Heute in den Feuilletons

Und am Ende siegt immer diese Traurigkeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.01.2010. Im Hinblick auf den kommenden Tory-Sieg in Großbritannien informiert die NZZ schon mal über die angesagten Gummistiefelmarken zum Abschreiten der Landsitze. In der Berliner Zeitung wünscht sich Berlinale-Chef Dieter Kosslick Slow Filmfood. Für die FAZ ist jetzt ganz klar: Netz ändert Hirn. Carta fragt: Wer zahlt eigentlich Hotel und Jahrgangswein, wenn Vattenfall "Führende Medienmacher" zum Plausch einlädt? Die SZ bringt eine Sonderseite zu Ruhr 2010.

NZZ, 29.01.2010

Marion Löhndorf freundet sich schon mal mit dem unabweislichen Wahlsieg der Tories in Großbritannien und der Rückkehr des Upperclass-Stils an: Seriöse Zeitungen und Zeitschriften sind sich nicht zu schade, über die trendgemäßen Gummistiefel zu informieren, die man, idealerweise beim Abschreiten des eigenen Landsitzes, trägt: Hunters heißt die Marke, auf die es ankommt, darauf folgen die Hersteller Tretorn, Aigle und, etwas im Abseits, weil französisch, Le Chameau. Spaziergänge über Land seien der 'neue Rock'n'Roll', erklärten englische Pop-Stars in der Wochenendbeilage der Times."

Wenig Erfolgschancen räumt Knut Henkel dem anvisierten Verbot der mexikanischen Narcocorridos ein: "Nicht nur im Norden, nahe der Grenze zu den USA, laufen die Lieder von den Tigres, den Tucanes de Tijuana, von Chalino Sanchez oder den Pajaritos rund um die Uhr zu Hause oder in den Kneipen, auch weiter südlich haben die Corridos ihre Fans gefunden... Oft sorgen die Drogen-Capos auch selbst dafür, dass ihre Geschichte in Strophen gegossen und mit Akkordeon, Gitarre, Bass und Schlagzeug unterlegt werden. Ein paar tausend US-Dollar ist so eine klingende Hommage manchem Drogen-Capo wert, und es gibt Bands, die zur Entourage der Drogenbosse zählen."

Weiteres: Auf den zuende gegangenen Solothurner Filmtagen hat Bettina Spoerri eine vorsichtige Abkehr vom Credo "No politics please, we're Swiss" bemerkt. Ausgzeichnet wurden "Nel giardino dei suoni", Nicola Belluccis Porträt des blinden Musikers und Klangforschers Wolfgang Fasser, und "Bödälä - Dance the Rhythm" der Zürcherin Gitta Gsell, eine Dokumentation unterschiedlicher Stampftanzarten. Susanne Ostwald schreibt zum Tod des amerikanischen Gentleman-Schriftstellers Louis Auchincloss.

Besprochen werden eine Aufführung von Gustav Mahlers Zehnter in Zürich, das Album "One Life Stand" der Band Hot Chip und Posy Simmonds Comic-Roman "Tamara Drewe" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 29.01.2010

Nate Anderson berichtet bei Ars technica über eine Protestaktion der Free Software Foundation bei der Vorstellung von Apples Tablet: "Members of the Free Software Foundation staged a small protest outside today's Apple event in San Francisco, making the case against Apple's use of DRM. The group's four-foot signs were headed with the message "Entering Apple Restriction Zone" and laid out the tablet's detriments:
- No free software
- No installing apps from the Web
- No sharing music or books
- We can remotely disable your apps & media"

Der Konzern Vattenfall lädt führende Medienvetreter einmal im Jahr zu Gesprächen in behaglicher Atmosphäre in ein schönes Hotel im Land Brandenburg ein (Hans-Martin Tillack hat darüber in seinem Buch "Die korrupte Republik" gechrieben). Nun steht wieder so ein Treffen an und Christia Humborg schreibt in Carta: "Ohne Missgunst stellt sich die nüchterne Frage, ob die 'führenden Medienmacher' Essen und Übernachtung selbst zahlen. Sollten Journalisten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten teilnehmen, wäre dies ihnen anzuraten, gelten sie doch als Amtsträger. Für den Rest der Runde gilt Ziffer 15 des Pressekodex. Danach sind Vorteile jeder Art, die geeignet sein könnten, die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion zu beeinträchtigen, abzulehnen. Als Leser wüsste ich gern, wie teilnehmende Chefredakteure der von mir konsumierten Medien diese Veranstaltung im Hinblick auf Ziffer 15 beurteilen."

FR, 29.01.2010

Zu Tschechows hundertfünfzigstem Geburtstag will Peter Michalzik nicht so richtig einstimmen in den harmonischen Chor der Gratulanten: "Das Verhängnisvolle an Tschechows Figuren ist, dass sie bei all ihrer Antriebsarmut eine himmlische Grazie besitzen. Mit dieser schmeichelhaften Leichtigkeit schwingen sich Schauspieler, Regisseure und Zuschauer schnell und gern in den siebten Himmel: wie absurd das Dasein in seiner Lächerlichkeit doch ist! Wie herzzerreißend die menschlichen Schicksale in ihrer Traurigkeit doch sind! Und am Ende siegt immer diese Traurigkeit, ein dann doch diffuses Gefühl, das im Einverständnis mit allem und jedem seinen tieferen Grund hat... Das muss einmal aufhören."

Mely Kiyak besucht die Ausstellung kurdischer Kunst "Nicht einfach, die Welt in 90 Tagen zu retten" in der Berliner Galerie Tanas für zeitgenössische türkische Kunst: "Die bloße Existenz dieser Kunstschaffenden ist deshalb spektakulär, weil es ohne Kontakte und Geld fast unmöglich ist, in einem Land ohne nennenswerte staatliche Kulturförderung künstlerisch tätig zu sein."

Weiteres: Mit seinem Folkwangmuseum hat David Chipperfield der klassischen Moderne seine Reverenz erwiesen, befindet zufrieden Christian Thomas nach einer ersten Besichtigung. Hilal Sezgin hält nichts von dem in Frankreich geplanten Burka-Verbot, die Kritik am "postkolonialen Feminismus" der Birgit Rommelspacher kann sie nicht verstehen, und überhaupt ist sie hier die Feministin. In Times mager muss Arno Widmann Schnee schippen.

Auf der Medienseite beobachtet Klaus Raab deutsche Musikmagazine bei der Suche nach einem Konzept.
Anzeige

Weitere Medien, 29.01.2010

Ein etwas verspäteter Nachtrag: Micha Brumlik verteidigt im Gespräch mit Britta Bürger vom Deutschlandradio den Vergleich von Islamophobie und Antisemitismus: "Ich finde, dass Wolfgang Benz, was die sozialpsychologische Sache angeht, mit seinem Vergleich der heutigen Islamfeindlichkeit und der Judenfeindschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts völlig recht hat. Es geht hier zunächst einmal nicht darum, wie sich Juden und Muslime tatsächlich verhalten, sondern welche Wahnvorstellungen sich bei den Antisemiten und bei den heutigen Muslimfeinden vorfinden lassen."

Welt, 29.01.2010

Im Forum-Interview mit Andrea Seibel erzählt Hans-Christoph Buch dass die Apotheke seiner Großeltern in Port-au-Prince, dieer in seinem Roman "Die Hochzeit von Port-au-Prince" beschrieb, beim Erdbeben zerstört wurde. Und er mahnt: "Die Spendenbereitschaft ist sehr erfreulich, aber sie hat etwas von einem Ablasshandel, als wolle man sich freikaufen von seinem schlechten Gewissen. Wir sind nicht schuld am Elend Haitis, aber es geht uns an, denn Haiti ist neben Somalia das extremste Beispiel eines gescheiterten Staates, und ich fürchte, dass sein Beispiel Schule macht."

Apple hat für sein neues Ipad auch einen Buchladen (Ibooks) eröfnet. Thomas Heuzeroth und Lars Winckler erläutern das Abkommen mit den Verlagen: "Laut dem Wall Street Journal (hier) hat Apple den Verlagen ein mehrstufiges Preismodell von 10 bis 15 Dollar pro Buch vorgeschlagen. Davon würden 30 Prozent an Apple und 70 an die Verlage fließen. Zum Vergleich: Bei Amazon kosten alle Bücher zehn Dollar."

In Feuilleton schreibt Hannes Stein zum Tod Jerome D. Salingers, dessen "Fänger im Roggen" wohl jeder auf der Welt gelesen hat (angeblich gibt es jetzt noch unveröffentlichte Manuskripte, die gehoben werden können). Sven Felix Kellerhoff kommentiert ein Urteil des Berliner Kammergerichts, das es dem Land Berlin erlaubt, die Plakatsammlung Hans Sachs (die von Erben zurückgefordert wird) zu behalten. Manuel Brug hat sich in Berlin ein Konzert des Schmalz- und Hitgeigers David Garrett angehört, der ihn musikalisch nicht überzeugt und zu der Bemerkung veranlasst: "Jede Generation und Epoche braucht offenbar ihren massenkompatiblen Starviolinisten". Berthold Seewald glossiert die von Molekularkoch Ferran Adria verkündete kreative Pause. Uta Baier besucht David Chipperfields Neubau für das Folkwang-Museum. Martin Zöller berichtet, dass ein Iphone-App namens "iMussolini" in Italien für Debatten sorgt. Matthias Kamann schreibt zum 150. Todestag von Ernst Moritz Arndt. Gerhard Midding gratuliert Gene Hackman zum Achtzigsten.

Besprochen wird eine zuerst in Neuss vorgestellte neue Choreografie von Sidi Larbi Cherkaoui.

TAZ, 29.01.2010

Kein Mensch brauche die Grammys meint Uh-Young Kim in seinem Kommentar der am Sonntag stattfindenden Verleihung der "Musik-Oscars". "Kritiker halten die Preisverleihung für eine maßlose Eierschaukelei der Industrie. Es geht also nicht um Musik. Aber um Verkaufszahlen wohl auch nicht mehr. Dafür wird nun der Blick auf das Wesentliche frei: die größte Seifenoper der Popkultur."

Besprochen werden die Alben "Odd Blood" der US-Band Yeasayer und "One Life Stand" von der Londoner Band Hot Chip sowie eine Sammlung der journalistischen Texte des australischen Singer-Songwriters Robert Forster (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Und Tom.
Stichwörter: Oscars, Popkultur

FAZ, 29.01.2010

Mit Isaiah Berlins Gleichnis von den "Igeln", die nur eine große Idee haben, die aber gründlich, und den "Füchsen", die von einer Idee auf die andere kommen, versucht Ben McIntyre, zu erklären, wie das Internet unser Denken verändert. Die schnellen Füchse sind hier nicht nur, meint er, im Vorteil, sie werden auch den totalitären Igeln gefährlich: "Das Internet greift in nicht weniger als die Struktur unseres Gedächtnisses ein. Gelehrsamkeit und Erfahrung, ein Wissensschatz, den ein Einzelner über Jahre hinweg aufgebaut hat, sind heute weniger wert als die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit auf etwas zu richten (zu 'fokussieren') und es aufzubereiten (zu 'edieren'): Die Fähigkeit, der Maschine Informationen zu entnehmen, hat die Fähigkeit, diese ohne Hilfsmittel zu erinnern, abgelöst."

Der Untertitel zu McIntyres Text tut so, als ginge es um den neuen Apple Ipad, der aber eigentlich keine Rolle spielt im Text. Hannes Hintermeier informiert dann darüber, dass sich die deutschen Verlage vorsichtig über das neue Gerät freuen und im Zweifel schnell ihre E-Bücher anbieten könnten. Die Auslandskorrespondenten vermelden, wie der Ipad im Rest der Welt aufgenommen wird. Und auf der Medienseite fordert Ibram Evsan die deutschen Zeitungen auf, sich die New York Times zum Vorbild zu nehmen, die mit Apple einen Vertrag geschlossen hat: "Apple bringt uns das Internet durch komfortable Bedienung und besten Service noch näher durch funktionale und schöne Geräte. Wer die Menschen so begeistern kann, wird das Internet als digitale Supermacht beherrschen." Über erste Blogger-Kritik informiert Oliver Jungen.

Weitere Artikel: Fatal findet Jürgen Kaube das Urteil eines US-Gerichts, das einer deutschen Familie Asyl gewährt, weil ihr Kind in Deutschland zum Schulbesuch gezwungen wird. Die Richter hätten, so Kaube, nicht verstanden, dass wir in die Schule gehen, nicht nur um Wissen zu erwerben, sondern auch, um zu lernen, das die Gesellschaft grundsätzlich anders tickt als die Familie. Andreas Rossmann besucht in Essen das neue Museum Folkwang. Felicitas von Lovenberg schreibt zum Tod des amerikanischen Autors Louis Auchincloss.

Besprochen werden eine Weimarer Inszenierung von Edward Bonds "Gerettet" (Gerhard Stadelmaier ist so verärgert über die Streichung der berühmten Gewaltszene mit dem Baby, dass er ausdrücklich den Namen des Regisseurs verschweigt), die Ausstellung über Agip, "Die Tankstelle des Wirtschaftswunders, im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt und Bücher, darunter Fritz H. Dinckelmanns Romansatire "Die Kanzlerin" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 29.01.2010

Kann das sein? Eine "Sonderseite der Süddeutschen Zeitung" zu Ruhr 2010 mit einer sehr hübschen großen Anzeige von "Ruhr 2010"-Sponsor Haniel sieht fast so aus, als ob sich auch die SZ ihre redaktionelle Berichterstattung zur Not abkaufen lässt. Und im Editorial heißt es sehr nett: "Die Veranstaltungen zielen nicht nur auf Hochkultur und Bildungsbürgertum, sie wollen die gesamte Gesellschaft abbilden: Alle Altersgruppen, alle Schichten, alle Kulturen." Gezeichnet: "SZ". In den drei Zeilen links unten wird nicht über den Charakter der Veröffentlichung aufklärt. Da steht nur, wer für die Seite redaktionell und anzeigentechnisch verantwortlich ist.

Thomas Avenarius legt im offiziellen Feuilleton dar, warum die Situation in Afghanistan aus vielen Gründen sehr verfahren ist. Man nehme zum Beispiel die Taliban: "Die Taliban sind Söhne einer verlorenen Generation: Aufgewachsen in elenden Flüchtlingslagern in Pakistan. Kaum 'Schulbildung' außer dem Koran, den sie 'mit dem Herzen' auswendig gelernt haben: Ohne arabisch zu verstehen, unter der Rute ebenso ungebildeter Lehrer. Mit dem Islam hat das wenig zu tun. Dafür aber mit Afghanistan, den paschtunischen Traditionen und der Einmischung Pakistans, das die 'Koranschulen' mitfinanziert hatte. Diesen Taliban 'Aussteigerprogramme' und Arbeitsplätze anzubieten klingt gut. Es wird aber Jahre dauern und viele nicht überzeugen. Eine verlorene Generation bleibt eine verlorene Generation."

Weitere Artikel: Catrin Lorch zeigt sich begeistert vom Neubau des Museums Folkwang in Essen. Jens Schneider meldet weitere Verzögerungen beim Bau der Hamburger Elbphilharmonie und informiert, dass Hochtief die Stadt zum Schuldigen erklärt. Mit eher bedenklicher Miene fragt sich Ursula März, was die neue semiliterarische Authentizitätsbegeisterung in Sachen Krankheit, Demenz und Tod für den Stand der literarischen Ästhetik zu bedeuten haben könnte. Susan Vahabzadeh gratuliert der Schauspielerin Katharine Ross zum Siebzigsten. Willi Winkler schreibt zum Tod des Historikers linker US-Geschichte Howard Zinn.

Besprochen werden Mark Lunghuß Frankfurter Uraufführung von Nis-Momme Stockmanns Stück "Das blaue, blaue Meer", ein Auftritt des Cedar Lake Contemporary Ballet mit Sidi Larbi Cherkaouis Choreografie "Orbo Novo" in Neuss, die Ausstellung "Golo Mann. Die Geschichte" im Literaturhaus München, die Ausstellung "Rahmenkunst" in der Münchner Alten Pinakothek, das neue Hot-Chip-Album "One Life Stand" und Bücher, darunter die Bilanz des Historikers Walter Laqueur "Mein 20. Jahrhundert" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).