Heute in den Feuilletons

Wie ein Kolchosegerät

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2009. Amazon bringt am 19. Oktober ein internationales Kindle heraus, meldet Techcrunch. BoingBoing bringt ein Magerfoto, das es nicht bringen darf. Der Verleger Urs Engeler sieht die Zukunft des Buchs laut FR ausgerechnet in Frankreich erblühen. Die SZ porträtiert den chinesischen Schriftsteller Ma Jian, der einen sehr skeptischen Blick auf das moderne China wirft. Die FAZ porträtiert einen Tag vor der Nobelpreisentscheidung den ewigen Kandidaten Philip Roth, der zwei Romane in der Pipeline hat.

Aus den Blogs, 07.10.2009

Nun ist es so weit: Amazon bringt ein internationales Kindle heraus, meldete Techcrunch um 7 Uhr hiesiger Zeit: "The new international model will be available for sale in 100 countries. No word on international content but presumably that?s a matter of rights management in each country. " Ab 19. Oktober soll man es kaufen können.

Wollen gerade diejenigen, die den Begriff des "geistigen Eigentums" verfechten, das Eigentum für die Nutzer abschaffen?, fragt Peter Glaser in Carta: "Ginge es nach dem Willen von DRM-Falken, würde es ein Eigentum der Nutzer an digitalem Gut nicht mehr geben. Bücher, Musik, Filme oder Software, die diesen neuen Beschränkungen unterliegen, kann man quasi nur noch ausleihen, wie ein Kolchosegerät."



BoingBoing hatte dieses Reklamefoto eines per Photopshop absurd anorektisierten Mannequins abgedruckt und wurde von Ralph Lauren dafür verklagt. Doctorow druckt es noch mal: "So, to Ralph Lauren, GreenbergTraurig, and PRL Holdings, Inc: sue and be damned. Copyright law doesn't give you the right to threaten your critics for pointing out the problems with your offerings. You should know better. And every time you threaten to sue us over stuff like this, we will:
a) Reproduce the original criticism, making damned sure that all our readers get a good, long look at it, and;
b) Publish your spurious legal threat along with copious mockery, so that it becomes highly ranked in search engines where other people you threaten can find it and take heart; and
c) Offer nourishing soup and sandwiches to your models."

Markus Beckedahl veröffentlicht "zehn Forderungen für eine zeitgemäße Netzpolitik". Forderung Nummer 6: "Die Inhalte des Öffentlich-Rechtlichen Systems müssen frei im Netz zugänglich sein. Die Archive müssen geöffnet und die Inhalte unter offenen Standards publiziert werden. Die Bürger haben ein Recht auf Remix!"

Ab in den Knast, meint Christopher Hitchens in Slate zum Fall Polanski: "It is not so remarkable, in other words, that prosecutors have apparently reactivated an old but still active case. It is, rather, quite astonishing that Polanski has been able to caper about on the run for so long, thumbing his nose, even collecting damages, flourishing a 'Get Out of Jail Free' and a lucrative 'Pass Go' card, and constantly reminding the law of its impotence."

Elizabeth Taylor ist gestern ins Krankenhaus gerollt, um sich einer "experimentellen Herzoperation" zu unterziehen, meldet Gawker. Woher wissen die das? La Taylor hat es getwittert, yes sir. Unklar, ob das Foto zum Text wirklich Taylor auf dem Weg ins Krankenhaus zeigt. Wir hoffen es. Sie sitzt in einem Rollstuhl und trägt ALL IHRE JUWELEN!

Berliner Zeitung, 07.10.2009

Der ehemalige Programmchef des NDR, Jürgen Kellermeister, hat sich umgebracht, meldet Björn Wirth: "Kellermeier war 14 Jahre, bis 2004, Fernsehprogrammdirektor des NDR und in dieser Funktion Chef der kürzlich gefeuerten Fernsehspielchefin Doris J. Heinze. Der Sender entließ die 60-Jährige vor einigen Wochen fristlos, weil sie Drehbücher unter Pseudonym verfasst und als heimliche Autorin unrechtmäßig doppelt so hohes Honorar kassiert hatte. Kellermeier galt als Förderer und Vertrauter seiner Fernsehspielchefin. Als deren Machenschaften bekannt wurden, beteuerte Kellermeier, davon nichts gewusst zu haben."

Im Feuilleton schreibt Marin Majica über das nun ausgesetzte Google Book Settlement.

Zeit, 07.10.2009

Hilary Mantel erhält den Booker-Preis für ihren Historienroman "Wolf Hall" (Auszug) , meldet Zeit online.
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FR, 07.10.2009

Ina Hartwig hat ein sehr schönes Interview mit dem Schweizer Verleger Urs Engeler geführt, der sein Verlagsprogramm - nicht aufgeben, wie er betont, aber reduzieren will. Etwas müde ist er geworden und die Resonanz fehlt ihm beim Publikum. Jetzt müssten die Jüngeren etwas Neues machen, meint er. "Sehen Sie sich den französischen Verlag Leo Scheer an; wenn Sie auf die Website (www.leoscheer.com) gehen, dann finden Sie eine ganze Abteilung, die sich mit elektronischem Publizieren beschäftigt, wie ich es überhaupt noch nie gesehen habe. Es werden Tools zur Verfügung gestellt, so dass die Leute ihre eigenen Bücher dorthin stellen. Das ist ein literarisch hochambitionierter Verlag. Undenkbar, dass ein deutscher Verleger sich über den Dünkel hinwegsetzte, nicht selbst zu bestimmen, was er verlegt; und dass er dann auch noch so viele Sachen bekommt!" Engeler hat jetzt übrigens Ulrich Schlotmanns 1100-Seiten-Roman "Die Freuden der Jagd" herausgebracht. Ganz gibt er wie gesagt nicht auf.

Weitere Artikel: Sebastian Moll besuchte die Konferenz in Vassar, zu der KD Wolff nicht in die USA einreisen durfte und traute seinen Ohren kaum, als Hauptrednerin Angela Davis von der Solidarität der DDR-Bürger mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA schwärmte: "So outete sich die emeritierte Philosophin und Kulturwissenschaftlerin beinahe auf den Tag genau 20 Jahre nach dem Mauerfall als vielleicht letztes Opfer der DDR-Propaganda. Ein trauriges transatlantisches Missverständnis." Hans-Joachim Neubauer schreibt zum Tod von Gert Mattenklott. In times mager besucht Ina Hartwig die Ausstellung im Günter-Grass-Haus in Lübeck.

Besprochen werden zwei Inszenierungen am Schauspielhaus Hannover, "Wolokolamsker Chaussee/Das Leben der Autos" und "Simplicissimus", sowie Avram Burgs Buch "Hitler besiegen" (für Arno Widmann "eines der wichtigsten Bücher dieser Jahre", mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 07.10.2009

Christiane Hammer zeichnet Chinas Politik gegenüber seinen Schriftstellern nach und kommt zu dem Schluss, dass chinesische Weltliteratur vor allem im Ausland veröffentlicht wird. Innerhalb Chinas hätten Literaten hingegen aufgrund der Zensur kaum eine Chance und würden besonders im Internet verfolgt: "Durchforstet man die Liste, kristallisiert sich ein Muster heraus, nach dem die chinesische Zensurbehörde GAPP2 gegen missliebige Wortmeldungen vorgeht: Entsprechend der Schwerpunktverlagerung vom traditionellen Publikationsmedium Buch auf das Internet sind es zunehmend nicht schöngeistige Literaten, sondern 'Cyber-Dissidenten', die wegen der Veröffentlichung von Reportagen, Petitionen, offenen Briefen und Blogs verfolgt und oft ohne Gerichtsverfahren gefangen gehalten werden. Das Regime beschäftigt 40 000 'Web-Cops'." Hammer berichtet auch, dass auf der Frankfurter Buchmesse dieses Jahr die taiwanesischen Verlage ihren Gemeinschaftsstand von "Taiwan" in "Taiwan Publishers" umbenennen müssen; für Hammer ein Kuschen der Buchmesse "aus Angst vor diplomatischen Verwicklungen".

Weitere Artikel: Klaus Bartels stöbert in seiner Sprachglosse nach den Ursprüngen des Retortenworts 'Nonproliferation'. Eva Clausen berichtet vom Fund eines kleinen Amphitheaters im alten römischen Hafen Portus.

Besprochen werden Yojiro Takitas Film "Departures" über die Kunst der Totenehrung, das Kunstfestival "Printemps de Septembre" in Toulouse (Hans-Joachim Müller findet es "wunderbar unangestrengt"), ein Jubiläumsprogramm zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen des Züricher Filmpodiums und Bücher, nämlich Michael J. Neufelds Biografie über Wernher von Braun, Hans Peter Hoffmanns Abenteuerroman "Der Flug auf dem Drachen", der südafrikanische Jugendroman "Im Schatten des Zitronenbaums" von Kagiso Lesego Molope sowie die Erzählung "An Großvaters Hand" des chinesischen Zeichners Chen Jianghong (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 07.10.2009

Matthias Heine kommentiert die Entscheidung der Zeitschrift Brigitte, nur noch normalgewichtige Mädchen aus dem Volk als Fotomodelle einzusetzen, als Ausdruck eines säkularen Kampfes zwischen Priestern und Laien. Michael Borstede konstatiert, dass der ägyptische Kulturminister Faruk Hosni nach seiner Niederlage bei der Wahl zum Unesco-Chef gleich wieder mit antisemitischen Äußerungen hervorgetreten ist. Hendrik Werner freut sich über die Vertagung der Entscheidung zum Google Books Settlement und erhofft sich eine bessere Lösung für die künftige Digitalisierung von Büchern. Der Autor Rolf Schneider stellt mit Erstaunen fest, wie viel Erfolg Künstler mit DDR-Vergangenheit im wiedervereinigten Deutschland haben - von Neo Rauch bis Tokio Hotel. Matthias Kammann schreibt zum Tod des Literaturwissenschaftlers Gert Mattenklott. Holger Kreitling untersucht Horst Köhlers Begriff des "Monsters". Michael Pilz unterhält sich mit dem humoristischen Liedermacher Funny van Dannen. Gemeldet wird, dass ein italienischer Chemiker das Turiner Schweißtuch als Fälschung entlarvte - aber Vorsicht: Sein Gutachten wurde von Atheisten finanziert.

TAZ, 07.10.2009

Soziale Gerechtigkeit ist die vornehmste Aufgabe des Staates meint der Philosoph Rainer Forst in der Reihe "L"Etat c"est moi": "Nun stimmt es, dass Politik heute nur noch begrenzt national agieren kann, wenn es, wie die Krise zeigt, um die globale Ökonomie geht. Aber es wird kein Argument für die Zurücknahme des Staates daraus. Dieser hat, als Agent der Gerechtigkeit, die Aufgabe, für die gerechte Regelung der Märkte weltweit - im Konzert mit anderen - einzutreten."

Außerdem: Im Hinblick auf das geplante Humboldt-Forum in der geplanten Schlossattrappe wünscht sich die Kunsthistorikerin Susanne Leeb im Feuilleton eine Auseinandersetzung mit rassistischen Dokumenten in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die neulich in der Basler Austellung "What We See" (hier ein pdf-Dokument zur Ausstellung) zu sehen war - sie bestand aus Exponaten, die der Forscher Hans Lichtenecker 1931 über "aussterbende Rassen" zusammengetragen hatte. Cristina Nord schreibt den Nachruf auf den Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott. Besprochen wird eine Ausstellung mit Arbeiten von Gustav Metzger aus fünf Jahrzehnten in London.

In tazzwei erzählt der Musiker Andrei Hermlin von den gespenstischen Feiern zum 40. Jahrestag der DDR im Palast der Republik vor genau zwanzig Jahren. Auf der Meinungsseite feiert Kerstin Decker das geistvolle Feuilleton des Neuen Deutschland sowie die in einem Buch einbekannte ideologische Verunsicherung des Chefredakteurs der Jungen Welt.

Und Tom.

SZ, 07.10.2009

Für das Feuilleton trifft Georg Diez in London den Schriftsteller Ma Jian, dessen Epos "Peking Koma" vom Massaker am Platz des Himmlischen Friedens handelt. Er fürchtet das moderne China, das seine Geschichte verdrängt: "Der Wohlstand unserer Tage verleiht vielen Chinesen ein oberflächliches Selbstvertrauen - darunter aber fehlt ihnen jeglicher Selbstrespekt. Sie fühlen sich vom Rest der Welt verfolgt. Sie sind ja nicht mal Bürger ihres eigenen Landes und noch viel weniger Bürger der Welt. Aus der eigenen Unterwürfigkeit entstehen dann Aggression und Feindseligkeit gegenüber anderen, ein Nationalismus, der sich weiter ausbreitet und sich verbindet mit einer schamlosen Verachtung für all das, was die westliche Zivilisation bedeutet."

Weitere Artikel: Reinhard J. Brembeck berichtet von einem Kompromissvorschalg Zubin Mehtas im Streit zwischen Christian Thielemann, der die Progamme der Gastdirgenten bei den Münchner Philharmonikern bestimmen will, und Stadt und Orchester. Der Schriftsteller Geoff Dyer, Autor des Jazzbuchs "But Beautiful", gratuliert dem ECM-Label zum Vierzigsten. Martin Urban gratuliert dem Physiker Hans-Peter Dürr zum Achtzigsten. Auf Seite 2 des politischen Teils fragt sich Thomas Brussig, warum eigentlich nie die Autoren mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden, die ihn eigentlich verdienen ("Wenn ich wählen dürfte, ob ich mich lieber ein Jahr lang in eine Bibliothek mit Büchern von nobelpreisgekürten Autoren einschließen ließe oder von Autoren, die ihn eigentlich hätten kriegen müssen - ich wählte Letzteres.") Morgen um eins kann er die Probe aufs Exempel machen.

Auf Seite 3 erzählt Sonja Zekri vom Fall des Historikers Michail Suprun, der in Archangelsk nach den Schicksalen verschollener Russlanddeutscher und Kriegsgefangener im Gulag forschte und nun vom russischen Geheimdienst schikaniert wird. Wer dahinter steckt, so Zekrik, "weiß noch niemand. Aber einer seiner Freunde hat eine Theorie: In den Geheimdiensten arbeiteten ganze Dynastien. Die Großeltern haben Stalins Opfer in die Lager gesperrt, die Eltern nichts daraus gelernt, nun wachen die Kinder über ihr Vermächtnis."

Besprochen werden die Ausstellung "Moctezuma - Aztec Ruler" in London, die Uraufführung von Friedrich Goldmanns Orchesterstück "Quasi una sinfonia" in Berlin, beifallsstürmeauslösende Heiner-Müller-Inszenierungen unter dem neuen Schauspielintendanten Lars-Ole Walburg in Hannover, eine Ausstellung der Kandidaten für den Turner-Preis in London und Bücher, darunter Bernd Jürgen Warnekens Biografie des großen Christian Friedrich Daniel Schubart.
(Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 07.10.2009

Thomas David hat in New York den wieder einmal sehr nobelpreisverdächtigen Schriftsteller Philip Roth getroffen, dessen nächstes Buch "The Humbling" im November erscheint, aber das übernächste ist für 2010 auch schon angekündigt. In "The Humbling" geht es um einen Theaterschauspieler, der im Alter seine Aura verliert und deshalb von der Bühne abtreten muss: "'Die Geschichte eines Schauspielers, der nicht mehr spielen kann, hat mich schon lange interessiert', sagt Roth, der als Student der Literaturwissenschaften in Arthur Millers 'Tod eines Handlungsreisenden' selbst auf der Bühne stand und zehn Jahre später mit 'The Nice Jewish Boy' ein Theaterstück schrieb, in dem der dann zu 'Portnoys Beschwerden' verarbeitete Stoff bereits schemenhaft Form annahm. Roth sitzt auf dem Sofa, die Arme auf der Lehne, der Blick aus seinen scharfen Zügen zeugt von Nachsicht und freundlicher Ironie. 'Sie wissen offenbar alles über meine Vergangenheit', sagt er. 'Aber was ist mit meiner Zukunft?'"

Weitere Artikel: Patrick Bahners erläutert, den Bogen seiner Argumentation vom England des 18. Jahrhundert ins Thüringen der Gegenwart spannend, dass in der Politik die Personen selbstverständlich wichtiger sind als die Inhalte. In der Glosse wüsste Edo Reents nicht, wie sich das Monster des Finanzwesens auf den "Weg der Zähmung" machen sollte - selbst unter Mithilfe von Horst Köhler. Manfred Lindinger würdigt die Physik-Nobelpreisträger. Jakob Hessing kann nur konstatieren, dass im Streit um Franz Kafkas Nachlass vor Beginn der nächsten Prozessrunde alles komplizierter denn je ist. Für die Medienseite war Nils Minkmar dabei, als der US-Komiker Jerry Seinfeld bei der französischen Medienmesse Mipcom seine neue Realityshow "The Marriage Ref" vorstellte .

Besprochen werden Elmar Goerdens "King Lear"-Inszenierung in Bochum, Ai Weiweis Bühnenarbeiten zu zwei in Bremen aufgeführten Opern-Einaktern von Alexander von Zemlinsky, die Ausstellung "Titanic - Das Erstbeste aus 30 Jahren" im Frankfurter Caricatura-Museum für Komische Kunst und Bücher, darunter Jörg Scheinfelds juristische Studie "Der Kannibalen-Fall" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).