Heute in den Feuilletons

Der Keltenkult des Kopfabtrennens

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.11.2010. Den Rezensenten der FAZ und SZ hatte das französische Antiglobalisierungsmanifest "Der kommende Aufstand" Schauer des Wohlbehagens über den Rücken gejagt. Da dachten sie noch, es sei links. In Wirklichkeit ist es aber rechts, meint jedenfalls die taz. In der Welt bricht Mathias Döpfner das Schweigen des Springer-Konzerns zu den beiden im Iran festgehaltenen Journalisten - allerdings nennt er nach wie vor die Namen nicht. Tim Berners-Lee verteidigt im Scientific American die Freiheit des Netzes. In der FAZ protestiert Herta Müller gegen einen Artikel des Securitate-IMs Claus Stephani, der seine Täter- mit ihrer Opferakte gleichsetzte.

TAZ, 23.11.2010

Das französische Antiglobalisierungsmanifest "Der kommende Aufstand" (hier als pdf-Dokument), das in den warmen Redaktionsstuben von FAS (hier) bis SZ (hier) gewisse Sympathien fand, ist in Wirklichkeit eigentlich total rechts, meint Johannes Thumfart (mehr hier): "Ausgehend von den Theorien des Nazijuristen Carl Schmitt, wird darin zur politischen Gewalt aufgerufen, gegen Demokratie und Rechtsstaat gewettert... FAZ und SZ rezensierten die Schrift derart positiv, dass sich ein Berliner Buchladen genötigt sah, ironisch per Rundmail zu kommentieren, große deutsche Tageszeitungen riefen nun zum Terrorismus auf."

Weitere Artikel: Dorothea Marcus besuchte ein Theaterfestival in Ouagadougou. Isolde Charim will in ihrer Kolumne die Proteste gegen einen neuen Bahnhof und pro Sarrazin nicht in einen Topf werfen. Und Martin Altmeyer verfolgte die Herbsttagung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung in Bad Homburg.

Auf der Meinungsseite beschreibt Jagoda Marinic, wie bizarr der Feministinnenstreit vom Ausland gesehen wirkt - dort glaubt man nämlich angesichts der deutschen Mutterideologie, es habe hier gar keinen Feminismus gegeben.

Und Tom.

Weitere Medien, 23.11.2010

Während in Deutschland das Internet nur noch als Bedrohung für Kleinkinder und Rechteverwerter beschrieben und bejammert wird, feiert sein Erfinder, der britische Informatiker Tim Berners-Lee, im Scientific American die Vorzüge und Möglichkeiten, die das freie, auf offenen Standards basierende Internet für die Welt hat. Dieses Internet, mit seinen offenen, kostenlosen Standards, ist bedroht: Apple und Facebook wollen die Nutzer aus dem freien unkontrollierten Netz in ihre ummauerten Gärten locken, Google und Verizon kratzen an der Netzneutralität, Regierungen in China, USA, GB, Frankreich wollen das Netz überwachen und kontrollieren. Es liegt an Ihnen, verehrte Internetnutzer, sich dagegen zu wehren: "Wenn Ihre Netzwerk-Rechte verletzt werden, dann ist ein öffentlicher Aufschrei entscheidend. Bürger auf der ganzen Welt lehnten Chinas Foderung an Google ab, bis hin zu Außenminsterin Hillary Clinton, die erklärte, die amerikanische Regierung unterstütze Googles Widerstand und dass die Freiheit des Internets - und damit die Freiheit des Netzes - eine offizielle Leitlinie der amerikanischen Außenpolitik werden solle." (Foto: Tim Berners-Lee 2009 in Brasilien. Fotograf: Silvio Tanaka)

Welt, 23.11.2010

Springer-Chef Mathias Döpfner bricht das offizielle Schweigen: "Zwei Mitarbeiter unseres Hauses sind seit sechseinhalb Wochen im Iran gefangen." (Mehr zum Thema hier: "Logik der Beschwichtigung") Er schreibt aber nur wenig über die Journalisten, nennt auch ihre Namen nicht, sondern schließt einen zweiseitigen und bilderlosen Essay zum Westen und der Herausforderung durch den Islamismus an: "Wollen wir uns noch verteidigen? Und wenn ja, mit welchen Mitteln? Es geht dabei um alles. Nicht um Ideologie, sondern um unseren Lebensstil."

Im Feuilletonaufmacher bespricht Tim Ackermann eine große Paul Gauguin-Ausstellung in der Tate Modern. Manuel Brug porträtiert den polnischen Regisseur Krzysztof Warlikowski, der eine - gerade in Berlin gastierende - "Endstation Sehnsucht" mit Isabelle Huppert inszeniert hat. Eckhard Fuhr liest die Zahlenwerke des Deutschen Bühnenvereins und muss feststellen, dass nicht so viel gekürzt wie gejammert wird.

Besprochen werden eine Revue nach Helene Hegemann im Hamburger Thalia Theater und ein Auftritt der Gorillaz in Berlin.
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FR, 23.11.2010

Ausführlich und bewundernd bespricht Christian Thomas die große Kelten-Ausstellung in der Völklinger Hütte, die ihm am Ende aber doch ein bisschen zu nüchtern geraten ist: "Kein Wort darüber, dass der Kelte grauenhaften Ritualen zugewandt war, im besonderen Menschenopfern, doch all die Helme, und es sind runde und spitzkonische, eiserne und bronzene, erzählen über den Keltenkult des Kopfabtrennens so wenig wie das 2800 Jahre alte Rasiermesser, der Halsring, die spindeldürre Spiralkopfnadel."

Weitere Artikel: Im Aufmacher empfiehlt Daniel Kothenschulte Ilona Zioks Dokumentarfilm über den Staatsanwalt Fritz Bauer, der den Auschwitz-Prozess möglich machte (in dem Film tritt ein sehr junger Helmut Kohl auf, der dringlich vor allzu intensiver Vergangenheitsbewältigung warnt). Harry Nutt berichtet über Neubesetzungen im Stiftungsrat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Jürgen Verdofsky schreibt zum Tod des Lyrikers Walter Helmut Fritz.

Besprochen werden Theresia Walsers Stück "Die ganze Welt" in Mannheim, ein Ravel-Abend unter Kent Nagano und Terence Kohler in München, ein Konzert der Gorillaz in Berlin und Wilhelm Schmids Essay "Die Liebe neu erfinden".

NZZ, 23.11.2010

Spanien erlebt seit einem viertel Jahrhundert einen Bauboom, der auch interessante experimentelle Museumsbauten befördert, erzählt Roman Hollenstein, nachdem er Klaus Englerts Band "New Museums in Spain" durchblättert hat. Zum Beispiel das von Mansilla & Tunon erbaute Museo de Arte Contemporaneo in Leon:



Außerdem: Daniela Tan erzählt wie die Japaner - Kaiser inbegriffen - das Erntedankfest begehen. Marc Zitzmann berichtet über Streit um das von Nicolas Sarkozy geplante nationale Geschichtsmuseum. Ziemlich kurzsichtig findet Andrea Roedig die Kürzung der Mittel für außeruniversitäre Forschung in Österreich.

Besprochen werden eine Aufführung von Johanna Spyris "Heidi" am Theater Basel und Bücher, darunter Janet Frames literarisches Selbstporträt "Dem neuen Sommer entgegen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 23.11.2010

Hingewiesen sei noch auf die Dankesrede Ferdinand von Schirachs zur Verleihung des Kleistpreises, die der Tagesspiegel gestern druckte.

FAZ, 23.11.2010

In der Wochenendausgabe der FAZ unternahm der rumäniendeutsche Autor Claus Stephani den Versuch zu erklären, warum er trotz einer existierenden Securitate-IM-Akte kaum Schuld auf sich geladen hat. Herta Müller allerdings glaubt ihm kein Wort: "Ich bin von Leuten wie ihm denunziert und verleugnet worden. Von mir gibt es keine IM-Berichte, keine Täterakte. Wenn sich heute Mitarbeiter der Securitate in dieser Zeitung eine Analogie ihrer Tätergeschichte mit meiner Verfolgungsgeschichte konstruieren, dann bedienen sie sich der Verleumdungsmethoden der Securitate. Dagegen muss ich protestieren."

Weitere Artikel: Als summa summarum banausisch und inkompetent erlebt Andreas Rossmann die aktuelle rote und grüne Kulturpolitik in Nordrhein-Westfalen. Die desolate Situation des Weimarer Schießhaus-Palais' - es verfällt und wird nach Plänen der Stadt von Villen umstellt - beklagt Jürgen Richter. Joseph Croitoru liest in osteuropäischen Zeitschriften Aufsätze zu kommunistischen Geheimdienstpraktiken. Auf der Medienseite vermeldet Jürg Altwegg, dass die Redaktionsräume des französischen Internetmagazins Rue.89 erneut ausgeraubt wurden, dass das Vorgehen an Geheimdienstmethoden erinnert und dass Präsident Sarkozy jede Beteiligung an den merkwürdigen Vorgängen der jüngeren Zeit weit von sich weist.

Besprochen werden die Uraufführung der Dresdner Neufassung von Hans Werner Henzes Oper "Gisela!" (die Julia Spinola und offenbar auch der ganz die Aufführung versunkene ebenfalls anwesende Henze rundum gelungen fanden), Hermann Scheins Darmstädter Uraufführung von Bettina Erasmys Stück "Supernova", eine große "William Kentridge"-Ausstellung in der Wiener Albertina und Bücher, darunter Hansjörg Schneiders Kriminalroman "Hunkeler und die Augen des Ödipus" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 23.11.2010

In Litauen bringen sich proportional gesehen viermal so viel Menschen um wie in Deutschland, berichtet Cathrin Kahlweit auf Seite 3. Der Grund dafür ist nach wie vor in der kommunistischen Vergangenheit des Landes zu suchen. Der Rockstar Andrius Mamontovas (hier singt er ein hübsches Lied) engagiert sich für Aufklärung. Aber es ist viel zu tun: "Die Hotline für Suizidgefährdete in der Hauptstadt Vilnius nimmt zwar 100.000 Anrufe im Jahr entgegen, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, aber auch das reicht nicht. Zwei Millionen Anrufe gehen jährlich ein, manch einer muss es 30-mal probieren, bis er gehört wird."

Im Feuilletonaufmacher konstatiert Gerhard Matzig angesichts all der Proteste gegen Bahnhöfe, Flughäfen und Olympiabewerbungen eine in Deutschland grassierende "Moderneverdrossenheit, die allmählich gespenstisch wirkt". Camilo Jimenez liest eine Studie zur Verbreitung der Sprachen im Netz. Volker Breidecker verfolgte eine Frankfurter Tagung über W.G. Sebalds Kritik an Alfred Andersch. Kai Strittmatter berichtet über einen gescheiterten Versuch deutsch-türkischer Annäherung am Freiburger Theater. Hannah Beitzer stellt den russischen Rapper Noize MC vor, der der unzufriedenen Jugend eine Stimme verleihe.

Besprochen werden ein Ravel-Abend beim Bayerischen Staatsballett, eine Einspielung von Janaceks Streichquartett "Intime Briefe" mit der vom Komponisten eigentlich gewünschten höchst seltenen Viola d'amore,



Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill" als Bühnen-Revue am Hamburger Thalia Theater, eine Ausstellung über die Malerei der australischen Aborigines im Kölner Museum Ludwig, eine Ausstellung über Lawrence von Arabien im Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch, Paul Hindemiths Oper "Mathis der Maler" erstmals in Paris und Bücher darunter Dirk von Petersdorffs Gedichtband "Nimm den langen Weg nach Haus" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).