Heute in den Feuilletons

Schere in Drostes Kopf

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.10.2009. Die NZZ warnt: Leistungsschutzrrechte schaden der Öffentlichkeit und bringen den Zeitungen nichts. Die Welt verteidigt Thilo Sarrazin gegen den Vorwurf des Rassismus. In der taz räumt Jutta Ditfurth mit Legenden über die Eltern von Ulrike Meinhof auf: Sie waren keine Nazigegner, sondern Nazis. Die FAZ enthüllt: Schuld an der Verteidigung Roman Polanskis ist die Pädophilie der 68er. Alle resümieren eine Tagung über das vorerst gekippte Google Books Settlement, und manche wünschen es sich zurück.

NZZ, 06.10.2009

Auf der Medienseite spricht sich Rainer Stadler gegen ein Leistungsschutzrecht aus und fordert die Verlage auf, mehr eigene Ideen zu entwickeln, anstatt mit Gerichtsklagen auf die Dynamik des Internets zu reagieren: "Die FAZ und die Süddeutsche Zeitung beispielsweise gingen juristisch gegen den Feuilletondienst Perlentaucher vor. Sie verloren. Denn das Urheberrecht verbietet es nicht, Zusammenfassungen von Artikeln zu verbreiten. Würde ein Leistungsschutzrecht die Not der Presseverlage lindern? Wohl kaum. Vielmehr wäre es der Anfang von mehr Bürokratie. ... Zudem geriete das Gesetz in einem derart dynamischen Milieu wie dem Internet schon beim Inkrafttreten zum alten Zopf. Gerade Google verfügt über riesige Ressourcen zur Weiterentwicklung der Suchdienste."

Ebenfalls auf der Medienseite sieht sich Heribert Seifert das Internetprojekt www.podknast.de an, bei dem Jugendsträftäter ihren Gefängnisalltag per Podcast mitteilen.

Fürs Feuilleton traf Angela Schader die junge australische Autorin Tara June Winch, die ein Jahr lang Protege von Nobelpreisträger Wole Soyinka war: "Die Erfahrungen in ihrem Mentoratsjahr, resümiert die Schriftstellerin, hätten sie auf die tiefste Basis menschlicher Erfahrung zurückgestoßen. 'Ich muss von Grund auf neu anfangen, emotional, geistig; es ist, als wäre ich aus all meinen früheren Fundamenten gerissen. Schauen Sie, die anderen Proteges sind aufgebaut worden, sie haben eine Menge getan - und ich bin in Stücke gegangen. Ist das nicht seltsam?' Seltsam berührt in der Tat diese rückhaltlose Ehrlichkeit, diese Versehrtheit und Verletzlichkeit einer Autorin, die man auf ihre Furchtlosigkeit hatte ansprechen wollen."

Weitere Artikel: Joachim Güntner reibt sich an der unpolitischen Haltung der Frankfurter Buchmesse. Roman Bucheli berichtet vom Streit um die Briefe Hedwig Pringsheims. Und Hoo Nam Seelmann erzählt, wie die Südkoreaner auf die Wirtschaftskrise reagieren - deutlich sachlicher als bei der Finanzkrise vor 20 Jahren: "Wenn auch in Korea die Schockwellen der gegenwärtigen Krise deutlich zu spüren waren, blieb eine ähnliche akute Krisenstimmung aus, die früher die Koreaner dazu brachte, Gold aus der Privatschatulle dem Staat zu schenken. Eine entsprechende Solidaritätsbekundung wurde jetzt nicht als nötig erachtet."

Besprochen werden Robert Menasses neue Erzählungen "Ich kann jeder sagen" sowie die ersten beiden Bände des Großprojekts "Encyclopedia of the Bible and its Reception" beim Verlag Walter de Gruyter (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 06.10.2009

Auf der Forumsseite verteidigt Ulrich Clauß den ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin gegen den Vorwurf des Rassismus und spielt auf eine Passage an, in der Sarrazin auf die unterschiedlichen Schulerfolge von Kindern vietnamesischer und türkischer Kinder hinweist: "Eine Ethnisierung der Probleme oder Probleme der unterschiedlichen Ethnien? Bildungsforscher weisen auf die von Sarrazin angeführten Sachverhalte seit Jahren hin. Politiker brachten die Sanktionierung bildungsunwilliger Migranten ins Gespräch. Im Gespräch sind sie geblieben, gelöst sind die Probleme mitnichten." Es werden außerdem weitere Auszüge aus dem Lettre-Gespräch mit Sarrazin präsentiert, hier und hier noch mehr).

Weiteres: Wieland Freund konstatiert in der Leitglosse des Feuilletons, dass Bücher im Moment rasant teurer werden, und das gilt besonders für Bestseller wie Dan Browns neuen Roman, der 26 Euro kostet. Der Berliner Soziologe Andreas Heilmann denkt darüber nach, wie Guido Westerwelle das Bild des schwulen Politikers ändern könnte und sollte. Rolf Giesen besuchte das Internationale Animations-, Comic- und Game-Forum in Changchun, China, wo das Genre des Animationsfilms neue Blüten erlebt.

Besprochen werden Frank Schätzings neuer Thriller "Limit" (mehr hier), Nicolas Stemanns Lessing- und Jelinek-Inszenierung nach "Nathan der Weise" am Thalia-Theater Hamburg, Calixto Bieitos "Lulu"-Inszenierung in Mannheim und eine von Ai Weiwei ausgestattete Produktion zweier Zemlinsky-Opern in Bremen.

FR, 06.10.2009

Jörg Plath berichtet über die Tagung der Böll-Stiftung zu Googles Digitalisierungsplänen. Hans-Klaus Jungheinrich war beim 29. Nietzsche-Kolloquium im "Waldhaus". Gerd Döring reiste zum Cello Festival in Kronberg. In Times Mager erinnert Christian Schlüter anlässlich der unfreundlichen Äußerungen Thilo Sarrazins über Berliner Türken und Araber an die Hooligans unter unseren Politikern.

Besprochen werden Calixto Bieitis Inszenierung der "Lulu" in Mannheim (nicht online), die Aufführung zweier Kurzopern von Leonis und Puccini in Frankfurt, einige weitere lokale Ereignisse und Bücher, darunter Frank Schätzings neuer Krimi "Limit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr)
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TAZ, 06.10.2009

Jutta Ditfurth, Ex-Fundi der Grünen und Ulrike-Meinhof-Biografin (mehr hier) schreibt zum 75. Geburtstag der Terroristin und wendet sich gegen einige Legenden, die offenbar auch von Stefan Aust verbreitet wurden, etwa dass die Eltern Meinhofs gegen die Nazis gewesen seien: "Ulrike Meinhof wurde am 7. Oktober 1934 in Oldenburg geboren. Ihr Vater, der völkische Kunsthistoriker Dr. Werner Meinhof, NSDAP-Mitglied, beteiligt an der Kampagne 'Entartete Kunst', errichtete seine Karriere auf der Vertreibung moderner KünstlerInnen. Seine NS-Akten waren unberührt wie frisch gefallener Schnee. Dass er verfolgten Künstlern geholfen habe, ist frei erfunden."

Im Feuilleton schreibt Susanne Messemer über ihr Projekt, alte Leute in China über ihre Lebensgeschichte zu interviewen: "In China leidet die offizielle Geschichtsschreibung unter einem verschärften Tunnelblick. In Schulbüchern wurden etwa vor Kurzem Seiten über die Revolutionsgeschichte und Mao Zedong gegen Seiten über Bill Gates und die New Yorker Börse ausgetauscht. In so einem Land liegt nichts näher, als auf die Suche nach Wahrheiten zu gehen und Zeitzeugen möglichst frei aus ihrem Leben erzählen zu lassen. Die Oral History wird bei Filmemachern und Autoren immer beliebter."

Weitere Artikel: Christian Rath resümiert die Berliner Tagung "Enteignung oder Infotopia?" über das Google Books Settlement (mehr auch hier). Micha Brumlik kritisiert in seiner Kolumne Slavoj Zizek, der in seinem jüngsten Buch einerseits vorgibt, den Antisemitismus der Linken zu kritisieren, und andererseits Hugo Chavez feiert, der sich selbst mit antisemitischen Denkern umgab und mit Achmadinedschad paktiert.

Besprochen werden die Ausstellung "Aufbruch in die Gotik" in Magdeburg und ein Album der Rapper Xberg Dhirty6 Cru.

Und Tom.

Aus den Blogs, 06.10.2009

Das Blog Lizas Welt kommentiert den Rückzug eines Krimis über Ehrenmorde durch den Droste Verlag: "Die Islamisten dürfen sich über die Schere in Drostes Kopf freuen: Sie müssen bisweilen nicht einmal mehr drohen, um zu bekommen, was sie wollen. Bemerkenswert ist darüber hinaus aber auch, dass der Verlagsleiter sich bei der Begründung für seinen Schritt in einen einigermaßen grotesken Widerspruch verstrickt hat: Er verwahrt sich gegen eine Diffamierung des Islam, dessen Parteigänger er gleichzeitig für ein Sicherheitsrisiko hält."

Im Interview mit Searchengineland verteidigt sich Google-Chef Eric Schmitt gegen Vorwürfe der Zeitungen: "I think in this case Google is a proxy for the internet as a whole. So the people would make the same statements about the Internet as they do about Google. Substitute the internet for Google and you get that idea. And because we play such a central role in information, we?ve become somewhat used to being blamed for everything."

So soll laut Techcrunch die künftige Google Homepage aussehen. Kein überflüssiger Text mehr!


FAZ, 06.10.2009

Jürg Altwegg weiß, was hinter der reflexhaften Verteidigung Roman Polanskis in Frankreich steckt: Die alte Liebe der 68er zur Pädophilie: "Die blinde Solidarität der französischen Kulturszene und ihres Ministers mit Roman Polanski ist mehr als ein korporatistischer Reflex. Gepredigt wird sie von den Achtundsechzigern, die zumindest in der Kultur und in den Medien noch immer an der Macht sind. Dem Aufstand des Mai 68 folgte die Identifikation mit Mao, Che Guevara, Ho Chi Minh und auch noch Pol Pot. Die Revolution bekam eine durch und durch sexuelle Konnotation. Im damaligen Delirium wurde eine 'Front für die Befreiung der Pädophilie' begründet."

Weitere Artikel: Hildegard Kaulen stellt die drei Medizin-NobelpreisträgerInnen vor und erklärt, warum ihre Forschung zu Kopiervorgängen im Zellkern so wichtig ist. Martin Wittmann vermeldet, dass die Finanzkrise sich für die Buchmesse vor allem im Wegfall von Partys und Feiern auswirkt. In der Glosse zeigt sich Gina Thomas mit nur leise ironischem Unterton beeindruckt von der Selbstironie des Londoner Bürgermeisters Boris Johnson, der es nun sogar zu einem Auftritt in der Fernsehserie "EastEnders" gebracht hat. Martin Otto teilt mit, dass der Ehrengrab-Status des FDP-Politikers William Borm wegen dessen eigentlich schon längst erwiesener Stasi-Tätigkeit aufgehoben wird. Lorenz Jäger schreibt zum Tod des Literaturwissenschaftlers Gert Mattenklott. Einen kurzen Nachruf auf den Literaturkritiker Hans Christian Kosler hat Fanz Josef Görtz und einen kaum längeren auf den Komponisten Giselher Klebe hat Gerhard Rohde verfasst.

Besprochen werden Inszenierungen von Franco Leonis "L'oracolo" und Puccinis "Le Villi" an der Oper Frankfurt, Nicolas Stemanns Inszenierung des "Nathan" cum "Abraumhelde" (von Jelinek) in Hamburg, ein Konzert der Berliner Band Culcha Candela in Köln, die Ausstellung "Alexander der Große und die Öffnung der Welt" in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim, die Ausstellung "Fashion Room" im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt, Susanne Schneiders Film "Es kommt der Tag" und neue Bücher, darunter Ingo Schulzes Essays "Was wollen wir?" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 06.10.2009

Kai Wiegandt resümiert eine Berliner Tagung zum vorerst gekippten Google Books Settlement, wo die Stimmung gedreht zu haben schien: "Nach dem Jubel derer, die fürchteten, Google könnte sich ein Copyright-Regime außerhalb des geltenden Urheberrechts erstreiten, werden in Deutschland nun wieder verstärkt Stimmen laut, die sich sorgen, eine Einigung mit Google könne ganz scheitern und die Chance verstreichen, zahlreiche Bücher digital zugänglich zu machen." Eine ausführliche Presseschau zur Tagung hier.

Weitere Artikel: Gustav Seibt erhofft sich nach den Wahlen "eine wohltuende Abkühlung und Entdramatisierung des Sprechens". Jörg Häntzschel besucht ein neues Museum für Walt Disney in San Francisco. Helmut Mauro porträtiert den auf Deutschland-Tour befindlichen 17-jährigen Pianisten Kit Armstrong, der außerdem ein Rechengenie ist. Roswitha Budeus-Budde schreibt zum Tod der Kinderbuchverlegerin Heidi Oetinger. Lothar Müller schreibt zum Tod des Komparatisten Gert Mattenklott. Gemeldet wird, dass der Schirmer/Graf-Verlag unter dem Namen Tanja Graf Verlag bei Ullstein weitermacht. Thilo Sarrazins Lettre-Interview schlägt weiter Wellen. Constanze von Bullion beobachtet ihn für Seite 3 bei einer Rede vor Wirtschaftsleuten, eigentlich ein Routinetermin, aber "Sarrazin ist noch nicht beim Rednerpult, als ihn die Journalisten einkesseln. Ob er schon weiß, dass die NPD ihn als Ausländerbeauftragten vorgeschlagen hat, fragt ihn ein Reporter." Und Kai Strittmatter unterhält sich auf den politischen Seiten mit dem Schriftsteller Dionysis Charitopoulos über die Wahlen in Griechenland. Auf der Medienseite porträtiert Hans Hoff die Moderatorin Christine Westermann, die demnächst auf WDR 3 eine Kölner Büchersendung macht.

Besprochen werden eine dramatische Variation nach "Nathan der Weise" von Elfriede Jelinek in der Regie von Nicolas Stemann am Hamburger Thalia Theater ("Dieses 'Sekundärdrama' mit dem Titel 'Abraumhalde' liest sich wie ein zynischer, die Versöhnungsutopie des Stückes zornig aushebelnder Kommentar, der Lessings wohlgeordnetes Vernunftgebäude auf dem Schrottplatz der Geschichte entsorgt", schreibt Christine Dössel), zwei Operneinakter des Komponisten Alexander von Zemlinsky, ausgestattet von - ja, tatsächlich, vom allgegenwärtigen Ai Weiwei, und zwar in Bremen, die ersten Inszenierungen in Frankfurt und Bücher (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).