langfristigen Auswirkungen. 'American Kleptocracy' und 'Kleptopia' erforderten jahrelange sorgfältige Berichterstattung; beide wiederum erfordern Konzentration beim Lesen."
Archiv: The Atlantic

Lidove noviny (Tschechien), 26.12.2021

Mit dreiundneunzig Jahren ist vergangene Woche der tschechische Lyriker, Journalist und Übersetzer Karel Šiktanc gestorben, "einer der Letzten (neben Milan Kundera oder Pavel Kohout), der sowohl die Erste Republik als auch den Zweiten Weltkrieg, den Stalinismus, die gesellschaftskulturelle Lockerung der sechziger Jahre, zwei Jahrzehnte der 'Normalisierung' und drei Jahrzehnte der Nachwende-Freiheit erlebt hat", wie Radim Kopáč in seinem Nachruf schreibt, "einfach all diese Purzelbäume, Hochs und Tiefs der tschechischen Geschichte." Die Sprache mit all ihren feinen Nuancen und Facetten habe in seinen Texten immer die Hauptrolle gespielt. "Er schrieb sich durch sie näher an die Realität heran", war dabei kein spontaner Dichter, der einer plötzlichen Stimmung folgte, sondern "feilte, schrieb um, schliff und schrieb wieder um". Dabei hatte er zunächst als "naiver Sänger auf einer stalinistischen Note begonnen". Seine Lyrik von Anfang der fünfziger Jahre, so Kopáč, zeugt von seiner persönlichen Begeisterung für den kollektiven Wahn, dessen Schattenseite Hunderte und Tausende Tote verzeichnete. Die Ernüchterung und allmähliche Wandlung folgten in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre. Šiktanc war Mitbegründer der Gruppe Květen, die sich der Alltagspoesie verschrieb, und wurde schließlich Samizdat-Autor. Immer spielte bei ihm das Bewusstsein eine Rolle, "dass die Sprache Gedächtnis ist und das Gedächtnis Identität - und ohne Identität der Mensch tot ist."

Intercept (USA), 01.01.2022

Impfpass, schön und gut. Judith Levine, geimpft und geboostert, freut sich natürlich über die Möglichkeiten, die der Impfpass ihr offeriert. Gleichzeitig ist ihr äußerst unwohl bei dem Gedanken, dass ihre Biodaten vom Staat gespeichert werden: "Biodaten können dem öffentlichen Wohl dienen - oder sie können Eugenikern Munition liefern oder der Staatsanwaltschaft Beweise für einen HIV-Positiven liefern, der es versäumt hat, einen Liebhaber über seinen Serostatus zu informieren, was in einigen Bundesstaaten eine Straftat darstellt. Im biopolitischen Staat gibt es keine klare Linie zwischen gutartiger und bösartiger Überwachung. ... Die Überwachungstechnologien des Krieges gegen die Ansteckung sind ein Erbe des Krieges gegen den Terror, und die Software ist mit derselben Ewig-Kriegs-Mentalität kodiert: Beide bekämpfen eher das Risiko als die tatsächliche Bedrohung. Wenn der Feind so vielgestaltig ist wie Selbstmordattentäter und Viren, ist die Risikoberechnung leicht zu manipulieren und oft subjektiv. ... Das in Statistiken gehüllte Risiko ist ein Gespenst im Anzug. Es beginnt, einer Person zu ähneln. Wer ist der Terrorist? Wer ist der Covid-Träger? Zu den Widersprüchen der Pandemie gehört, dass die kollektive Sicherheit Ehrlichkeit und gegenseitiges Vertrauen erfordert, doch der Ausdruck dieses Vertrauens ist wachsames gegenseitiges Misstrauen. Am besten ist es, alle zu fürchten. Der Impfpass scheint dieses Problem zu lösen, indem er das Misstrauen durch Gewissheit ersetzt. Aber indem er die Geimpften zulässt und die Ungeimpften ausweist, trennt er auch die guten Biobürger von den Geächteten. Die Rhetorik der Ansteckung hat lange Zeit Fremdenfeindlichkeit mobilisiert und rassistische und eugenische Staatsbürgerschafts- und Einwanderungspolitiken legitimiert (man denke an Donald Trumps 'chinesischen Virus'). Der Historiker Alan M. Kraut von der American University bezeichnet dies als 'medizinisierten Nativismus'."
Archiv: Intercept

VAN (Deutschland), 22.12.2021

Für VAN hat Stefan Siegert den Komponisten Heiner Goebbels zu einem ausführlichen Werkstattgespräch in seiner großen, lichten Wohnung - "ich muss stehen bei der Arbeit und herumlaufen, das heißt, mein Körper muss mitarbeiten", erzählt Goebbels - besucht. Unter anderem geht es um sein Problem mit "Zentralität", das ihn zuletzt auch vom Besuch von Konzerten abgehalten hat. Diese verenge "die Aufmerksamkeit der Wahrnehmung". Für seine neue Arbeit "House of Call" suchte er "nach dezentralen Strukturen, nach Möglichkeiten, das naheliegende Zentrum leer zu lassen, nach vielstimmigen Perspektiven." Eine zentrale Position begünstige "eine totalitäre Richtung, die ein solches Konzert mit großem Orchester nolens volens vorgibt. ... Ich habe deswegen das Orchester um neunzig Grad gedreht, hatte bis zur Generalprobe aber riesige Zweifel, ob das funktioniert", nämlich vor allem "hinsichtlich der Akustik und der Kommunikation zwischen den Orchestermusikern. Aber ein Gräuel für mich wäre auch, wenn das jemand für einen 'Regieeinfall' halten könnte. Solche Einfälle, die keinen anderen Grund haben als aufzufallen, sind für mich das Erbärmlichste, was man auf die Bühne bringen kann." Doch "es funktioniert nicht nur akustisch und musikalisch, da ich durch die Mikrophonierung und Verstärkung der Instrumente dem Ton die gewünschte Richtung geben kann. Ich habe auch selbst sofort genossen, dem Dirigenten wie den Musikern bei der Arbeit zuzuschauen. Dadurch, dass der Dirigent jetzt rechts außen am Bühnenrand steht, schaue ich in die Orchesterarbeit quasi von der Seite hinein, wie in ein Labor. ... Man hat als Zuschauer die Freiheit herumzuschauen - was leichter fällt, da es kein Zentrum mehr gibt. Ich war sehr erleichtert über die Transparenz, die die Orchesterarbeit dann bekommt, vor allem vor dem Hintergrund, dass meine Komposition sich ja nicht in erster Linie ans Publikum richtet, sondern das Orchester den zugespielten 'Stimmen' antwortet." Ein kleiner Einblick:

Archiv: VAN
Stichwörter: Goebbels, Heiner

Quillette (USA), 29.12.2021

Am 26. Dezember 2021 starb der Biologe Edward O. Wilson im Alter von 92 Jahren. In einem Interview aus dem Jahr 2009 erzählt er, wie 1978 auf offener Bühne ein Krug Wasser über ihm ausgegossen wurde - schon damals war die "Idee einer biologischen Natur des Menschen den Demonstranten zuwider, tatsächlich war sie zu jener Zeit für viele Menschen zu radikal - wahrscheinlich für die meisten Sozialwissenschaftler und sicherlich für viele auf der äußersten Linken", erzählt Wilson, der seine Sozialbiologie immer wieder gegen Rassismusvorwürfe verteidigen musste, im wieder aufgelegten Interview mit Alice Dreger. "Wissen Sie, wenn wir eine ehrliche Biologie gehabt hätten, die streng als Wissenschaft angesehen worden wäre, hätten wir wahrscheinlich - das ist natürlich ein unmögliches Szenario - nicht den Pseudo-Rassismus und die mörderische Ideologie der Nazis gehabt. Aber sie war nicht als Wissenschaft geschützt, auch nicht in diesem Land. Das ist etwas, worüber die radikale Linke selten nachgedacht hat. Die Roten Khmer haben die Vorstellung der extremen Linken aufgegriffen, wonach der menschliche Geist so geformt werden kann, dass er in das perfekte System passt. Was man in Kambodscha also tun musste, war, die Menschen aus den 'bösen' Städten herauszuholen und sie in Kommunen zu stecken und all diejenigen loszuwerden, die auf die 'falsche Weise' programmiert waren, um ein neues Paradies zu schaffen. Auf der einen Seite gibt es also die Idee der rassischen Reinheit eines arischen Volkes, bei der es nur um Biologie geht. Und auf der anderen Seite die Vorstellung von der kulturellen Reinheit einer radikalen Reformgesellschaft. Das sind die beiden Extreme, und viele Menschen haben unter ihnen gelitten. Sie basierten beide auf schlechter Wissenschaft. Ich vermute, dass es immer noch Nachklänge oder Nachbeben dieser Denkweisen gibt. ... Wir haben steinzeitliche Gefühle, mittelalterliche Institutionen und gottgleiche Technologie. Das ist ein Riesenproblem! Solange wir nicht verstehen oder gar akzeptieren, dass unsere Emotionen paläolithisch sind und eine evolutionäre Grundlage haben, werden wir nicht das Gleichgewicht halten und die richtigen Dinge tun können."
Archiv: Quillette

Merkur (Deutschland), 04.01.2022

Andreas Dorschel überlegt, warum sich heute eine Basisgruppe für das Studierendenparlament allein mit den Behauptungen empfiehlt, sie sei "antirassistisch, antifaschistisch, antiableistisch, antisexistisch, (queer-)feministisch, antiheteronormativ, klimagerecht, kapitalismuskritisch und emanzipatorisch". Warum, fragt er, steht denn die Gesinnung auf einmal wieder so hoch im Kurs? "Ziele, Zwecke, praktische Vorteile, Interessen, der Verweis auf Erreichtes oder auf bestimmte Missgriffe derer, die bisher die Positionen innehatten - nichts davon wäre ohne Weiteres mit einer Gesinnung gleichzusetzen. Im Vergleich des einen mit dem anderen erscheint die Emphase der Gesinnung als Position des Rückzugs. Denn die Gesinnung hält sich nach Max Weber grundsätzlich für unbelangbar, was den Erfolg von Handlungen angeht. Weder lässt sich an der Gesinnung der Erfolg ablesen, noch am Erfolg die Gesinnung. Zur Frage des Erfolgs hat die Gesinnung vornehmlich eine Auskunft parat: Alles würde gut werden, wenn jeder und jede die richtige Gesinnung hätte, zum Beispiel, wenn es auf Erden keine Rassisten mehr gäbe. Die Gesinnung feiert Triumphe im Konjunktiv."

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat mit seiner Deutung einer krisenhaften Mittelschichtsgesellschaft großen Einfluss gewonnen. Reckwitz zufolge spaltet sich die Mittelschicht in eine alte, die von Facharbeit und Nationalstaat geprägt ist, sowie eine neue, die - von Universität und kosmopolitischem Lebensstil geprägt - kulturell den Ton angibt. Nils C. Kumkar und Uwe Schimank finden Reckwitz' Theorie schon deshalb suspekt, weil sie so viel Anklang findet. Und auch seine unrevolutionären Lösungsvorschläge behagen ihnen nicht: "Es geht um die politische Re-Regulierung eines aus dem Ruder gelaufenen kulturellen und ökonomischen Liberalismus. Etwas konkreter heißt das etwa, es bedürfe eines 'neuen Gesellschaftsvertrags', der die Menschen nicht länger in Erfolgreiche und Versager unterteilt, sondern 'die gesellschaftliche Notwendigkeit gleichermaßen aller Tätigkeiten prinzipiell anerkennt'. Auch die staatliche Bereitstellung vieler Infrastrukturen - nach einer Ökonomisierungs- und Privatisierungspolitik - müsse revitalisiert werden, und angesichts des Ausmaßes kultureller Heterogenität müsse eine 'Arbeit an kulturellen Grundwerten und einer von allen geteilten kulturellen Praxis' geleistet werden. Es ist nicht so, dass Reckwitz sich diese Aufgaben einfach vorstellt - aber dennoch in der entscheidenden Frage, wer denn die Koalition der Träger dieser Re-Regulierung sein könnte, viel zu einfach, wenn er die 'Chance' erblickt, dass es einen 'aufgeklärten und selbstkritischen Teil' der 'neuen Mittelklasse' gibt, mit dem sich 'Teile der alten Mittelklasse sowie der prekären Klasse' verbünden könnten. Genauer wird er nicht, und hätte er es versucht, wäre ihm sicher selbst aufgefallen, dass ein solcher 'historischer Kompromiss' ein Luftschloss ist. Ganz abgesehen davon, dass Reckwitz hier nur der 'neuen Mittelklasse' die Fähigkeit zur Selbstkritik zuspricht, während die anderen beiden Klassen offenbar - drastisch formuliert - so tumb, wie sie sind, genommen werden müssen (ein Angehöriger der 'alten Mittelklasse' müsste hier berechtigterweise einwenden: Noch in der Selbstkritik überheblich!)."
Archiv: Merkur

New York Times (USA), 27.12.2021

Rafil Kroll-Zaidi erzählt die sehr amerikanische Geschichte der CeCe Moore, die ihre Karriere als Musical-Sängerin und Barbie-Darstellerin begann und dann autodidaktisch zur führenden Expertin für die Identifizierung von Menschen per DNA rekonvertierte. "Roots" sind bekanntlich eine amerikanische Obsession, und Moore hat eine Menge Eltern adoptierter Kinder und verschollene Geschwister ausfindig machen können. Sie hat aber auch als erste einen Mörder durch DNA-Checks entfernter Verwandter identifiziert, die sie in Datenbänken mit DNA-Informationen gefunden hatte. Gesucht wurde der Mörder einer Frau namens Barbara Tucker - ein Fall aus dem Jahr 1987. "Der Verdächtige musste zu den sieben Enkeln eines alleinstehenden Paares gehören, und sie stellte fest, dass einer von ihnen eine schwierige Kindheit hinter sich und wegen Entführung im Gefängnis gesessen hatte. Es handelte sich um Robert Plympton, einen Wildführer, der Angelausflüge am Sandy River in Oregon leitete. Plympton, der inzwischen verheiratet war und einen Sohn hatte, war zum Zeitpunkt von Tuckers Tod ein athletisch gebauter 16-Jähriger und lebte weniger als zwei Meilen von der Stelle entfernt, an der sie getötet wurde." Der Prozess, der zu einer solchen Identifizierung führte, ist komplex: "Eine einzelne Übereinstimmung ist im Grunde unbrauchbar (es sei denn, sie steht dem Verdächtigen genetisch sehr nahe); zwei Übereinstimmungen, die nicht auf einander bezogen sind, ermöglichen die notwendige Triangulation; ein besseres, aber komplexeres Szenario, so Moore, ist es, mehrere Übereinstimmungen zu haben, die eine Verwandtschaft indizieren, aber nicht mit den anderen Übereinstimmungen - nur mit der Zielperson. Dann dienen alle Beziehungen als Gegenkontrollen." Diese neuen Methoden werfen natürlich auch neue datenschutzrechtliche Fragen auf, die Kroll-Zaidi in ihrem epischen Artikel ebenfalls erläutert.
Stichwörter: DNA, Dna-Analysen