Heute in den Feuilletons

Und applaudierten Herrn Lü

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.04.2011. Von Ai Weiwei fehlt nach wie vor jede Spur. Die FAZ sucht nach Gründen für die neueste Repressionswelle in China. Der Perlentaucher fragt: Wie nahe standen sich  Globalisierugskritiker Jean Ziegler und Oberst Gaddafi? In der NZZ versichert die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, dass sie eine neue Baukultur einführen will. Die Zeitungen sind entsetzt über den Mord an Juliano Mer Khamis. Die taz ist nach Dschenin gefahren und spricht mit Freunden und Feinden des jüdisch-palästinensischen Theatermachers.

TAZ, 06.04.2011

Eine sehr spannende Reportage schickt Susanne Knaul aus Dschenin über die brutale Ermordung des Schauspielers und Regisseurs Juliano Mer-Chamis vermutlich durch palästinensische Extremisten. Mer Chamis hatte dort das Friedenstheater ins Leben gerufen: "Überall an den Wänden im Vorhof des Theaters hängen die Bilder des charismatischen, verehrten, aber auch umstrittenen Schauspielers. 'Jul ist verrückt gewesen', sagt ein etwa Zwölfjähriger, der in ein paar Metern Abstand zum Theater mit einem Freund spielt. 'Ich bin froh, dass er tot ist, denn er war ja Jude.' Nicht nur aufgrund seiner jüdischen Abstammung hassten ihn seine Feinde. Mer-Chamis scheute die Auseinandersetzung nicht. Er verurteilte die israelische Besatzungspolitik mit unverhohlener Abscheu und ging sogar so weit, Terror zu rechtfertigen. Sein bester Freund ist wohl Sakarija Sbeide, einst Kommandant der Al-Aqsa-Brigaden in Dschenin und verantwortlich für Dutzende terroristische Attentate gegen Israel."

Zornig berichtet nun auch Brigitte Werneburg von der Farce in Peking, wo sich die deutschen Museumsleiter mit ihrer "Kunst der Aufklärung" von den chinesischen Autokraten haben vorführen lassen. Sie erkennt auf Provinzialität und Eitelkeit: "Ganz ohne Not, aus voller Überzeugung, standen die Herren von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in der Reihe hinter mir auf und applaudierten Herrn Lü, dem Direktor des chinesischen Nationalmuseums. In Gegenwart des deutschen Außenministers Guido Westerwelle und des chinesischen Kulturminister Cai Wu erklärte Lü dem Kollegen von der SZ, die Frage gehe ihn nichts an, schließlich sei er nicht von der Visaabteilung. Der Kollege hatte um eine Stellungnahme zum Fall Tilman Spengler gebeten, der als Mitglied der deutsch-chinesischen Expertengruppe der Mercator-Stiftung nicht nach Peking kommen durfte."

Jutta Lietsch berichtet, dass von dem einen Tag später verhafteten Ai Weiwei noch immer jede Spur fehlt: "Zwei Tage nachdem Polizisten den Künstler am Pekinger Flughafen abgeführt hatten, wussten seine Familie und seine Freunde gestern immer noch nichts über sein Schicksal." Im Interview mit Susanne Messmer spricht der Regisseur Volker Sattel über seinen Film "Unter Kontrolle" über den Alltag in deutschen Atomanlagen.

Und Tom.

Welt, 06.04.2011

Henryk M. Broder und Norbert Jessen besuchen in Or Jehuda Meir Kachalon, den Vorsitzenden der Union libyscher Juden in Israel. Bob Dylan darf zwei Konzerte in China, geben, berichtet Johnny Erling. Wim Wenders hat seine geplante "Ring"-Inszenierung in Bayreuth abgesagt, meldet Manuel Brug. Wie schwer es der evangelischen Kirche fällt, Leistungsträger, die üblicherweise nur als "gierige Ausbeuter" porträtiert werden, willkommen zu heißen, berichtet Matthias Kamann. Andreas Rosenfelder schreibt zum Tod des Journalisten Marc Fischer.

Auf der Forumsseite plädiert Wolf Lepenies für einen europäischen Marshallplan für das Mittelmeer.

Besprochen werden David O. Russels Boxerdrama "The Fighter" mit Mark Wahlberg und Christian Bale, die Inszenierung von Lorcas "Bernardo Albas Haus" und Konzerte bei der MaerzMusik.

Perlentaucher, 06.04.2011

Die Nähe des beliebten Globalisierungskritikers Jean Ziegler zu Oberst Gaddafi wird von diesem und Zeitungen wie der SZ, die ihm an den Lippen hängen, geleugnet. Thierry Chervel hat ein bei UN Watch veröffentlichtes Pressedossier gelesen und herausgefunden: Jean Ziegler war einer der Mitbegründer Gaddafi-Menschenrechtspreises, einer finsteren Farce, die dazu diente, das Image Libyens nach dem Attentat von Lockerbie aufzupolieren: "Mitte April 1989, so das Genfer Magazin L'Hebdo, sind Ziegler und einige Kollegen nach Tripolis gefahren, um das Projekt auf die Gleise zu setzen. Schon damals versicherte Ziegler übrigens, 'kein Freund des libyschen Regimes' zu sein - ein Nicht-Verhältnis, das sich in der Folge stetig intensivierte. Im Gespräch mit L'Hebdo versicherte Ziegler noch, dass er sicher sei, unbehelligt von libyschem Druck für die Stiftung arbeiten zu können, und er freute sich, dass die Stiftung ihren Sitz in Genf hat, 'denn ich kenne das Schweizer Recht'. Genf sei wegen der Nähe zur UNO als Stiftungsort gewählt worden."
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NZZ, 06.04.2011

Jürgen Tietz porträtiert Berlins Senatsbaudirektorin, die aus der Schweiz stammende Regula Lüscher, die seit vier Jahren in Berlin eine neue Baukultur einführen will. Gelungen scheint ihr das bis jetzt noch nicht zu sein: "Zu den umstrittenen architektonischen Baustellen in Berlin gehört derzeit neben der Zukunft des ehemaligen Flughafens Tempelhof das Umfeld des Hauptbahnhofs, das seit Jahren brachliegt. Im Europaquartier Heidestraße, das sich nördlich an den Hauptbahnhof anschließt und das nach einem Masterplan von ASTOC / Kees Christiaanse entwickelt wird, soll das neue Total-Hochhaus für die Initialzündung sorgen, um die weitere Bebauung des Areals voranzutreiben. Der Entwurf für den eleganten 70 Meter hohen Turm, der 2012 fertiggestellt werden soll, stammt vom Berliner Büro Barkow Leibinger. Derweil droht auf dem südlichen Bahnhofsvorfeld, das sich eigentlich als städtische Visitenkarte zum Regierungsviertel richten sollte, eine Ansammlung banalster Investorenarchitektur zu entstehen."

Besprochen werden die Ausstellung "Le Theatre des passions" im Musee des Beaux-Arts in Nantes, Jon Mathieus Geschichte der Berge "Die dritte Dimension" und Kinderbücher (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 06.04.2011


Bernhard Bartsch porträtiert den Künstler Ai WeiWei, der die chinesischen Behörden oft bis zur Weißglut provoziert hat (siehe oben seine Serie "Study in Perspective") und am Sonntag verhaftet wurde: "Eines der letzten Projekte, an deren Fertigstellung Ai vor seiner Verhaftung arbeitete, war ein Dokumentarfilm über die Rechte Krimineller in Deutschland. Dafür hatte er mit Richtern, Anwälten und Politikern gesprochen und ein deutsches Gefängnis besucht. 'Er wollte den Chinesen zeigen, wie ein Rechtsstaat funktioniert', sagt ein Mitarbeiter. 'Stattdessen zeigt China nun der ganzen Welt, dass es in unserem Land keinen Rechtsstaat gibt.'"

Weitere Artikel: Dirk Pilz berichtet über ein viertägiges Festival "Heimspiel - Wem gehört die Bühne??" am Schauspiel Köln. Inge Günther berichtet über die Ermordung des jüdisch-palästinensischen Theatermachers Juliano Mer Khamis in Dschenin. Hans-Hermann Kotte stellt kurz Rudolf Brazda vor, einen schwulen KZ-Überlebenden, der gerade seine Biografie veröffentlicht hat.

Besprochen werden ein Konzert von The Low Anthem in Frankfurt und Tilman Knabes Inszenierung des "Lohengrin" am Nationaltheater Mannheim.

Tagesspiegel, 06.04.2011

Im Tagesspiegel diskutieren Jan Schulz-Ojala und Rüdiger Schaper über einen Abbruch der Ausstellung "Kunst der Aufklärung", mit der sich die deutschen Museen gerade in Peking als Leisetreter vorführen lassen.

Ojala ist für den Abbruch: "Für die Deutschen gibt es nur noch eine achtbare Form, hier aus dem Ruch von - mit Verlaub - nützlichen Idioten eines beinharten Regimes herauszukommen. Sie ist so freiheitsliebend und menschenrechtsbewusst wie der Geist der Aufklärung selbst. Und heißt: Abbruch der gruselig gemütlichen Zelte, die man da am Platz des Himmlischen Friedens und irdisch gouvernementaler Mordlust aufgeschlagen hat."

Schaper ist dagegen: "Die deutschen Museumsverweser haben sich bei der Eröffnung auf dem Platz des Himmlischen Friedens skandalös verhalten, als sie zu der Ausladung des Schriftstellers und Sinologen Tilman Spengler schwiegen. Man kann nicht Immanuel Kants Schuhe in Peking abstellen und Fersengeld geben. In Peking bleiben kann aber nur heißen: dranbleiben, die Plattform nutzen."

SZ, 06.04.2011

Thomas Steinfeld beklagt die Ignoranz der Politik gegenüber der Klassikstiftung Weimar, der sie an sich zu nationaler Geltung verhelfen müsse. Alex Rühle ist fassungslos über den Mord am Theatermacher Juliano Mer-Khamis, Sohn eines palästinensischen Christen und einer Jüdin, der mit seinem Theater im Westjordanland für Versöhnung eintrat. Gemeldet wird, dass Wim Wenders im Jahr 2013 nun doch nicht in Bayreuth inszenieren wird. Christiane Schlötzer schreibt zum Tod des griechischen Autors Iakovos Kambanellis. Thomas Kirchner beschreibt Aufsehen und Gerüchte um eine Versteigerung einer Sammlung chinesischen Porzellans, vor der durch ene Indiskrteion die Namen der Sammler bekannt wurden.

Besprochen werden der Boxerfilm "The Fighter" (mehr hier), ein Brahms- mit Rihm-Konzert unter Kent Nagano in München, eine Retrospektive des Malers George Condo in New York, Einar Schleefs Stück "Droge Faust Parsifal" unter Armin Petras in Leipzig und Bücher darunter Thomas Harlans Auseinandersetzung mit seinem Vater, "Veit".

FAZ, 06.04.2011

Noch immer keine Gewissheiten im Fall Ai Weiwei. Mark Siemons berichtet aus einem Land, dessen kritische Geister Schlimmes befürchten: "Während die chinesische Presse Ai Weiwei jetzt völlig totschweigt, formuliert sie Überschriften, denen zufolge Ministerpräsident Wen Jiabao die Behörden auffordere, "das Recht zu schützen". Niemand weiß, was genau hinter den jüngsten Repressionen steht, ob sie von Dauer sind, ob sie die bisher parallel laufenden Entwicklungen im Staat und im Rechtswesen aufsaugen werden oder nicht. Die Lage ist zutiefst ungewiss und verstörend."

Weitere Artikel: Vom Entsetzen in Nahost über den Mord am Theatermann und israelisch-arabischen Aktivisten Juliano Mer Khamis berichtet Hans-Christian Rössler. Edo Reents erinnert an den Tübinger Lehrer Hartmut Gründler, der sich im Jahr 1977 aus Protest gegen die deutsche Atompolitik selbst verbrannte. Eine "hypnotisierende" Lesung des Schriftstellers Peter Kurzeck aus seinem neuen Riesenroman "Vorabend" erlebte Sandra Kegel in Frankfurt. David Foster Wallaces unvollendeter Roman "The Pale King" ist soeben in den USA aus dem Nachlass veröffentlicht worden - Jordan Mejias informiert über die ersten, meist begeisterten Reaktionen. Über die indische Aufregung um den angeblichen Homoerotiker Mahatma Gandhi berichtet Martin Kämpchen. Jürg Altwegg glossiert den Fauxpas des nun mit Häme und Spott überschütteten französischen Handelsministers Frederic Lefebvre, der das Werk "Zadig et Voltaire" als Buch nannte, das ihn besonders beeindruckt. Auf der Geisteswissenschaften-Seite wirft sich Patrick Bahners für den Historiker Johannes Hürter in die Bresche, der für seine Kritik an der Studie "Das Amt" heftig kritisiert wurde.

Besprochen werden eine kleine "Corot"-Ausstellung in der Sammlung Oskar Reinhart in Winterthur, die Ausstellung zum "DAM Preis für Architektur in Deutschland 2010" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, David O. Russells Boxerfilm "The Fighter" und Bücher, darunter Meir Shalevs Roman "Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).