Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
03.11.2003. Im NouvelObs debattieren jüdische Franzosen über Israel. NZZ Folio widmet sich dem und den Erben. Das TLS feiert Mega-Muse Lou Andreas-Salome. L'Express besucht die 36 Überlebenden des Ersten Weltkriegs. Die New York Review of Books staunt, wie großzügig George W. Bush seine Gönner belohnt. Der Economist präsentiert das Latinobarometro. Im Spiegel erklärt Michael Stipe, dass er kein Exzentriker ist.

Nouvel Observateur (Frankreich), 30.10.2003

Das beherrschende Thema dieser Woche ist eine Debatte über den Essay "La Prison juive" (Editions Odile Jacob) des Nouvel Obs-Gründers Jean Daniel. In dem in Auszügen zu lesenden Text fragt sich Daniel, ob die göttliche "Auserwähltheit" und das "Bündnis" mit Gott nicht "vergiftete Geschenke" seien. "Verdammt zur Aggression" gegenüber der "arabischen Verweigerung", befinde sich Israel in einer "Falle", weil die Juden aus "Treue gegenüber dem Bündnis, das die Rückkehr nach Zion verhieß, der Anordnung untreu wurden, nur Geistliche und Gläubige zu sein". Diese "Widersprüche", die zu den "glühenden Spannungen" führten, vermitteln Daniel "das Gefühl, dass die Juden sich selbst freiwillig in einem regelrechten Gefängnis eingeschlossen haben und das Leiden lieben. Letztendlich gelingt es ihnen, in dieser Eingeschlossenheit des auserwählten Volkes die Dienstbarkeit und Großartigkeit der condition juive zu sehen."

In mehreren Beiträgen nehmen Intellektuelle, Theologen und Wissenschaftler zu dieser These Stellung. So erklärt der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der jüdischen Organisationen in Frankreich (CRIF), Theo Klein, dass er es vorzöge, wenn Daniel "eher von freiwilliger Einschließung statt erlittener Gefangenschaft" spräche. Der Philosoph Alain Finkielkraut konstatiert zwar, dass die Juden "das Vertrauen in die Geschichte in jenem Moment verloren haben, in der wir die Rettung nur noch von dem erwarten, der das Alarmsignal gibt", will der Vorstellung vom "Gefängnis der Tragik" aber gleichwohl widersprechen. Der ehemalige Großrabbiner in Frankreich, Rene-Samuel Sirat, denkt nach über die "Frage, die Abraham nie gestellt hat": "Man könnte anhand biblischer Texte in aller Ehrerbietung behaupten, dass, wenn es ein Gefängnis gibt, Gott darin eingeschlossen ist". Und die israelische Historikerin Idith Zertal erklärt, warum Jerusalem "keine heilige Stadt" und "das jüdische Gefängnis keine Metapher mehr" sei, sondern sich "heute im Bau der berüchtigten Mauer manifestiere, die alles um sie herum zerstört".

Weiteres: Das Titeldossier beschäftigt sich mit den Gründen für den schlechten Ruf der Presse. In einem kleinen Schwerpunkt wird Samuel Beckett gewürdigt: mit Auszügen aus den Erinnerungen der Beckett-Freundin Anne Atik, "Comment c'etait" (L'Olivier), sowie Hinweisen auf das Haus in Ussy-sur-Marne, das Beckett vierzig Jahre lang bewohnte, die Ausstellung "Samuel Beckett in Hamburg" in der Hamburger Kunsthalle und die bisher unveröffentlichten Tagebücher "Alles kommt auf so viel an" (Raamin-Presse). Ein weiterer Hinweis gilt der Veröffentlichung eines Bandes mit Vorlesungen von Michel Foucault zur "Macht der Psychiatrie" (Seuil-Gallimard), die dieser 1973 und 1974 am College de France gehalten hat. Und in der Abteilung Arts et Spectacles wird eine Renaissance der großen alten Chansonniers von Greco über Moustaki bis Aznavour gemeldet.

Folio (Schweiz), 03.11.2003

Im NZZ Folio dreht sich heute alles um das Erben: Nigel Barley, Ethnologe und ehemaliger Kustos für Afrika am British Museum (Buch), erzählt, wie das bei anderen Völkern vor sich geht: "Das Volk der Minang in Indonesien hat seine eigenwilligen Erbschaftsregeln zum Fundament einer statistisch recht ausgefallenen Lebensform gemacht. Das ganze Leben der Minang dreht sich um ihre prunkvollen alten Holzhäuser, sogenannte rumah gadang, und die damit verbundenen Reisfelder. Bewegliche Güter können auch durch Männer vererbt werden, doch die Häuser werden nur durch Frauen weitergegeben. Die Männer verbringen ihr Leben als traurige Wanderer zwischen den Welten, als lebenslang Verbannte, die zwar im Haus ihrer Mutter geboren, aber bei Tagesanbruch hinausgeworfen und auf die Koranschule geschickt werden ... Mit etwas Glück haben sie nach einigen Jahren genügend Geld zusammengespart, um ins Haus einer Frau einzuheiraten, aber schon beim ersten Morgenlicht werden sie erbarmungslos in die Männerwelt zurückgetrieben, und wann immer sie eine Nacht dort verbringen wollen, müssen sie die Frauen um Erlaubnis fragen."

Weitere Artikel: Beat Kappeler überlegt, was geschähe, wenn das Erben abgeschafft würde. Daniel Weber unterhält sich mit einem professionellen Erbenermittler. Andreas Heller stellt einen Erben vor: Dieter von Ziegler, der die Leitung der Spinnerei Murg übernahm. Und und und ...

Hingewiesen sei noch auf die Parfüm-Kolumne von Luca Turin, der diesmal die schwierige Genealogie der Düfte beschreibt. "Zum Glück hat dieses Feld in dem ebenso passionierten wie gebildeten Parfumliebhaber Michael Edwards seinen Linne gefunden. Er hat das einzige Klassifikationssystem entwickelt, das tatsächlich funktioniert, und ein hervorragendes Buch dazu verfasst, das unter fragrancesoftheworld erhältlich ist. Wie es funktioniert? Nehmen wir an, Ihre Mutter hatte sich in ihrer unendlichen Klugheit 1981 für K von Krizia entschieden. Sie schauen im Inhaltsverzeichnis nach und stellen fest, dass es zur Gruppe der "weichen blumigen" Düfte gehört, deren Urduft Chanel No 5 ist. Sobald Sie auf dieser Seite gelandet sind, sehen Sie, dass es in die Spalte der "prickelnden" Düfte gehört, einer von vier Kategorien von "frisch" bis "schwer". Jede von ihnen listet Dutzende von Parfums mit dem Datum ihrer Kreation auf. Nachdem Sie diese studiert haben, pilgern Sie voller Zuversicht in Ihre Parfumerie und verlangen Royalissime von Prince Henri d'Orleans, um am Ende zögernd das (weit überlegene) White Linen zu wählen.
Archiv: Folio

Times Literary Supplement (UK), 31.10.2003

Geistreich, scharfsinnig und aufregend findet Gillian Beer Francine Prose' Studie berühmter Musen "The Lives of the Muses". Zum Beispiel Lou Andreas-Salome, die immerhin gleich drei Männer inspirierte: Nietzsche, Rilke and Freud, wie Beer anerkennend schreibt: "Lou war diejenigen, die von allen Frauen den geistigen Horizont der Männer, mit denen sie sprach, am weitesten ausdehnte - und diese Männer waren immerhin Giganten. Sie wartete lange, bevor sie sich auf eine sexuelle Affäre einließ, bevorzugte Konversation und war immer in der Lage, zwei Männer auf einmal in einen Strang von Gedanken und Gefühlen einzubeziehen. Sie war heilig. Und ein Monster."

Zurückhaltend bespricht Richard Cork Germaine Greers Band "The Boy" ("Der Knabe"). Weder ihre These, dass Frauen nicht immer das bevorzugte Lustobjekt in der Kunst waren, noch ihre Aufforderung an Frauen, sich an diesen "hinreißenden Knaben" zu erfreuen, mag er kommentieren. Mark Ford stellt zwei Bob-Dylan-Monografien vor: Mike Marqusee "Chimes of Freedom" ) würde Dylan am liebsten zurück auf die Barrikaden heben, so Ford, Christopher Ricks ("Dylan's Visions of Sin") dagegen würde seinem Idol lieber den Ehren-Vorsitz von Oxbridge übergeben. Das Victoria and Albert Museum zeigt in einer Sonderschau, was von der englischen Gotik übrig ist. Viel ist es nicht, wie Alexander Murray einräumen muss, aber doch kostbar.
Anzeige

Express (Frankreich), 30.10.2003

Frankreich hat ein Veteranenministerium, das genaue Statistiken führt. Darum weiß man hier, wie viele "poilus" - Soldaten des Ersten Weltkriegs - noch am Leben sind: genau 36, der jüngste 102, der älteste 109 Jahre alt (nicht gezählt sind dabei die Elsässer, die damals auf deutscher Seite kämpften). Einige dieser Soldaten hat das Magazin für eine lange Reportage getroffen. Der melancholische Anfang des Artikels: "In einigen Jahren oder einigen Monaten wird es keine lebendige Erinnerung mehr an den Ersten Weltkrieg geben. In unserem Land wird kein einziger Zeuge jener Kämpfe mehr leben, bei denen 10 Millionen Soldaten, darunter 1,5 Millionen Franzosen ums Leben kamen - also 16,8 Prozent der für den Krieg in Frankreich mobilisierten Soldaten, fast einer von sechs... Aber nicht nur das Ausmaß des Massakers, oder die Tatsache, dass es sich um den ersten ausführlich fotografierten und dokumentierten Krieg handelt, erklären das bis heute wache Interesse and diesem Krieg, sondern auch das Wissen, dass er die Welt veränderte. Danach begann Europa seinen Abstieg, der westliche Mensch weiß - nach dem Wort Valerys - dass die 'Zivilisationen tödlich sind'. Das 20. Jahrhundert kann beginnen..."
Archiv: Express
Stichwörter: Elsass

Jornada Semanal (Mexiko), 02.11.2003

Vor 50 Jahren erschien erstmals "Der Llano in Flammen", ein schmales Bändchen mit 16 großartigen Kurzgeschichten über das ländliche Mexiko. Sein Autor, Juan Rulfo, veröffentlichte danach noch einen ebenso dünnen Roman, "Pedro Paramo", und sonst wenig mehr. Trotzdem gilt er wohl zu Recht als der wichtigste lateinamerikanische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Die Literaturbeilage der mexikanischen Tageszeitung La Jornada würdigt den 1986 verstorbenen Rulfo gleich in zwei Ausgaben. Diese Woche vergnügt sich Kritiker Eduardo Antonio Parra mit einer Rezension, die "Der Llano in Flammen" als ein gerade erst im zweiten Halbjahr 2003 erschienenes Buch behandelt. "Mit seiner dichten, poetischen Sprache, die immer im Volksmund verankert bleibt, fordern die hier versammelten Texte die städtischen Tendenzen der derzeitigen mexikanischen Literatur heraus", steht da zu lesen. Und: "Das Erstlingswerk des jungen Juan Rulfo verspricht eine brillante literarische Karriere". Nun, da kann Parra schwerlich irren.

Einzigartig an Rulfo ist seine Fähigkeit, das ländliche mexikanische Spanisch in universale Literatur zu verwandeln, meint auch der chilenische Schriftsteller Jorge Edwards. Die Genialität, mit der ihm dies gelang, erkläre, wieso er keine Nachahmer gefunden hat: "Wie er zu schreiben ist unmöglich". Außerdem in La Jornada Semanal: eine sehr positive Besprechung der gerade erst erschienenen ersten zwei Bände einer Gesamtausgabe von Sergio Pitol, dem mexikanischen Schriftsteller und ehemaligen Diplomaten, der mit seinen bitterbösen Gesellschaftsporträts auch hierzulande Bewunderer hat.

New York Review of Books (USA), 20.11.2003

Michael Kimmelman erinnert an Alfred Barr, der im Alter von 27 Jahren das New Yorker MoMA gründete: "Barrs stille Autorität und sein listiger Charme beruhigte viele, wenn auch unter keinen Umständen alle: Er verbrachte einen Großteil seiner Karriere damit, Gefechte auszutragen: mit reaktionären Politikern, die moderne Kunst für eine kommunistische Verschwörung hielten, mit amerikanischen Künstlern, die sich vom Museum vernachlässigt fühlten oder es für nicht modern genug hielten, mit Kritikern, die ihn elitär nannten, mit Kritikern, die ihn für zu populistisch hielten - und natürlich mit seinen Bossen" - einem "bemerkenswerten Trio unternehmungslustiger Damen der Gesellschaft", über die wir auch gern mal etwas lesen würden: Abby Aldrich Rockefeller, Lillie Bliss und Mary Quinn Sullivan.

Paul Krugman verschlägt es nahezu die Sprache angesichts der Gefälligkeiten, die George W. Bush all denen erweist, die ihm ins Amt geholfen hatten: Die großzügigen Spender aus der Bergbauindustrie etwa dürfen jetzt etwa ihren Abraum kostenlos auf bundeseigenem Land entsorgen. Der Sohn eines der Supreme-Court-Richter, die ihn zum Präsidenten gemacht haben, wurde zum Regierungsanwalt bestellt. "Whow!" kann Krugman da nur sagen.

Weitere Artikel: Sichtlich irritiert zeigt sich David Lodge von J. M. Coetzees neuem Buch "Elizabeth Costello", das verschiedene fiktive Lektionen einer australischen Schriftstellerin versammelt. "Drückt Coetzee hier aus, dass er seinen Glauben an die Literatur verloren hat?" Auch wenn Tony Judt dem "letzten Romantiker", Eric Hobsbawm, die seltsame Kombination eines "Tory-Kommunismus" nicht verzeihen mag, muss er doch feststellen, dass der britische Historiker mit seinen Memoiren das beste Buch seines Lebens geschrieben hat. Und: "Hobsbawm weiß nicht nur mehr als andere Historiker. Er schreibt auch besser." Lorrie Moore findet auch in John Updikes "Early Stories" die typische "Updike-Sorte des protestantischen Mystizismus". Elizabeth Drew beobachtet, wie der politisch unerfahrene Wesley Clark bisher durch den Wahlkampf gekommen ist.

Economist (UK), 30.10.2003

Der Yale-Professor und frühere Sekretär der Clinton-Regierung Harold Hongju Koh erklärt, wie stark der 11. September den amerikanischen Umgang mit Menschenrechten beeinflusst und radikalisiert hat. Doch mit einem etwaigen menschenrechtsfeindlichen Wesen Amerikas hat das herzlich wenig zu tun: "Leute, die nicht in Amerika leben, behaupten manchmal, der Grund dafür sei in der Nationalkultur verankert, die unilateral, engstirnig und machtbesessen sei. Mit Verlaub, ich möchte Sie dringend bitten, dies anders zu sehen. Die Bush-Doktrin stellt meiner Ansicht nach weniger eine klare Manifestation des amerikanischen Nationalcharakters dar als die von einer besonders extremen amerikanischen Regierung gefällten kurzsichtigen Entscheidungen."

Der Economist gerät bei der Lektüre von Shirley Hazzards neuem Roman "The Great Fire" regelrecht ins Schwärmen und scheint kurz davor, auch allen anderen Schriftstellern zwanzig Jahre Arbeit an ihrem Werk zu verschreiben: Der Roman "besitzt eine überraschende Ruhe. Und doch ist dies die Stille, die man hört, nachdem ein Schuh gefallen ist, und nicht die irreführende Ruhe vor dem Sturm. Es liegt ein Klang ein der Luft."

In weiteren Artikel erfahren wir, warum die Verhaftung des russischen Öl-Magnaten Michail Chodorkowskij unmissverständlich klar gemacht hat, dass Wladimir Putin kein Demokrat ist, dass sich die Europäische Union über ihre Skeptiker freuen sollte, warum der Wiederaufbau im Irak langfristig zum Erfolg werden wird, was die kürzlich verstorbene Madame Tschiang Kai-Schek zu einer bedeutenden Figur des 20. Jahrhunderts gemacht hat (die Personalunion von Politik, Charme und Sex) und zuguterletzt wie menschlich sich das Paarungsverhalten der Wolfsspinne ausnimmt.

Außerdem: Exklusiv im Economist erscheint in dieser Ausgabe das Latinobarometro, eine umfassende Umfrage, die in siebzehn Staaten Lateinamerikas durchgeführt wurde. Fazit: Die Lateinamerikaner sind nach wie vor Demokraten, wenn auch misstrauische, und ihre traditionelle Liebe zu den USA ist erheblich zurückgegangen.

Nur in der Printausgabe zu lesen: Britische Butler fallen in Ungnade.
Archiv: Economist

Clarin (Argentinien), 02.11.2003

Die argentinische Tageszeitung veranstaltete vergangene Woche einen hochkarätig besetzten Kongress spanischsprachiger Internet-Journalisten. Informationen im Netz sind besonders in Krisenzeiten sehr gefragt, analysierte etwa die Soziologin Nora d?Alessio, die auch eine "hohe Glaubwürdigkeit" dieser Art von Journalismus ausgemacht zu haben glaubt . Weitere Diskussionen drehten sich um Themen wie die Ausbreitung der sogenannten Weblogs sowie um den Aufbau und die Anforderungen von Internet-Redaktionen. Leider geht aus der Zusammenfassung der Tagung nicht hervor, wie über die Sperrung kostenfreier Inhalte diskutiert wurde. Diese Unsitte breitet sich derzeit gerade im spanischsprachigen Raum rasant aus, und hat bereits die renommierten Tageszeitungen El Pais und La Reforma erfasst.
Archiv: Clarin
Stichwörter: Weblogs

Espresso (Italien), 06.11.2003

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun (mehr) hat gute Nachrichten aus der Welt des Islam: König Mohammed VI. von Marokko hat die Stellung der Frau gestärkt: "die Ehefrau ist ihrem Mann keinen Gehorsam mehr schuldig, das Mindestalter für die Heirat wird von 15 auf 18 Jahre angehoben; das Verstoßen der Frau und die Polygamie werden derart beschränkt, dass sie wahrscheinlich bald verschwinden werden; die Scheidung wird von richterlicher Stelle verkündet und unterliegt nicht mehr nur der Willkür des Ehemannes."

Im Titel widmet sich der Espresso einem seiner ureigenen Themen und porträtiert Marco Mezzasalma, den kleinen Arbeiter, der bis vor einem Jahr höchstens wegen seines Schlemmerbauches aufgefallen war. Nun sitzt Mezzasalma im Gefängnis, er soll nicht nur am Mord von Massimo D'Antona (ein inhaltsreiches Dossier dazu hier) beteiligt gewesen sein, sondern auch als Top-Terrorist die gefürchteten Roten Brigaden (hier die von der Polizei gesperrte Homepage, hier eine Übersicht mit Links von La Repubblica) angeführt haben. Die Beweise dafür sind aber recht dünn, wie der Espresso zeigt.

Des weiteren fragt sich Daniela Giammusso, wie es Hugh Grant schafft, seinen neuen Film "Love Actually" - der mit Telefongesprächen aus dem einstürzenden World Trade Center beginnt - doch noch in eine Liebeskomödie zu verwandeln. Monica Maggi erforscht die Weiten des Netzes nach Seiten, auf denen Frauen sich literarisch und poetisch über Sex und Sonstiges äußern.
Archiv: Espresso

Spiegel (Deutschland), 03.11.2003

Michael Stipe, Sänger und Star bei R.E.M. ("Die anderen beiden machen immer ihre Witze, dass sie in der Band von diesem berühmten Typen sind") gibt sich im Interview bescheiden und unkompliziert: "Im Ernst machen die Leute den Fehler, mich nur deshalb als Exzentriker einzustufen, weil sie meine Songtexte alle für autobiografisch halten. Sie vergessen, dass es verschiedene Erzählhaltungen gibt. Patti Smith könnte Ihnen das genau erklären, sie hat Literatur studiert."

Dominik Cziesche, Andreas Wassermann und Klaus Wiegrefe berichten über den CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann - der gerade durch die Einschätzung bekannt geworden ist, man könne Juden "mit einiger Berechtigung als Tätervolk bezeichnen", weil sie maßgeblich an der russischen Revolution beteiligt gewesen seien. Hohmann, erfährt man aus dem Artikel, hat den Wahlkreis von Alfred Dregger übernommen, in Bischof Dybas Fulda. Er hält seit langem in rechten Kreisen Vorträge und ist ein Unterstützer der vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz beobachteten "Jungen Freiheit". (Zur Rolle der Juden in der Russischen Revolution schreibt heute auch Sonja Margolina in der Berliner Zeitung.)

Nur im Print: Ein Beitrag zu den Folgen von Harry Potter, nach dessen Erfolgsgeschichte nämlich wollen "die Strategen der Branche jetzt alle Generationen zum schamlosen Genuss von Jugendliteratur animieren: 'All Age'-Bücher sollen den Markt erobern." In einem kurzen Interview erklärt der Fotograf Thomas Ruff den "vorläufigen Rauswurf" von Jörg Immendorff aus der Düsseldorfer Kunsthochschule für übertrieben.

Thema des Titels: Russlands Wirtschaftsaufschwung und die Frage, was die spektakuläre Verhaftung des russischen Unternehmers Michail Chodorkowski in diesem Zusammenhang bedeutet: "Droht der Staatsstreich einer Geheimdienstfraktion?"
Archiv: Spiegel

Merkur (Deutschland), 01.11.2003

Christoph von Marschall widmet sich ausführlich der Baustelle "Neue Weltordnung", den Möglichkeiten und Grenzen der Vereinten Nationen, und stellt fest, dass alle Zeichen auf Multilateralismus stehen: "Den USA machen derzeit die Folgen des eigenen Handelns mehr zu schaffen als die Versuche ihrer Gegner und Partner, ihren Handlungsspielraum durch formale Prozeduren und Rechtssetzungen einzudämmen. Militärisch wurde der Irakkrieg rasch und relativ billig gewonnen. Doch die Besatzungskosten sind menschlich wie finanziell so hoch, dass das ganze Unternehmen nicht nach Wiederholung schreit. Es ist eher unwahrscheinlich, daß Amerika den Bush-Kurs in weiteren Ländern fortsetzt; jedenfalls nicht ohne Partner und schon gar nicht gegen sie."

In dem zweiten online-gestellten Artikel befasst sich Thomas Steinfeld mit Noam Chomsky, dem wir die moderne Linguistik verdanken ebenso wie das moderne politische Jakobinertum.

Nur im Print: Dirk Tänzler untersucht die Geschmacksdiktatur in der Mediendemokratie. Gerhard Drekonja-Kornat beschreibt, wie Lateinamerika zu einem Kontinent der Auswanderung wird. Ernst-Otto Czempiel verfolgt das Schwanken der USA zwischen Pax Americana und Imperium Americanum. Roland Benedikter lotet die Chancen für eine Demokratie im Irak aus, und Adam Krzeminski sieht sich an, wie der "trojanische Esel" Polen über den Irak nach Brüssel kommt.
Archiv: Merkur

New York Times (USA), 02.11.2003

Edith Grossmanns großartige Übersetzung des Don Quijote nötigt Carlos Fuentes (mehr) uneingeschränkte Bewunderung ab. Denn "nichts ist schwieriger als einen Klassiker in eine zeitgemäße Form zu bringen und ihn dabei doch in seiner Zeit und seinem Raum zu belassen. Edith Grossmann präsentiert ihren 'Quijote' in einfachem, aber reichhaltigem Englisch. Dabei glaubt man keine Sekunde lang, nicht einen Roman aus dem 17. Jahrhundert zu lesen. Das ist wahrlich meisterhaft."

Nobelpreisträgerin Toni Morrison (hier ihr "Paradies" in deutscher Übersetzung) "schreibt am besten über verrückte Leute", urteilt Laura Miller, "und in ihrem neuen Roman 'Love' (erstes Kapitel) wimmelt es nur so davon." Die Witwe und die Enkeltochter eines Hotelbesitzers werden von diesem noch posthum entzweit und bekämpfen sich bis aufs Blut. Unvoreingenommen sollte man diese Geschichte angehen, empfiehlt Miller, denn "Morrisons Image ist so erhaben, dass man leicht vergisst wie reißerisch ihr Erzählen sein kann." Wie reißerisch Toni Morrison vorliest, hört man hier.

Aus den weiteren Besprechungen: Als "gnadenlosen Blick auf das, was passiert, wenn Leute ihre Ideale über alles stellen", beschreibt Thomas Powers Susan Braudys "Family Circle", die romanhafte Schilderung der Ereignisse um Kathy Boudin, die 1981 einer Bande half, einen Geldtransporter zu überfallen und ein Blutbad anzurichten. George Pelecanos sieht sich zwei Bände zu den Sniper-Morden in der Region um Washington vor einem Jahr an: Die Erinnerungen des Polizeichefs Charles Moose fallen durch, die solide Studie zweier Reporter erklärt Pelecanos dagegen zum vorläufigen Standardwerk in dieser Sache.

Im NYT Magazine erklärt uns David Rieff (mehr) auf zehn Seiten, wie die Strategen des Irakkriegs aus der Regierung Bush ihre Sache im Nachkriegsirak vermasselt haben.