Magazinrundschau

Wir verlieren da gerade etwas

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
22.05.2018. Afro-Pessimismus ist nicht das Heilmittel gegen Rassismus, versichert Darryl Pinckney in der New York Review of Books Ta-Nehisi Coates. In der London Review of Books geißelt Sally Rooney die irische Heuchelei, die Abtreibung verbietet, Ausreise zur Abtreibung aber erlaubt. In Film Comment verteidigt Regisseur Christopher Nolan den Analogfilm gegen die digitale McDonald's-Präsentation. In Atlantic fürchtet Henry Kissinger mit Blick auf die Künstliche Intelligenz, dass wir unsere Welt bald nicht mehr erklären können.

New York Review of Books (USA), 07.06.2018

[Aktualisiert: Die Diskrepanz von Wählerstimmen zu Wahlmännerstimmen bei der Präsidentschaftswahl ist nicht durch "Gerrymandering" verursacht, sondern durch das Mehrheitswahlrecht, d.h. fallen 51% der Wählerstimmen eines Bundesstaates an einen Kandidaten, ist der ganze Bundesstaat gewonnen. "Gerrymandering" bezieht sich ausschließlich auf den unfairen Zuschnitt der Wahlkreise der Kongressabgeordneten.] Ein Trost ist, dass die Amerikaner Donald Trump ja eigentlich gar nicht gewählt haben - er hat bekanntlich gegen eine deutliche Mehrheit von drei Millionen Stimmen gewonnen. Eine der Ursachen dafür ist, dass vorwiegend die Republikaner, aber teilweise auch die Demokraten die Wahlkreise durch "Gerrymandering" derart manipuliert haben, dass in vielen Staaten total verzerrte Konstellationen von Wahlmännern zustande kamen. Für die Wahlen im nächsten Jahr werden den Demokraten gute Chancen eingeräumt - vorausgesetzt, es läuft einigermaßen fair ab. Unter dem schönen Titel "Ratfucked again" legt Michael Tomasky sehr lesenswert dar, wie es zu dieser zugleich bizarren und für die amerikanischen Demokratie entscheidenden Lage kommen konnte - und er macht Hoffnung, dass sie zu einer Korrektur fähig ist. Die Hoffnung besteht darin, dass die Politiker den Zuschnitt der Wahlkreise unabhängigen Kommissionen übergeben müssen: "Im Juni wird der Supreme Court über zwei Gerrymandering-Fälle verhandeln, einen aus Wisonsin, wo die Republikaner völlig willkürliche Linien zogen, einen in Maryland, wo die Demokraten die Übeltäter sind. Die Frage wird sein, ob eine Mehrheit des Gerichts nachvollziehbare Standards für parteiisches Gerrymandering definiert. Wenn ja, wird eine Flut von Gerrymandering-Prozessen folgen, aus der die Reformer die Hoffnung ziehen, dass sie den Prozess der Wahlkreis-Definition ein für alle Mal den Politikern entreißen können."

Sehr eingehend setzt sich der Romancier und Essayist Darryl Pinckney (Autor unter anderem eines Romans mit dem Titel "Black Deutschland") mit den Essays Ta-Nehisi Coates' auseinander, die ja inzwischen auch auf Deutsch erschienen sind. Verdienstvoll unter anderem, dass er Coates in eine Traditionsline des "Afro Pessimism" einordnet, zu der er etwa Malxolm X oder Frantz Fanon zählt - Denker, die aus der Geschichte der Unterdrückung von Schwarzen die Konsequenz der Segregation ziehen. Ist es auch eine Generationenfrage? Cornell West, Doyen der schwarzen Intellektuellen in den USA, ist jedenfalls mit Coates aneinandergeraten, und Pinckney, selbst 65, stimmt ihm zu: "West hat recht, oder jedenfalls bin ich auf seiner Seite, ein anderer alter Knacker, der glaubt, dass Geschichte von Menschen gemacht wird. Afro-Pessimismus und seine Auffassung des Rückzugs als Transzendenz ist der 'white supremacy' genauso behaglich wie der einst von Booker T. Washington verfochtene Rückzug zur Selbsthilfe. Afro-Pessimismus bedroht niemanden, und das weiße Publikum verwechselt seine Zerknirschung mit einem Lernerfolg. Leider irren sich schwarze Menschen, die die Fantasie vom Fortschritt aufgegeben haben, wenn sie glauben, mit Weißen gleichzuziehen, die stets mit sich zufrieden sind, egal, wer die Wahlen gewinnt. In der 'black church' gibt es keinen Afro-Pessimimus. Eine der überzeugendsten Aktionen gegen Afro-Pessimimus kam von weißen Teenagern gegen Waffen, die sich in die 'March for Our Lives'-Demonstrationen mischten, um alle Jugendlichen einzubeziehen, die unter Gewaltkulturen leiden."

New Yorker (USA), 28.05.2018

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker stellt Alice Gregory die französische Filmemacherin Claire Denis und ihre neue Arbeit "High Life" vor, ein Science-Fiction-Film mit Robert Pattinson und Juliette Binoche in den Hauptrollen und Denis' erster Film in englischer Sprache: "'High Life' ist viel teurer als alles, was Denis vorher gemacht hat, und sieht erst mal auch sehr anders aus, obgleich Denis seit rund 15 Jahren damit befasst ist und die Geschichte des letzten Menschen auf Erden erzählen wollte. Im Film sterben die Mitglieder einer Gruppe von Kriminellen auf der Suche nach alternativen Energien im All einer nach dem anderen. Übrig bleiben ein Gauner und seine Tochter, die auf der Mission im Raumschiff zur Welt kam (das Schiff wurde von Olafur Eliasson designed). Denis fokussiert sich auf die (Familien-)Beziehung der beiden … Gedreht wurde hauptsächlich in einem Kölner Studio, eine schwierige Erfahrung, wie man hört. Denis ist das Drehen im Studio nicht gewohnt, änderte Szenen kurzfristig per SMS, das Ganze war eine Art unbeabsichtigtes Method Acting."

Außerdem: Jeffrey Toobin überlegt, ob die Impeachment-Forderungen gegen Trump zum Bürgerkrieg führen könnten. Thomas Mallon vertieft sich in ein Buch über den Fotografen Weegee. Alex Ross hört Mahler mit Simon Rattle und dem London Symphony Orchestra. Und Hua Hsu staunt über die persönliche Sagenwelt des New Yorker Hip-Hoppers Rammellzee.
Archiv: New Yorker

London Review of Books (UK), 24.05.2018

Am Freitag stimmen die Iren und Irinnen darüber ab, ob sie das rigide Abtreibungsverbot abschaffen wollen, das seit dem Referendum von 1982 Embryos und Föten ein nahezu bedingungsloses Recht auf Leben garantiert - auf Kosten des weiblichen Körpers. Die irische Schriftstellerin Sally Rooney sieht damals wie heute die gleiche Allianz aus irischen Konservativen und amerikanischen Fundamentalisten am Werk, die mit obsessiven Kampagnen die irische Heuchelei in ihrer ganzen Brutalität verteidigen: "Was auch immer am 15. Mai geschehen wird, weiterhin werden Tausende von irischen Frauen jedes Jahr Abtreibungen vornehmen lassen. Das Referendum von 1992 bestätigte das Recht schwangerer Frauen, für Abtreibungen ins Ausland zu reisen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendein Politiker diesen Verfassungszusatz jemals in Frage gestellt hätte. Wenn aber Abtreibungsgegner wirklich glauben, dass ein Fötus eine Person wie jede andere ist, dann sollte doch ein konstitutionelles Recht inakzeptabel sein, das erlaubt, diese Person über die Grenze zu bringen, um sie dort zu töten. Doch die Abtreibungsgegner befürworten einhellig das Recht zu reisen. Der Zugang zu britischem Abtreibungsdiensten nimmt den Druck aus der Angelegenheit in Irland. Die meisten Frauen, die dazu gezwungen sind, kratzen das Geld für eine Fahrt nach Großbritannien zusammen. Die Ungerechtigkeit des achten Verfassungszusatzes bekommen vor allem diejenigen zu spüren, die unter besonders schweren Bedingungen leben: Arme Frauen, kranke Frauen, Migrantinnen ohne Visum."

Nach jedem Militärputsch konnten die Türkei auf die Rückkehr einer zivilen Regierung und demokratische Erleichterungen hoffen, aber nicht unter Erdogan, schreibt Ella George in einem ellenlange Feature zu den türkischen Verwerfungen. Das Land ist zutiefst traumatisiert, mehr als 100.000 Menschen wurden verhaftet, 150.000 aus ihrem Job geworfen, Milliarden an Vermögen eingezogen: "Die Kulturrevolution dieser Tage bedient sich kräftig der kemalistischen Strategie: Auch sie strebt nach der Einparteienherrschaft, diktiert neue Traditionen und steckt Oppositionelle ins Gefängnis. Wie Kemal will auch Erdogan die Macht des Staates vergrößern und zugleich die Institutionen transformieren. Aber während der Kemalismus viel von der sozialen Ordnung der Ottomanen beibehielt, repräsentiert die neue Türkei, die Erdogan in seiner Rede vom 24. August 2014 ankündigte, einen grundsätzlicheren Bruch. Eine Elite wird durch eine andere ausgetauscht, Eigentum wechselt seine Besitzer, für den öffentlichen Dienst werden neue Kader herangezogen, die Universitäten werden von einer Klasse von Intellektuellen gesäubert und durch loyalere Akteure ersetzt und Regime-freundliches Kapital erhält Zugang zu den staatlichen Pfründen. Die neue Türkei setzt die Uhren nicht auf den Zeitpunkt der Staatsgründung zurück, sondern ein Jahrhundert früher, vor der westlichen Modernisierung im 19. Jahrhundert. Sie lehnt nicht nur kemalistische Eliten ab, sondern auch ihre reformistischen Vorgänger im Ottomanischen Reich."

Weiteres: Tariq Ali spricht im Interview mit David Edgar über sein kommunistisches Leben, seine Zeitschrift Black Dwarf sowie die Kämpfe vor und nach 1968. Henry Siegman gibt Benjamin Netanjahu die Schuld am Tod der Zweistaaten-Lösung.

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Elet es Irodalom (Ungarn), 18.05.2018

In der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom formuliert der Medienwissenschaftler und Kunsthistoriker Péter György die Grundpfeiler einer zukünftigen Opposition in Ungarn: "Die neue Politik müsste nicht von den Armen, sondern mit den Armen sprechen. Es bedarf keiner Wahlkampftouren, sondern es müsste etwas zusammen mit den Armen getan werden; nicht Almosen verteilen oder Mitleid bekunden, sondern jene, die in der Unsichtbarkeit leben, als politischen Partner betrachten, nicht deren Anschluss organisieren, sondern ihre Würde als selbstverständlich ansehen: Etwas, was die politische Elite für sich selbst stets einfordert. Die selbstzerstörerische postkommunistische und postliberale Opposition kann der ethnizistischen Regierungspartei dann Paroli bieten, wenn sie versteht, dass sie nur eine Chance hat: mit dem Aufrufen der linken bäuerlichen Tradition, indem sie sich gegenüber der Macht genau so verhält wie jene damals gegen das Horthy-System. Die Würde der Armen und der Roma, die Unveräußerlichkeit ihrer Rechte, die Evidenz der Priorität ihrer Schicksale: das ist die wahre Frage. Alles andere ist Feigheit und Verrat."
Stichwörter: Ungarn, György, Peter

Film Comment (USA), 17.05.2018

In Cannes präsentierte Filmemacher Christopher Nolan eine neugezogene 70mm-Kopie von Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" - diese als "unrestauriert" bezeichnete Version (da sie ohne digitale Schnickschnack-Aufwertungen daherkommt) wird künftig auch auf Tour gehen, unter anderem Ende des Monats in Berlin. Im Gespräch mit Eric Hynes gibt sich Nolan einmal mehr als passionierter Kämpfer für das analoge Filmmaterial zu erkennen: "So wie das Medium Film 1968 existierte, war es dem, was wir heute haben, deutlich überlegen. ... Allmählich sickert das Bewusstsein für die Tatsache ein, dass unsere neuen Systeme inadäquat sind, wenn man sie mit den Fotokameras vergleicht. Sie tun einfach etwas Anderes. Digitaltechnologie hat viele Probleme gelöst, etwa was die Abnutzung von Kopien betrifft. Und sie gestattete einen erheblichen Schritt in Richtung Präsentationskonsistenz. Doch für mich ist das eine McDonald's-Herangehensweise - und ich sage das, obwohl ich ein Fan von McDonald's bin: Alles ist gleich, Sterne-Küche ist es nicht. Man dampft alles auf ein konsistentes Level ein, doch dieser Level befindet sich unterhalb dessen, was Filme sein können. Und darum war es mir letzte Nacht gegangen. Man konnte den Film speziell auf dieser Leinwand sehen, in einer Präsentation, die in ihren Details genau durchdacht war - und zwar von Stanley Kubrick. Die Lichter gehen langsam aus, dann spielt die Ouvertüre und zwar eine Ouvertüre, die direkt vom Filmstreifen kommt. Während die Musik spielt, laufen Schwarzbilder durch den Projektor - genau wie beim Intervall und der Musik, nach der Texttafel 'The End'. Da spielen nochmal sieben Musik auf sehr niedriger Lautstärke, während die Leute den Saal verlassen. Und genau das ist heute wichtig. Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu fetischisieren. Sicher, wir alle haben diese Neigung, aber mir geht es darum zu sagen: 'Aufgepasst, wir verlieren da gerade etwas.' ... Wir müssen zurückfinden zu der Auffassung, dass, wenn ein Filmemacher einen Film macht, die Aufführung Teil seines Ausdrucks ist. Sie ist Bestandteil der kinematischen Geschichte, die wir konstruiert haben."
Archiv: Film Comment

The Atlantic (USA), 22.05.2018

Der 95-jährige Henry Kissinger macht sich Sorgen um die Zukunft. Künstliche Intelligenz mag ja sehr gut in der Medizinwissenschaft oder auf dem Gebiet neuer Energien oder bei Umweltfragen. Aber wo ist der Voltaire der KI, der Kant oder der Locke? "Künstliche Intelligenz ist unfähig, ihre Schlussfolgerungen zu erklären. In bestimmten Bereichen - Mustererkennung, der Analyse von Big Data, Risikoanalyse - übertrifft KI vermutlich schon jetzt die menschlichen Fähigkeiten. Wenn ihr Rechenpotential weiter rapide wächst, dann mag sie sogar bald fähig sein, Situationen in einer Art und Weise zu optimieren, die sich wenigstens marginal, möglicherweise sogar erheblich von der Art unterscheidet, wie Menschen die Situation meistern würden. Doch wenn KI an diesem Punkt angelangt ist, wird sie dann in der Lage sein, in für Menschen verständlicher Weise zu erklären, warum ihre Handlungen optimal sind? Oder werden die Entscheidungsmöglichkeiten der KI die Erklärfähigkeit der menschlichen Sprache und Vernunft übersteigen? In der ganzen Geschichte der Menschheit haben Zivilisationen einen Weg gefunden, die Welt um sich herum zu erklären - im Mittelalter mit Religion, während der Aufklärung mit Vernunft, im 19. Jahrhundert mit Geschichte, im 20. Jahrhundert mit Ideologie. Die schwierigste, zugleich wichtigste Frage an die Welt, auf die wir zusteuern, ist aber diese: Was wird aus dem menschlichen Bewusstsein, wenn seine Erklärungskraft von der KI übertroffen wird, wenn Gesellschaften nicht länger fähig sind, die Welt, in der sie leben, in Begriffen zu erklären, die eine Bedeutung für sie haben?"

Außerdem: In einem langen persönlichen, aber auch mit viel Zahlenmaterial unterfüttertem Text denkt Matthew Stewart über die 9,9 Prozent nach, zu denen er als studierter Philosoph und Berater selbst gehört, die immer mehr Kapital ansammeln und den Abstand zu den unteren 90 Prozent immer mehr vergrößern.
Archiv: The Atlantic

New York Times (USA), 18.05.2018

Erwartbar mokant fällt Nellie Bowles' Porträt des kanadischen Psychologen Jordan Peterson aus, der zum ersten Mal in weiteren Kreisen von sich reden machte, als er an einer kanadischen Uni das genderisierte Sprechen verweigerte. Nun tourt er als eine Art maskulinistischer Superstar durch Kanada und die USA und zieht ein enormes Publikum an. Natürlich spricht Bowles ihn auf den "Incel" Alek Minassian an, der in Toronto aus Hass auf Frauen seinen Lieferwagen in die Menge jagte (unsere Resümees). Die Unterhaltung liest sich so: "'Er haderte mit Gott, weil die Frauen ihn zurückwiesen. Das Mittel dagegen ist verordnete Monogamie. Aus diesem Grund ist die Monogamie überhaupt aufgekommen.' Peterson sagt das ganz ohne Pause, verordnete Monogamie ist für ihn schlicht die vernünftige Lösung. Sonst werden Frauen nur Männer mit dem höchsten Status auswählen, und das wird keines der Geschlechter glücklich machen. 'Die Hälfte der Männer gehen leer aus', sagt er, womit er meint, dass sie sich nicht fortpflanzen. 'Und niemand kümmert sich um die Männer, die leer ausgehen.' Ich lache, weil es so absurd ist. 'Sie lachen über sie', sagt er mit enttäuschtem Blick. 'Das liegt daran, dass Sie eine Frau sind.'"