Magazinrundschau

Die Sandräuber sind unterwegs

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
29.05.2018. Der Guardian rechnet vor, wie reich viele Briten durch die russischen Oligarchen wurden. El Pais Semanal staunt über die Sandimporte in die arabischen Emirate. Der Believer sucht die Sonnenseiten der USA. Die Public Domain Review beugt sich über den Kleinsporigen Grünspanbecherling, der die schönsten Intarsien macht. Lidove noviny erinnert an Philip Roths Einsatz für die tschechoslowakischen Dissidenten.

Guardian (UK), 25.05.2018

Kaum zu glauben, dass die Briten den Oligarchen und Putin-Freund Roman Abramowitsch aus dem Land werfen. Dabei hat die britische Politik jahrzehntelang russische Oligarchen und ihr Geld freudig aufgenommen, erinnert Oliver Bullough in einem langen Report. Mit seiner Recherche will er auch die Scharte auswetzen, dass er, der Experte auf diesem Gebiet, vor dem Foreign Policy Committee nicht sagen konnte, wieviel schmutziges Geld nun wirklich ins Land geflossen sei - es kommt einfach über zu viele und zu verdeckte Kanäle. Aber dass es nicht nur 25 Milliarden Pfund sind, wie offiziell angegeben, sondern eher mehrere hundert Milliarden, hält er für sicher. Das Geld wird selten investiert, weiß Bullough, sondern für Goldene Visa und Privatschulen ausgegeben, für Luxusgüter, Immobilien und Yachten. Warum London bis jetzt nichts gegen die Geldwäsche unternommen hat, erklärt Bullough der Banker Bill Bowder, der selbst vergeblich einen Prozess angestrengt hatte: "Er schlussfolgerte, dass zu viele einflussreiche Briten - Anwälte, Banker, Finanzberater, Immobilienmakler - von russischem Geld abhängig geworden waren. 'Wenn die Geldströme gestoppt worden wären', sagte er 2016, 'hätten gewisse Leute ihren Lebensunterhalt verloren, und ich denke, das waren Leute mit politischem Gewicht in diesem Land'. Viele britische Institutionen haben auch Spenden von wohlhabenden russischen Geschäftsleuten akzeptiert. Sadiq Khans City Hall von Elena Baturina, deren Mann Bürgermeister von Moskau war; die Konservative Partei von Ljubow Tschernuchin, deren Mann einst Putins Minister war und die 160.00 Pfund dafür zahlen, um mit Boris Johnson und David Cameron Tennis zu spielen." Zum Gebaren britischer Anwälte mit russischen Klienten hat auch Nick Cohen in einem Kommentar einiges zu sagen.

Weiteres: In einem weiteren Text nehmen Carls Rhodes und Peter Bloom den Philanthrokapitalismus amerikanischer Superreicher unter die Lupe.

Archiv: Guardian

La vie des idees (Frankreich), 29.05.2018

Tja, Europa bröckelt weiter, diesmal in der Südsee. Neukaledonien fällt von Frankreich ab. Und dieser Prozess wird eine durch Phasen der Kolonialisierung geprägte Bevölkerung hinterlassen, erzählt Christine Demmer: "Die Kolonialgeschichte dieses Archipels beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts als Strafkolonie, dann folgt die freie Kolonisierung, die von der Ausweisung der einheimischen kanakischen Bevölkerung in Reservate  begleitet wird. Nach dem Ende dieses Eingeborenen-Statuts im Jahr 1946 ändert sich der Status der Kanaken von Untertanen des Reichs in Bürger, aber ohne vollen Zugang zu den Hebeln der Politik und Wirtschaft dieses Territoriums. Ihre Kämpfe für Unabhängigkeit beginnen in den siebziger Jahren. Das Verfassungsreferendum vom 4. November dieses Jahrs wird den Ausstieg aus dem Vertrag von Nouméa und den Abschluss dieses Kampfes bilden, der von politischen Verträgen seit 1983 begleitet wurde. Das Referendum dieses Jahres wird drei Aspekte des Zugangs zu voller Souveränität umfassen, die auf die Transferts der letzten zwanzig Jahre folgen: der Zugang zu internationalem Status, die vollen Herrschaftsrechte über das Territorium und die Verwandlung der neukaledonischen Einwohnerschaft in eine Nationalität."

El Pais Semanal (Spanien), 24.05.2018

"Die Sandräuber sind unterwegs." Passend zum Beginn der europäischen Strandsaison beschreibt die Journalistin Carmen Gómez-Cotta die katastrophalen ökologischen Folgen des weltweit steigenden, vielfach illegalen Sandhandels: "Nach Wasser und noch vor fossilen Brennstoffen ist Sand heute der weltweit meistnachgefragte Rohstoff: Etwa 59 Milliarden Tonnen Sand werden inzwischen jährlich auf der Erde verbraucht, 85 Prozent davon für Bauvorhaben - für ein mittelgroßes Haus braucht man 200 Tonnen, für ein Krankenhaus 3000 Tonnen, für einen Kilometer Auttobahn 30.000 Tonnen. Zu den größten Sand-Importeuren gehören ausgerechnet die von Wüsten umgebenen Vereinigten Arabischen Emirate - Wüstensand ist für das Anrühren von Beton nur schlecht geeignet, also importiert man Sand aus Australien, allein für den 828 Meter hohen Burj Khalifa-Tower in Dubai etwa 110.000 Tonnen, für die künstlichen Palm Islands bislang 385 Millionen Tonnen.. Gleichzeitig verschwinden die Strände - die Strände der Kanarischen Inseln etwa überleben heutzutage durch Sandimporte aus der West-Sahara."
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Stichwörter: Sandhandel, Australien

Believer (USA), 31.07.2018

Im Sommerheft des feinen Magazins aus Las Vegas überlegt Zaina Arafat, in was für ein Amerika ihr Vater 1963 einwanderte und wie ein arabischer Emigrant heute die USA erlebt: "Betrachte ich das Land heute, nach der Wahl von 2016, frage ich mich, ob es sich wirklich so dramatisch verändert hat. In vieler Hinsicht ähnelt das Amerika von 1963 dem von heute, trotz einer anderen globalen Konstellation. Martin Luther Kings Forderungen nach universeller Gleichheit waren eine Reaktion auf das Polizei-Unrecht an afroamerikanischen Menschen, darauf, dass sie geschlagen, verhaftet und getötet wurden - auf Grundlage ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Fünf Tage nach der Integration afroamerikanischer Schüler in Alabama explodierte eine Bombe in der Baptistengemeinde von Birmingham, eine Hasstat, die vier afroamerikanische Mädchen tötete und signalisierte, dass Desegregation mit Gewalt beantwortet würde. Der Ku Klux Klan und andere weiße Suprematistengruppen, von denen einige 2017 in Charlottesville wieder aktiv wurden, verheerten das Land. Kennedy verhängte damals einen Reisestopp für kommunistische Kubaner und destabilisierte Vietnam ähnlich wie Bush den Irak. Doch trotz solcher finsteren Unterströmungen sah mein Vater damals nur die Sonnenseiten der USA, ihren Einsatz für Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte."
Archiv: Believer

HVG (Ungarn), 16.05.2018

Der Historiker Gábor Klaniczay (CEU) wurde vor kurzem zum ordentlichen Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt. Aus diesem Anlass sprach er mit Péter Hamvay über sein bedrohtes Lebenswerk: "Wenn ich es in einem tragischen Ton formulieren müsste, würde ich sagen, dass das gegenwärtige Regime alles vernichten will, wofür ich in meinem Leben gekämpft habe. Trotzdem sage ich, dass die letzten dreißig Jahre für mich die Zeit des Schaffens, der Gründung und Entwicklung waren und ich weiß, dass Vieles davon erhalten bleiben wird, gleichgültig was die Regierung unternimmt. In den 19 Jahren des Collegium Budapest wirkten viele hundert Wissenschaftler in Ungarn, die Budapester Bücherschau (BUKSZ) existiert noch und auch die Central European University steht. Es wäre eine unverzeihliche Sünde, sie zu verjagen, denn mit ihr ist hier in Budapest etwas aufgebaut worden, wovon bereits Matthias Corvinus träumte: eine internationale Ideenfabrik in Ungarn, die es uns erlaubt, an den internationalen Diskursen teilzunehmen können und Zutritt zur geistigen Elite der Welt zu gewinnen."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn

Public Domain Review (UK), 21.05.2018

Daniel Elkind erinnert in einem kundigen und wie stets bei Public Domain Review sehr bezaubernd bebilderten Beitrag an die hohe Kunst der Intarsie, eine Dekorationstechnik, bei der verschiedenfarbige Holzstücke gestalterisch so zu Verzierungen und Bildern angeordnet werden, dass sich mitunter dreidimensionale trompe-l'oeil-Effekte ergeben. Entsprechend wichtig ist die Maserung und Farbe des Holzes - bahnbrechend war dabei die Entdeckung eines Pilzes: "Es war in Augsburg, wo natürlich gestocktes Holz - also Holz, das auf natürliche Weise fleckig war, meist verursacht durch einen bestimmten Pilz - zum ersten Mal gängiges Ausgangsmaterial für Intarsien wurde. Dadurch komplettierte sich die Farbpalette. Möbel mit Splittern von griinfaule oder 'Grüneiche' waren von Meistertischlern wie Bartholomäus Weißhaupt besonders geschätzt. Die Elite des Heiligen Römischen Reiches leckte sich danach die Finger. Als die Handwerker im Verrotten begriffene Laubholz-Scheite öffneten, um darin auf köstliche Türkis- und Aquamarin-Adern zu stoßen, entdeckten sie, dass das Grün in 'Grüneiche' die Folge einer Kolonisierung durch den Kleinsporigen Grünspanbecherling (Chlorociboria aeruginascens) darstellte, dessen winzige, dunkeltürkise Fruchtkörper auf gefällten, rindelosen Nadelbäumen und auf Laubhölzern wie Eichen und Buchen in weiten Teilen Europas, Asiens und Nordamerikas gedeiht. Normalerweise entwertet Pilzbefall das Holz. Doch die Grüneiche füllte eine lukrative Nische im boomenden Luxushandel. Damit wurde sie, zumindest für eine Weile, so wertvoll wie manche seltene Metalle." Eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Intarsien und die Rolle von pilzbefallenem Holz gibt es im übrigen hier. Anschauungsmaterial aus dem Spanien des 16. Jahrhunderts bietet Wikipedia:


Stichwörter: Intarsie, Pilze, Holz, Wikipedia

Lidove noviny (Tschechien), 23.05.2018

Kristýna Kutnarová erinnert daran, dass der verstorbene Philip Roth in den 70er Jahren jährlich in die Tschechoslowakei reiste, um die dortige Dissidenten-Szene zu unterstützen. Er sammelte Geld für tschechische Autoren und versuchte ihre Veröffentlichung im Ausland zu fördern, so etwa die Romane von Milan Kundera. "Für uns war das eine enorme geistige Unterstützung", erzählt der Schriftsteller Ivan Klíma. "Dadurch dass er uns besuchte, hat er uns in gewisser Weise protegiert, weil er ein international anerkannter Schriftsteller war. Natürlich wurde er dabei ganz genau von den Sicherheitsbehörden beobachtet." Diese sahen ein paar Jahre lang zu, dann verweigerten sie Roth schließlich das Visum zur Einreise. Roths Prager Erfahrungen flossen auch in seinen Roman "Die Prager Orgie" ein. In der Figur des tschechischen Literaten Zdenek Sisovský lassen sich offenbar Züge der Autoren Zdeněk Urbánek, Josef Škvorecký und Ivan Klíma erkennen.

New York Review of Books (USA), 07.06.2018

Über den Völkermord in Ruanda herrschte zumindest in diesem Punkt immer Einigkeit: Hutu schlachteten eine Million Tutsi ab. Die Ruandische Patriotische Front (RPF) beendete das Morden, verübte selbst einige Massaker, ließ das Land dann aber zur Ruhe kommen. Jetzt will Judi Revers mit ihrem Buch "In Praise of Blood. The Crimes of the Rwandan Patriotic Front" die Geschichte umschreiben, erklärt Helen Epstein. Denn eigentlich waren beide Seiten schuld, und die Amerikaner haben sich mit ihrer Unterstützung der Tutsi ebenso schuldig gemacht wie die Franzosen mit ihrer Unterstützung der Hutu, resümiert Epstein, die diese These voll zu unterstützen scheint: "Revers Darstellung beginnt mit dem Oktober 1990, als mehrere tausend Kämpfer der RPF vom benachbarten Uganda aus Ruanda überfielen. Die RPF bestand aus den Kindern der ruandischen Flüchtlinge, die vor den anti-Tutsi-Pogromen in den frühen 60ern geflohen waren. Entschlossen, nach Ruanda zurückzukehren, hatten die Anführer der RPF, eingeschlossen Kagame, an der Seite von Ugandas Präsident Yoweri Museveni in dem Krieg gekämpft, der ihn 1986 an die Macht bringen sollte. ... Im August 1990, zwei Wochen vor dem Einfall der RPF, hatte die Hutu-dominierte Regierung in Ruanda den Flüchtlingen die Rückkehr erlaubt. Im Prinzip wenigstens. Die Entscheidung war unter großem internationalen Druck erfolgt, die Details waren vage und der Prozess hätte sich vermutlich ewig hingezogen. Aber die RPF-Invasion beendete alle potentiell friedlichen Lösungen des Flüchlings-Hin-und-Hers. Dreieinhalb Jahre lang besetzten die  Rebellen einen breiten Streifen im nördlichen Ruanda, während die ugandische Armee sie mit Waffen versorgte. Eine Verletzung der UN Charta und der Regeln der Organisation für afrikanische Einheit. Washington wusste das, unternahm aber nichts dagegen. Im Gegenteil, die amerikanische Auslandshilfe für Uganda wurde in den Jahren nach der Invasion  verdoppelt und 1991 erhielt Uganda zehn mal mehr Waffen aus Amerika als den vierzig Jahren davor zusammen."


Josep Baqué: 1.500. Animals, fieras, monstruos, i homes, primitius, any XV

Für einen anderen Beitrag besucht Sanford Schwartz zwei Ausstellungen in der National Gallery of Art, Washington, D.C. und im American Folk Art Museum in New York, die sich der Outsider-Kunst widmen: "Der Begriff 'Outsider' trifft den überraschenden und/oder befremdenden Effekt solcher Kunst ganz gut. Grob gesagt ist ein Outsider-Künstler jemand, der seine Kunst in relativer Isolation schafft, unabhängig von den Entwicklungen in der professionellen Kunst. Das bedeutet aber nicht, dass es immer so sein muss oder dass der Outsider sich seines Künstlerseins nicht bewusst ist. Auch heißt es nicht, dass der Outsider nur sporadisch Kunst schafft, viele von ihnen sind sehr produktiv."