Heute in den Feuilletons

So bequem liest sich ein Buch ja gar nicht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.11.2010. In der NZZ bekennt sich Ruth Klüger als Fan des Ebooks. Und Slavoj Zizek schämt sich, als Linker auf der Seite des Staates zu stehen. In der Welt erklärt Sven Regener von Element of Crime, warum er sein geistiges Eigentum auch mit Anwälten verteidigt. Das Theaterereignis des Wochenendes ist klar ein doppeltes: Roland Schimmelpfennigs neues Stück wurde am Deutschen und am Thalia Theater erstaufgeführt: Hamburg führt bei den Kritikern. Die FAZ staunt: Schwule und Kondome werden bei den Katholiken immer populärer.

FR, 22.11.2010

Peter Michalzik vergleicht zwei Inszenierungen von Roland Schimmelpfennigs neuem "Stück "Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes" und zieht der Version Martin Kusejs am Deutschen Theater Berlin ganz eindeutig Wilfried Minks Arbeit am Hamburger Thalia Theater vor: "In Hamburg zeigt sich, dass 'Peggy Pickit' schnell eine intelligente Bühnenparabel wird, wenn man die Komödie spielt. Vier Personen geben vier Antworten auf den Skandal des afrikanischen Elends, die alle keine Lösungen sind. Und der Streit der vier kommt aus dem Leben, in das sie eingesperrt sind."

Weitere Artikel: Elke Brüns, selbst Autorin eines Blogs zum Thema, denkt nach über Möglichkeiten bildlicher Auseinandersetzung mit Armut und verweist auf einige Bücher und besonders auf dieses Bild in dem Blog anders anziehen. Auf der Medienseite berichtet Sebastian Moll, das Rupert Murdoch ein Boulevardblatt eigens für das Ipad entwickeln lässt.

Besprochen werden außerdem Inszenierungen beim Janacek-Festival in Brünn und Peter Konwitschnys Inszenierung von Glucks "Iphigenie" in Leipzig.

NZZ, 22.11.2010

Die fast achtzigjährige Autorin Ruth Klüger outet sich als begeisterte Anhängerin des E-Books! "Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben: So bequem liest sich ein Buch ja gar nicht. ... Oft ist das Buch zu klein oder zu groß oder zu schwer, der Druck zu schwach oder zu fett, die Zeilen zu dicht aneinander, die Seiten zu dünn. Das E-Book schafft Abhilfe."

Slavoj Zizek bekennt sich im Interview zur Integration der Balkanländer in die EU und zum Nationalstaat: "Mich beunruhigt sehr, dass in den USA seit der Reagan-Ära die Bürgerbewegungen fast immer von rechts kommen. Das jüngste Beispiel ist die Tea-Party-Bewegung. Wenn es zum Konflikt zwischen Staat und Zivilgesellschaft kommt, findet man sich jetzt als Linker immer auf der Seite des Staates. Mein Gott, als Hegel starb, gab es die Linkshegelianer für die Revolution und die Rechtshegelianer für den Staat. Wenn man mich fragt, wofür ich bin, sage ich: für Marx. Aber Marx hätte sich für den alten Hegel entscheiden sollen und für den Staat. All dieses Gerede über das Ende des Staates und die Weltgesellschaft - der Staat ist wichtiger denn je für die Lösung aller großen Probleme."

Weiteres: Sabine Haupt berichtet über ein Schweizer Kolloquium zum 90. Geburtstag von Jean Starobinski. Besprochen wird die Ernst-Jandl-Show im Wien-Museum.

Aus den Blogs, 22.11.2010

Richard Wagner hält in der Achse des Guten daran fest, dass es sich bei Oskar Pastiors IM-Tätigkeit für die Securitate um ein echtes Engagement handelte: "Bisher liegt gegen den IM 'Stein Otto' Folgendes vor:
Eine Verpflichtungserklärung in Handschrift nebst Unterschrift.
Eine als Täterakte angelegte Akte des Oskar Pastior.
Ein IM- Bericht betreffend die Bukarester Sprachwissenschaftlerin Ruth Kisch.
Ein Vermerk in der Akte des Schriftstellers Paul Schuster über die Quellen dieser Akte. Eine der Quellen ist 'Stein Otto'.
Dazu kommen die jetzt von Dieter Schlesak in seiner Opferakte vorgefundenen zwei IM-Berichte (Pastior)."

Wie immer lesenswert: Ulrike Langers Lesetipps zu Internetthemen.

(via salon.com) Bei den katalonischen Wahlen liefern die Jungsozialisten ein unschlagbares Argument für's Wählen: Man bekommt dabei einen Orgasmus. Muss man Spanier sein, um das zu verstehen?




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TAZ, 22.11.2010

Barbara Bollwahn war dabei, als Moritz von Uslar in Zehdenick aus seinem Buch "Deutschboden" las, also in der dumpfen Kleinstadt sechzig Kilometer nördlich von Berlin, die er für das Buch teilnehmend beobachtet hatte. Taz-Autor (und WDR-Moderator) Ranga Yogeshwar erzählt, wie er in einem schicken Hamburger Hotel logierte, wo gerade die Innenminister tagten und entsprechend viel Sicherheitspersonal unterwegs war, was ihm unangenehm war. Meike Laaff berichtet vom Parteitag der sich offenbar schnell demontierenden Piratenpartei.

Besprochen wird Roland Schimmelpfennigs Stück "Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes" am Deutschen Theater Berlin und am Thalia Hamburg.

Und Tom.

Welt, 22.11.2010

Die Welt hat ein neues Layout. Die Forumsseiten sind jetzt ganz vorn auf Seite 2 und 3. Größere Schrift spart Zeichen. Der Essay (wo externe Autoren schreiben) ist von der wichtigen rechten auf die unwichtige linke Seite gerutscht und hat vielleicht noch 120 Zeilen. Auf der wichtigen rechten Seite ist jetzt der Leitartikelplatz für die Chefetage.

Für das Feuilleton besuchte Eckhard Fuhr einen Branchenkongress der Süßwarenindustrie, die sich auf den demografischen Wandel einstellt: "Wrigley's nimmt die Altergruppe zwischen 56 und 75 entschlossen in den Blick. 2030 soll jeder Dritte aus dieser Kohorte regelmäßig Kaugummi kauen. Das geht nur, wenn man dem Kaugummi eine Aura medizinischer Expertise verschafft. Daran wird mit der Kampagne 'A Gum a Day' zielstrebig gearbeitet."

Sven Regener von der stets noch aktiven Band Element of Crime lässt im Interview mit Michael Pilz keinen Zweifel daran, dass er den Gedanken des geistigen Eigentums ernst nimmt: "Niemand, der unsere Musik auf seine Website stellt, darf sich wundern, wenn er vom Anwalt abgemahnt wird. Über diese Auseinandersetzung wird die Zukunft der Musik entschieden."

Weiteres: Andreas Rosenfelder meldet unter Rückgriff auf einen Artikel der New York Times in der Leitglosse, dass eine verschlüsselte Skulptur im Hof der CIA nun endgültig entschlüsselt wurde. Besprochen werden die Erst- und Zweitaufführungen von Ronald Schimmelpfennigs neuem Stück "Peggy Picikit" m Deutschen Theater Berlin und im Thalia Theater Hamburg (und wie bei den meisten Kritikern kommt Wilfried Minks' Hamburger Arbeit in der Welt besser an), eine große Edward Hopper-Ausstellung in New York und Peter Konwitschnys Inszenierung von Glucks "Iphigenie" in Leipzig.

SZ, 22.11.2010

Alex Rühle stellt den Niederländer Wijnand Boon vor, der sich nach einer Rede seiner Königin Beatrix über die soziale Kälte des Netzes allein mit seinem Iphone bewaffnet auf den Weg durch Europa gemacht hat, nur um zu beweisen, dass man per Internet stets einen Schlafplatz und soziale Wärme findet. Olaf Przybilla besucht das neu eröffnete "Memorium Nürnberger Prozesse" (mehr hier). In den "Nachrichten aus dem Netz" berichtet Michael Moorstedt, dass Twitter nun per Analyse seiner Nutzerdaten Geld verdienen möchte. Susan Vahabzadeh gratuliert Terry Gilliam zum Siebzigsten. Michael Stallknecht berichtet vom Münchner Literaturfest, das von Ilija Trojanow kuratiert wird und von der Globalisierung der Literatur handelt.

Besprochen werden die beiden deutschen Erstaufführungen von Roland Schimmelpfennigs Afrika-Stück 'Peggy Pickit' in Berlin und Hamburg (keine von beiden konnte Christine Dössel vom Plüschsessel reißen), eine umfassende Werkschau des Malers Felix Nussbaum in Paris und Bücher, darunter Erri de Lucas Roman "Der Tag vor dem Glück" (mehr hier).

Die ganze Seite 2 des politischen Teils ist der annoncierten leichten Lockerung des Kondomverbots durch die Katholische Kirche gewidmet.

FAZ, 22.11.2010

Parallel liest Christian Geyer die jüngsten Äußerungen des Papstes, der das Kondom schwulen Prostituierten erlauben will, und das Buch des schwulen Theologen David Berger, der über den immensen Einfluss schwuler Klerikaler in der katholischen Kirche schreibt. Das eine passt durchaus zum anderen, wie Geyer mit Berger feststellt: "'Im Grunde genommen sind die Regeln der heiligen Scheinwelt des Katholizismus auf diesem Gebiet ungewollt darauf angelegt, polygamen, anonymen (oft auch ungeschützten) Sex mit all seinen Risiken für die seelische und körperliche Gesundheit zu fördern und dauerhafte Beziehungen zu verhindern.' So erscheint männliche Prostitution als Kollateralschaden einer moralischen Doktrin, für den man im Vatikan im Augenblick keine andere Antwort als das Präservativ bereithält."

Weitere Artikel: Wie Russland Leo Tolstois gedenkt, berichtet Kerstin Holm. Das Baden-Badener Fernsehfilmfestival, bei dem der Schweizer Film "Frühling im Herbest" (Torte zum Film) für seine Begriffe sehr zu Recht den Preis gewann, resümiert Jochen Hieber. Jürg Altwegg staunt angesichts aktueller Stimmungslagen schon nicht mehr, dass die Schweizer SVP bei der aktuellen "Ausschaffungsinitiative" (eine Abstimmung über die schnelle Abschiebung kriminell gewordener Ausländer) mit dem Feindbild "Deutscher" arbeitet. Auf seinem Weg zum klareren Denken informiert Rolf Dobelli heute über die "Es-wird-schlimmer-bevor-es-besser-kommt-Falle". Harald Hartung schreibt zum Tod des Dichters Walter Helmut Fritz.

Besprochen werden die beiden Erstaufführungen von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück "Peggy Pickit" von Martin Kusej in Berlin und Wilfried Minks in Hamburg (Gerhard Stadelmaier: "Minks symboliert, Kusej symbollt."), Peter Konwitschnys Leipziger Inszenierung von Christoph Willibald Glucks "Iphigenie", Tilman Gerschs Wiesbadener Inszenierung einer Theaterfassung von Uwe Tellkamps "Turm", die Ausstellung "Die Kelten" in der Völklinger Hütte und Bücher, darunter Said Sayrafiezadehs autobiografische Prosa "Eis essen mit Che" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).