Germaine Greer

Der Knabe

Cover: Der Knabe
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2003
ISBN 9783806729207
Gebunden, 256 Seiten, 39,90 EUR

Klappentext

Aus dem australischen Englisch von Sylvia Strasser. Mit 200 Abbildungen, davon 150 in Farbe. Mit "Der Knabe" bricht Germaine Greer wieder einmal Tabus: Nicht die Frau, sondern der Knabe, der Jüngling ist das Motiv, mit dem sich die westliche Kunst am leidenschaftlichsten beschäftigt hat. Denn während die Gesellschaft vom Mann Härte gegen sich selbst und die Unterdrückung der Gefühle fordert, faszinieren beim Knaben gerade seine Verletzlichkeit und seine nicht zielgerichtete Erotik. Mit dem Blick einer Frau legt Germaine Greer das Bild des Knaben, jenes zarten, verwundbaren und doch von Lebenskraft erfüllten Wesens, frei, das Bild des schönen Knaben, das unter einer Flut erotischer Frauenbilder verschüttet worden ist.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.12.2003

Magdalena Kröner hat sich voller Neugier der "verheißungsvollen" Aussicht einer feministischen Betrachtung des Knaben in Kunst und Literatur hingegeben und ist nun ziemlich enttäuscht von der Lektüre. Findet die Rezensentin bereits die "offensive Bilderfülle" des Buches, das Knabendarstellungen von der Antike bis zur Gegenwart bietet, etwas ungeordnet und beliebig, so kritisiert sie die Argumentationslinien der amerikanischen Autorin Germaine Greer als vollends "unentwirrbar". Zudem sei dieser "Streifzug durch die Geistesgeschichte" des öfteren unfreiwillig komisch, etwa wenn Greer beginne, über "stramme Hinterbacken" der abgebildeten Jungen zu schwärmen, so die Rezensentin irritiert. Manches scheint Kröner einfach nur "unreflektiert", anderes, wie die Vorstellungen von "echter Kunst", die die Autorin hier vertritt, richtiggehend "antiquiert". Kröner vermisst in dieser Studie die "kritische scharfzüngige Analytikerin" und sieht sich stattdessen mit reinen Schwärmereien über die Knaben verschiedener Epochen konfrontiert. Als "hätte es nie eine Gender-Debatte gegeben", so die Rezensentin entnervt, die in diesem Buch eher ein "Zerrbild" als ein Abbild des Knaben in der westlichen Kunst entdeckt hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.11.2003

Als auf "halber Strecke zwischen Moralabhandlung und Gourmetspeise stecken gebliebenen Coffeetable-Essay" bezeichnet Holger Liebs die "Knaben"-Abhandlung der amerikanischen Altfeministin Germaine Greer. Auch wenn es sich vordergründig um eine kulturgeschichtliche Untersuchung handeln soll, so sieht Liebs darin eher eine hübsche Bildergalerie androgyner Knaben, die vom Barberinischen Faun bis zu Jim Morrison und dem Tänzer Nijinskij reicht. "Eine Art Lolita-Komplex aus weiblicher Sicht", stellt Liebs fest, vorwiegend für eine weibliche Klientel geschrieben. Jedem Pädophilie-Vorwurf komme die Autorin von vornherein durch ihre These zuvor, erst der Moralkodex des 19. Jahrhunderts habe die Kunst frauentauglich gemacht und das vormals geschlechtlich Diffuse in zwei verschiedene Geschlechtersphären geschieden. Der Autorin wirft der Rezensent seinerseits vor, sie arbeite insofern unseriös, als dass sie sich passend mache, was nicht passen wolle: Greers statuarischen Sätze dulden keinen Widerspruch, schreibt der von Widerspruchsgeist erfüllte Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2003

"Unbekümmert" ist noch das netteste, was Christine Tauber zu Germaine Greers Knabenkompilation zu sagen hat. Unbekümmert nämlich, sich weder um Kontext noch um hermeneutische Feinheiten scherend, pflüge Greer durch die Kunst- und Literaturgeschichte, um - unter dem Vorwand, den marginalisierenden männlichen Blick seit der Moderne zu kontern - den Knaben als Verführer und Verführten zu rehabilitieren und dabei zwar die Erwartungen an eine "Grand Old Lady des Feminismus" zu erfüllen, nicht aber die an eine aufgeklärte Studie. Andererseits, winkt Tauber ab: " Angesichts dieses Coffeetable-Books über mangelndes Methodenbewusstsein sprechen zu wollen würde die selbstgesteckten Ziele der Darstellung bereits weit überschreiten." Greers Buch sei nämlich vor allem Zeugnis einer Leidenschaft, die Greer jetzt für alle Frauen geltend machen wolle: die Lust an der Betrachtung des knabenhaften Mannes. Die knallige Bildersammlung und ihre schöne Aufmachung, vermutet die Rezensentin, werde allerdings auch den Päderasten die Einladung annehmen lassen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2003

Ein nutzloser "Prachtband", eine vergebene Chance sondergleichen, wettert Wilhelm Trapp. Männlichkeit ist "vielfach schillernder Begriff", nur leider sei das aus der akademischen Diskussion noch nicht ins populäre Bewusstsein gesickert. Germaine Greer hätte das auf Grund ihrer Popularität ändern können, und das Sujet des Knaben als identitär noch unbestimmte Figur - nicht mehr Kind, noch nicht Mann - hätte sich dazu angeboten wie kein zweites. Hätte! Wenn nur, so zählt Trapp auf, Greer nicht wahllos die Knaben aus dem weiten Feld der Kunst und jeder beliebigen Weltgegend und Epoche gesäbelt und ohne Berücksichtigung von Differenzen ihren grob entworfenen Genealogien unterworfen hätte; wenn sie nicht von falschen Prämissen ausgegangen wäre wie der, dass der "Knabe bis zum 19. Jahrhundert das erotische Hauptmotiv der europäischen Kunst" gewesen sei; wenn sie, kurz gesagt, etwas anderes im Sinne gehabt hätte als eine üppige Zusammenstellung leckerer Knaben. Greer, schreibt Trapp, "verwischt die historischen Konturen ihres Materials mutwillig, um den Jüngling zum passiven, besseren Mann zu formen". Und damit sei niemandem geholfen; das Männerbild bleibe jedenfalls unangetastet.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.10.2003

Christina von Braun hat auf ein erhellendes Seminar gehofft, ist aber auf einer "Cocktailparty" gelandet: überall schöne Knaben, die viel Glanz verbreiten, aber wenig Einsichten vermitteln. Germaine Greer habe viele Bilder zu bieten und sei auch sonst beim Kompilieren von Geschichten und Mythen recht fleißig gewesen, doch alles werde häppchenweise dargereicht - appetitlich, aber wahllos: "Was auf dieser Party fehlt, ist der Leitfaden, der einen durch den Märchenwald führt." Genauer: Es fehlt ihr eine Analyse der Bedingungen, unter denen der Typ des "Knaben" durch die Zeiten in Bildern und Texten eine bestimmte Gestalt annahm, um Einsichten über "die Rolle der Bilder beim Wandel oder bei der Festschreibung der Geschlechterordnung" zu gewinnen. Anstelle von Antworten auf die Frage, "was der schöne junge Männerkörper für die Phantasie, die Philosophie oder die Kunst repräsentierte", liefert Greer nur eine "Fülle von Anekdoten", urteilt von Braun und befördert das Buch vom Schreibtisch auf den "coffee table".
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