Heute in den Feuilletons

Hirngerechtes Lernen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.06.2008. In der Welt sieht Rolf Schneider die Enthüllungen über die SS-Mitgliedschaft Erwin Strittmatters als weiteren Beweis für die Verlogenheit des Antifaschismus in der DDR. Karl Corino äußert in der FR dagegen Verständnis für Strittmatter. Die SZ staunt: In New York darf die mittlere Architektengeneration nochmal Revolution machen. In der FAZ erfahren wir von Gesine Schwan: "Dissens ist kein Unfall der Demokratie."

Welt, 11.06.2008

Der Schriftsteller Rolf Schneider kommentiert die Enthüllungen über Erwin Strittmatters SS-Mitgliedschaft, die wegen des höheren Alters Strittmatters wesentlich gravierender sind als bei Grass: "SS-Zugehörigkeit war in der DDR-Propaganda, nach außen wie nach innen, einer der härtesten Vorwürfe gegen politische Gegner... In Sachen des Parteimitgliedes und Volkschriftstellers Erwin Strittmatter besaß man demnach ein Erpressungsmittel von außerordentlichem Gewicht. Ob, wie und wo es verwendet worden ist, wissen wir nicht. Vielleicht wird es irgendwann öffentlich. Dass Strittmatter unter diesem Abschnitt seiner Vergangenheit gelitten hat, will man annehmen. Insgesamt macht der Vorgang deutlich, wie es um den Antifaschismus im SED-Staate stand. Er war eines der wichtigsten Argumente zur Rechtfertigung der eigenen Existenz. Er war verlogen durch und durch."

Weitere Artikel: Wolf Lepenies doziert über Adam Smith und China. Hanns-Georg Rodek berichtet über einen Dokumentarfilm von Marina Zenovich, der den Prozess gegen Roman Polanski wegen Verführung Minderjähriger in den siebziger Jahren zum Gegenstand hat - Polanski ist seitdem nie wieder in die USA zurückgekehrt. Uwe Wittstock kommentiert ein neues Urteil in den unendlichen Rechtsstreitigkeiten um Maxim Billers Roman "Esra". Hanns-Georg Rodek sieht die bei Youtube eingestellten Videos der Nutzer als eine Renaissance der Kurzfilmgenres. Steffen Richter schreibt zum Tod des Schriftstellers Tschingis Aitmatow. Ulrich Baron erkennt in Kultfilmen der Popkultur - von "Easy Rider" bis "Water World" - eine Tendenz zur Benzinverschwendung. Michael Loesl unterhält sich mit der Band Coldplay über ihr neues Album.

Besprochen wird ein "Fliegender Holländer" an der Deutschen Oper Berlin.

Auf der Forumsseite wird ein Vortrag der Vertriebenenfunktionärin Erika Steinbach über die Geschichte der Deutschen in Osteuropa dokumentiert. Er sollte an der Uni Potsdam gehalten werden und wurde von linken Gruppen verhindert. Und auf der Magazinseite erkundet Thomas Kielinger (leider nicht online) die Stimmung in Irland, wo morgen über die Zukunft der EU entschieden wird.

FR, 11.06.2008

Der Musil- und Hermlin-Biograf Karl Corino kann es Erwin Strittmatter nicht wirklich übelnehmen, dass er seine SS-Mitgliedschaft verschwiegen hat: "Es ist wohl unleugbar: Hätte er sich nach 1945 in der SBZ und in der späteren DDR zu seinem Dienst in einer Formation der SS bekannt, er wäre 1947 nicht Ortsvorsteher und Standesbeamter für sieben Gemeinden geworden, nicht Lokalredakteur der Märkischen Volksstimme und nicht Autor. Wer weiß, wo er gelandet wäre!" Schließlich überlegt Croino: "Es gab wohl in solchen heiklen Fällen immer eine Güterabwägung, ob es nützlicher sei, einen lügenden Genossen zu entlarven oder ihn zu benutzen - mit dem gefährlichen Wissen des Apparates über die wirklichen Sachverhalte im Hintergrund. Und was für die SED galt, galt auch für die Stasi."

Weitere Artikel: In Times Mager setzt Christian Schlüter in Sachen Rauchverbot ganz auf "höchstrichterlich gehütete Umständlichkeit". Harry Nutt begutachtet den Neubau der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Eva Behrendt schwärmt vom Berliner Stadterkundungsparcours "XWohnungen". Karl Grobe schreibt zum Tod des kirgisischen Dichters Tschingis Aitmatow.

Besprochen werden eine Paul-Klee-Ausstellung in der Wiener Albertina, eine Ausstellung der Mafia-Fotografin Letizia Battaglia im Berliner Willy-Brandt-Haus, Claudia Bosses Inszenierung der "Perser" mit 300 Braunschweigern als klagendem Chor, das Oratorium "Belshazzar" bei den Händelfestspiele in Halle und Helmut Köppings Theaterprojekt "Weck mich auf, bevor du gehst".

Auf der Medienseite kündigt Natalie Soondram Elke Heidenreichs Gründung eines eigenen Verlags an.

NZZ, 11.06.2008

Andrea Köhler beklagt, dass Barack Obama zum Opfer eines neuen Elite-Bashing in den USA werde. Joachim Güntner berichtet über die SS-Enthüllungen über Erwin Strittmatter. Ludger Lütkehaus gratuliert den Heften für Ostasiatische Literatur zum 25. Jubiläum.

Besprochen werden die Uraufführung der Oper "Melancholia" von Georg Friedrich Haas und Jon Fosse in Paris und Bücher, darunter die Erinnerungen des Philosophen Ernst von Glasersfeld und zwei Romane des Österreichers O. P. Zier.
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TAZ, 11.06.2008

Auf der Meinungsseite fehlt Hilal Sezgin in der Diskussion über einen wieder erwachten Feminismus die Thematisierung des alten "Jäger-Beute-Schemas": "Ich meine Sex. Sex wie in 'sexuelle Gewalt' und in 'Sexualverhalten', wie in sexistische Werbung" und generell wie in 'Sexismus'. Ich meine jenes feministische Weltbild, das davon ausgeht, dass unserer gesamten Gesellschaft eine Geschlechterordnung zugrunde liegt, die im Wesentlichen nur zwei komplementäre Geschlechter kennt und diese ständig zueinander in Beziehung setzt, dabei wertet und hierarchisiert. Ich vermisse einen Feminismus, der die Auswüchse dieser Geschlechterordnung im Alltag an allen Ecken und Enden wiederfindet."

Weiteres: In taz zwei sehen Jenni Zylka und Franziska Seyboldt die beiden Magazine Alley Cat und Jungsheft scheitern bei dem Versuch, mit unterschiedlichen Ansätzen eine 'postfeministische' Erotik an die Frau zu bringen. Auf den Kulturseiten würdigt Alexander Cammann im Nachruf Peter Rühmkorf und stellt ihn sich nun neben Benn und Brecht sitzend beim "fröhlichen Frotzeln" im Dichterhimmel vor. Außerdem wirft er einen Blick in die jüngsten Ausgaben von Theater heute und Texte zur Kunst, die sich die junge Regiegeneration respektive die Kunstkritik vornehmen. Ralf Lautenschläger porträtiert die Provenienzforscherin der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in Potsdam, die, in Deutschland nahezu einmalig, die Besitzer von enteigneten Kunstwerken ermittelt und deren verschlungenen Pfade seit der NS-Zeit verfolgt und katalogisiert. Brigitte Werneburg klärt über die umstrittenen Besitzverhältnisse eines Gemäldes von George Grosz auf, das kürzlich in der Villa Griesebach unter den Hammer kam.

Und hier Tom.

Perlentaucher, 11.06.2008

Auf der Konferenz von Durban zeigte der Antikolonialismus im Jahr 2001 eine antisemitische Fratze. Die UN plant eine Nachfolgekonferenz. Demokratien sollten sie meiden, meint Pascal Bruckner in einer Polemik. "Der Antirassismus ist in der UNO zur Ideologie der totalitären Bewegungen geworden, die ihn für ihre Zwecke benutzen. Diktaturen oder notorische Halbdiktaturen (Libyen, Pakistan, Iran, Saudi Arabien, Algerien; Kuba, Venezuela und so weiter) bemächtigen sich einer demokratischen Sprache und instrumentalisieren juristische Standards, um sie gegen die Demokratien in Stellung zu bringen und sich selbst niemals in Frage zu stellen. Eine Neue Inquisition etabliert sich, die den Begriff der 'Verunglimpfung der Religion' hochhält, um jede Regung des Zweifels, besonders in islamischen Ländern zu unterdrücken."

SZ, 11.06.2008

In New York findet gerade eine kleine architektonische Revolution statt, berichtet Jörg Häntzschel. "All die Architekten, die in Paris, London, Peking, ja selbst in der amerikanischen Provinz längst große Bauten entworfen haben, in New York aber noch als die Avantgardisten galten, die sie vor 15 Jahren waren, werden auf Manhattan losgelassen." Keiner beeindruckt Häntzschel. "Viele der neuen New Yorker Wohnprojekte beschränken sich im Grunde auf eine so opulente wie sterile Selbstfeier. Nirgends ist das deutlicher als bei '40 Bond', für das der Hotel-Mogul Ian Schrager Herzog & de Meuron engagierte, deren paradoxer barocker Minimalismus den Geschmack der Zielgruppe wohl am besten trifft. Die Fassade mit ihren wulstigen grünen Glasrahmen und dem 'Graffiti'-Zaun ist eher Haute Couture denn Architektur. Ben van Berkel, der unter anderem für sein Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum bekannt ist und in New York 'Five Franklin Place' baut, hält diese Architektur als Mode durchaus für legitim: 'Mode ist Teil der Welt, wir bauen das dauerhafte Kleid. Die Architekten waren in den letzten Jahren ohnehin etwas zu theorievernarrt.'"

Weitere Artikel: Arnd Wesemann stellt den mosambikanischen Choreografen Panaibra Gabriel Canda vor. Jürgen Wilhelm, Geschäftsführer des Deutschen Entwicklungsdienstes, plädiert Diktaturen gegenüber für eine Doppelstrategie von Zuckerbrot und Peitsche: "bei höchstmöglichem politischem Druck auf die jeweilige Regierung gleichzeitig umfassende Unterstützungspakete in Aussicht zu stellen". Alexander Kissler deutet die EM-Begeisterung der Deutschen mit Virilio. Florian Welle war auf einer Tagung über Kunst und Sport in Stuttgart. Gerhard Matzig besichtigt das von Norman Foster im Kopenhagener Zoo errichtete Elefantenhaus. Jens Bisky schreibt zum Tod des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow.

Die Medienseite beschäftigt sich mit den neuen Rundfunkstaatsvertrag. Chk. sieht keine "spürbare öffentlich-rechtliche Selbstbeschränkung" bei den Mediatheken. Und für tyc. erklärt, warum für die Verleger der Begriff "elektronische Presse" viel zu allgemein gefasst ist, da für die Öffentlich-rechtlichen "offenbar nur das Abbild eines Printproduktes, das E-Paper, tabu ist."

Auf den politischen Seiten findet sich ein sehr instruktives und sehr grundsätzliches Gespräch mit dem scheidenden Verfassungsrichter Winfried Hassemer über innere Sicherheit, Datenschtz und den Rechtsstaat: "Nehmen wir den Datenschutz: Er hat gelitten, seitdem er Anfang der achtziger Jahre erfunden wurde - bis er zuletzt völlig am Boden lag."

Besprochen werden die Uraufführung des ersten Teils von Rene Polleschs Ruhrtrilogie in Mühlheim ("fahrig, fade - und schlecht gespielt", findet Vasco Boenisch), Terence Kohs Einzelausstellung "Captain Buddha" in der Frankfurter Schirn ("sicher wäre es für Terence Koh einfacher, sich in der Nähe einer Ladenkasse einer Bewertung zu unterziehen, Interior-Boutiquen oder Galerien werden seine Kunst höher einschätzen", ätzt Catrin Lorch), ein Konzert der Münchner Philharmoniker mit Borisova-Ollas" "Angelus" und Bücher, darunter Walter Kempowskis Tagebuch von 1991 (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Spiegel Online, 11.06.2008

Im Interview mit spiegel.de macht der Hamburger SPD-Politiker Bülent Ciftlik den Behörden seiner Stadt schwere Vorwürfe im Zusammenhang mit dem "Ehrenmord" an Morsal Obeidi: "Morsal Obeidi wurde mindestens viermal im Kinder- und Jugendnotdienst untergebracht, ihre Familie hat sie brutal misshandelt und bedroht, sie wurde vor den Augen der Polizisten im Hausflur vom Bruder verprügelt - trotzdem hat man sie nicht in Sicherheit gebracht. Die Behörden haben die Gefahrenlage offenbar falsch eingeschätzt."
Stichwörter: Ehrenmord, Ehrenmorde

FAZ, 11.06.2008

Christian Geyer und Frank Schirrmacher unterhalten sich mit der Politikwissenschaftlerin und Präsidentschaftsaspirantin Gesine Schwan über politische Kultur in Theorie und Praxis. Unter anderem geht es um die Rolle von Streit und Dissens in der Demokratie. Schwan erklärt: "Der Dissens ist ...demokratietheoretisch legitimiert. Dissens ist kein Unfall der Demokratie. Die Sorgfalt der Unterscheidung gehört zu den wichtigsten Quellen der Vertrauensbildung. Auf diese Quelle setze ich auch beim Diskurs um meine Kandidatur: auch um Stimmen bei den Linken zu werben und mich zugleich öffentlich damit auseinanderzusetzen, was ich bei ihnen für nicht erträglich halte. So viel Differenzierung muss möglich sein, wenn man Politik nicht für den bloßen Austausch von Parolen hält."

Weitere Artikel: Die Erziehungswissenschaftlerin Nicole Becker verweist die weit verbreiteten Behauptungen, es gebe spezielle Methoden "hirngerechten Lernens", ins Reich der Legenden. In der Glosse erkennt Jürgen Kaube in der alle Welt verblüffenden - und in der Tat, wie er belegt, nicht eindeutig geregelten - Abseitssituation in der Verteidiger-hinter-Torausline-Variante nicht weniger als eine "Krise des Fußballrechtsstaats". Über Diskussionen zum Umgang mit dem alten Weimarer Stadtschloss informiert Ulrich Grossmann. Jochen Hieber schreibt in beinahe bewunderungsbereitem Ton über die nun als Download greifbare Rede des Zürcher Germanisten Emil Staiger, in der dieser sich im Jahr 1966 - wie Max Frisch fand - gefährlich nah ans Idelogem der "entarteten Kunst" heranwagte. Von der Entdeckung eines mittelalterlichen Wachturms am Rand der Frankfurter Innenstadt berichtet Dieter Bartetzko. Martin Otto hat eine Bayreuther Tagung zum fünfzigjährigen Jubiläum des sogenannten "Konfessionalisierungsparadigmas" besucht. Camilla Blechen begrüßt mit dem Gemälde "Bildnis Leo Kestenberg" den dreizehnten Kokoschka in der Berliner Nationalgalerie. Auf der Medienseite offeriert Michael Hanfeld unter der ihn selbst nur im zweiten Teil betreffenden Frage "Wer hat noch nicht, wer will noch mal?" jüngste Einmischungen zum Thema "Rundfunkänderungsstaatsvertrag".

Auf der DVD-Seite empfiehlt Bert Rebhandl ein Box mit sieben Filmen des italienischen Tabuverletzungsvirtuosen Marco Ferreri ("Das große Fressen"). Andreas Kilb weiß, warum Ridley Scotts "Kingdom of Heaven" auch in der jetzt auf DVD greifbaren Director's-Cut-Fassung trotz grandioser Bilder noch immer kein großer Film ist.

Auf der letzten Seite erinnern sich eine Reihe junger und alter SchriftstellerInnen - von Marion Poschmann bis Hans Magnus Enzensberger - an den dahingegangenen Kollegen Peter Rühmkorf. Und Martin Walser ist auch über des Verstorbenen zukünftigen Aufenthaltsort tröstlich gut informiert: "Dass er schnell in den Himmel kommt, ist sicher. Dort gibt es eine Ebene für Spötter, Polemiker, Parodisten, scharfe Hunde und vor nichts haltmachende Geister."

Besprochen werden die Londoner Uraufführung von Michael Frayns biografischem Essay-Drama "Afterlife", eine von Marco Arturo Marelli inszenierte und Philippe Jordan dirigierte Aufführung von Richard Strauss' Oper "Capriccio" an der Wiener Staatsoper, John Dahls Film "You Kill Me" und Bücher, darunter Johano Strassers neuer Roman "Bossa Nova" und der bisher nur in englischer Sprache erschienene Roman "Bright Shiny Morning" des Autobiografie-Betrügers James Frey (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).