Heute in den Feuilletons

Alles Unfug: Du bist du!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.09.2012. Auf der Website von Litflow annonciert Clemens J. Setz den Tod des Todes des Autors. Die Welt ist leicht irritiert: Quietschbunt wie ein Kinderladen ist die Lobbyzentrale von Google in Berlin. In der FAZ freut sich BHL über die Demokratiebewegung in Libyen. Die Zeit veröffentlicht Gefängniskassiber Hans von Dohnanyis. Die taz befreit sich mit Mühe vom Übergewicht Helmut Kohls. Die in diesen Dingen vorsichtige SZ spricht sich gegen aufdringlichen Mut von Mohammed-Karikaturen aus.

Weitere Medien, 27.09.2012

Am Freitag und Samstag findet in Berlin die Litflow-Tagung über die Zukunft der Literatur und des Buchs statt. Auf der Website der Veranstaltung stehen einige interessante Texte zum Thema, darunter ein großartiger kleiner Essay von Clemens J. Setz, der es hinkriegt, über eine tatsächlich existerende Software - "Anonymouth" - zu schreiben, als sei es Science Fiction. Die Software dient Autoren dazu, stilistische Eigenheiten des eigenen Schreibens aufzufinden, und zwar gerade um in Postings im Netz anonym bleiben zu können und nicht etwa durch "Stilometrie", also stilistische Analysen, ermittelbar zu sein: "Das Gespenst der Stilometrie negiert in gewisser Weise den postmodernen 'Tod des Autors'. Diese Idee, dass alles nur Palimpsest sei, Sprache schreibe von sich selbst ab, das Interferenzspiel im Gehege der Diskurse, und so weiter - alles Unfug: Du bist du! Ein für alle mal! Als Autor wird einfach jenes Ding definiert, das Angst haben muss, hinter dem Textcorpus erkannt zu werden, weil es eine Spur hinterlassen hat."
Stichwörter: Berlin, Zukunft

Perlentaucher, 27.09.2012

"Mehrstaatlichkeit ist meine Identität. Ich glaube an Vermischung und Verfärbung." Deshalb und weil die Niederlande immer antieuropäischer werden, möchte Adriaan van Dis endlich "raus aus meinem Käfig. Mangels Weltbürgerschaft entscheide ich mich für Europa. Als ersten Schritt. Die Münzen brennen schon in meinem Portemonnaie. Jetzt will ich auch einen echten europäischen Pass haben, eine europäische Krankenversicherung und europäische Steuern zahlen."
Stichwörter: Niederlande

Welt, 27.09.2012

Google residiert mit seiner Berliner Lobbyzentrale, die gestern mit einer lauten Party eingeweiht wurde, zwar vornehm Unter den Linden, aber seine mit Spielzeugtrabbis und Berlin-Devotionalien geschmückten Büroräume sind bunt wie ein Kinderladen, schreibt ein leicht irritierter Ulf Poschardt: "Geht es um Transport, sehen die Büros aus wie Flugzeugkabinen oder U-Bahn-Waggons, geht es um Marketing, tragen die Konferenzräume die Namen von Getränken oder Fußballvereinen. Kaum etwas unterstreicht Herrschaftsansprüche unerbittlicher als der Humor von Konzernspitzen, die den Angestellten gute Laune nahelegen."

Weitere Artikel: Sven Felix Kellerhoff weist auf die skandalöse Archivpolitik der öffentlich-rechtlichen Anstalten hin, die Forschern keinen Zugang gewähren - unter anderem mit Hinweis auf das Urheberrecht: Historiker haben jetzt dagegen protestiert. Manuel Brug berichtet über eine Klage des Videokünstlers Stan Douglas gegen eine "Lulu"-Oper von Olga Neuwirth, die am Samstag in der Komischen Oper Berlin Premiere haben soll - sie hatten ursprünglich an dem Stoff zusammengearbeitet.

Besprochen werden zwei Janacek-Premieren in Zürich und Basel und Filme, darunter die Ehekomödie "Wie beim ersten Mal" mit Meryl Streep und Tommy Lee Jones.
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TAZ, 27.09.2012

Mathias Lohre arbeitet sich in einem Essay an Helmut Kohl in seiner Rolle als "symbolischer Übervater von Generationen" ab. "So ein archetypischer Kerl zog die Söhne abwesender Väter an, und er weckte die Wut der anderen. In seiner Bräsigkeit, mit Strickjacke und Hausschuhen, eignete sich Kohl weit besser als der kühle Helmut Schmidt oder der kumpelhafte Gerhard Schröder als Projektionsfläche. Kohl erinnerte die Kinder der bundesrepublikanischen Mittelschicht an ihre eigene kleinbürgerliche Herkunft. Richard von Weizsäcker war so, wie viele Deutsche gern sein wollten. Kohl war so, wie sie nicht mehr sein wollten."

Sonja Vogel resümiert eine Veranstaltung im Berliner Willy-Brandt-Haus, auf der Wolfgang Thierse, Karsten Voigt und die Historiker Peter Brandt und Bernd Faulenbach unter dem Titel "Weichenstellungen der 70er Jahre" über die Rolle der SPD unter Willy Brandt und Helmut Schmidt diskutierten.

Besprochen werden Terence Davies' laut Stefan Grissemann etwas überstilisiertes Frauenmelodram "The Deep Blue Sea" aus dem England der Nachkriegszeit, Jan Zabeils Spielfilmdebüt "Der Fluss war einst ein Mensch", in dem er einen Touristen nach Botswana schickt und die "Entmythisierung des schwarzen Kontinents verfolgt", der Film "Un amour de jeunesse" von Mia Hansen-Love, der von einer unglücklichen Jugendliebe erzählt, die DVD von Ernst Lubitschs Klassiker "Trouble in Paradise - Ärger im Paradies" von 1932 und das Album "The Devil You Know" der Singer-Songwriterin Rickie Lee Jones.

Und Tom.

FR/Berliner, 27.09.2012

J. K. Rowlings neuer Roman war noch gar nicht erschienen, da beschwerten sich schon ehemalige Nachbarn, die glaubten, ihre Kleinstadt werde ungerecht porträtiert, informiert Barbara Klimke. Jens Balzer schreibt zum Tod des Spliff-Bassisten Manfred Praeker.

Besprochen werden die Ausstellung "Kassiber. Verbotenes Schreiben" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach, ein Widmann-Konzert mit dem Ensemble Modern und den Berliner Philharmonikern in der Alten Oper Frankfurt, Jan Zabeils Film "Der Fluss war einst ein Mensch" ("eine Sensation, ein Wunder", ruft Anke Westphal), Alexander Kluges Doku "Mensch 2.0", David Frankels Komödie "Wie beim ersten Mal" mit Meryl Streep und Tommy Lee Jones sowie Bücher, darunter Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 27.09.2012

Marc Zitzmann betrachtet wohlwollend das von Rudy Ricciotti und Mario Bellini gestaltete Département des Arts de l'Islam im Louvre. Geri Krebs stellt das "überreich befrachtete" Programm des Filmfestivals San Sebastián vor. Alfred Zimmerlin wirft einen Blick auf das Programm des Festival Musica in Straßburg. Christian Saehrendt informiert über eine Standortbestimmung der jungen Schweizer Kunstszene im Aargauer Kunsthaus.

Besprochen werden Michael Hanekes Film "Liebe" ("einfach meisterlich", urteilt den Christoph Egger) und Bücher, darunter Markus Thiels Biografie der Sopranistin Edita Gruberova (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Zeit, 27.09.2012

Aus der Ausstellung "Kassiber. Verbotenes Schreiben" im Literaturmuseum in Marbach sind Botschaften abgedruckt, die der Widerständler Hans von Dohnanyi aus der Haft an seine Frau Christine Bonhoeffer schmuggeln ließ: "Zeitgewinn ist die einzige Lösung. Ich muss sehen vernehmungsunfähig zu werden. Am besten wäre es, wenn ich eine solide Ruhr bekommen könnte. Eine Kultur müsste im Kochschen Institut für ärztliche Zwecke zu haben sein. Wenn Du eine Speise rot zudeckst, am besten auch noch einen Tintenklecks auf dem Becher, so weiss ich, dass darin ein anständiger Infekt ist, der mich ins Krankenhaus bringt."

Das Internet und die Medien haben die Welt zu einem Dorf werden lassen, doch in diesem Dorf herrscht Bürgerkrieg, fürchtet Thomas Assheuer: "Auch wenn es nur hysterisierte Minderheiten sind, die mit dem Feuer spielen - den globalen Medien-Raum hatte man sich anders vorgestellt, es gibt nun die one world, aber sie erstickt unter Megatonnen von Verachtung, sie ist zerfurcht von Text- und Bilderkriegen."

Weitere Artikel: Das Kartellrechtsverfahren gegen Preisabsprachen auf dem E-Book-Markt endete mit einem Vergleich, aber der "Kulturkampf" auf dem europäischen Buchmarkt ist damit noch nicht beendet, ahnt Kilian Trotier. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler plädiert für eine gesetzliche Quote für Frauen in Führungspositionen. Lisa-Marie Presley spricht im Interview kurz über ihr neues Album und ausgiebig über ihren Vater Elvis. Anlässlich der Ausstellung "Karl Friedrich Schinkel. Geschichte und Poesie" im Berliner Kulturforum leitet Hanno Rauterberg aus Schinkels Werk fünf Lektionen ab und kommt zum Ergebnis: "All das lässt sich von Schinkel lernen, wenn man seine Ideen nicht einfach verbannt. Befreit sie aus dem Museumsghetto! Lasst Schinkel leben!" Vorabgedruckt ist ein Auszug aus Nina Pauers Buch "Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen."

Besprochen werden die Art Spiegelman-Retrospektive im Kölner Museum Ludwig, die Ausstellung "Schwarze Romantik - von Goya bis Max Ernst" im Städel Museum Frankfurt, die Fernsehverfilmung von Uwe Tellkamps "Der Turm", die Sex-im-Alter-Komödie "Wie beim ersten Mal (die durch Tommy Lee Jones einigermaßen erträglich wird, meint Ingeborg Harms), Philip Scheffners Dokumentarfilm "Revision" (den Katja Nicodemus "zutiefst beeindruckend" findet) und Bücher, darunter Neil Youngs Autobiografie "Ein Hippie-Traum" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 27.09.2012

Bernard-Henri Lévy singt ein Loblied auf "tausende, nein zehntausende friedliche Demonstranten" in Benghasi, die mit offenbar beachtlichem Erfolg "die Entwaffnung der Milizen" forderten: "In dem einzigen Krieg, der zählt, in dem Krieg, der in Libyen wie im Rest der arabischen Welt nicht zwischen dem Westen und dem Islam entbrannt ist, sondern innerhalb des Islams, zwischen dem Islam, der den Frieden, und dem, der den Krieg will - in diesem Krieg hatten die Liberalen einen entscheidenden Vorteil errungen, als sie im Juli die ersten freien Wahlen nach Gaddafi für sich entschieden. Und nun haben sie einen zweiten, nicht weniger glanzvollen Vorteil errungen, indem sie die Inhaber der Macht zwingen, die wahren Verhöhner des Korans zu vertreiben, die Mörder von Stevens und deren üble Mentoren." Hier der Text im französischen Original, bei der Huffington Post finden wir eine Übersetzung ins Englische.

Weiteres: Über die große Ida-Gerhardi-Ausstellung im Oldenburger Landesmuseum für Kunst und Gewerbe freut sich Julia Voss im Aufmacher nicht nur wegen der "guten und ausgezeichneten" Bilder, sondern auch, weil sie viele Vorurteile über Künstlerinnen widerlegt. Stefan Koldehoff stellt die unter Kunsthistorikern umstrittene "Isleworth Mona Lisa" vor, die angeblich von Leonardo da Vinci stammen soll, wie eine Stiftung heute in Genf beweisen will. Patrick Bahners liest in Goebbels' Notizen und Briefen, die gerade in den USA versteigert werden. Paul Ingendaay sieht beim Filmfestival in San Sebastian unter anderem den neuen Stummfilm "Blancanieves". Dietmar Dath verabschiedet sich von der Schriftstellerin Tereska Torrès.

Besprochen werden Mia Hansen-Løves Film "Un amour de jeneusse" ("ein sehr schöner Film über moderne Transzendenz", freut sich Bert Rebhandl), ein Ausstellung über Kassiber im Literaturmuseum in Marbach, Achmed Schubanows Oper "Abai" am Südthüringischen Staatstheater in Meiningen, Caryl Churchills "Love and Information" am Royal Court Theatre in London, die Klassik-CD "Rarities of Piano Music at Schloss vor Husum", Alexander Kluges neuer Film "Mensch 2.0" und Bücher, darunter Régis Jauffrets Roman "Claustria" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 27.09.2012

Reichlich ranzig reagiert Hilmar Klute auf die Konjunktur anti-islamistischer Satire (wie etwa den kommenden Titanic-Titel) und deren Absegnung etwa durch Günter Wallraff: Deren "bebende Kühnheit ist in Wahrheit der zittrige Zorn von spätbürgerlichen Wüterichen, die glauben, dass die freiheitliche Ordnung täglich von durchgedrehten Islamisten gekippt werden kann und dass wir uns auch mit den Mitteln der heiligen Kunst unsere Freizügigkeit sichern können. Spitze Feder gegen Krummsäbel. Schade nur, dass die Satire ausgerechnet zu der Zeit, da dermaßen viel Aufhebens um sie gemacht wird, so schlecht ist wie selten zuvor."

Weitere Artikel: Gottfried Knapp würdigt Winfried Nerdinger, den scheidenden Direktor des Münchner Architekturmuseums, dessen letzte Ausstellung "Der Architekt" Gerhard Matzig in höchsten Tönen als "glanzvollen Abschluss einiger Jahrzehnte der Forschungs- und Sammlertätigkeit" und als "eine Liebeserklärung an einen einzigartig schillernden Beruf, der zwischen Gottgleichheit und Götterdämmerung changiert", lobt. Roswitha Budeus-Budde erfährt bei einer Veranstaltung mit arabischen Verlegern im Goethe-Institut Kairo einiges über den regionalen Buchmarkt. Florian Welle lauscht in München lobenden Vorträgen über die Handschrift. Johan Schloemann berichtet vom Festakt des Deutschen Historikertags.

Besprochen werden neue Kinofilme, darunter ausführlicher "Un amour de jeunesse" und "Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", diverse neue Glenn-Gould-Veröffentlichungen, Roberto Ciullis "Woyzeck"-Inszenierung am Theater an der Ruhr in Mülheim und Nadine Gordimers Roman "Keine Zeit wie diese" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).