Heute in den Feuilletons

Der Bierkrug des Präsidenten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.12.2011. Evolution statt Revolution: Im Freitag benennt Marjane Satrapi einen Unterschied zwischen dem arabischen Frühling und dem Aufstand im Iran vor zwei Jahren. Europa ist belgischer geworden, konstatiert der belgische Autor Erwin Mortier in der NZZ. Die FR erklärt, warum Drake, Frank Ocean und The Weeknd gut, aber böse sind. Und in der Zeit seufzt Martin Walser: Es hat sie gegeben, trotzdem, die deutsche Seele.

Freitag, 22.12.2011

Der Freitag bringt eine Jahresendausgabe ausschließlich mit Interviews. Unter den vielen Gesprächen greifen wir Maxi Leinkaufs Interview mit der Filmemacherin und Comic-Autorin Marjane Satrapi heraus, die die arabischen Proteste mit dem iranischen Aufstand vor zwei Jahren vergleicht und einige Unterschiede entdeckt: "Ich habe in Nordafrika fast nur Männer auf der Straße gesehen. Aber im Iran haben die Frauen neben den Männern protestiert. Das hat mich sehr stolz gemacht. Aber ich glaube weniger an Revolution als an Evolution. Und die muss von unten kommen. In der iranischen Gesellschaft findet diese Evolution gerade statt."

Außerdem finden sich unter anderem Gespräche mit Ruth Klüger (hier) und mit Fritz J. Raddatz über Tucholsky (hier). Und Axel Brüggemann hält zu Beginn des Hefts ein sehr lesenswertes Plädoyer für die Form des Interviews.

NZZ, 22.12.2011

Europa ist belgischer geworden, stellt der Schriftsteller Erwin Mortier fest, der mit dem "etat depannage", dem Zustand permanenter Reparatur, leben gelernt hat: "Während die Mängel an dem europäischen Haus stets augenfälliger werden, scheinen sich die Staats- und Regierungschefs schlechterdings damit begnügen zu wollen, ein paar lockere Ziegel zu befestigen oder lecke Stellen abzudichten, in der vergeblichen Hoffnung, die Fäulnis werde nicht weiter ins Mauerwerk eindringen. Nach jedem Gipfeltreffen werden die hehren Erklärungen über substanzielle Fortschritte, definitive Maßnahmen und drastische Beschlüsse von den Bürgerinnen und Bürgern mit einigem Argwohn zur Kenntnis genommen."

György Konrad erinnert sich an Vaclac Havel, dem er 1990 bei der Arbeit als frischgebackenen Präsidenten zusehen durfte: "In einer Bierschenke im Burgviertel. In Gesellschaft langhaariger vergnügter Künstler und frischgebackener Minister plauderte er mit uns. In schelmischer Stimmung prahlte er: 'Seht ihr, der Bierkrug des Präsidenten ist zwei Fingerbreit höher als die anderen.'"

Weiteres: Roman Hollenstein stellt Literatur zur jüdischen Baukunst und Siedlungsplanung in Palästina vor. Auf der Filmseite feiert Susanne Ostwald George Clooneys "Iden des März" als spannendes politisch-moralisches Lehrstück. Bettina Spoerri hat sich Hendrik Handloegtes "Fenster zum Sommer" angesehen.

Welt, 22.12.2011

Der Journalist und Autor Michael Goldfarb zieht eine Parallele zwischen einer Parabel Sherwood Andersons über eine Wahrheit, die zur Unwahrheit wird, wenn man zu sehr an sie glaubt, und Deutschlands Position in der Eurokrise: "Kann es nicht sein, dass man unter den gegenwärtigen Umständen entscheidende Faktoren übersieht, sodass sich die in den 20er Jahren gelernte Wahrheit über die Inflation vielleicht in eine Unwahrheit verwandelt? Man halte sich vor Augen, wie Deutschland 1923 dastand, eine Nation, die nur fünf Jahre zuvor eine verheerende, wenn auch nicht eingestandene Niederlage im Krieg erlitten hatte... Und man halte sich Deutschland heute vor Augen, im siebten aufeinanderfolgenden Jahrzehnt politischer Stabilität."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek teilt zwar die Kritik an Dieter Kosslicks Wettbewerbsauswahl für die Berlinale, findet aber auch Argumente, um die Verlängerung seines Vertrags zu begrüßen. Cosima Lutz unterhält sich mit dem Regisseur Marcus H. Rosenmüller, der mit "Sommer der Gaukler" einen Film über Emanuel Schikaneder - Mozarts Partner bei der "Zauberflöte" - ins Kino bringt.

Besprochen werden George Clooneys Film "Die Iden des März" und die Wiederentdeckung von Walter Braunfels' einst von den Nazis verfemter Oper Verkündigung in München


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Tagesspiegel, 22.12.2011

Am 24. Dezember soll es die nächste große Demonstration in Russland geben, berichtet der russische Journalist Andrej Kolesnikov. Putin wird sie nicht verhindern können, glaubt er: "In der Vorstellungswelt des Kremls wird die Protestwelle abflauen, höchstens kosmetische Veränderungen sind geplant. Zum Beispiel das Aufstellen von Webcams in den Wahlämtern, um Betrug vorzubeugen. Aber dafür ist es schlichtweg zu spät. Genauso zu spät wie für die elektronischen Wahlurnen, über die jetzt diskutiert wird und die so gut wie immun gegen Manipulationen sind."
Stichwörter: Russland

TAZ, 22.12.2011

Rene Martens informiert über eine neue Strategie des Berliner Verlags Rogner & Bernhard, die im Musikgeschäft schon längst Praxis ist: Sie bieten die Hardware (gedruckte Bücher) zusammen mit einem Code zum kostenlosen Herunterladen der digitalen Version an: "Rogner & Bernhard nutzt E-Books nun als Marketinginstrument: Wer in einer Buchhandlung die Wahl zwischen dem Kerouac-Ginsberg-Briefband und einem Buch ohne Code hat, entscheidet sich möglicherweise für Buch plus E-Book."

Weitere Artikel: Daniela Zinser unterhält sich mit dem Bestsellerautor Robert Harris über sein neues Buch "Angst", in dem es um die Finanzmärkte geht. Jens Uthoff resümiert eine Veranstaltung der Journalisten Jens Balzer und Tobi Müller im Roten Salon der Berliner Volksbühne mit dem Thema das Musikgeschäft und das Böse, bei der Max Dax über Corporate Publishing sprach. Carla Baum berichtet über die 50 Stunden, die sie auf einem Hamburger Weihnachtsmarkt Bonbons verkaufte.

Besprochen werden George Clooneys neuer Film "The Ides of March - Tage des Verrats?, für den sich Andreas Busche "etwas mehr Offenheit" und etwas weniger "in Stein gehauene Erkenntnis" gewünscht hätte, Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm "Abendland", in dem er zum Teil mit Nachsichtgeräten durch das nächtliche Europa streift, und die DVD von Benoit Jacquots Film "Deep in the Woods. Verschleppt und geschändet" nach einem ein historischen Rechtsfall aus dem Jahr 1865 .

Und Tom.

FR/Berliner, 22.12.2011

Als tolle Musiker, aber durch und durch unsympathisch beschreibt Markus Schneider die Rapper Drake, Frank Ocean und The Weeknd, die den HipHop durch Hipster-R&B abgelöst haben: "Mit dem Rhythm & Blues der Fünfziger hat dieser R&B sowenig zu tun wie etwa mit dem aktuellen Retrosoul zwischen Adele und Mayer Hawthorne. R&B ist vielmehr der arrivierte Cousin von HipHop, der die schlechten Manieren der Straße gegen Designer-Ellbogen getauscht hat und den kalten Materialismus der Gangsta gegen den demonstrativen Konsum sozialer Gewinner."

Weiteres: Mit großem Vergnügen hat sich Daniel Kothenschulte die Fortsetzung von Guy Ritchies Sherlock-Holmes-Verfilmung "Spiel im Schatten" angesehen. In Times mager meldet Sylvia Staude, dass die Universität Cambridge Isaac Newtons Notizbücher online zugänglich gemacht hat.

Weitere Medien, 22.12.2011

(Via 3quarksdaily) Grandiose Fotos: The Atlantic bringt die "Winners of the National Geographic Photo Contest 2011".

Zeit, 22.12.2011

Im Feuilleton Nachrufe auf Horst-Eberhard Richter, Cesaria Evora und Christopher Hitchens. Kein Wort zu Vaclav Havel. Im politischen Teil darf Pavel Kohout seinen Landsmann verabschieden, ein deutscher Autor scheint zu Havels Tod nichts zu sagen zu haben.

Martin Walser blättert fasziniert durch ein Buch von Thea Dorn und Richard Wagner, die in 65 Kapiteln mit Überschriften wie "Bruder Baum", "German Angst" oder "Musik" die "deutsche Seele" zu ergründen suchen. Darf man das nach Auschwitz, fragt Walser. Vor allem, wenn die Betonung auf "Abendfrieden", "Waldeinsamkeit" und "Wanderlust" liegt? "Ich versuche mir das so zu erklären: Diese zwei Autoren haben die 'Deutsche Seele' als etwas Bestrittenes erlebt, als etwas Verdächtiges, als etwas Anrüchiges sogar. Schließlich hat diese Seele Auschwitz nicht verhindert. Und jetzt die Reaktion: Trotzdem hat es sie gegeben. Dafür sind hier bewegende Zeugnisse versammelt. Eben von Luther bis Schönberg. Heißt das denn, dass unsere Verbrechen in Auschwitz weniger krass sind, wenn sie von einer Nation verübt worden sind, die eine so erlebbare Seelengeschichte hat? Darüber mag jeder selber nachdenken. Auch über das Risiko, das die beiden Autoren nicht gescheut haben."

Im Aufmacher findet Adam Soboczynski, dass heute zu schnell und wegen zu läppischer Gründen zurückgetreten wird. Ijoma Mangold war bei der Rettet-die-Demokratie-Veranstaltung im Berliner Haus der Kulturen der Welt und meldet amüsiert: die 68er Robe kann man wieder tragen. Ursula März verbringt in Hamburg ein fröhliches Stündchen mit Siegfried Lenz und dessen Ehefrau Ulla: "Im nächsten Moment, man ahnt es inzwischen voraus, wird das Paar sein Lachduett anstimmen, er ihre Hand drücken." Catharina Koller sagt dem gemütlichen Retrofuturismus des Steampunk keine große Zukunft voraus.

Besprochen werden zwei Filme auf DVD - "American Dreams" und "Landscape Suicide" - von James Benning, George Clooneys Politfilm "The Ides of March", ein Dokumentarfilm über die Maya in Guatemala, "Herz des Himmels, Herz der Erde", eine Ausstellung mit Skulpturen der Nachkriegszeit, mit der sich Kasper König als Direktor des Kölner Museums Ludwig verabschiedet, und Bücher, darunter Steven Pinkers Buch "Gewalt", das Eva Illouz ähnlich verreißt wie John Gray kürzlich in Prospect (mehr in unserer Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).

SZ, 22.12.2011

Jürgen Berger hält nicht sonderlich viel von den in manchen Städten angebotenen Möglichkeiten zur Internetdiskussion über Kulturetats. In Trier beispielsweise brachte das Internet-Voting keine neuen Ideen. Von Ausnahmen abgesehen: "Geht es um die vom Oberbürgermeister angekündigte Sparvorgabe für das Theater, wird zum Beispiel eine Erhöhung der Eintrittspreise gefordert. Und ein gewisser 'Moritz' meint: Das nahe Luxemburg besitze ja eine 'hochkarätige Philharmonie', also könnte man das Musiktheater doch schließen und den Trierern ein Taxi nach Luxemburg zahlen."

Weitere Artikel: Ja, lässt sich gegen den Finanzmarkt denn gar nichts machen? "Nie demonstrierte der Geldmarkt drastischer als durch seinen Crash vor drei Jahren seine Rolle als überragender Global Player; selbst noch im Sturz bewies er seine Unbesiegbarkeit", konstatiert Andreas Zielcke in einem Artikel über die Fiskalunion und die Frage der nationalen Souveränität. Henning Klüver führt durch das neueröffnete, allerdings erst halbfertige Opernhaus in Florenz. In Ulrich Peltzers dokumentierten Dankesrede zum Heinrich-Böll-Preis lässt der Autor einen zeitreisenden Astronaut sich über die privilegierte Börsenberichterstattung unserer Nachrichtensendungen wundern, um über Gewaltstrukturen im globalen Wirtschaftssystem nachzudenken. Nach John Eliot Gardiners Konzert mit Beethovens Neunter wünscht sich Reinhold J. Brembeck gut gelaunte Revolutionen.

Besprochen werden viele neue Kinofilme, sowie die DVD-Premiere von Martin Scorseses Doku über George Harrison, die neue CD der Sopranistin Christine Schäfer, die sich laut Egbert Tholl wie ein "Diskurs zum Verhältnis von Musik und Sprache begreifen" lässt, und ein Band über die japanischen Metabolisten (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 22.12.2011

Auf nach Halle, jubelt Dieter Bartetzko im Aufmacher über die Ausstellung von Fresken aus dem antiken Pompeij im dortigen Landesmuseum für Vorgeschichte: "So schön und magisch wie dort hat man sie noch nie gesehen."

Weitere Artikel: Sehr ausführlich erklärt der ehemalige Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm, warum die Vorstellung eines unpolitischen Verfassungsgerichts eine "Illusion" ist. Stefan Weppelmann, Kurator der gerade zu Ende gegangenen Ausstellung "Gesichter der Renaissance", verteidigt den Museumseventimus gegen dessen Kritiker. Swantje Kirch berichtet von einer Tagung im ICI Berlin über Filmzensur und Repression von Filmemachern in Iran. Bert Rebhandl berichtet über einen Streit zwischen Studenten der Berliner Filmhochschule dffb und dem dffb-Rektor Jan Schütte. Jan Brachmann war von Kirill Petrenkos Debüt als Dirigent bei der Staatskapelle Berlin recht angetan.

Besprochen werden neue Pop-CDs von Pete and the Pirates und Cabaret Voltaire, der Vibrator-Historienfilm "In guten Händen", eine Ausstellung über Charles Dickens im Museum Strauhof in Zürich, die Ausstellung "Am Set" im Museum für Film und Fernsehen in Berlin (hier eine Bilderstrecke) und viele Bücher, darunter zwei neue Fotobände zum Alltag in der DDR (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).