Heute in den Feuilletons

Kompasslos auf kurze Sicht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.04.2011. La Quadrature du Net fürchtet eine Verschärfung der Gesetze im Sinne der Verwerter von Urheberrechten. BoingBoing staunt: die neue Urheberrechtsbeauftragte der EU ist eine Lobbyistin der Musikindustrie. In der SZ kritisiert Jürgen Habermas die Politik und fordert eine europäische Ziviligesellschaft. Und in der Zeit fordert der Dresdner Museumsdirektor und Mitorganisator einer Pekinger Ausstellung über "Aufklärung", Martin Roth die Medien frech auf, ihn mit Ai Weiwei in Ruhe zu lassen: "Es gibt Hunderte Künstler wie ihn."

Welt, 07.04.2011

Die etwas aus dem Blick geratene Entwicklung in Ägypten hat auch besorgniserregende Aspekte, meint Richard Herzinger im politischen Teil (und knüpft an seinen Perlentaucher-Artikel an): "Dass die Verfassungsänderung, die raschen Neuwahlen im September den Weg frei machte, kürzlich per Referendum mit einer Mehrheit von 77 Prozent angenommen wurde, lässt die tatsächlichen Kräfteverhältnisse im Lande erahnen - hatten die säkular-liberalen Kräfte doch die im Schnellverfahren modifizierte Verfassung abgelehnt, da sie an der Geltung der Scharia festhält und so einer stärkeren religiösen Kontrolle der ägyptischen Gesellschaft Vorschub leistet."

Im Feuilleton antwortet der Japanologe Reinhard Zöllner auf Frank Schirrmachers Verteidigung der German Angst in der Sonntags-FAZ, die auch auf einen Welt-Artikel Zöllners über den deutschen Angstnarzissmus reagiert hatte: "Ja, Günter Anders hat recht: Die Menschheit ist tötbar. Aber seit wann ist das neu? Wann außer in unserer Hybris wäre die Menschheit unsterblich gewesen? Ja, der Soziologe Ulrich Beck hat recht: Die Gesellschaft produziert demokratische Risiken. Aber wo war das jemals anders?""

Weitere Artikel: Stefan Keim schreibt zum Tod des israelisch-palästinensischen Theatermachers Juliano Mer-Chamis. Manuel Brug schildert die Reaktion der Klassikbranche auf die japanische Katastrophe, einerseits Benefiz-CDs, andererseits Tourneeabsagen.

Besprochen werden Jake Scotts Film "Willkommen bei den Rileys" (mehr hier), Benedek Fliegaufs Film "Womb" (mehr hier) und und die große Manet-Ausstellung im Pariser Musee d'Orsay.

Weitere Medien, 07.04.2011

Die Schlacht um das Copyright geht weiter. In der EU drängen die Lobbyisten der Musik- und Filmindustrie darauf, Internetprovider ohne jede richterliche Kontrolle als ihre private Copyright Polizei benutzen zu dürfen und die 3-Strikes-Regelung EU-weit zu legalisieren. Die französischen Netzaktivisten Jeremie Zimmermann und Philippe Aigrain von La Quadrature du Net schreiben dazu: "Such a reversal of the legal framework would inevitably cause severe harm to fundamental freedoms, and in particular the right to privacy and to freedom of expression. By encouraging the circumvention of judicial authorities in order to set up direct blocking and filtering of the Internet and its services, European decision-makers would be laying the ground for a censorship infrastructure similar to that used for political purposes in authoritarian regimes."

Dazu passt die Meldung bei BoingBoing, dass die designierte neue Urheberrechtsbeauftragte der EU, Maria Martin-Prat, jahrelang Lobbyistin für die Musikindustrie war. In dieser Zeit hat sie sich beispielsweise gegen das Recht auf Privatkopie ausgesprochen. Mehr dazu bei Jason Mick von Daily Tech.

(via 3 quarks daily) Die Einkommensschere hat sich in den USA in den letzten Jahren noch einmal gewaltig geöffnet, schreibt Joseph Stiglitz in Vanity Fair: "The upper 1 percent of Americans are now taking in nearly a quarter of the nation's income every year. In terms of wealth rather than income, the top 1 percent control 40 percent. Their lot in life has improved considerably. Twenty-five years ago, the corresponding figures were 12 percent and 33 percent."

TAZ, 07.04.2011

Julia Seeliger begrüßt die Einsicht der Bundesregierung, dass das Löschen von Internetseiten besser ist als Sperren. Denn die bisherige Sperrpolitik sei leicht umgehbar und außerdem eine "Politik der Internetausdrucker, die die neue Zeit nicht begriffen haben. Sie haben Angst davor, dass ihre bisherige Welt auseinanderfliegt, sie haben Angst vor einem Kaleidoskop aus Kommunikationsfetzen. Sie wollen kontrollieren und wissen doch nicht, wie sie dies bewerkstelligen können."

Christian Semler erklärt uns und der FDP, weshalb nicht ein konsequenter und demokratischer Liberalismus entbehrlich geworden sei, wohl aber eine Partei der radikal-kapitalistischen Klientelpolitik.

Besprochen werden eine Ausstellung zum 50. Jahrestag des Prozesses gegen Adolf Eichmann im Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, die postum erschienene Autobiografie "Tage im Dämmer, Nächte im Rausch" von Werner Schroeter und das Filmporträt "Mondo Lux" von Elfi Mikesch über den vor knapp einem Jahr verstorbenen Regisseur, der Boxer-Film "The Fighter" von David O. Russell mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle, "Un homme qui crie - Ein Mann der schreit" von Mahamat-Saleh Haroun über den seit 1998 währenden Bürgerkrieg im Tschad und die DVD von Peter Brooks "Moderato Cantabile" aus dem Jahr 1960.

Und Tom.
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NZZ, 07.04.2011

Online gemeldet wird, dass die chinesische Führung dem verhafteten Ai Weiwei "Wirtschaftsverbrechen" vorwirft. Die Pekinger Medien selbst sprechen eine andere Sprache: "Der Bürgerrechtler sei ein 'Außenseiter der chinesischen Gesellschaft', hieß es in einem in der Zeitung Global Times veröffentlichten Kommentar. 'Ai Weiwei tut Dinge, die sich andere nicht herausnehmen. Er ist nah an die rote Linie des chinesischen Rechts gekommen', schrieb das englischsprachige Sprachorgan der Kommunistischen Partei."

Weiteres: Andrea Köhler berichtet fasziniert von einer Ausstellung in der New Yorker Morgan Library über Tagebücher: "'Exploding galaxies of the red, white and blue pulsing in the night of the big eye', notiert Bob Dylan in sein Road Diary." Außerdem besprochen werden auf der Kinoseite Jacek Borcuchs Coming-of-Age-Geschichte aus der Zeit der Solidarnosc "All that I Love" und Francois Ozons Komödie "Schmuckstück" sowie Bücher, darunter Monica Cantienis Romandebüt "Grünschnabel", und Nine Anticos Comic "Coney Island Baby" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Freitag, 07.04.2011

Ach, wir Deutsche! Schriftsteller Burkhard Spinnen denkt über unsere Reaktion auf Fukushima nach: "Womöglich sind wir Deutschen heute das, was wir im letzten Jahrhundert zum Schrecken der Welt schon einmal waren, nämlich Avantgarde. Doch waren wir damals die Avantgarde der Aggression, so sind wir jetzt die der Regression: als die ersten, die zurück wollen, vor allem weg von der 'Alternativlosigkeit' der Gegenwart. Heim ins Ländle."

Außerdem: Mikael Krogerus porträtiert den Pirate-Bay- und Flattr-Gründer Peter Sunde.

FR, 07.04.2011

Markus Schneider war mit Goethe Institut und Haus der Kulturen in Nairobi zum großen interkulturellen HipHop-Workshop. Besprochen werden David O. Russells Boxerfilm "The Fighter", Jake Scotts Drama "Willkommen bei den Rileys", Klaus Schultz' Band über den Dirigenten Christoph von Dohnanyi "Offen sein zu hören" und Jan Wagners Gedichtband "Australien" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Jungle World, 07.04.2011

Angesichts von Lady Gaga zeigt sich, dass die Kulturwissenschaft wohl schon bei Madonna ihr Pulver verschossen hat, fürchtet Christina Mohr in ihrem Bericht von einem Frankfurter Gaga-Gipfel: "Gagas Auftritt in einem überdimensionalen Pappmache-Ei und ihr Kleid aus Steaks, das sie zu den MTV-Awards im vergangenen Herbst trug, taugen nicht zur Nachahmung , es sind Statements. Nur wofür oder wogegen?"
Stichwörter: Nachahmung

SZ, 07.04.2011

Für höchst bedenklich hält Jürgen Habermas in einem seitenfüllenden Feuilleton-Aufmacher den Zustand der Europäischen Union. Bei der Gelegenheit geht er aber auch gleich noch mit Angela Merkels Volatilität, einer grundsätzlich stimmungsabhängig gewordenen Politik, dem deutschen Talkshow-Wesen, Giovanni di Lorenzos Merkel- und Guttenberg-freundlichem Zeit-Kommentar ins Gericht. Als Synthese des Rundumschlags dann aber noch diese Volte: "Die Wiederentdeckung des deutschen Nationalstaates, der neue Modus einer kompasslos auf kurze Sicht fahrenden Politik und das Zusammenwachsen der politisch-medialen Klasse mögen Gründe dafür sein, dass der Politik für ein so großes Projekt wie die Einigung Europas die Luft ausgeht. Aber vielleicht geht der Blick nach oben, auf die politischen Eliten und die Medien, überhaupt in die falsche Richtung. Vielleicht können die einstweilen fehlenden Motivationen nur von unten, aus der Zivilgesellschaft selbst, erzeugt werden."

Weitere Artikel: Über den von John Eliot Gardiner entdeckten, von Hector Berlioz bearbeiteten deutsch-französischen "Freischütz" informiert Reinhard J. Brembeck. Von einer Berliner Tagung zu Klima und Baukultur berichtet Ira Mazzoni. Von etwas verwirrten Reaktionen am Wiener Burgtheater über die Schauspielerinnen- und Schauspieler-Pläne des neuen Residenztheaterchefs Martin Kusej weiß Christine Dössel. Auf der Medienseite schreibt Dirk Peitz den Nachruf auf den Reporter, Journalisten, Autor Marc Fischer.

Besprochen werden zwei Watteau-Austellungen in London, neue anlaufende Filme, darunter Benedik Fliegaufs Science-Fiction-Thriller "Womb" (dazu auch ein Interview mit Hauptdarstellerin Eva Green) und Mahamat-Saleh Harouns Bürgerkriegsallegorie aus dem Tschad "Un homme qui crie" und Bücher, darunter Hans Maiers Erinnerungen "Gute Jahre, Böse Jahre" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 07.04.2011

Über Richard Goldstones teilweise Distanzierung von seinem extrem israelkritischen Bericht zum Gazakrieg informiert Joseph Croitoru: "Wohl in erster Linie zu seiner eigenen Entlastung macht er den damaligen Totalboykott der Israelis für seine frühere Einschätzung verantwortlich; gleichzeitig aber wirkt seine Neubewertung für Israel in der Schuldfrage entlastend: Nun könne der Vorwurf bezüglich möglicherweise begangener Kriegsverbrechen, bei denen Zivilisten absichtlich angegriffen worden seien, eigentlich nur gegen die palästinensische Seite aufrechterhalten werden - genau dies habe sie mit ihrem Raketenbeschuss ja auch getan." Für den Völkerrechtler Christian Tomuschat, der für die Überprüfung der Implementierung des Goldstone-Berichts zuständig war, folgt, wie er im Interview sehr knapp erklärt, allerdings institutionell gar nichts aus dieser Selbst-Distanzierung.

Weitere Artikel: Abgedruck wird Daniel Kehlmanns Laudatio auf sein erklärtes großes Vorbild E.L. Doctorow zur Verleihung des Erwin-Piscator-Preises. In der Glosse nimmt Karen Krüger zur Kenntnis, dass es statistisch gesehen weiß Gott Lebenszeitverkürzerendes als Nähe zu einem Atomkraftwerk gibt - das Junggesellendasein als eklatantestes Beispiel. Mark Siemons verweist auf einen Ai-Weiwei-kritischen Artikel ("Das Recht wird sich gegenüber Querdenkern nicht beugen") in der halboffiziellen Zeitung Global Times als erste Stellungnahme zu seiner Verhaftung. Auf der Kinoseite blickt Andreas Platthaus auf die diesjährige Ausgabe des "Nippon Connection"-Festivals voraus, das nach der Katastrophe etwas umdisponieren musste. Vom österreichischen Filmfestival Diagonale in Graz berichtet Bert Rebhandl.

Auf der Leserbriefseite nachlesen kann man Richard Sennetts flammende Verteidigung der Leiterin des Frankfurter Museums für Völkerkunde Clementine Deliss, deren Eignung für ihren Job Ulf Erdmann Ziegler in einem FAZ-Artikel recht unverblümt bezweifelt hatte.

Besprochen werden Florentin Kleppers Dresdener Inszenierung von Claudio Monteverdis Oper "Incoronazione de Poppea", die von Antje Ehmann und Harun Farocki kuratierte Ausstellung "Serious Games. Krieg - Medien - Kunst" in der Mathildenhöhe Darmstadt, die Martin-Parr-Ausstellung "The Goutte d'Or" im Pariser Institut des Cultures de l'Islam, eine Ausstellung zu Hanns Zischlers und Friederike Groß' Comic "Aus der Nachwelt" im Literaturhaus Berlin, die neue CD "Un Escorpion Perfumado" des Progressive-Rockers Omar Rodriguez-Lopez, Jorinde Jelens Album "Vermischung", Carlos Saldanhas Film "Rio" und Bücher, darunter Tim Bindings Roman "Fishnapping" und Werner Schroeters Autobiografie "Tage im Dämmer, Nächte im Rausch" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Zeit, 07.04.2011

Hanno Rauterberg hat bei den an der Pekinger Aufklärungsausstellung beteiligten deutschen Museumsleitern nachgefragt, wie zufrieden sie mit den Ergebnissen ihres Kulturexports sind. Der für seine Pampigkeit schon berüchtigte Dresdner Kunstsammlungsleiter Martin Roth legt noch eins drauf und wird denunziatorisch: "Die Verhaftung Ai Weiweis, wäre das nun nicht ein Grund für offenen Disput? Roth atmet einmal tief durch. 'Der ist ja bei den Medien vor allem nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil er ständig draufhaut. Furchtbar natürlich, dass er verhaftet wurde. Aber warum sind alle so auf ihn fixiert? Es gibt Hunderte Künstler wie ihn, über die spricht aber keiner, weil sie keine Popstars sind.' Ähnlich reagiert Roths Kollege Klaus Schrenk aus München. Tiefes Atmen, dann sagt er über Ai Weiweis Verhaftung: 'Ich nehme das mit Bedauern zur Kenntnis.'"

Nicht nur die arabischen Potentaten wurden in den Volksaufständen gestürzt, meint der marokkanisch-französische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun, sondern auch der Islamismus, der den aufkommenden Wind der Freiheit nicht gespürt habe: "Doch warum haben die Islamisten den Zug des arabischen Frühlings verpasst? Erstens erlebt die Muslimbruderschaft seit Längerem eine interne Krise: Die junge Generation versteht sich nicht mit den Älteren. Der Diskurs und die Methoden greifen nicht mehr. Als der Volksaufstand begann, brach diese Krise auch nach außen auf. Die Bruderschaft war überholt, marginalisiert, und niemand hörte mehr auf ihre Litanei."

Weiteres: Ronald Düker besucht in Rom den 81-jährigen Carlo Pedersoli aka Bud Spencer. Georg Seeßlen erinnert an die Filme der Elizabeth Taylor. Tuvia Tenenbom hat sich in New York das Politstück "Bengal Tiger at the Baghdad Zoo" angesehen. Und der Komparatist Hans Ulrich Gumbrecht versucht zu erklären, warum Hans Robert Jauß trotz seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS später als bundesrepublikanische Universitätsgröße Karriere machen konnte.

Besprochen werden Luk Percevals Inszenierung von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" am Thalia Theater in Hamburg, David Russells Boxerfilm "The Fighter" und Bücher, darunter Peter Handkes Roman "Der große Fall" und die Geschichte des jungen Hackers Julian Assange "Underground" von Suelette Dreyfus (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf den vorderen Seite geißelt Philosoph Peter Sloterdijk die Liberalen, die ihr politische Kapital verspekuliert haben: "Nie zuvor haben Begriffe wie 'liberal' oder gar 'neoliberal' eine so niederträchtige Konnotation angenommen wie in den letzten Jahren."