Heute in den Feuilletons

Ein Grund für Bildungshunger

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.12.2011. In der Welt erhofft sich die russische Autorin Alissa Ganijewa  Ideen von Schriftstellern für eine sachliche Diskussion. Le Monde zeichnet ein Portrait de famille der französischen Elektrotanzmusikszene. Der Tagesspiegel appliziert Berliner Schnauze auf Berlinhassbücher. In der FR klagt Slavoj Zizek: Man findet keine guten Bücher mehr, außer vielleicht in der Knesebeck 11.

FR/Berliner, 23.12.2011

Arno Widmann trifft sich zum Gespräch mit Slavoj Zizek, der wie gewohnt durch die Weltgeschichte fegt. Es geht um den liberalen Blick auf die Geschichte, Hegels Unterschätzung des Pöbels und die Frage, wie man gute Bücher findet: "Es wird immer schwieriger. Die schönen Buchhandlungen, in denen man stöbert und etwas findet, sterben aus. In ganz New York gibt es nur noch eine richtige Buchhandlung. Ich kenne die Situation hier in Frankfurt nicht. Aber in Berlin gibt es zum Beispiel in Charlottenburg die kleine, großartige Buchhandlung Knesebeck 11. Da finden Sie, wonach Sie nie gesucht haben. Bei Amazon können Sie nicht suchen. Da können Sie nur einen Titel bestellen, den Sie schon kennen."

Besprochen werden ein Weihnachtsmusical in der Alten Oper Frankfurt und Nora Schlockers Inszenierung von "Gyges und sein Ring" am Residenztheater in München, Iwan Bunins Geschichten "Das Dorf" und Karl-Heinz Otts Rousseau-Roman "Wintzenried" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 23.12.2011

Der britische Autor Owen Hatherly erklärt die EU-feindliche Politik der Regierung Cameron: Die Briten wollen einfach keine noch so milde Regulierung ihres Finanzplatzes. "Attacken auf Europa sind immer gut angekommen bei den Tory-Wählern, genauso wie das nationalistische Muskelspielen. Wirklich bemerkenswert ist die komplette Verschmelzung von jeglichem 'nationalen Interesse' mit einem eher kleinen, aber extrem destruktiven Element der britischen Ökonomie - der City of London. [...] Dass die City of London aber Dreh- und Angelpunkt der britischen Ökonomie sei, ist ein Mythos: Selbst nach 30 Jahren ständiger Firmenschließungen, Personalkürzungen und dem totalen Kollaps von Forschungs- und Entwicklungszweigen stellt die britische Industrie noch immer mehr Leute ein als die Finanzdienstleister und zahlt sogar mehr als das Doppelte an Einkommensteuern."

Außerdem: In seiner "grundsätzlichen Haltung schwer in Ordnung" findet Steffen Grimberg das Online-Nachhaltigkeitsmagazin evidero.de, mit dem der unlängst geschasste Verlegersohn Konstantin Neven DuMont kurz vor Weihnachten ins Netz ging.

Besprochen werden die Uraufführung von Oliver Klucks Stück "Die Froschfotzenlederfabrik" über neue Karrieren im alten Osten am Wiener Burgtheater in der Inszenierung von Anna Bergmann und das Solo-Album "Last Summer" von Eleanor Friedberger, der einen Hälfte des amerikanischen Indie-Duos The Fiery Furnaces.

Und Tom.

Welt, 23.12.2011

Paul Jandl fährt nach Kärnten, wo Maja Haderlap mit ihrem Roman "Engel des Vergessens" über die slowenische Partisanenbewegung, der im Göttinger Wallstein Verlag erschienen ist, Riesenerfolge feiert: "Für vereinfachendes Schwarz-Weiß ist in diesem Stoff der Generationen kein Platz. Der politische Riss, von dem das Buch handelt, läuft durch Haderlaps lebensgroße Figuren hindurch, setzt sich ins Private fort. Das hat hohes Identifikationspotenzial, und das macht auch die kathartische Wirkung, die 'Engel des Vergessens' hat, verständlich."

Die junge russische Autorin Alissa Ganijewa freut sich über die Proteste gegen Putin und bereitet sich innerlich schon auf die Mühen der Ebene vor: "Das Hauptproblem liegt darin, dass es in Russland bis heute keine überzeugenden Oppositionsführer und kein klares alternatives Programm gibt. So etwas kann nur in einer sachlichen Diskussion entwickelt werden - und wie das geht, wissen wir nicht." Aber sie hat eine Idee: "Ich wage darauf zu hoffen, dass Schriftsteller eine nicht geringe Rolle spielen werden, wenn ein Ausweg aus der zivilisatorischen Sackgasse gesucht wird."

Weitere Artikel: Der Ethnologe Thomas Hauschild betrachtet den Brauch der Bescherung aus der Perspektive seiner Wissenschaft. Thalia-Dramaturg Carl Hegemann äußert sich im Interview mit Lucas Wiegelmann ganz zufrieden mit den Ergebnissen des viel belachten Spielplanplebiszits für das Theater. Lucas Wiegelmann kommentiert auch eine Liste der besten Dirigenten aller Zeiten, die durch eine Umfrage unter bekannten Dirigenten ermittelt wurde (Platz 1 für Carlos Kleiber, gefolgt von Bernstein und Karajan). Manuel Brug empfiehlt eine von Emmanuelle Haim ausgerichtete Barockoperngala, die morgen auf Arte zu sehen ist. Und Marc Reichwein zeichnet in seiner Feuilletonkolumne die Karriere des Begriffs "Graphic Novel" nach.
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NZZ, 23.12.2011

Susanne Schanda stellt den Schriftsteller und Mitbegründer der modernen Bibliothek von Alexandria, Youssef Ziedan, vor, der von der Wiederbelebung der geistigen Traditionen der Stadt träumt und tatsächlich ein rapide wachsendes Interesse an Literatur ausmacht: "Einen Grund für den Bildungshunger sieht der Autor in der Kommunikation übers Internet, einen anderen in der schieren Notwendigkeit, dass Ägypterinnen und Ägypter einen Ausweg aus der Misere finden müssen."

Besprochen werden die Schau im Pergamon-Museum mit dem Rundpanorama der antiken Stadt, eine Ausstellung zur Entstehung der Schweiz in Schwyz, Trevor Nunns Inszenierung der royalen Eheschlacht "The Lion in Winter" am Londoner Theatre Royal Haymarket und neue Aufnahmen des britischen Sound-Künstlers Kieran Hebden alias Four Tet. Hier sein Video "My Angel Rocks Back and Forth":


Stichwörter: Bibliothek, Kommunikation

Tagesspiegel, 23.12.2011

Bernd Matthies, der wahrscheinlich schon so lange Kolumnen im Tagesspiegel schreibt wie die Verkehrskanzel am Kurfürstendamm, Ecke Joachimstaler steht, hasst Berlinhassbücher: "Die Namen der angesagten Kinderwagenmarken, dazu pro Druckseite zweimal 'Latte Macchiato' und einmal 'Bionade' untergehoben, und schon ist die fetzige Prenzlberg-Polemik fertig. Hoho, sagen dann die Leser draußen im Lande, hab ich mir doch immer gedacht, dass man das da im Kopf nicht aushält." Und weitere Last-Minute-Geschenktipps.

Weitere Medien, 23.12.2011

Stephanie Binet liefert in Le Monde - mit ein paar Videos - ein Portrait de famille der jüngsten Elektrotanzmusik aus Frankreich: "De Montpellier a Paris, la scene electro que le monde nous envie ne cesse de se regenerer."

Hier spielt Brodinski:



(Via Ulrike Langer) Nice Bastard bringt die Liste der 225 gefolgtesten Journalisten auf Twitter.
Stichwörter: Electro

SZ, 23.12.2011

Katholische Internate, Elitegymnasien und Waisenhäuser sind bereits traumatisiert. Nun erklärt der Religionspädagoge Albert Biesinger, "warum Kinder in der Kita bei religiösen Fragen nicht alleingelassen werden dürfen".

Weitere Artikel: Thomas Kirchner unterhält sich mit dem Politologen Fritz W. Scharpf darüber, wie sich die Eurokrise lösen lassen könnte: "Eigentlich müssten wir zum Beispiel die Mehrwertsteuer deutlich senken, um den Konsum und damit die Importe anzukurbeln." (Bei Cicero findet sich ein ausführlicheres, aktuelles Gespräch mit Scharpf.) Jörg Häntzschel berichtet aus New York von Diskussionen in der verkaterten Occupy-Bewegung, der nach der Räumung des Zuccotti Parks im November der zentrale Ort abhanden gekommen ist. Eva-Elisabeth Fischer verabschiedet sich im "Bewusstsein, dass hier unwiderruflich einer der mächtigsten Stämme der amerikanischen Tanzavantgarde gefällt ist," von der Merce Cunningham Dance Company. Joseph Hanimann fasst die Geschichte der französischen Kontroverse um den armenischen Völkermord zusammen (mehr dazu hier). Catrin Lorch hat den Nachruf auf den Bildhauer John Chamberlain geschrieben.

Besprochen werden Nora Schlockers Inszenierung von Hebbels "Gyges und sein Ring" am Münchner Residenztheater, das den "Clash der Kulturen als tragische Unvereinbarkeit" verhandle, Marcus H. Rosenmüllers "Sommer der Gaukler" (eine "große Kostüm-Kasperei", findet Rainer Gansera) und Bücher, darunter in einer Sammelbesprechung drei neue Veröffentlichungen über Kosmologie (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 23.12.2011

Andreas Rossman geht durch die neukonzipierte Präsentation von Beuys' Werken im Schloss Moyland und stellt befriedigt fest: "Die Neupräsentation ist ein Befreiungsakt. ... Statt viertausend werden, klar und konzentriert, vierhundert Arbeiten ausgestellt."

Weitere Artikel: 2011 mag als Durchbruchsjahr der Netzpolitik im politischen Alltag gelten, stellt Constanze Kurz im Jahresrückblick fest, eine "progressive, gar über die Legislaturperiode hinausschauende Netzpolitik" sieht sie dennoch nicht heraufdämmern. "Es war einmal", seufzt Wiebke Hüster traurig über das nahende Ende der Merce Cunningham Dance Company. Beim Konzert der Vaccines fliegt Eric Pfeil zu "perfekten Hier-und-Jetzt-Stücken" umher. Ein von "Theaterzombies" umzingelter Martin Lhotzky hatte unterdessen bei der Aufführung von Oliver Klucks Stück "Froschfotzenlederfabrik" im Wiener Kasino nichts zu lachen. Martin Otto stößt beim angeregten Blättern durch das Findbuch des Bundespräsidialarchivs auf anscheinend hochinteressante Auflistungen von Dienstanschaffungen und alte Kontoauszüge. Konstanze Crüwell schreibt den Nachruf auf den Bildhauer John Chamberlain.

Besprochen werden Joan Didions Buch "Blue Nights" und Olga Tokarczuks Roman "Der Gesang der Fledermäuse" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).