Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
17.05.2004. Im New Yorker treibt Seymour M. Hersh mit seinen Enthüllungen über die Folterungen im Irak die Bush-Regierung in den Abgrund. Outlook India gratuliert den indischen Wählern zu ihrer Unabhängigkeit. Atlantic Monthly porträtiert Tony Blair als tragische Figur. Im Spiegel erklärt Martin Walser seine Abscheu vor dem Bilderkrieg. Bernard-Henri Levy geißelt in Le Point den Antizionismus als verkappten Antisemitismus. In Radar sieht Elisabeth Roudinesco die Zukunft der Psychoanalyse. Le Monde des Livres stellt Robert O. Paxtons neues Buch über die Anatomie des Faschismus vor.

New Yorker (USA), 24.05.2004

Der New Yorker hat ganz klar die Führung in der Aufdeckung der Folterungen im Irak übernommen. Der ebenso unermüdliche wie gründliche Seymour M. Hersh legt in seiner Fortschreibung des Skandals offen, dass Folter offenbar eine "systemimmanente" Praxis des US-Militärs sei. Er zitiert einen ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter, wonach Donald Rumsfeld bereits im vergangenen Jahr in Afghanistan für die Jagd auf Al Qaida-Mitglieder ein "hochgeheimes Programm" angeordnet habe, Gefangene - in diesem Fall Taliban - auch mit "harten Methoden" zum Sprechen zu bringen. Bush habe über diese geheime Anordnung Bescheid gewusst. Hershs Recherchen bringen ihn zu der Überzeugung, dass dieses "Programm" auch für die Gefangenenbefragung im Gefängnis Abu Ghraib gegolten hat. So habe ihm ein Regierungsberater erzählt, dass die "sexuellen Demütigungen" und die "gestellten Fotos" davon zumindest "anfangs einen gezielten Zweck" erfüllen sollten. Genau wissend, dass in der arabischen Welt Sexualität extrem stark von Tabus und Scham geprägt sei, "sei man davon ausgegangen, dass einige Häftlinge alles tun würden, um zu verhindern, dass ihre Familien oder Freunde die Bilder zu Gesicht bekommen - einschließlich der Ausspionierung von Mitgefangenen." (Ein Foto und die wesentlichen Informationen über Seymour M. Hersh finden Sie hier, ein Porträt aus dem Spiegel hier und ein Porträt aus salon.com hier)

Weiteres: In einer herrlichen Reportage porträtiert David Grann den neuseeländischen Meeresbiologen Steve O'Shea (mehr), einen Besessenen, der Jagd auf ein Meerungeheuer macht. Ian Frazier meditiert auf amüsante Weise über den schönen amerikanischen Satz "Tom Ford has left Gucci" ("Ich will überhaupt nicht darüber nachdenken, kann aber einfach nicht damit aufhören"). Tad Friend denkt über die unverzichtbare Rolle der Stadt in Katastrophenfilmen nach. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Hell-Heaven" von Jhumpa Lahiri.

Besprechungen: Nicolas Lemann rezensiert die Erinnerungen des politischen Starjournalisten Tim Russert ("Big Russ & Me", Miramax) aus Washington, dessen Name wie eine "eigene Marke" funktioniert und dessen sonntagmorgendliche Fernsehsendung "Meet the Press" Legende ist. Sasha Frere-Jones porträtiert die 19-jährige Sängerin und Pianistin Nellie McKay und begeistert sich über ihr Album "Get Away from Me". Paul Goldberger sieht in der neuen, von Rem Koolhaas gebauten Bibliothek in Seattle eine "Adelung des öffentlichen Raums". Anthony Lane schließlich sah im Kino "Van Helsing" von Stephen Sommers ("weniger eine Geschichte als die visuelle Entsprechung eines Sammelalbums 'The Very Best of Gothic Horror'") und den Dokumentarfilm "Control Room" von Jehane Noujaim über den arabischen Fernsehsender Al Jazeera.

Nur in der Printausgabe: Lyrik von Robert Mezey und Constance Merritt.
Archiv: New Yorker

Outlook India (Indien), 24.05.2004

"India accepts Sonia", titelt Outlook zum überraschenden Ausgang der Parlamentswahlen. Die gute Koalitionspolitik der Kongresspartei, die Rückbesinnung auf ihre sozialistischen Fundamente - es ist nicht so, dass Bhavdeep Kang keine Gründe einfallen, die eine Rolle gespielt haben dürften. Doch dass es der schwachen Traditionspartei mit der "Ausländerin" Sonia Gandhi an der Spitze gelingen konnte, die mediengewandte BJP um den charismatischen und erfolgreichen bisherigen Premier Vajpayee zu schlagen, ist wohl nur damit zu erklären, dass Indiens Stimmberechtigte weniger gewählt als abgewählt haben. Oder, wie es ein siegreicher Politiker selbstironisch formulierte: "Gott hilft denen, die sich nicht selber helfen."

Vinod Mehta ist kein Anhänger der Kongresspartei, dennoch ballt er die triumphierend Faust: "Man kann die Medien kontrollieren, man kann Wahlkreise mit finanziellen Flächenbombardements überziehen, aber man kann die indischen Menschen nicht kaufen." Der BJP sei ihre Überheblichkeit zum Verhängnis geworden, und niemand, nicht einmal Vajpayee, könne der "byzantischen Komplexität der indischen Gegenwart, in der die Klassen- und Kasten-, die ethnischen und religiösen Loyalitäten alle 200 Kilometer wechseln", das Wasser reichen. Und auch wenn jetzt der "Pseudo-Säkularismus" gesiegt haben sollte - der eigentliche Triumphator, so Mehta, ist die indische Demokratie: "Lang lebe die Macht des Volkes." Richtig, stimmt Arundhati Roy (nur im Netz) zu - es gibt etwas zu feiern: Das Land habe sich gegen Neo-Liberalismus und Neo-Faschismus entschieden. "Die Dunkelheit ist vorüber. Oder doch nicht?" Ist, fragt Roy, die Kongresspartei ideologisch überhaupt von den abgewählten Hindu-Nationalisten zu unterscheiden? "Hoffentlich", so ihr Stoßseufzer, "hoffentlich wenden sich die Dinge zum Besseren. Ein bisschen. Es waren ziemlich höllische sechs Jahre."

Außerdem: Außerirdische. "Sie erforschen uns mit Hilfe von Chips, die sie in unsere Gehirne implantiert haben, oder indem sie uns in Zombies verwandeln. Sie schwängern Frauen, um hybride Kinder zu erzeugen - für die Zukunft. Und es gibt nicht nur eine Sorte Aliens, sondern gute (die spirituellen) und böse (die - etwas vorhersehbar - mit der USA in Kontakt stehen). Vielleicht ist das ja die Neuauflage des Manichäismus in einer globalisierten und unipolaren Welt", mutmaßt Samit Basu, der in einem sehr unterhaltsamen Text von einer bizarren Begegnung mit angeblichen ukrainischen ET-Forschern berichtet. Die wollen nämlich ein Forschungsinstitut in Indien eröffnen. Weil nämlich bald, genauer gesagt 2009, eine Gesandschaft eintreffen wird.

Weiter Artikel: Der indische Kunstmarkt boomt - Madhu Jain berichtet über Szene und Stile, Preise und Käufer. Und Manjula Padmanabhan lobt Nell Freudenbergers Geschichtenband "Lucky Girls".

The Atlantic (USA), 01.06.2004

Selten hat Tony Blair so alt ausgesehen wie in dieser Ausgabe des Atlantic Monthly. Geoffrey Wheatcroft zeichnet in einem ausgedehnten Porträt nach, was aus dem Mann geworden ist, der einst neues Vertrauen in die Politik begründen und die Fahne des liberalen Interventionismus hissen wollte. "Tony Blair war der einzige Mensch auf der Welt, der den Krieg im Irak hätte stoppen können. Aber er hat sein Volk in einen Krieg geführt, den es nicht wollte, aus Gründen, die nicht stimmten - nun ist sein verheißungsvoller, nahezu JFK-artiger Nimbus zerschmettert. Der Mann, der vor gar nicht allzu langer Zeit ein neues Ideal darstellte, steht nun allein da, wahrlich eine große tragische Figur". Leider ist online nur ein Gespräch mit Wheatcroft über seinen Text zu lesen.

Etwas erinnerungsselig hält Christopher Hitchens den Klassiker aus seiner Pfandfinderzeit in den Händen: Robert Baden-Powells "Scouting for Boys", das jetzt wieder in der Originalausgabe von 1908 zu haben ist. Dazu hält er fest: "Baden-Powell war weder Megalomane (auch wenn er selbst zugab, dass das Motto 'Be Prepared' von seinen Initialen inspiriert war) noch war er ein sadistischer, unterdrückter Päderast. Er war ein Rassist und ein Imperialist und ein Monarchist, das schon, aber meist in moderatem Maße."

Weiteres: Joshua Green untersucht die "schmutzigen Tricks" im amerikanischen Wahlkampf, die seiner Darstellung nach das Bush-Team besonders gern anwendet (und auch schon gegen Al Gore angewendet hat). Pauls Starobin malt sich aus, wie ein seiner Meinung nach notwendiger autoritärer Staat heute aussehen muss - nämlich ganz anders als ihn sich die Massen vorstellen.

David Kipen beklagt, dass Hollywood nur noch Filme dreht, die international verwertbar sind, und wirft die interessante Frage auf: "Wenn Frankreich Filme für Franzosen produziert, und Amerika Filme für die Welt, wer macht dann Filme für Amerika?" Zum Beispiel einen Film wie "Mr. Smith goes to Washington" voller innenpolitischer Anspielungen oder eine Screwball-Komödie wie "His Girl Friday" mit ihren "viel-zu-schnell-zum-Übersetzen-Dialogen"? Und Francis Davis schließlich entdeckt in den neuen Alben des Jazz-Saxophonisten Wayne Shorter, "Footprints Live!" und "Alegria", das Zeug für ein großartiges Comeback.
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Archiv: The Atlantic

Espresso (Italien), 20.05.2004

Der marokkanische Autor Tahar Ben Jelloun brandmarkt die saudische Elite als direkte Mitverantwortliche des islamistischen Terrors, der auch das eigene Land immer stärker treffe. Ähnlichkeiten findet er auch zwischen den Familien Saud und Bush. "Der Terrorismus ist nur das Symptom, und nicht die Krankheit. Sie besteht im religiösen Fundamentalismus wie er von den Saudis als auch von einigen Fanatikern aus dem Umkreis des derzeitigen Präsidenten der Vereinigten Staaten propagiert wird. Saudi Arabien erntet gerade nur, was es gesät hat."

Aus den empörten Leserzuschriften zu seinem kritischen Artikel über Mel Gibsons "Passion" liest Umberto Eco einen neuen Hang zur Bilderverehrung heraus, der ihn fatal an den byzantinischen Bilderstreit des 8. Jahrhunderts erinnert. "Viele der Leserkommentare sind nicht über den Film, sondern über Jesus (pro und contra, im Gegensatz zu früher gibt es offensichtlich heute nur noch Idolatriker, gläubige und nichtgläubige). Für die meisten scheint es schwierig zu sein, den Film von der Wirklichkeit zu trennen. Der Film ist für sie die Heilige Schrift, und dieser Jüngling, der Jesus spielt, ist Jesus."

Als "Invasion der Barbaren" bezeichnet der Espresso die Vorgänge im Irak auf der Titelseite, und Enrico Pedemonte präzisiert im Aufmacher, dass es nicht nur einige fehlgeleitete Soldaten gab, sondern bestimmt auch Höhergestellte, die sie fehlgeleitet haben: "die Spitzen des Geheimdienstes und des Verteidigungsministeriums". Im diese Woche unbefriedigenden Kulturteil findet sich nur ein Interview mit der italienischstämmigen, aber international ausgerichteten Schauspielerin Maya Sansa.
Archiv: Espresso

Spiegel (Deutschland), 17.05.2004

Nur im Print bekräftigt Martin Walser noch einmal seine Abscheu vor jeder Art von Krieg - ganz besonders aber vor dem "Bilderkrieg", der die Folterungen irakischer Gefangener in Abu Ghraib und die Enthauptung des Amerikaners Nicholas Berg ausgelöst hat: "Mir fehlt die Rechtslogik, um auszudrücken, dass dieses Abbilden kein bisschen weniger grässlich ist als das Tun. Das Abbilden der Scheußlichkeit ist die restlose Ausrottung der Menschenwürde. Der Menschenwürde des Gequälten, des Quälers und des Fotografen."

In dieser Woche wird Otto Schily den neuen Verfassungsschutzbericht vorstellen. Wie Georg Mascolo und Holger Stark berichten, wird Saudi-Arabien darin nicht die Erwähnung finden, die ursprünglich einmal geplant war: "Die zuständigen Verfassungsschützer hatten intern einen Textentwurf präsentiert, in dem von 'zahlreichen Hinweisen' die Rede ist, 'dass halbstaatliche saudische Institutionen, Funktionsträger und saudische Privatpersonen an Unterstützungs- und Finanzierungsaktivitäten für internationale Netzwerke gewaltbereiter Islamisten beteiligt waren oder sind'."

Im Print: Ein Beitrag über die Architektin Zaha Hadid und ihr neues Wissenschaftsmuseum in Wolfsburg. Ein Gespräch mit George Tabori über "seine abenteuerlichsten Begegnungen". Besprochen wird Richard Powers' neuer Roman "Der Klang der Zeit" - laut Spiegel "ein großer Gesellschaftsroman". Und Klaus Umbach feiert die Debüt-CD des Pianisten Martin Stadtfeld mit Bachs Goldberg-Variationen als "grandiose Unverschämtheit", "noch kecker, noch spannender und abenteuerlicher als Goulds legendärer Mono-Schocker."

Vom Spiegel-Titel blickt uns die düstere Zukunft des Mannes entgegen: "Pädagogen sorgen sich um die Männer von morgen: Immer mehr Jungen verlassen die Schule mit miserablen Noten. Sie sind tief verunsichert, männliche Vorbilder fehlen. Forscher rufen bereits die 'Jungenkatastrophe' aus, die Leistungen der Mädchen werden unterdessen immer besser." Eine Frage bleibt am Ende des Artikels allerdings offen: "Warum machen die durchweg weniger erfolgreichen Jungen dann im Beruf so oft steilere Karrieren als die Mädchen?"
Archiv: Spiegel

Point (Frankreich), 17.05.2004

Scharf kritisiert Bernard-Henri Levy die Toleranz, die dem Antizionismus entgegengebracht wird, sei er doch die moderne und hoffähige Variante des Antisemitismus, von dem er sich nur vermeintlich distanziert. Der Antizionismus führe, indem er dem Staat Israel seine Rechtmäßigkeit abspreche (dieses Recht den Palästinensern aber ohne Umschweife zugestehe), die historische Judenverfolgung fort. Wer diesem Gedankengang nicht folgen will, dem rechnet Levy es anders vor: "Nehmen Sie den für fortschrittlich ausgegebenen Antizionismus und zählen Sie ihn zusammen. Die Grabschändungen von Herrlisheim, die - wahrscheinlich - von Neonazis verübt wurden. Die Maghrebiner, die in den Vororten davon träumen, die Intifada weiterzuführen. Die Globalisierungsgegner, die sich mit (Tariq) Ramadan verbrüdern. Die guten Franzosen, die - wie einst Louis-Ferdinand Celine - nicht im geringsten bezweifeln, dass der winzige Staat Israel gefährlicher für den Weltfrieden ist als Nordkorea, Russland, Pakistan und Amerika zusammen. Der radikale Islamismus. Der Lepenismus. (...) All das ergibt irgendwann einen Zeitgeist. Und die Erfahrung zeigt, dass angesichts einen solchen Zeitgeistes, angesichts der Ansammlung von all diesen Beschwörern des Schlimmsten, angesichts dieses Cocktails von Kräften, die zwar von überall kommen, die aber geheimnisvollerweise auf denselben zwanghaften Hass abzielen, es dringend notwendig ist, an das Bewusstsein eines jeden zu appellieren und allen zu erklären, dass der Antisemitismus nicht mein Problem ist, sondern ihres, dass er nicht das Problem der Juden ist, sondern Frankreichs."
Archiv: Point

Radar (Argentinien), 16.05.2004

Wenn irgendwo auf dieser Welt heute noch die Fahne der Psychoanalyse hochgehalten wird, dann bekanntlich in Argentinien. Die aktuelle Ausgabe von Radar, dem Kulturmagazin der argentinischen Tageszeitung Pagina 12, eröffnet mit einem langen Interview mit Elisabeth Roudinesco, altgediente Weggefährtin von Jacques Lacan und Vizepräsidentin der "Societe internationale d'histoire de la psychiatrie et de la psychanalyse" (mehr). Zentrales Thema des Interviews wie auch von Roudinescos letztem Buch ist "die Familie". Besonders spannend wird das Gespräch mit Maria Moreno, wenn die befragte Psychoanalytikerin ihrerseits Fragen stellt: "Und wie erklären die Unterdrücker hier in Argentinien ihren Kindern, dass sie die Mörder ihrer verschwundenen Eltern sind?" Beziehungsweise, wenn Roudinesco über das Recht eben dieser unter der Militärdiktatur geraubten Kinder spekuliert, nichts über ihre wahren Eltern zu erfahren. Überhaupt: Sind die biologischen Eltern zwangsläufig die wahren? Wohlmeinend heißt es dafür zum Schluss: "Die Dogmatiker sitzen in Europa und den USA. Die Zukunft der Psychoanalyse liegt in Argentinien."

Ein anderer Veteran rebellisch-aufklärerischer Zeiten, von dem ebenfalls schon lange nichts mehr zu hören oder zu lesen war, ist der Jazz-Bassist Charlie Haden. Die verdienstvollen Radaristas lassen ihn im Interview in aller Ausführlichkeit erzählen, unter anderem, was es für ihn bedeutet, in diesen Tagen US-Bürger zu sein, und was er seinen Schülern am California Institute of the Arts mit auf den Weg gibt: "Ich sage ihnen, dass sie gute Menschen werden müssen, dann werden sie vielleicht irgendwann auch gute Musiker."

Ein Künstler, der zum Urgestein der Musikszene von Buenos Aires gehört, und, ob guter Mensch oder nicht, außerdem ein legendärer "Frauenheld", ist Cacho Castana. Luis Bruschtein lässt den Schöpfer von mehr als 2.500 Musikstücken aus seinem Leben zwischen Tango und Elvis Presley berichten: "Die besten Stücke schreibt man, wenn einen eine Frau verlassen hat - wahrscheinlich, weil man ein Spinner ist oder weil man einfach gerne leidet, wer soll das wissen."
Archiv: Radar

Economist (UK), 14.05.2004

George W. Bush wird wohl kaum seine Irakpolitik zum Zugpferd seines Wahlkampfes machen, bemerkt der Economist mit leisem Spott. Also müsse ein neues, erfolgversprechenderes Kernthema her: die Wirtschaft. Das allerdings stimmt den Economist eher skeptisch, denn Bushs Wirtschaftsvision scheint sich in der magischen Formel der Steuersenkung zu erschöpfen. Wende man sich allerdings den "klügeren Republikanern" zu, komme ein durchaus schmackhaftes und innovatives Programm zum Vorschein. Doch auch dies sei eher Anlass zur Skepsis: "Wenn man diesen verblüffend radikalen Ideen lauscht, fühlt man sich aufs Erschreckendste erinnert an den unendlichen Optimismus, der Bushs außenpolitisches Team auszeichnete. Genau wie der neokonservative Traum einer Demokratisierung des Mittleren Ostens in den Straßen von Bagdad an der Realität gemessen wurde, genauso braucht das Wirtschaftsprogramm unbedingt jemanden, der dafür bezahlt. Doch diesen Teil der Gleichung wird man nicht allzu oft auf Wahlkampfveranstaltungen zu hören kriegen."

In weiteren Artikeln ist zu lesen, was es so schwierig macht, den Irak wiederaufzubauen (die Sicherheitslage für die Investoren und ihre Angestellten), dass die Blair-Regierung mit den Misshandlungsfällen im Irak weiter an Zuspruch verloren hat, warum es schlecht um die Weltwirtschaft aussieht, sollte China zu wirtschaftsregulierenden Maßnahmen greifen, und was man sich unter der chinesischen Villen-Eifersucht vorzustellen hat.

Außerdem: Der Economist hat drei Bücher zum Thema Kunst und Mathematik gelesen, von denen nur Peter Pesics Buch über den norwegischen Mathematiker Niels Abel ("Abel's Proof") in seinen Augen Gnade findet. Er begutachtet das alternde Deutschland (unter anderem anhand von Frank Schirrmachers "Methusalem-Komplott") und würdigt den kürzlich verstorbenen Andrew Cavendish als schlichten und edlen Duke von Devonshire.

Und schließlich behauptet Paul Markillie in der Titelgeschichte, der ein ganzes Dossier gewidmet ist, dass der E-Commerce trotz scheinbar bescheidener Bilanzen nicht nur einen weit größeren Anteil am Markt besitzt als vermutet, sondern den offline-Markt tiefgreifend umgestaltet: Immer mehr Kunden informieren sich im Internet, bevor sie eine Ware online oder offline einkaufen. "Eine Firma, die ihre Website vernachlässigt, begeht kommerziellen Selbstmord. Eine Website wird immer mehr zum Portral für die Marke, die Produkte und die Serviceangebote - selbst wenn die Firma nicht online verkauft. Eine nutzlose Website suggeriert eine nutzlose Firma, und die Konkurrenz ist nur einen Mausklick entfernt. Aber selbst die coolste Website nützt nichts, wenn die Leute sie nicht finden können, deshalb müssen Firmen dafür sorgen, dass ihre Site sehr hoch in den Suchergebnissen der Suchmaschinen rangieren."
Archiv: Economist

Haaretz (Israel), 14.05.2004

18 Tage lang befand sich Nabil Razuk in den Händen seiner Entführer im Irak. "Mit traurigen Augen und sieben Kilo leichter als vorher" hat er Gideon Levy seine Geschichte erzählt. Der Horrortrip des Arabers aus Jerusalem, tätig für die Hilforganisation USAID, begann in Nadjaf. Nach seiner Verschleppung folgten Tage der Ungewissheit und Todesangst. Besonders brenzlig war es, als seine Peiniger israelische Dokumente bei ihm fanden: "Anschließend kramten sie meine Mitgliedkarte der 'Maccabi Krankenversicherung' und eine Supermarkt-Kundenkarte heraus. Sie fragten mich, was das ist, und ich sagte, dass es Karten aus Israel sind. Sie unterhielten sich und jemand warf mir vor: 'Du bist ein israelischer Spion. Du arbeitest für die Israelis... Gib es zu und vielleicht werden wir dich frei lassen!' ...Ich war überzeugt, dass ich in zehn weiteren Minuten tot sein würde."

Weitere Artikel: Nach dem umjubelten Aufstieg in die erste israelische Liga ist bei der arabischen Fußballmannschaft Ahi Nazareth wieder Ernüchterung eingekehrt. Aviva Lori berichtet von drei jungen Regisseurinnen, die das Werken des vor sechs Jahren verstorbenen Nissim Aloni (mehr hier) verehren und neu inszenieren. Aus Anlass des in Israel gestarteten Films "Shattered Glass" über Stephen Glass, wegen unsauberer Recherche und erfundener Storys gefeuerter Ex-Reporter des New Republic, fragt sich Saguey Green, warum manchen Journalisten für ihre Karriere jedes Mittel recht ist. Schließlich: Eine Geschichte über die israelische Band Rockfour (hier die Hompage) und ein Porträt der Familie Boker aus Modiin.
Archiv: Haaretz
Stichwörter: Irak, Regisseurinnen

Monde des livres (Frankreich), 15.05.2004

Robert O. Paxtons Buch über die Anatomie des Faschismus lobt Laurent Douzou in den höchsten Tönen. Besonders interessiert hat ihn daran, dass Paxton den Faschismus nicht als überwundenes, historisch datiertes Übel auffasst, sondern ihn "in den Horizont des heute Möglichen" eingliedert. Denn es gebe durchaus "eine neue Generation von Parteien, die zwar 'normalisiert', aber rassistisch seien, und die mitunter bis in die Regierungen gelangt sind". Klassischer Faschismus, so Paxtons Einschätzung, könne in Europa keinen Fuß mehr fassen. Jedoch - "entscheidend ist, ob die existierenden Embryonen in neuer Gestalt Wurzeln schlagen können: 'Man darf sich nicht damit begnügen, nach exakten Repliken zu suchen, etwa faschistische Veterane, die ihre alten Swastikas polieren.'"

Die New York Times Book Review hat einen neuen Chef. Es ist der Politchronist Sam Tanenhaus, und Lila Azam Zanganeh stellt ihn vor. Die Befürchtungen, Tanenhaus werde die Beilage auf Kosten der Literatur politisieren, scheinen sich allerdings nur andeutungsweise zu bewahrheiten. Im Idealfall natürlich sei Literatur von politischer Problematik durchtränkt. "Tanenhaus zitiert zum Beispiel Philip Roths "Der menschliche Makel" als Beispiel eines großartigen Werks, das vor politischer Energie nur so strotzt. Was nicht heißen soll, dass jede Fiktion einen politisches Gestus vollführen sollte oder dass die Book Review nur an dieser Art von Romanen interessiert wäre, aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit, Literatur in einem politischen Kontext zu analysieren, sagt Tanenhaus. 'Nehmen Sie Schriftsteller wie Malraux, Celine oder Sartre, oder auch Bellow und Roth. Sie schreiben oft mit einem Sinn für Konflikte innerhalb der Kultur. Das gilt auch für Henry James, Tolstoi oder Dostojewski.'"

Times Literary Supplement (UK), 14.05.2004

Das einzige Talent, das Ossip Mandelstams Frau Nadeschda der Literaturwissenschaftlerin Emma Gerstein zugestehen wollte, war das Talent, "alles falsch zu verstehen", schreibt Rachel Polonsky zu den Erinnerungen der Gerstein, die nun als "Moscow Memoirs" auf Englisch vorliegen. Gerstein, angesehene Lermontow-Biografin, war nach anfänglicher Freundschaft den Mandelstams, Anna Achmatowa und ihrem Sohn in herzlicher Feindschaft abgeneigt. In ihren eigenen Erinnerungen hatte Nadeschda Mandelstam ihr vorgeworfen, sich trotz eines angeblich guten Drahts zu den Bolschewiken nicht für Ossip Mandelstam eingesetzt zu haben. Und sie nennt sie die "alte Henne", "eine von der Sorte, die sich für Dichter interessieren, ohne auch nur den blassesten Schimmer von Dichtung zu haben", wie Polonsky erzählt. In ihren Erinnerungen nun zahlt Gerstein es Nadeschda Mandelstam heim und beschreibt sie, wie Polonsky darstellt, als "arrogant, manipulativ, auf frivole Weise unbekümmert gegenüber anderen, unehrlich, suizidal, schrullig, mit einer Neigung zur Menage a trois und sehr krummen Beinen".

John Tyler Bonner empfiehlt wärmstens Russell Fosters und Leon Kreitzmans "höchst faszinierendes" Buch "Rhythyms of Life" über unsere innere Uhr und warum wir unsere höchster Leistungsfähigkeit jeden Tag zum gleichen Zeitpunkt erreichen, und zwar auf die Sekunde genau. Theoretisch zumindest. Gelobt wird auch der Bericht aus der erwärmten Welt "High Tide" von Mark Lynas , der sich zur Freude des Rezensenten Clive Gamble von den "lärmenden Grünen" verabschiedet hat, sowie John R. Clarkes Studie "Art in the Lives of Ordinary Romans".

New York Times (USA), 16.05.2004

Nach dem 11. September (Auszüge hier und hier) hat sich William Langewiesche, Starreporter des Atlantic Monthly, den Ozeanen zugewandt, und dort nur Anarchie, Piraten und Gesetzlosigkeit entdeckt. "Elektrifizierend" findet Nathaniel Philbrick die Reportagensammlung "The Outlaw Sea" (Leseprobe), die sich in einem Stück auch mit dem Untergang der Estonia befasst. "Die Erzählung erlangt eine opernhafte Größe, wenn wir die verzweifelten und herzzerbrechenden Versuche einiger gut gewählter Charaktere mitverfolgen, die versuchen, aus dem sinkenden Schiff zu entkommen. Loyalität und Liebe zählten wenig auf diesem dem Untergang geweihtem Schiff. Diejenigen, die inne hielten, um Geliebten oder Freunden zu helfen, kamen um, und wie Langewiesche notiert, gab es unter den Überlebenden überproportional viele Singles."

Weitere Artikel: "Denkende schwarze Menschen der Vereinigten Staaten müssen aufhören, beim Wort Rassentrennung in Panik zu verfallen. Es wird der rassenbewusste Schwarze sein, der in der Zusammenarbeit mit eigenen Institutionen und Bewegungen die Farbigen emanzipieren wird." W.E.B. Du Bois schrieb das 1934; heute, fünfzig Jahre nach der richterlichen Aufhebung der Rassentrennung an Schulen (mehr) findet die bewusste Segregation vor allem unter Schwarzen offensichtlich immer mehr Zuspruch, bemerkt Samuel G. Freedman nach der Lektüre dreier Bücher schwarzer Universitätsprofessoren zum Thema. Grund ist die nach Meinung vieler gescheiterte Integration. "In mancher Hinsicht ist die schwarze Unterschicht hoffnungsloser denn je in maroden städtischen Schulen konzentriert, abgeschnitten nicht nur von den Weißen, sondern auch von der blühenden schwarzen Mittelschicht." Außerdem lobt Warren Goldstein Neil Lanctots "Negro League Baseball" (erstes Kapitel), die "skrupulös recherchierte" Geschichte der schwarzen Baseball-Liga, die seiner Meinung nach einige verklärende Klischees korrigieren dürfte. Außerdem bringt die New York Times auf ihren Internetseiten ein Video-Feature über das Gespräch zwischen Cornel West und Henry Louis Gates über die Aufhebung der Rassentrennung.

Wer sich über die Fortschritte in der Kreation maschinellen Lebens kundig machen will, dem empfiehlt Dick Teresi Sidney Perkowitz' "umfassende" und doch "kompakte" Bestandsaufnahme "Digital People". Und wer englischsprachige Kinder hat, kann sich in dieser Ausgabe umfassend über zielgruppengerechte Neuerscheinungen informieren.

Das New York Times Magazine hat sich zur Feier des Frühlings ganz der Landschaftsarchitektur verschrieben. Als Paradebeispiel beschreibt Arthur Lubow begeistert den Landschaftspark Duisburg-Nord, wo Peter Latz alte Hochöfen mit frischem Grün kombiniert hat (Bilder). "Die Atmosphäre von Duisburg-Nord bleibt ein wenig düster. Und so sollte es sein. Duisburg-Nord ähnelt dem Renaissance-Garten Bomarzo, wo der Herzog von Orsini im 16. Jahrhundert einen steilen, nicht sehr vielversprechenden Hang in eine Waldlandschaft umgestaltet hatte."

Außerdem schildert Jane Jacobs, wie die Natur die verlassenen Innenstädte Amerikas zurückerobert. Pilar Viladas porträtiert den belgischen Landschaftsarchitekten Jacques Wirtz. Deborah Solomon widmet sich dem Naturkünstler Andy Goldsworthy. Schließlich werden vier Vorschläge präsentiert, wie man Gras und mehr über Ground Zero wachsen lassen könnte.