Heute in den Feuilletons

Circa anderthalb goddamns pro Seite

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.01.2010. In der Welt polemisiert Ulrike Ackermann gegen einen Staat, der uns aus lauter Liebe lauter Freiheiten nimmt.  Die NZZ erinnert an den brasilianischen Journalisten Euclides da Cunhas, dessen Buch "Krieg im Sertao" von 1902 die Schrecken des 20. Jahrhunderts ankündigte. In der FAZ verteidigt Sonja Margolina das Recht auf Islamkritik. Die FR bringt einen Essay Salman Rushdies über die siebte Tosünde - die Trägheit. In der SZ staunt Joachim Kaiser über Maurizio Pollini, der alles richtig macht. Außerdem wird in einigen Zeitungen noch J.D. Salinger gewürdigt.

NZZ, 30.01.2010

Patrick Straumann besucht für die Beilage Literatur und Kunst die Kleinstadt Canudos im Norden Bahias, wo der brasilianische Zentralstat Ende des 19. Jahrhunderts ein Massaker unter religiösen Fanatikern verübte - der Journalist Euclides da Cunhas hat es in seinem Buch "Krieg im Sertao" von 1902 festgehalten, das Straumann als eine Vision kommender Schrecken des 20. Jahrhunderts liest: "Insbesondere die Wachsamkeit des Autors für 'jene geistige Trunkenheit der Soldaten, doppelt verblendet vom Bewusstsein der eigenen Stärke und der uneingeschränkten Erlaubnis zu den größten Brutalitäten', weist den Bericht als ein der Wirklichkeit zugewandtes 'Herz der Finsternis' aus, das auch jenseits des brasilianischen Hinterlands seine Gültigkeit besitzt."

Außerdem denkt Peter Bürger über Schrift in der Malerei nach. Und Manfred Koch nimmt sich die achtbändige Gesamtausgabe des Erzählers und Lyrikers Wilhelm Lehmann (1882-1968) vor (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton schreibt Hartwig Isernhagen den Nachruf auf J.D. Salinger. Besprochen werden eine Dramatisierung von Jaroslaw Iwaskiewicz' Novelle "Die Fräulein von Wilko" durch Alvis Hermanis in Modena und Konzerte der Mozartwoche Salzburg.

TAZ, 30.01.2010

Im Nachruf auf J.D. Salinger versucht Ulf Erdmann Ziegler zu erklären, was den Autor zur Figur sui generis machte: "Er war gegen die Stadt und für die Natur, gegen den Ehrenkodex und für das Experiment. Natürlich hätte es J. D. Salinger nicht gegeben ohne Rousseau und Thoreau, ohne Emily Dickinson und Walt Whitman, aber seine Synthese zeitgenössischer Reverien war einzigartig. Man meinte beim Lesen seinen Atem zu spüren, war gefesselt, betört und benebelt. Seine Prosa barg Travestien und Genderzweifel. Salinger war ein androgyner Stilist. Seine Figuren waren leicht wie die Eisläufer im Central Park, mit tonnenschweren Problemen am Hals."

Als gekürzten Linernotes-Abdruck gibt es Daniel Wangs Porträt seines Deep-House Labels Balihu Records zu lesen. Es beginnt so: "1983 habe ich illegale Diskotheken in Taipeh besucht, und 1988 habe ich angefangen, Kassetten für Housepartys von schwulen Studenten aufzunehmen. Damals war es noch keine Selbstverständlichkeit, dass man 'eine Platte draußen haben' musste, um als DJ gebucht zu werden. War mein Lieblings-DJ 1990 ein 'Produzent'? Vermutlich nicht. Dagegen war Lil' Louis schon mit seinem Stück 'French Kiss' bekannt geworden, als er 1991 in San Francisco ein DJ-Set hinlegte und einige von uns hingingen. Dorthin war ich nach meinem College-Abschluss gezogen und teilte mir im Schwulenviertel Castro eine Wohnung mit einem netten Typen namens Aaron Olivares."

Weitere Artikel: Daniel Haas erkennt in den von der "medialisierten Mittelschicht" (und ihm selbst) so geliebten US-Fernsehserien von den "Sopranos" bis "The Wire" nicht weniger als "ein Muster, anhand dessen sich Identitäten formen". In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne wünscht sich Tania Martini eines neues "Plädoyer gegen die Arbeit".

Besprochen werden Bücher, darunter Kristof Magnussons Roman "Das war ich nicht" (hier eine Leseprobe) und Wolfgang Martynkewiczs Studie "Salon Deutschland" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 30.01.2010

Im Interview mit Hannelore Crolly erklärt die Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann, warum ihr an Freiheit so liegt: "Um Benjamin Franklin zu zitieren: Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, verliert am Ende beides. Der Staat wird Tugendwärter und Erzieher, er mischt sich überall ein, moralisiert, pädagogisiert und entmündigt. Er infantilisiert uns regelrecht. Er setzt uns zum Beispiel ein Konzept vom gesunden Leben vor und mahnt uns, fettarm zu essen, Sport zu treiben und das Rauchen zu lassen."

In der Literarischen Welt nimmt Alan Posener Kurt Kreilers Versuch, Edward de Vere, Graf von Oxford, als den eigentlichen Verfasser der Werke Shakespeares zu etablieren, auseinander: "Kreiler führt auf 595 bemühten Seiten nicht ein Dokument an, keinen Tagebucheintrag, keinen Bericht der allgegenwärtigen Geheimpolizei und der Zensoren, kein Spottgedicht, in dem davon die Rede ist, Oxford sei der wahre Autor jener Stücke, die man fälschlicherweise dem Sohn eines Handwerkers zuschreibe."

Außerdem: Uwe Wittstock durfte in Marbach beim Auspacken von Max Frischs Nachlass zugucken und stellt bei einem Blick auf das "Stiller"-Manuskript fest, dass der berühmte erste Satz "Ich bin nicht Stiller!" fehlt. Tilman Krause schreibt zum Tod der Kunsthistorikerin, Erzählerin und Lektorin Hanne Lenz.

Besprochen werden unter anderem Fabrizio Gattis Reportageband "Bilal" über den Weg illegaler Einwanderer vom senegalesischen Dakar über Mali und Niger bis zur libyschen Grenze und schließlich ins Flüchtlingslager auf Lampedusa, Thomas Langs Roman über die Achtziger "Bodenlos", Muhammad Asads Übersetzung des Korans und Jeffrey Herfs bei Yale University Press erschienener Band "Nazi Propaganda for the Arab World".

Im Feuilleton überlegt Michael Pilz, was der Erfolg von Lady Gaga und Rihanna über uns erzählt. Stefan Grund berichtet über die zum fünften Mal verschobene Fertigstellung der Elbphilharmonie, die nun wohl erst 2013 eröffnet und 22,4 Millionen Euro teurer als angekündigt wird. Wfr. schreibt zum Neunzigsten der französischen Autorin Benoite Groult.
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FR, 30.01.2010

In Übersetzung wird ein Essay Salman Rushdies über die siebte Todsünde - die Trägheit - nachgedruckt. Das geht ohne wirklichen roten Faden von Fellini zu Pynchon zu Shakespeare zu Gontscharows inaktivem Romanhelden Oblomow, über den es dann heißt: "Er ist eine Mischung aus dem unentschlossenen Hamlet und Bartleby, und er ist so wie wir alle. Wir schauen uns die Welt an und wünschten, wir könnten uns irgendwo verstecken. Oblomow versteckt sich für uns. Wir schauen uns das andere Geschlecht an und fühlen uns überfordert. Oblomow tritt an unserer statt den Rückzug an. Wir sehen unsere eigenen Probleme und wünschten, sie wären eine sehr weite Reise entfernt. Oblomow weigert sich, diese Reise anzutreten, so wie wir uns auch gern weigern würden, es aber nicht können. Im Oblomowismus erkennen und rechtfertigen wir unsere eigene Trägheit." (Im Original ist der Text in der Zeitschrift Granta erschienen; er ist nicht online nachzulesen.)

Weitere Artikel: Reinhard Helling schließt seinen Nachruf auf den US-Autor J.D. Salinger mit der "Frage aller Fragen", die viele Fans des Schriftstellers bewegt: "Liegen in Salingers legendenumwoben Tresor wirklich stapelweise fertige Bücher, wie es Gerüchte wissen wollen?" Der US-Bürgerrechtler Tom Hayden hat wenig Hoffnung auf einen guten Ausgang der "verfahrenen" Lage in Afghanistan. In einer Times Mager erzählt Christian Thomas von der Essener Taxifahrt eines Kollegen.

Besprochen werden ein Frankfurter Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit Schostakowitsch-Musik und Joachim Walthers DDR-Roman "Himmelsbrück" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 30.01.2010

Clemens Meyer schreibt eine hübsche Hommage auf Jerome D. Salinger: "Der 'Fänger' enthielt in der Originalausgabe 255 Mal den Begriff 'goddamn' und vierundvierzig 'fuck's', lese ich bei Wikipedia. Ich durchblättere die Seiten meiner englischen Ausgabe, beginne zu zählen, das wären circa anderthalb goddamns pro Seite und alle vier Seiten ein fuck - oder so." Paul Ingendaay setzt den offiziellen Nachruf hinzu. Und Jordan Mejias sammelt amerikanische Reaktionen. (Hier der Nachruf in der New York Times, hier der Nachruf in der Washington Post).

Sonja Margolina verteidigt das Recht auf Islamkritik und macht folgenden Unterschied: "Hassprediger, von denen die Religionsgeschichte eine Menge kennt, riefen zum Mord auf, Vernunftprediger waren selbst bereit, Opfer für Redefreiheit und Menschenrechte zu bringen."

Weitere Artikel: Hd. glossiert neueste Skandälchen um die Salzburger Osterfestspiele. In seiner Gastrokolumne theoretisiert Jürgen Dollase über Brot und empfiehlt den Hannoveraner Bäcker Jochen Gaues. Gustav Falke stellt Seyran Ates's Buch "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution" ein schlechtes Zeugnis aus. Nachgedruckt wird Siegfried Lenz' Dankesrede zum Premio Nonino, der dem Autor heute in Udine überreicht wird. "F.L." gratuliert der Fotografin Evelyn Richter (Bilder) zum Achtzigsten. Gemeldet wird, dass Hauke Hückstädt die Leitung des Frankfurter Literaturhauses übernimmt. Auf der Medienseite resümiert Stefan Niggemeier urheberrechtliche Forderungen der Privatsender. Und Michael Hanfeld berichtet über Proteste in den DuMont-Zeitungen FR und Berliner Zeitung gegen die Bildung einer Zentralredaktion. Auf der Reportageseite erzählt Julia Schaf aus dem Innenleben einer Hell's Angels Gang.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht es um Songs von Cranfield and Slade (auf einer gelben Vinylplatte), um Kammermusik und Klavierstücke von Giacinto Scelsi, um eine neue CD von Konstantin Gropper (alias Get Will Soon) und um spätbarocke Bravourarien mit Dominique Visse.

Besprochen wird außerdem Sidi Larbi Cherkaouis Choreografie "Orbo Novo" bei den Tanzwochen in Neuss.

In Bilder und Zeiten erinnert Iring Fetscher an die Reaktion der Aufklärungsphilosophen auf das Erdbeben in Lissabon 1755. Dirk Schümer hat einen Essay über Wellness geschrieben. Katharina Teutsch besucht die nach wie vor aktiven Oulipoten in Paris. Auf der Literaturseite geht es unter anderem um Martin Suters neuen Roman "Der Koch" und um Iris Hanikas Roman "Das Eigentliche" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 30.01.2010

Geradezu beseligt lauschte Joachim Kaiser einem Münchner Konzert - Schumann und Chopin - des Pianisten Maurizio Pollini: "Er erschleicht nie Interessantheit, indem er mystifiziert. Er verzichtet darauf, effekthaschend loszulegen, aufzubauschen, wo gar nichts Besonderes passiert. Oder mit Überlangsamkeit zu entwaffnen. Stattdessen macht er alles 'richtig'. Dieses Adjektiv dürfte auf manche Pollini-Bewunderer karg wirken, armselig. Indessen reicht es an das Höchste, was im Interpretations-Bezirk möglich ist. Denn was, beispielsweise, haben uns jene alten Dirigenten, die einst noch Gustav Mahlers legendäre Opernaufführungen in Wien erlebten, über Mahlers unvergleichliches Dirigieren zu sagen gewusst? Eben dies: es sei bei Mahler alles so wunderbar 'richtig' gewesen..."

Weiteres: Gustav Seibt möchte bei aller Begeisterung für jüngste Entwicklungen der Medienkonsumtechnologie (vgl. Ipad) doch darauf hinweisen, dass die Zeit, die einem zum Konsumieren bleibt, aus Gründen der Endlichkeit des menschlichen Lebens nicht wesentlich zunimmt. Johannes Willms schickt kurze Nachrichten aus Paris. Julia Amalia Heyer stellt die jüdisch-amerikanische Lobbyorganisation J Street vor. Harald Eggebrecht meldet kopfschüttelnd, dass der Geiger Andre Rieu die Karlsmedaille erhält. Gemeldet wird ebenfalls, dass die Bundesregierung Einspruch auch gegen die jüngste Version des Google Books Settlement eingelegt hat. Tanjev Schultz berichtet von einem Vortrag des Pädagogen Hartmut von Hentig in Stuttgart. Tobias Kniebe gratuliert dem Schauspieler Gene Hackman zum Achtzigsten, Thomas Steinfeld der Schriftstellerin Benoite Groult zum Neunzigsten. Willi Winkler schreibt den Nachruf auf den bekanntesten Unbekannten der US-Literatur, J.D. Salinger, den Autor des "Fänger im Roggen". Die Wissen-Seite ist ganz Apples Ipad gewidmet.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende informiert Cathrin Kahlweit über die "Volkskrankheit" Schlaflosigkeit. In einem Essay denkt Friederike Gräff über richtige und falsche Ansprüche nach. Der hoch oscarverdächtige Regisseur Jason Reitman ("Up in the Air") hat 13 Wahrheiten über das Fliegen. Evelyn Roll analysiert das Smiley als Zeichen unserer Zeit. Abgedruckt wird Petra Morsbachs Erzählung "Letzte Runde". Willi Winkler, der gleich zu Anfang gesteht, einmal eine leere Coladose auf Peter Maffay geworfen zu haben, spricht mit dem Musiker passenderweise über das Thema "Ablehnung".

Besprochen werden ein Berlioz-Konzert der br-Symphoniker unter Charles Dutoit, Susanna Boems Film "Porgy & Bess" und Bücher, darunter William R. Polks Studie über die Fremdherrschaft "Aufstand" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).