Michael Ondaatje

Divisadero

Roman
Cover: Divisadero
Carl Hanser Verlag, München 2007
ISBN 9783446209237
Gebunden, 277 Seiten, 21,50 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Melanie Walz. Am Anfang waren sie immer zu dritt und wuchsen auf wie Geschwister: Anna, deren Mutter bei der Geburt gestorben ist, Claire, die von Annas Vater in Obhut genommen wird, da auch sie ihre Mutter verloren hat, und Cooper, der ganz allein ist - Waisen sie alle. Doch dann verliebt sich Anna in Cooper, und als ihr Vater sie ertappt, schlägt er den Ziehsohn halbtot. Da trennen sich ihre Wege. Cooper wird Profipokerspieler, Anna zieht in den Süden Frankreichs, nur Claire bleibt in der Gegend. Eine Geschichte von Spielern, Waisen und Künstlern, von einer kleinen Gemeinschaft von Außenseitern, die in völlig verschiedenen Welten leben - und davon, dass es in der Liebe, im Leben und in der Familie keine Unschuld geben kann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.10.2007

Christoph Bartmann ist sich nicht sicher: Schreibt Michael Ondaatje nun mit großer Könnerschaft oder schreibt er bloß großen Kitsch? Beides womöglich. Jedenfalls geht Bartmann dem anspielungsreichen Erzählprinzip des Romans, dem, wie er meint, durchaus virtuosen Spiel mit Teilungen und Trennungen, nicht auf den Leim. Was Bartmann aus diesem Buch herausholt, hat Ondaatje, für ihn sichtbar, vorher hineingetan. So lassen sich Staunen und Misstrauen des Rezensenten erklären. Ob der Autor mit seinem Hang zum Unausgespochenen und Ungefähren nun Kunstgewerbe produziert, wie Bartmann mutmaßt, oder mit der Sprache eines "multikulturellen Gender-Seminars" nervt, irgendetwas stört den Rezensenten immer. Selbst den Umstand, dass der Roman "schöne Stellen" hat, relativiert Bartmann sogleich: Möglicherweise sei "Divisadero" ja eine einzige "große schöne Stelle."
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2007

Als "Totgeburt" eines großen Autors wertet Rezensent Tobias Döring Michael Ondaatjes neuen Roman über die verschlungenen Lebenswege der Adoptivkinder Claire, Anna und Cooper, die wie Geschwister aufwuchsen, dann aber jäh auseinander gerissen werden. Zwar findet er in dem Buch vereinzelt Szenen, die ihm überaus intensiv scheinen. Insgesamt aber kann er seine Enttäuschung nicht verbergen. Die Figuren des Romans kommen ihm klischeehaft und wenig interessant vor. Vor allem aber beklagt er die Erhebung des Fragmentarischen zum Erzählprinzip, die in diesem Buch in seinen Augen absolut nicht funktioniert. Immer nämlich, wenn er sich gerade für eine Figur oder eine Geschichte zu interessieren beginnt, schneidet der Autor zu seinem Bedauern den Erzählfaden ab. Döring hält ihm in diesem Zusammenhang vor, "keiner Geschichte ihren Raum zu geben".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.09.2007

Rezensent Martin Lüdke zeigt sich ausgesprochen beeindruckt von Michael Ondaatjes oft ans "Surreale" grenzenden Erzählstil. Er bezeichnet sein Händchen für dramaturgische Komposition als ein Beispiel für "postmoderne Virtuosität" und ist begeistert, dass das Buch darüber hinaus noch einen inhaltlichen Mehrwert, einen ernsten Kern hat. Ondaatjes "radikale Erzählposition", die offenbar wenig Vertrauen in "sinnvoll abgeschlossene Geschichte" hat und sich auch "um bloße Wahrscheinlichkeiten kaum kümmert", ist in den Augen des Rezensenten nicht nur Selbstzweck. Eher verweist sie auf das Lebenstrauma seiner Protagonistin Anna, mit dem diese nur leben kann, indem sie eine andere Lebensgeschichte für die, die sie verloren hat, erfindet. So entsteht nach Lüdkes Empfinden aus diesen vielen, kaum miteinander verbundenen Geschichten am Ende doch "eine große Geschichte".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.09.2007

Thomas David preist den jüngsten Roman Michael Ondaatjes als Glanzpunkt seines bisherigen Schaffens und zeigt sich tief beeindruckt von der Schönheit und der geradezu mythisch anmutenden Eigenartigkeit. "Divisadero" handelt von drei durch Adoption verbundene Geschwister, die durch eine verbotene Liebe jäh wieder auseinander gerissen werden. Diese Zerrissenheit überführe der Autor auf bewunderungswürdige Weise auch auf die formale Ebene seines Romans, indem er Coop, Anna und Claire in einzelnen Kapiteln ihrer Vergangenheit nachspüren lässt, was wiederum nur in Erinnerungsfragmenten möglich ist. Zudem schreibt Anna an der Biografie eines vergessenen französischen Schriftstellers, die das letzte Drittel des Romans ausmacht, in dem sich nun wieder die Vergangenheit der Geschwister spiegelt, erklärt der Rezensent die verwickelte Struktur des Buches. Ein gewagtes Romanunternehmen, so David fasziniert, der das Ergebnis nichts weniger als vollkommen findet und darin das "poetische Vermächtnis" eines herausragenden Erzählers erkennt.
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