Magazinrundschau - Archiv

A2larm

10 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - A2larm

Das Magazin A2 veröffentlicht in diesem Sommer ein interessantes dickes Doppelheft zum Thema "Slawen", in dem laut Editorial die Kritik an "aufgeblähtem und gehässig identitärem Slawentum" überwiege, "wir aber auch die inspirierenden Momente und emanzipativen Aspekte nicht vernachlässigen wollen". Leider sind die meisten Artikel kostenpflichtig verlinkt, aber das kooperierende Nachrichtenportal A2larm.cz schaltet einen Beitrag des Historikers Jakub Rákosník frei, der einen historischen Überblick über das Verhältnis der Tschechen zum Slawentum bietet. Die meisten Tschechen seien von der Grundschule an von den "Alten böhmischen Sagen" des Schriftstellers Alois Jirásek beeinflusst und hätten eher nicht im Kopf, dass das "Slawentum" eigentlich im 18. Jahrhundert von Johann Gottfried Herder "erfunden" wurde, ausgerechnet einem Deutscher. Schon vorher habe man natürlich in der Wissenschaft den Zusammenhang zwischen den slawischen Sprachen gesehen. Im 19. Jahrhundert sei für die slawischen Länder an den Grenzen des Habsburger Reiches der austroslawistische Gedanke eher attraktiver gewesen als ein panslawistisches Konzept. Eine Annäherung ans großrussische Imperium habe sich, so Rákosník, immer nur in Notsituationen als Verteidigungstaktik gegen Deutschtum oder Austriazismus ergeben. Entsprechend in den beiden Weltkriegen: "Die kleineren slawischen Nationen Mitteleuropas wurden aus Angst vor den Folgen des deutschen Expansionismus in die russischen/sowjetischen Arme getrieben." Für einen Panslawismus sieht Rákosník auch heute keine Grundlage: "In der Pluralität der Identifikationen, die sich den Tschechen historisch anbieten, spielt das Slawentum auch weiterhin nur eine marginale Rolle. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sich das in naher Zukunft ändert. (…) Die heutigen Versuche, die slawische Karte gegen die europäische Integration auszuspielen, bewegen sich an der Grenze zur politischen Marginalität und bieten höchstens für Fernsehkameras eine gewisse attraktive Extravaganz."

Magazinrundschau vom 04.05.2021 - A2larm

Auch Tschechien hat seine identitätspolitischen Debatten: Radek Banga, auch als Rapper Gipsy.cz bekannt und beliebt, hat ein Buch über seine Roma-Kindheit geschrieben, die von Armut und häuslicher Gewalt geprägt war. ("Mir ein Tablett nehmen zu können und durch die Durchreiche Essen und Trinken zu bekommen, war der Höhepunkt meines Lebens", beschreibt er zum Beispiel den Moment, als er sich für sein erstes erjobbtes Geld endlich eine Mahlzeit in der Schulkantine leisten konnte.) Auch den Mythos vom familiären Zusammenhalt in Romafamilien kratzt er an. Viele - freilich nicht alle - Familien würde ihre Kinder nur finanziell ausnutzen. Die Veröffentlichung seines Buchs hat deshalb großen Gegenwind hervorgerufen: Kritiker meinen, es zementiere die Vorurteile gegen Sinti und Roma und würde Populisten und Rassisten in die Hände spielen. Lucie Jarkovkská verteidigt das Buch und betont, dass es keine soziologische Studie, sondern ein persönlicher Bericht sei. "Bangas Lebensbeichte ist stark darin, dass es ihm gelingt, über den eigenen gewalttätigen Vater mit Verständnis zu reden. Es zeigt, dass es möglich ist, aus der Gewaltspirale auszusteigen, Grenzen zu setzen, das Schlechte zu benennen, aber auch es zu verstehen." Wenn Banga seinen Vater zwar nicht von Alkohol und Aggressivität loseisen konnte, brachte er ihn doch dazu, über die eigene Kindheit zu reden: Bangas Vater wurde als Kind mit einer Schaufel auf den Kopf geschlagen. Für ihn war es schon ein Sieg, bei seinen eigenen Kindern nicht so weit zu gehen. Radek Banga war mit seinem Romano-Hiphop bisher der "Vorzeigezigeuner aus dem Fernsehen", jetzt hat er ein schmerzvolles Kapitel aufgeschlagen, das neben den gesamtgesellschaftlichen Problemen auch die Selbstreflexion innerhalb der Community berührt. Lucie Jarkovkská meint, mehr noch als ein erfolgreicher Roma-Musiker sei gerade diese Debatte ein Zeichen von Emanzipation.

Eine Kostprobe von dem Musiker Gipsy.cz? Hier das von John Travolta inspirierte "Zigulik":

Magazinrundschau vom 30.03.2021 - A2larm

Vergangene Woche starb in Prag die slowakisch-tschechische Chansonsängerin Hana Hegerová, die besonders in den sechziger Jahren internationale Erfolge feierte. In ihrem Nachruf erzählt Tereza Stejskalová, dass in ihrer Familie bereits die vierte Generation Hegerovás Lieder höre, was vermutlich an ihrer Glaubwürdigkeit liege. "Die Protagonistinnen in Hegerovás Liedern waren keine erfolgreichen, fähigen Personen, sondern meistens Verliererinnen." Mit einer Mischung aus tragischem Pathos und Witz habe Hegerová auch "dunklere, kompliziertere und widersprüchlichere Seiten von Weiblichkeit" gezeigt, und auch ihre leicht androgyne Erscheinung habe den allgemeinen Weiblichkeitsstereotypen widersprochen. Stejskalová selbst habe als junges Mädchen in den neunziger Jahren mit der Musik der fünfzig Jahre Älteren dem herrschenden Selbstoptimierungsdruck, "dem Jugendkult und den nicht allzu inklusiven Vorstellungen von weiblicher Schönheit" getrotzt.

Hier singt sie noch einmal:


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Stichwörter: Hegerova, Hana, Chanson

Magazinrundschau vom 02.02.2021 - A2larm

Veronika Pehe erinnert daran, dass im Jahr 1963 im polnischen Wrocław (Breslau) eine hoch ansteckende und tödliche Pockenepidemie ausbrach. Der "Patient Null" hatte sich in Indien infiziert, und nach seiner Rückkehr breitete sich das Virus sofort aus. Damals habe die WHO prognostiziert, die Epidemie werde zwei Jahre dauern und rund zweitausend Todesopfer fordern. Dass Polen die Ausbreitung stattdessen innerhalb von drei Monaten nach 99 Infektionen und 7 Todesopfern stoppen konnte, habe zum einen natürlich damit zu tun, dass bereits Impfstoffe zur Verfügung standen (es wurden sofort Vakzine nachproduziert und aus der UdSSR und Ungarn angefordert), zum anderen mit den "Möglichkeiten" eines autoritären kommunistischen Staates. "Zuerst noch nicht verpflichtend, mussten sich ab dem 1. August 1963 alle Einwohner von Wrocław und Umgebung zur Impfung einfinden." Außer in Arztpraxen wurden Impfstationen an den Arbeitsstätten und zum Beispiel am Hauptbahnhof eingerichtet. "Im Vergleich zu heute waren die Schutzvorkehrungen primitiv - die Ärzte hatten Handschuhe, Schutzbrille und Stoffmasken an, das war alles. (…) Natürlich gab es auch damals Leute, die sich gegen die Impfung sträubten. In manchen Dörfern versperrten mit Heugabeln bewaffnete Einwohner den Ambulanzen den Weg. Bei Verweigerung der Pflichtimpfung drohten hohen Geldstrafen. Wenn sich ein Impfverweigerer angesteckt hatte und damit die öffentliche Gesundheit bedrohte, stand ihm ein strafrechtliches Verfahren mit bis zu fünfzehn Jahren Haft bevor. Diese Strafen wurden auch tatsächlich durchgesetzt, die Namen der Personen, die ein Bußgeld zahlen mussten, in der lokalen Presse veröffentlicht." Quarantänen mussten in streng bewachten sogenannten "Isolatorien" vollzogen werden. Auch dieser Pflichtunterkunft versuchten nicht wenige zu entgehen. "Sie versuchten über den Zaun zu fliehen oder sie rebellierten - manchmal gar mit Messern bewaffnet - gegen die schlechte Verköstigung." Um sich aus der Stadt ein- oder herauszubewegen oder um den öffentlichen Verkehr zu benutzen, benötigte man eine Impfbescheinigung - woraus sich schnell ein Schwarzmarkt für diese Dokumente entwickelte, die man - so ging das Gerücht - auch bei Angestellten der öffentlichen Toiletten erwerben konnte. Trotz dieser nicht wenigen Widerstände habe Polen damals in kurzer Zeit 8,5 Millionen Menschen impfen und die Epidemie besiegen können.

Magazinrundschau vom 24.11.2020 - A2larm

Seit einem Monat, seit dem Beschluss des Verfassungsgericht über ein verschärftes Abtreibungsverbot, finden in Polen die größten gesellschaftlichen Proteste seit 1989 statt, und zwar nicht nur in den Großstädten, sondern auch in der Provinz. Die Soziologin Ludmiła Władyniak spricht in ihrem Beitrag von einem nie gesehenen Werteaufruhr. "Die katholische Kirche als traditioneller Hauptakteur des polnischen öffentlichen Lebens verliert allmählich ihren Einfluss auf die Gesellschaft." Ihre Position werde schwächer, auch durch die sich mehrenden Berichte Betroffener, die in ihrer Kindheit von Kirchenmännern sexuell missbraucht wurden. "Eine nicht geringe Rolle spielt dabei eine kürzlich ausgestrahlte Fernsehdokumentation, die die Ohnmacht der staatlichen Verwaltung in Polen gegenüber der Kirche aufzeigte. Ganz Polen erfuhr dadurch, dass der engste Mitarbeiter des Papstes Johannes Paul II., sein persönlicher Sekretär, der emeritierte Krakauer Erzbischof und Kardinal Stanisław Dziwisz, aktiv an der Vertuschung von Pädophiliefällen beteiligt war. Die Sendung hat eine große und in Polen bisher nie dagewesene Debatte über den Beitrag Johannes Pauls II. zur Herausbildung und Bewahrung solcher pathologischer Mechanismen innerhalb der katholischen Kirche losgetreten." Vergangenen Mittwochabend nun habe die Regierung eine Grenze überschritten, so Ludmiła Władyniak, als die Polizei in den Warschauer Straßen eine völlig unangemessene physische und verbale Agressivät gegen die Demonstranten bewies, Tränengas anwendete und Provokateure unter die Protestierenden schleuste. "Dass es sich um einen Krieg handelt, daran zweifelt wohl keine der beiden Seiten mehr. Die Regierungspartei versinkt immer mehr im Pandemiechaos und der Werteverunsicherung, die mit dem moralischen Fall der katholischen Kirche einhergeht, und ihre Politik bricht zusammen wie ein Kartenhaus. Zu einer Zeit, in der ihr immer öfter die Unfähigkeit zu regieren vorgeworfen wird, hat sie beschlossen, die verbale Gewalt, mit der sie bislang die Gesellschaft unterfüttert hat, in reale Gewalt umzuschmieden. Als hätte sie den letzten Respekt vor der Bevölkerung verloren, die ihr das demokratische Mandat zum Regieren verlieh."

Magazinrundschau vom 29.09.2020 - A2larm

Das Magazin A2 widmet sein aktuelles Themenheft der dieses Jahr verstorbenen polnischen Literaturwissenschaftlerin, Pädagogin, Feministin und Autorin Maria Janion. Einen der Beiträge - der Polonistin Anna Pekaniec - dürfen wir im dazugehörigen tagesjournalistischen Portal A2larm.cz freigeschaltet lesen: Pekaniec betont, dass das Erzählen für Maria Janion die Basis aller Humanwissenschaften gewesen sei. "In ihrem Verständnis handelte es sich um ein kritisches und engagiertes Erzählen. Es wundert deshalb nicht, dass ihre Analysen sich auf Geschichten konzentrierten, die Stereotypen erschaffen oder abbilden, Missstände aufzeigen, stigmatisieren oder Mechanismen der Gewalt offenbaren. (…) Die kritische Aufmerksamkeit, das ständiges Anzweifeln, Fragenaufwerfen, der Widerspruch, der Argwohn, die Fähigkeit, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, die persönliche intellektuelle Rastlosigkeit gehören zu den wertvollsten Zügen der literaturwissenschaftlichen und literaturhistorischen Essayistik Maria Janions. Die Wissenschaftlerin hat immer wieder betont, dass die Vergangenheit eine unumgängliche Bedeutung für die Gegenwart besitze, da sie den gegenwärtigen Moment stärker prägt, als uns bewusst ist. (…) Sie war nicht nur Literaturhistorikerin, sondern auch Ideenhistorikerin. Sie wusste gut, dass Literatur in Verbindung mit vielen anderen Texten entsteht, dass sie Elemente aus der Philosophie in sich birgt und über die jeweilige Epoche, Gesellschaft und ihre Künstler Auskunft gibt." Pekaniec schätzt auch das emanzipative Potenzial von Janions Forschungen. Ihre Analysen von Frauen- und Weiblichkeitsmythen hätten aufgezeigt, dass es sich um Konstrukte handelte, die transformierbar seien.
Stichwörter: Janion, Maria

Magazinrundschau vom 21.07.2020 - A2larm

Ondřej Bělíček bespricht mit dem polnischen Architekturhistoriker Łukasz Stanek dessen Buch über sozialistische Architektur in der Dritten Welt und erfährt dabei, dass die Globalisierung, die wir meistens eher mit dem Kapitalismus verbinden, während des Kalten Krieges auf vielfältige Weise auch über die kommunistischen Ostblockstaaten stattfand. Die Motive dafür reichten von internationaler Zusammenarbeit über Antiimperialismus bis zur wissenschaftlich-technischen Entwicklung. Es habe sich nicht einfach um eine Fortführung des Kalten Krieges auf erweitertem Terrain gehandelt, bei dem sich afrikanische, arabische oder asiatische Länder entweder für die Abhängigkeit vom Westen oder die vom Osten entschieden, sondern die betreffenden Länder hätten zum Teil sehr gezielt zwischen kapitalistischen und kommunistischen Ländern ausgewählt. "Die nigerianischen Eliten zum Beispiel waren dem Sozialismus feindlich gesinnt", so Stanek, "und luden osteuropäische Architekten und Baufirmen eher deshalb ein, weil sie ein Gegengewicht zum dominanten westlichen Einfluss auf die Entwicklung ihres Landes suchten. (…) Eine ähnliche Motivation finden wir seit Ende der 70er-Jahre auch im Irak oder in den Ländern am Persischen Golf." Auch die gängige Vorstellung von sowjetischer Architektur als schwerfällig, uniform und standardisiert lasse sich nicht ohne Weiteres belegen: "Die Anpassung der Gebäude an die geografischen Gegebenheiten war im Gegenteil ein zentrales Anliegen der sowjetischen Architekten." Für osteuropäische Architekten seien Projekte in Nordafrika und Nahem Osten auch deshalb attraktiv gewesen, weil sie sich dort nicht nur mit der dortigen Baukultur vertraut machen, sondern auch einiges über architektonische Entwicklungen in Westeuropa und Amerika in Erfahrungen bringen, deren Technik und Materialien kennenlernen konnten. "Etliche Architekten, mit denen ich gesprochen habe, erzählten mir, sie hätten damals mit Spannung verfolgt, was die großen amerikanischen Firmen in Bagdad, Kuwait oder Abu Dhabi planten und errichteten." Der Ostblock habe in der Dritten Welt keineswegs einheitlich agiert, die einzelnen sozialistischen Länder standen dort in Konkurrenz zueinander. Stanek zitiert einen ghanaischen Architekten, der damals mit Architekten aus Bulgarien, Ungarn, Polen und Jugoslawien in Accra zusammengearbeitet habe. "Er sagte mir, er erinnere es so gut, weil er es damals zum ersten und zum letzten Mal erlebt habe, dass ein weißer Mann in Ghana einen afrikanischen Chef hatte."

Magazinrundschau vom 05.05.2020 - A2larm

Der tschechische Journalist Jan Mareš sieht die deutsche Praxis der Erntehilfe in Coronazeiten höchst kritisch. Es hätten sich viele deutsche Studenten, Freiwillige und derzeit Arbeitslose als Erntehelfer angeboten, an denen die Landwirte jedoch ein auffällig geringes Interesse gezeigt hätten. "Die Spargelernte etwa, so heißt es, sei besonders anspruchsvoll, und Studenten hätten angeblich zu wenig Lust und Zeit, um sich anlernen zu lassen. Der deutsche 'Michel' ist anscheinend zu verweichlicht und zu wenig an harte Arbeit gewöhnt. Dagegen sind Alexandru und Andreea aus Rumänien ja bereits angelernt, nicht so verwöhnt und vor allem bereit, zehn oder auch zwölf Stunden sechs oder sieben Tage die Woche auf dem Feld zu arbeiten. (…) Wie sich aber in der letzten Tagen in Deutschland zeigt, hatte die Scheu der Landwirte vor inländischen Arbeitern auch einen anderen Grund. Viele von ihnen betreiben nämlich seit Langem ein System, das in etlichem an die guten alten Zeiten des Feudalismus und der Fronarbeit erinnert. Und ganz offensichtlich wäre es ihnen nicht recht, wenn von diesen Praktiken auch eine breitere Öffentlichkeit erfährt." Von "strengen hygienischen Maßnahmen" etwa könne kaum eine Rede sein, so Mareš. Die Erntehelfer würden etwa in einem überfülltem Bus zum Feld gebracht oder einem Viehanhänger, in den bis zu 70 Leuten passten. "Die Anweisung, dass die Arbeiter die ersten 14 Tage in Quarantäne verbringen müssen, wird von den Landwirten so interpretiert, dass sie die Helfer zu dritt in Wohncontainern unterbringen, für die die Osteuropäer noch zahlen müssen. Auf dem Bauernhof können sie Lebensmittel und andere nötige Dinge kaufen, die sind allerdings manchmal dreifach so teuer wie im nächsten Supermarkt. Dorthin dürfen die Arbeitskräfte jedoch nicht - wegen der Quarantäne. Auch diese Praktik kennen wir von woanders: aus den Zeiten des Frondienstes, wo die Untertanen Waren nur von ihrem Herrscher kaufen durften." Ob solche feudalen Praktiken auch in Tschechien existieren, ist Mareš bisher nicht bekannt, und er schließt: "Hoffen wir, dass wir mit den Ukrainern bei uns besser umgehen als die Deutschen mit den Rumänen."

Magazinrundschau vom 17.03.2020 - A2larm

Der tschechische Publizist Stanislav Biler vergleicht den Aktivismus angesichts von Corona mit dem angesichts des Klimawandels: Zwar hinke der Vergleich, denn "vor dem Klima kann man nirgendwohin fliehen. Da lassen sich keine Grenzen schließen oder eine lokale Quarantäne ausrufen. Das Klima ist selbst krank, und unser Verhalten ist die Quelle der Ansteckung." Erstaunlich seien jedoch die Unterschiede in der Reaktion. Während die nötigen Maßnahmen zur Heilung des Planeten ignoriert würden, werde diese Krankheitswelle mit tödlichem Ernst behandelt. "Lange erschien es unmöglich, Politiker und Businessleute - wer immer hier wen regiert - zu irgendeiner relevanten Aktion in Sachen Klimaschutz zu bewegen. Das wurde als unvorstellbar, unmöglich und zu teuer empfunden. Es war, als mangelte es all diesen mächtigen und wütenden alten Männern an grundlegender Empathie, Urteilsfähigkeit und Vorstellungskraft. Was aber Rekordsommerhitzen, Urwaldbrände oder bei uns der Borkenkäfer nicht vermochten, hat nun ein unsichtbarer Virus geschafft. Auf einmal ist alle Macht auf die Seite der Imagination gewechselt." Natürlich seien die derzeitigen Vorsorgemaßnahmen in Ordnung, zumal wenn Menschenleben bedroht seien. "Doch wenn die Krankheitswelle abebbt und der Virus aus dem öffentlichen Raum verschwindet, müssen wir mit Nachdruck an eine andere globale Epidemie erinnern, die die Zukunft der gegenwärtigen Zivilisation und der weiteren Generationen bedroht. In einem Augenblick, indem es möglich ist, den Lauf der Welt anzuhalten, eine Stadt oder ein ganzes Land in Quarantäne zu schließen (…) zeigt sich, dass alles auf dieser Welt möglich ist. Also auch, sich dem globalen Klimwandel zu stellen und reelle Vorkehrungen zu einem bisher unvorstellbaren Preis zu treffen."

Magazinrundschau vom 03.03.2020 - A2larm

Nachdem in der Slowakei soeben der (durch die Ermordung des Journalisten Ján Kuciak schwer belastete) Premier Robert Fico abgewählt wurde und der Oppositionspolitiker Igor Matovič mit seiner Mitte-Rechts-Partei OľaNO den Wahlsieg eingefahren hat, hat das tschechische Online-Magazin A2larm verschiedene slowakische Persönlichkeiten zu einer Einschätzung der Lage gebeten: Alena Krempaská vom Institut für Menschenrechte interpretiert die Wahl als deutliche Protestwahl gegen die Abgründe der vorherigen Korruptionspolitik. Eine schlechte Nachricht sei sie jedoch für die Belange von Frauen- und LGBT-Rechte, denn die Siegerpartei werde "starke, ultrakatholische Elemente ins Parlament bringen. Doch das bürgerliche Engagement wird sich nicht auf Wahlen alle vier Jahren beschränken, es wird sich weiterhin organisieren und die amtierende Regierung zu einer einigermaßen anständigen Politik zwingen." Die Regisseurin Tereza Nvotová meint: "Bei diesen Wahlen hat sich gezeigt, die Slowakei muss erst einmal aufarbeiten, dass sie ein mafiöser Staat geworden ist. Es gilt die Grundelemente des Staates zu reinigen - Polizei, Justiz und die Politik an sich. Ich glaube, die Menschen werden sich erst dann freiheitlicheren Fragen zuwenden, wenn sie sich zu Hause sicher fühlen. Psychologisch ergibt das Sinn: Die Leute klammern sich an konservativere Werte, wenn sie sich bedroht fühlen - und in den Regionen ist das tatsächlich so." Der Philosoph Robert Mihály hat sehr gemischte Gefühle: "Sieger sind der egomanische Marketingmensch Matovič gemeinsam mit religiösen Hardcore-Fundamentalisten, die ihre heilige Wallfahrt quer durch die Instituionen fortsetzen. Wichtigster Partner dieses Wandels wird der Millionär Kollár sein, dessen Vorbilder Salvini und Marine Le Pen sind." Mihály befürchtet eine generelle Zunahme des ultrakonservativen Diskurses in der Gesellschaft, in dem der Begriff "Liberaler" bereits zu einem Schimpfwort geworden ist. Die Architektin Milota Sidorová hat bei dem Wahlergebnis frappiert,  wie "anarchistisch und antisystemisch" ein großer Teil der Bevölkerung denkt, und schließt das unter anderem aus der geringen Unterstützung für Parteien, die den konstruktiven Dialog suchten. Tomáš Hučko, Chefredakteur des Magazins Kapitál, befürchtet eine verstärkte Abwanderung liberaler Einwohner. "Es werden mehr junge Leute ins Ausland gehen, bzw. die, die schon zurückkehren wollten, werden lieber dort bleiben wollen. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden wir hier eine eigene Version von Polen haben." Die oft genannte Spaltung zwischen progressiverer Stadt- und konservativer Landbevölkerung lasse sich mit Hinblick auf die Wahl in Bratislava nicht bestätigen. Die Sozialanthropologin Barbora Bírová sieht eine starke Populismuswelle voraus, die sie mutlos mache, plädiert aber dafür, für jeden Wähler Verständnis aufzubringen, denn "wenn wir ihn für das, was er gewählt hat, verspotten, verschließen wir uns die letzte Tür".