Magazinrundschau

Warum nicht nach den Sternen greifen?

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag um 10 Uhr.
11.12.2007. In Outlook India fragt Priyamvada Gopal die Linke: Warum schweigt ihr, wenn Taslima Nasrin verfolgt wurde? In der New York Times fragt Ayaan Hirsi Ali die gemäßigten Muslime: Warum schweigt ihr, wenn 20-jährige Vergewaltigungsopfer ausgepeitscht werden? Im Espresso erklärt Umberto Eco dem Papst: Religion ist Kokain fürs Volk. In The New Republic fordert James Wolcott Blitz und Donner von der Literaturkritik. In Nepszabadsag erklärt Imre Kertesz atonale Prosa. Die Gazeta Wyborcza kommentiert den Niedergang des Stalinismus in Nordkorea. Der Spectator trinkt indischen Wein. Das du-Magazin reicht zum Abschied ein Alphabet des Verschwindens.

Outlook India (Indien), 17.12.2007

Es gibt eine neue Art von Winterfestival, schreibt Ramachandra Guha, die inzwischen rituelle Heimkehr der NRIs, also der non resident indians zum Jahreswechsel. Sie werden angebetet wie Götter, zumindest einige von ihnen, denn "wer mit den Arabern im Golf lebt oder mit den Fijis im Südpazifik ist nicht qualifiziert, noch weniger diejenigen, die mit Leuten afrikanischer Herkunft in der Karibik leben. Angebetet werde nur die NRI, die mit Leuten zusammenleben, deren Pigmentierung nach einem tamilischen Wort wie Milch ist." Übrigens gibt es unter diesen NRIs drei Hauptgottheiten: "In Analogie zu Brahma, Vishnu und Siva haben wir Salman, den Schöpfer, Amartya den Erhalter und Sir Vidia, den Zerstörer."

Priyamvada Gopal, Autorin eines Buch über "Literary Radicalism in India" und Dozentin in Cambridge attackiert die Kommunistische Partei Indiens (und nebenbei ein von Noam Chomsky mit verfasstes Manifest, das die indische Linke zur Einheit auffordert) wegen ihrer heuchlerischen Position zur Verfolgung Taslima Nasrins in Bengalien: "Viele kommunistische Parteiführer äffen die Linie der Konservativen nach und sagen, dass Taslima frei ist, in Indien zu bleiben, wenn sie sich gut benimmt und aufhört 'religiöse Gefühle zu verletzen'. Aber Menschen, die von religiösen Orthodoxien unterdrückt werden wie Frauen und Dalits haben oft gar keine andere Wahl als auszusprechen wie diese Gefühle gegen sie mobilisiert werden."

Letras Libres (Spanien / Mexiko), 09.12.2007

Auch in Mexiko wird diskutiert, ob Islam und Demokratie vereinbar seien. Moderiert von dem Journalisten Jesus Silva-Herzog Marquez sollten zu diesem Zweck in Monterrey Ayaan Hirsi Ali und der pakistanische Ex-Diplomat und derzeitige Leiter des Center for International Relations der Boston University Husain Haqqani (homepage) auf öffentlichem Podium aufeinandertreffen - aus Sicherheitsgründen konnte Ayaan Hirsi Ali zuletzt doch nur per Videokonferenz von Washington aus an dem Gespräch teilnehmen. Ali: "Ein erster Beweis für die Unvereinbarkeit von Islam und Demokratie ist die Tatsache, dass ich heute nicht persönlich bei dieser Diskussion anwesend sein kann." Haqqani: "Ich glaube, die Frage 'Sind Islam und Demokratie vereinbar?' ist falsch formuliert, weil sie alles auf eine theologische Frage reduziert. Die Frage muss vielmehr lauten: 'Warum gibt es im Großteil der islamischen Welt keine Demokratie?' Dies lässt sich empirisch untersuchen, es ist eine politische Frage, eine soziologische Frage."

Leon Krauze berichtet "aus einem neuen Land": Zum ersten Mal präsentierte sich (fast) die komplette Kandidatenrunde der amerikanischen Demokraten im (Vor)Wahlkampf auf Spanisch - "kein Risiko, sondern ein Privileg", wie Hillary Clinton dem Publikum in Miami versicherte. "Derweil sahen sich die üblichen Verdächtigen unter den anwesenden Journalisten, lauter angelsächsische Veteranen, irritiert an: das lautstarke Gelächter und die munteren Gespräche ihrer Latino-Kollegen machten es ihnen schwer, ihre Eindrücke schriftlich festzuhalten."

New York Times (USA), 07.12.2007

Drei Beispiele "islamischer Justiz" gingen in der letzten Woche durch die Weltpresse: die Verurteilung eines 20-jährigen Mädchens, das vergewaltigt worden war, zu 200 Peitschenhieben in Saudi Arabien, die Verurteilung einer Lehrerin im Sudan zu Gefängnis, weil sie es zuließ, dass Schüler ihren Teddy Mohammed nannten, und Fatwas gegen Taslima Nasrin in Indien. Wo waren eigentlich in diesen Fällen die Stimmen der "gemäßigten Muslime" zu hören?, fragte sich Ayaan Hirsi Ali am Freitag in der NYT. "Ich wünschte, es gebe mehr gemäßigte Muslime. Zum Beispiel wünschte ich mir mehr geistige Führung von dem berühmten muslimischer Theologen der Mäßigung Tariq Ramadan. Aber angesichts wirklichen Leidens, wirklicher Grausamkeit im Namen des Islams ist die erste Reaktion all jener Organisationen, die um das Bild des Islams bekümmert sind, stets Leugnung. Wir hören, dass die Gewalt nicht im Koran steht, dass Islam Frieden heißt, dass solche Aktionen eine gewaltsame Aneignung des Islams durch Extremisten seien - und so weiter. Aber die Beispiele häufen sich."

In der Sunday Book Review werden unter anderem eine Biografie über Bernard Malamud und ein Band mit Fragmenten von Malcolm Lowry besprochen. Im Sunday Magazine werden Ideen des Jahres 2007 aufgelistet - darunter die ganz neue Idee zu Tätowierungen in Braille-Schrift.
Anzeige

Espresso (Italien), 06.12.2007

Der Papst hat in seiner zweiten Enzyklika "Spe salvi" (auf Deutsch als pdf) darauf hingewiesen, dass es die atheistischen Ideologien wie Nationalsozialismus und Kommunismus waren, die für die größten Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts gesorgt haben. Umberto Eco möchte deshalb schüchtern darauf hinweisen, "dass auf den Fahnen der Nationalsozialisten 'Gott mit uns" geschrieben stand, dass die Militärkaplane der Falangisten die faschistischen Wimpel segneten, dass der Massenmörder Francisco Franco von religiösen Prinzipien inspiriert war, dass sich Katholiken und Protestanten über Jahre hinweg fröhlich massakrierten, dass sowohl die Gekreuzigten als auch ihre Feinde aus religiösen Gründen handelten..." Religion ist nicht Opium, sondern eher Kokain fürs Volk, schließt Eco.
Archiv: Espresso

Nepszabadsag (Ungarn), 08.12.2007

Warum hinterlassen Autoren heute kein umfangreiches Lebenswerk mehr wie früher Dumas oder Balzac? Darauf antwortet der Schriftsteller Imre Kertesz im Interview mit Sandor Zsigmond Papp: "Damals war das Schreiben unproblematisch. Man musste nicht die gesamte Existenz aufs Spiel setzen. Die Geschichten sprudelten nur so aus ihren Federn. Aus Mozart strömte ebenfalls diese wunderbare Freude: der Überfluss. Ein zeitgenössischer Komponist kann sich freuen, wenn er bis zur zweiten Sinfonie gelangt. Es ist etwas passiert in der Welt, das die Kunst unnatürlich werden lässt. Als wären die Quellen der natürlichen Kräfte verstopft. Vielleicht ist der Vorrat der Sprache verbraucht worden. Wir wurden damit konfrontiert, dass der Mensch zu etwas fähig ist, was man niemals von ihm erwartet hätte. Deshalb ist die atonale Prosa entstanden. Die atonale Musik erschien nach dem ersten Weltkrieg, als die Komponisten damit konfrontiert waren, dass die Sprache, die sie zuvor verwendet hatten, entleert war. Die neue Prosa nenne ich atonale Prosa, weil sie damit rechnen muss, dass der grundsätzliche ethische und moralische Konsens - der Grundton - nicht vorhanden ist. Heute gewinnen die Wörter in jedem Mund eine andere Bedeutung. Das muss auch die Prosa wahrnehmen. Dies führt aber dazu, dass sie ihre natürliche Bestimmung verliert: Dass ich erzähle und das Publikum staunend zuhört. Wenn man das Wesentliche dieser Wende nicht ausdrückt, ist man kein Schriftsteller mehr. Dann versäumt man sein Leben, sein Zeitalter."
Archiv: Nepszabadsag

New Republic (USA), 04.12.2007

Die Titelgeschichte ist der amerikanischen Literaturkritik gewidmet, der die frühere Kritikerin der Boston Review, Gail Pool, in ihrem Buch "Faint Praise" ein ganz miserables Zeugnis ausstellt. James Wolcott möchte ihr da gar nicht widersprechen, doch findet er die Bestandsaufnahme zu kleinteilig. Es fehle nicht an Platz oder Qualitätskontrolle, sondern vor allem an Persönlichkeit: "Wenn für einen Kritiker gutes Benehmen darin besteht, jede Phrase in einen Messbecher zu geben, können wir gleich unseren Zauberkoffer abgeben. Diese Erkundung des literarischen Flachlands lässt einen nicht mal erahnen, welch Blitz und Donner Rezensionen erzeugen können, wenn der richtige Kritiker frontal auf das richtige Buch stößt. Mit vollen Segeln kann Buchkritik ein kulturelles Ereignis werden: ein Werk der Begeisterung (Mary McCarthy über Nabokovs 'Fahles Feuer'), der sozialen Anwaltschaft (Dwight Macdonald über Michael Harringtons 'The Other America'), der Neubewertung (Brigid Brophy über Francoise Sagan), der restlosen Zertrümmerung (Macdonald über James Gould Cozzens' 'By Love Possessed', Wilfried Sheed über Norman Podhoretz' 'Making It'), der charakterlichen Wiederherstellungschirurgie (Clive James über Zachary Leaders Biografie von Kingsley Amis) und der literarischen Wiederauferstehung (Gore Vidal über Dawn Powell). Warum nicht nach den Sternen greifen?"
Archiv: New Republic

London Review of Books (UK), 13.12.2007

Brian Dillon hat Michael Ondaatjes Roman "Divisadero" gelesen und nutzt seine Kritik zu einer Generalabrechnung mit dem Autor. Die Zusammenfassung am Ende seiner ins Detail gehenden Analyse lautet so: "'Divisadero' ist die Sorte Buch, bei der man sich fragt, was die Leute eigentlich von Romanen erwarten. Schale Sprüche, die als zeitlose Weisheit daherkommen? Hübsche Vignetten aus einem einfacheren Leben? Blumig formulierte Versicherungen, dass sich, wer hätte es gedacht, hinter diesem einfacheren Leben Tragödien verbergen? Oder wollen sie Kochtipps? Nichts davon fehlt jedenfalls und es bediene sich, wer mag. Ondaatje verwendet viele Techniken, die wir in der Erzählliteratur außerordentlich schätzen - die Zurückweisung strikter Chronologie in der Form; die Entwicklung von Charakteren als kaum mehr als ein Gerücht oder ein Partikelhäufchen; weitausgreifende Kenntnisse der Literatur- und Geistesgeschichte auf Seiten des Erzählers - und raubt ihnen Energie, Witz, Geheimnis und alle Radikalität."

Weitere Artikel: Mit einer gehörigen Portion Sarkasmus beschreibt Tariq Ali die jüngeren und jüngsten Ereignisse in Pakistan und die Beziehung des Landes zu den USA; der Text ist ein Auszug aus Alis 2008 erscheinenden Buch "The Duel: Pakistan on the Flight Path of American Power". Terry Castle bespricht zwei Bücher, eines über die Künstlerin Claude Cahun und ihre Lebensgefährtin Marcel Moore sowie eines über Gertrude Stein und Alice Toklas - und macht sich bei der Gelegenheit auch über akademischen Gender-Studies-Jargon lustig. Michael Wood hält Ridley Scotts "American Gangster" für einen sehr guten Film, wenn auch kein Meisterwerk. Und Andrew O'Hagan will sich von Panikologen nicht weismachen lassen, dass das Leben in der Gegenwart seine entschieden ungefährlichen Seiten hat.

Gazeta Wyborcza (Polen), 08.12.2007

Der Stalinismus stirbt, jetzt auch in Nordkorea. Die fortschreitende Korrumpierung von Funktionären und der - meist von Frauen betriebene - Schwarzmarkt-Kleinkapitalismus, sind Anzeichen einer heimlichen ökonomischen Liberalisierung des Landes, meint im Interview Nordkorea-Experte Andrej Lankow. Ein Vereinigungsszenario wie in Deutschland sieht er jedoch skeptisch: "Die DDR war nur zweimal ärmer als die BRD, und Nordkorea ist 15 bis 30 mal ärmer als der Süden. Die Wiedervereinigung Deutschlands wurde genau beobachtet, und man hat davon Abstand genommen. Aus menschlicher Perspektive ist das kaum verwunderlich - die Südkoreaner kaufen alle fünf Jahre ein neues Auto, fahren jährlich in den Urlaub. Warum sollten sie das alles aufgeben, wegen der Trottel aus dem Norden?"

Eine Woche nach den "Wahlen" in Russland spielt die populäre, kremlfreundliche Band Lube in Warschau. Was wissen die Polen überhaupt von der Populärmusik aus dem Osten?, fragt sich Robert Sankowski. "Nachdem wir jahrelang die verordnete Freundschaft mit der UdSSR abgeschüttelt haben, wenden wir uns Russland langsam wieder zu. Man liest junge russische Literatur, hin und wieder schafft es ein Film in die Kinos. Viel zögerlicher geht es mit der Rockmusik. Gäbe es nicht das Internet, wäre es heute in Polen genauso schwierig, an russische CDs zu kommen wie vor zwanzig Jahren an Undergroundmusik aus New York oder London." Trotz aller Freude über den Auftritt gibt Sankowski zu: statt der Putin-Lieblinge Lube hätte er viel lieber einen Auftritt der Ska-Punk-Band Leningrad gesehen.

Foglio (Italien), 08.12.2007

Simona Verrazzo schreibt über Kairos al Azhar - Universität und religiöse Instanz in einem. So sehr die Institution auch an Gewicht in der arabischen Welt verloren hat, ein Rest an Autorität werde immer bleiben: "Von Saladin bis zu Napoleon, jeder, der einen Fuß auf ägyptischen Boden gesetzt hat, musste feststellen, dass man sich mit ihr arrangieren muss, um zu regieren. Woher ihr Prestige kommt, ist ein Rätsel, und vielleicht ist genau dass ihr Ass im Ärmel. Die Architektur ist normal, es könnte irgendeine Moschee sein: vier Mauern, ein Innenhof, sechs Minarette, ein Mihrab, der nach Mekka zeigt. Nicht mal die Stadt, in der sie liegt, ist außergewöhnlich, auch nicht für den Islam. Kairo ist keine heilige Stadt wie Medina, Mekka oder Jersualem, es war nie der Sitz eines Kalifen wie Damaskus oder Istanbul. Al Azhar ist al Azhar. Und das werden die Schiiten vielleicht nie verstehen."
Archiv: Foglio

Spectator (UK), 08.12.2007

Richard Orange trifft Rajeev Samant, der ganz oben auf der indischen Weinwelle schwimmt. "Mit seinem rasierten Schädel, dem Ohrring und Ziegenbart hat Samant von Anfang an auf sein Playboy-Image gesetzt, um seine Sula-Weine seit dem Start 1999 zu vermarkten. Chateau Indage im nahen Pune und Grover Vineyards in Bangalore fingen schon zehn Jahre früher an, aber es war Sula, die es schafften, Wein zum Getränk der aufstrebenden Schichten zu machen und somit den den derzetigen Boom auszulösen. Einige der weltweit größten Getränkeunternehmen wie Diageo und Pernod Ricard eröffnen Weingut um Weingut, um den Fuß in einen Markt zu bekommen, der um die dreißig Prozent im Jahr wächst. Bollywoods Hauptdarstellerinnen sieht man jetzt mit Weingläsern in der Hand, auf und abseits der Leinwand. Für die neuen Berufsgewinnler aus Bombay, Bangalore und Delhi, die gerade von Geschäftsreisen aus Europa und den USA zurück sind, ist Wein ein wichtiges Statussymbol geworden. Und Samants Unternehmen wächst dementsprechend. 'Wir pflanzen zweihundert Hektar pro Jahr', sagt er. 'Es gibt sehr wenige Weingüter auf der Welt, die in dieser Größenordnung wachsen.'"
Archiv: Spectator

Folio (Schweiz), 03.12.2007

Dieses Folio ist dem Rätsel gewidmet. Reto U. Schneider stellt uns eins vor, das die Psychologie des Rätselnden auf den Prüfstand stellt: "Als es der britische Psychologe Peter Wason in den frühen 1960er Jahren ersann, konnte er nicht ahnen, welche fulminante Karriere ihm beschieden sein würde: Auf dem Tisch liegen vier Karten mit einem Buchstaben auf der einen, ­einer Zahl auf der anderen Seite. Zwei davon zeigen die Buchstaben E und T, die anderen zwei die Zahlen 4 und 7. Es gilt die Regel: Wenn auf der einen Seite einer Karte ein Vokal steht, steht auf der anderen eine gerade Zahl. Welche Karten muss man umdrehen, um zu überprüfen, ob die Regel eingehalten wird? Diese simple Frage wurde unter der Bezeichnung 'selection task' zur meiststudierten Denksportaufgabe in der Psychologie."

Weitere Artikel: Mikael Krogerus hat sich mit dem Lehrer Donald Harden unterhalten, der den ersten Geheimtext des Serienmörders Zodiac knackte. Judith Stalpers und Florian Coulmas stellen den japanischen Spielepapst Maki Kaji vor, der etwas noch besseres als Sudoku entdeckt haben will. Und Steve Nadis nimmt uns mit auf die MIT Mystery Hunt. Alle Artikel sind mehrfach von Links zu Rätseln (und ihrer Auflösung) unterbrochen! In der Duftnote schließlich erzählt Luca Turin von den Wiederbelebungsversuchen der Parfümfirma Amouage in Oman.
Archiv: Folio

Economist (UK), 07.12.2007

Die Lebensmittel- und insbesondere die Getreidepreise steigen weltweit. Die Titelgeschichte untersucht Gefahren und Chancen dieser Entwicklung - und weist auch auf einen wichtigen Verursacher hin: "Der Preisanstieg ist auch das selbstverschuldete Ergebnis der rücksichtslosen Ethanol-Subventionierung in den USA. In diesem Jahr wird ein Drittel der amerikanischen (Rekord-) Maisernte in Biokraftstoff umgewandelt. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf den Lebensmittelmarkt. Mit einer Ethanol-Tankfüllung eines Geländewagens wird eine Menge Mais verbraucht, von der sich eine Person ein ganzes Jahr lang ernähren könnte. Und das hat mittelbare Auswirkungen, da die Landwirte von anderem Getreide auf Mais umschwenken. Die zusätzlich 30 Millionen Tonnen Mais, die in diesem Jahr in Ethanol umgewandelt werden, machen nicht weniger als die Hälfte des Rückgangs in der weltweiten Getreideproduktion aus."

Weitere Artikel: Die Redaktion stellt ihre Bücher des Jahres vor: Die Liste ist recht lang, die Kommentare sind mit zwei bis drei Zeilen pro Buch aber kurz. Daneben steht die nicht ganz unbeeindruckende Liste der von Economist-Redakteuren und -Autoren im letzten Jahr verfassten Bücher. Im Artikel "World of Dealcraft" geht es um die sich rasant verändernde Videospiel-Ökonomie. Analysiert werden die Gründe für Hugo Chavez' Niederlage beim Referendum, das ihn zum Präsidenten auf Lebenszeit hätte machen sollen. Einen Nachruf gibt es auf den Stuntman Evel Knievel.
Archiv: Economist
Stichwörter: Hugo Chavez, Videospiele

DU (Schweiz), 01.12.2007

Ein Alphabet des Verschwindens hat das du-Magazin zum Abschied zusammengestellt. Es reicht vom Alpenbock über Bumperfatscha (ein dem "bonum per faciem" entlehnter rätoromanischer Tischspruch), die Hirschgrandel ("ein Juwel von ehrfurchtgebietender Hässlichkeit: zwei Hirschzähne, wie durch lebenslangen Nikotinabusus dunkelgelb gefärbt"), bis zum Zwischengas. Die du-Redaktion ist auch dabei, ihre Arbeit wird, so sieht es das neue Geschäftsmodell vor, outgesourct. "In der Regel brauchte es zwei Komponenten für ein 'du': Jemand aus der Redaktion war von einem Thema besessen und also fest davon überzeugt, dass die Welt es braucht. Dann kam der kollektive Ehrgeiz."
Archiv: DU
Stichwörter: Alphabet

New Yorker (USA), 17.12.2007

In seiner Rezension von James Flynns Studie "What is Intelligence?" (Cambridge) gibt Malcolm Gladwell einen interessanten Überblick über Probleme und Fragestellungen der Intelligenzforschung und ventiliert die Debatte über den Zusammenhang von Rasse und IQ. So hebe der heute gängigste Intelligenztest WISC (Wechsler Intelligence Scale for Children) "vor allem auf die Kategorie 'Ähnlichkeiten' ab, in der einem Fragen gestellt werden wie 'Worin sind sich Hunde und Kaninchen gleich?'. Heutzutage pflegen wir die, im Sinne der Intelligenztests, richtige Antwort zu geben: Hunde und Kaninchen sind Säugetiere. Ein Amerikaner des 19. Jahrhunderts hätte geantwortet: 'Man benutzt Hunde, um Kaninchen zu jagen.' (?) Unsere Großeltern mögen durchaus intelligent gewesen sein, hätten bei den heutigen IQ-Test aber jämmerlich versagt, weil sie die große kognitive Revolution des 20. Jahrhunderts nicht mitgemacht haben, die uns beibrachte, Erfahrung einem neuen Satz abstrakter Kategorien zuzuordnen. (...) Der IQ misst damit, in anderen Worten, nicht so sehr wie schlau wir sind, sondern wie modern."

Weiteres: David Sedaris schildert einen Nachtflug New York - Paris in der Business-Class. Unter der Überschrift "Rückkehr des Nativisten" porträtiert Ryan Lizza den Republikaner John McCain, der gerne Präsidentschaftskandidat werden würde, und den neuen "Anti-Immigrations-Rausch" der Republikaner. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The King of Sentences" von Jonathan Lethem und Lyrik von Frank Bidart und Henri Cole.

John Lahr stellt Inszenierungen der Theaterstücke "The Seafarer" von Conor McPherson und Mark Twains "Is He Dead" vor. Peter Schjeldahl schreibt über die Cranach-Ausstellung im Frankfurter Städel, die im Frühjahr nach London weiterzieht. Nancy Franklin erklärt, was sie in den Debatten der Kandidaten für die Präsidenschaftskandidatur auf CNN/YouTube über selbige gelernt hat. Und David Denby sah im Kino Paul Thomas Andersons Drama "There Will Be Blood", Jason Reitmans Komödie "Juno" und Marc Forsters Film "The Kite Runner" nach dem Roman "Drachenläufer" von Khaled Hosseini.

Nur im Print: die Geschichte der antiken Aphrodite-Statue, die zum Rauswurf einer Kuratorin des Getty-Museums führte, und ein Artikel zur Frage, ob der Tod von Malcolm Lowry wirklich Selbstmord oder doch Mord war.
Archiv: New Yorker