Magazinrundschau

Teenager wie Ethan

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
12.02.2008. Was finden die Deutschen nur an Nicolas Gomez Davila, fragt Semana. Le Monde diplomatique macht mit Damen aus der Park Avenue eine Kreuzfahrt. Der Spectator begräbt Venedig. Nepszabadsag sucht echte ungarische liberale Demokraten. In Edge.org wirft Kevin Kelly einen Blick auf die Zukunft der Kulturindustrie im Internet. Portfolio sah die Nemesis der Kulturindustrie im Internet.

Semana (Kolumbien), 09.02.2008

Botho Strauß, Martin Mosebach, Hans Magnus Enzensberger, Harald Schmidt, Jens Jessen - "was finden die deutschen Intellektuellen bloß an dem kolumbianischen Aphoristiker Nicolas Gomez Davila?", fragt sich Hernan D. Caro und sieht verschiedene Erklärungsmöglichkeiten: "Jeder liebt doch ausgesprochene Widerlinge, und unser Mann war zweifellos einer. Jedes Jahrhundert bringt Vertreter dieses Intellektuellentypus hervor, die ihren Bewunderern das Gefühl verschaffen, einer höchst scharfsinnigen, tiefgründigen und überhaupt ganz besonderen Kaste anzugehören. Oder es liegt ganz einfach an der immer wieder hervorgehobenen Tatsache, es hier mit einem 'kolumbianischen' Denker zu tun zu haben, so als ob dies sein antimodernes Gejammer und seinen kämpferischen Katholizismus zu etwas Besonderem macht."

Ebenfalls zu Wort kommt ein Intellektueller ganz anderer Art. "Kann man einen Krieg gegen bewaffnete Aufständische gewinnen und dabei die Menschrechte achten?", fragt Semana, und Michael Ignatieff antwortet: "Eine Demokratie kann nur eine Demokratie bleiben, wenn sie sich beim Kämpfen eine Hand auf den Rücken fesselt. Sie muss ihre Legitimität, den Respekt, die Zuneigung und Unterstützung, die die Öffentlichkeit ihr entgegenbringen, unbedingt aufrechterhalten, andernfalls ist sie zum Untergang bestimmt. Aber das ist sehr schwer."
Archiv: Semana

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 09.02.2008

Abgedruckt ist ein Kapitel aus Olivier Roys neuem Buch "Der falsche Krieg". Der Westen müsse endlich die Komplexität der islamischen Welt begreifen, fordert Roy darin. "Das Bild, dem zufolge sich die muslimische Welt im Krieg mit dem Abendland befindet, ist eine Ausgeburt der Fantasie. Eine solche 'muslimische Welt' existiert nicht. Der Großteil der Konflikte im Mittleren Osten wird zwischen Muslimen ausgetragen. Die bestehenden Regime verstehen sich mehrheitlich als Verbündete des Westens. Das erklärt im Übrigen auch, warum der Iran unter Präsident Ahmadinedschad nach Verbündeten unter den lateinamerikanischen Populisten sucht und nicht bei seinen Nachbarn."

"Hier an Bord ist der Irakkrieg 'ein toller Erfolg'. Die globale Erwärmung findet nicht statt. Europa wird ein neues Kalifat", berichtet Johann Hari von einer Kreuzfahrt für für rund 500 Leser der National Review, dem Zentralorgan amerikanischen Konservatismus: "'Sie sind also Europäer', meint eine der Park-Avenue-Damen und bietet sofort ein paar geistreiche Kommentare zu den Städten, die sie besucht hat. Ihrer Begleiterin fällt auch etwas dazu ein: 'Ich war mal in Paris, und es war einfach wundervoll.' Dann verdüstert sich ihr Gesicht: 'Aber dann machst du dir klar: Es ist von Moslems umzingelt.' Die erste Dame nickt: 'Sie lauern da draußen, und sie werden kommen.' "

Weiteres: Die Schriftstellerin Assia Djebar blickt auf Algerien literarische Ahnen, Vincent Munie erklärt die instabile Lage in der Zentralafrikanischen Republik und Christoph Servant betont, dass nicht die Ethnien Kenia spalten, sondern die Eliten.

Spectator (UK), 09.02.2008

"Stinkende Gräben, geadelt durch die pompöse Bezeichnung Kanal, eine gute Brücke, die völlig ruiniert wird durch zwei Reihen von Häusern darauf und ein großer Platz, der von der schlimmsten Architektur begrenzt wird, die ich je gesehen habe." Das schrieb Edward Gibbon, der Autor der "History of the Decline and the Fall of the Roman Empire", im 18. Jahrhundert, aber er spricht Stephen Bayley aus dem Herzen, der in einer wütenden Tirade mit der Leiche Venedig abrechnet. "Venedig hat es mit der falschen Art von Modernismus probiert. Es hat neue Architektur und organisches Wachstum abgelehnt und die weitaus korrumpierenderen Kräfte des Massentourismus bevorzugt. Unterdessen versklavt das Virtuelle Venedig die schwindende lokale Bevölkerung, die ihr Zuhause nach Mestre verlegen muss, um Auto fahren und Supermärkte besuchen zu können."
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Archiv: Spectator

Liberation (Frankreich), 11.02.2008

Liberation dokumentiert einen an Nicolas Sarkozy gerichteten Aufruf Bernard-Henri Levys, der Ayaan Hirsi Ali die französische Staatsbürgerschaft geben und sie unter europäischen Schutz stellen will, nachdem sie von den niederländischen Sicherheitsbehörden im Stich gelassen wurde: "Es ist schwierig, heute jemanden zu nenen der europäischer ist als Ayaan Hirsi Ali. Es ist noch schwieriger sich vorzustellen, dass diese Europäerin von ihrer geistigen Heimat verleugnet wird. Zu sehen, dass diese Europäerin, die in Europa ihren Kampf für die Grundwerte Europas fortsetzen will, gezwungen wird, Europa zu verlassen und sich für immer ins amerikanische Exil zu begeben, wäre mehr als paradox, es wäre absurd, und mehr als absurd - es wäre ein sehr schlechtes Zeichen."
Archiv: Liberation

Nepszabadsag (Ungarn), 09.02.2008

Die Ungarn leiden schrecklich: Die Nation ist geteilt und nichts scheint die beiden Teile versöhnen zu können. Das ist kein Drama, sondern normal, meint Istvan Deak, emeritierter Professor für Geschichte an der Columbia University of New York. Der kurze Moment nationaler Einheit im Herbst 1956 konnte nicht dauern: "Auch die Protagonisten der Französischen Revolution haben sich nach einigen Jahren gegenseitig auf die Guillotine geschickt. [...] Kann es nicht sein, dass viele von denen, die im Oktober 1956 aus freien Stücken gegen die kommunistische Macht auf die Straße gingen, am 1. Mai 1957 ebenfalls freiwillig für Kadar mitmarschierten? Hier muss man auch in Betracht ziehen, dass die historische Rolle des von mir persönlich für einen Mörder gehaltenen Janos Kadar von mehr als der Hälfte der ungarischen Bevölkerung positiv beurteilt wird. Deshalb wäre für die Öffentlichkeit vor allem eine rationale Beurteilung ihrer Vergangenheit wichtig. Was dabei ganz bestimmt nicht hilft, ist die Heiligsprechung eines historischen Ereignisses, weil dann all jenen, die an der Heiligen Schrift etwas verändern wollen, sogleich der Stempel des Häretikers und Vaterlandverräters aufgedrückt wird."

Für den Dichter und Kritiker Akos Szilagyi steht Ungarn unabwendbar vor einer antiliberalen Reaktion. Echte liberale Demokraten - das zeigt sich jetzt - habe es in Ungarn nämlich nie gegeben. Man hielt sich nur dafür. "Sobald deutlich wurde, dass der Untergang des ausgedienten Systems sich nicht in der Rückgewinnung der Freiheitsrechte erschöpft, sondern sich auch im Zusammenbruch der staatlichen Subsysteme (Industrie, Landwirtschaft), der steigenden Arbeitslosigkeit, ja sogar im Abbau der staatlichen Versorgungssysteme fortsetzt, knickte dieser gefühlsmäßige Liberalismus ein."
Archiv: Nepszabadsag

Guardian (UK), 09.02.2008

Ein Jahr lang hat der Schriftsteller Jeffrey Eugenides für die Anthologie "My Mistress's Sparrow is Dead" nur Liebesgeschichten gelesen. Seine Erkenntnis: "Bei einer Liebesgeschichte kann es niemals um Erfüllung gehen. Die glückliche Ehe, die erwiderte Liebe, das nie verlöschende Verlangen - das sind alles erfreuliche Vorkommnisse, aber keine Liebesgeschichten. Liebesgeschichte gründen auf Enttäuschung, ungleiche Geburt, verfeindete Familien, eheliche Langeweile oder zumindest ein kaltes Herz. Uns ist die Liebe nicht teuer, weil sie stärker, sondern weil sie schwächer ist als der Tod. Man kann über die Liebe sagen, was man will: der Tod wird sie beenden."

Weiteres: Jonathan Jones besucht die Ausstellung zu Duchamp, Man Ray, Picabia in der Tate Modern. Zum Buch der Woche kürt Fiona MacCarthy Richard Sennetts "Handwerk". Besprochen werden unter anderem auch William Mervin Gumede Südafrika-Buch "Thabo Mbeki and the Battle for the Soul of the ANC" sowie Chuck Klostermans Essays über niedere Kultur "Sex, Drugs and Cocoa Puffs".
Archiv: Guardian

Przekroj (Polen), 07.02.2008

Was wurde in den letzten Wochen über "Fear" diskutiert, das Buch, in dem Jan T. Gross' die Ermordung von Holocaustüberlebenden in Polen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschreibt (siehe früherer Artikel). Nein, stolz ist er nicht darauf, gesteht der Soziologe im Interview, aber das Gefühl, seine Arbeit gut gemacht zu haben, hat er schon. "Dieses Buch ist so wichtig, weil wir als Polen unsere Identität durch Erinnerung und Reflexionen über die Geschichte konstruieren. Also muss diese Geschichte wahr sein, und gerade solche Katastrophen berücksichtigen." Mit dem Thema polnische Juden hat er abgeschlossen, gesteht am Ende Gross, "was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt".

"In den zwanzig Jahren zwischen den beiden Weltkriegen wurde für Kunst und Kultur mehr getan als in den letzten 19 Jahren", schreibt Tadeusz Nyczek über die Ausstellung zur polnischen Kunst der Zwischenkriegszeit im Warschauer Nationalmuseum . "Nach der Lähmung, die die Teilung ausgelöst hatte, brach im unabhängigen Polen die Kunst wie ein Vulkan aus und holte den Rückstand zu Europa auf. Dieser Schub kam zwar nicht aus dem Nichts, aber diese zwanzig Jahre gaben der polnischen Kultur den Schwung, der es ihr erlaubte, die Jahrzehnte der Reglementierung und Zensur zu überdauern." Schade nur, dass man für diese Ausstellung fast genau so lange gebraucht hat, wie die dargestellte Epoche dauerte, bemerkt Nyczek.
Archiv: Przekroj
Stichwörter: Vulkane

Weltwoche (Schweiz), 07.02.2008

Der Schweizer Google-Mann Urs Hölzle versucht Marc Kowalsky im Interview zu überzeugen, dass Google nicht böse ist.Als neuester Beweis dient die mit 1,2 Milliarden Euro ausgestattete Stiftung Google.org, die auf dem Weltwirtschaftsorum in Davos vorgestellt wurde und deren umfassender Ansatz sich schon wieder unheimlich anhört. "Der Fokus liegt auf drei verschiedenen Richtungen: einmal die Früherkennung von Krankheiten. Das hat direkt mit Google zu tun. Wir können besser als andere Organisationen Informationen so verarbeiten, dass man damit Krankheiten bekämpfen kann. Wir können etwa den Ausbruch von Seuchen voraussagen, indem wir die Einträge der Benutzer im Internet auswerten: Explodiert die Anzahl der Anfragen 'Mein Kind hat Durchfall, was soll ich tun?', dann läuten bei uns die Alarmglocken. Der Zweite ist die Förderung von Kleinunternehmen in Entwicklungsländern. Unternehmertum schafft Arbeitsplätze, und das hat eine Hebelwirkung, die vielen andern hilft. Der Dritte ist Energie und wie man sie besser erzeugen oder effizienter nutzen kann."

Archiv: Weltwoche
Stichwörter: Davos, Entwicklungsländer

Edge.org (USA), 05.02.2008

Kevin Kelly, einer der intelligentesten Internet-Euphoriker in den USA, gibt in Edge.org einen kleinen Ausblick auf sein kommendes Buch, das sich mit der Frage auseinandersetzt, wie die Kulturindustrien überleben sollen, da im Internet alles frei kopierbar ist: "Wenn Reproduktionen unserer besten Leistungen kostenlos sind, wie sollen wir dann weitermachen können? Einfach gefragt: Wie sollen wir mit Gratiskopien Geld verdienen? Ich habe eine Antwort. Am einfachsten kann ich sie so ausdrücken:
Wenn Kopien im Überfluss vorhanden sind, werden sie wertlos.
Wenn Kopien im Überfluss vorhanden sind, dann werden Dinge, die nicht kopiert werden können, selten und wertvoll.
Wenn Kopien gratis sind, dann musst Du Dinge verkaufen, die nicht kopiert werden können." In Kevin Kellys Blog Technium, kann man sein "Book in Progress" beobachten. Zur Zeit steht da der gleiche Auszug wie in Edge.
Archiv: Edge.org
Stichwörter: Geld, Kevin Kelly

Portfolio (USA), 11.02.2008

Nach eigenen Schätzungen verliert die amerikanische Filmindustrie jährlich zwei Milliarden Dollar durch Internet-Piraterie, die Musikindustrie 3,7 Milliarden. Daniel Roth zeigt, warum das Empire seinen Kampf gegen die Piraten überhaupt nicht gewinnen kann - wegen Teenagern wie Ethan, der den MediaDefender knackte, die von der Industrie benutzte Sicherheitssoftware: "Er kam hinter die Gehälter der Top-Programmierer sowie die Namen und Kontaktinformationen, die CEO und Mitgründer Randy Saaf aufbewahrte (mit Bemerkungen, wer in der Videospiel-Branche ein 'Arsch' sei und welcher Risikokapitalgeber nicht mit Geld rausrückte). Ethan bekam auch heraus, wie die Software zur Bekämpfung der Piraten funktionierte." Selbst als Ethan all seine Informationen bei einer P2P-Börse veröffentlichte, bekamen die MediaDefenders nichts mit.
Archiv: Portfolio