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Essay

Boykottiert Durban 2!

Von Pascal Bruckner
10.06.2008. Aktualisiert am 31. 7. Auf der Konferenz von Durban zeigte der Antikolonialismus im Jahr 2001 eine antisemitische Fratze. Die UN planen eine Nachfolgekonferenz. Demokratien sollten sie meiden.
Aktualisierung vom 31. Juli. Eine Gruppe von Intellektuellen schließt sich Bruckner an und fordert die europäischen Regierungen auf, die Nachfolgekonferenz zu Durban zu boykottieren. (D.Red.)

Im September 2001 versammelte sich in der südafrikanischen Stadt Durban die dritte Konferenz der Vereinten Nationen gegen den Rassismus, die die öffentliche Anerkennung von Sklaverei und Kolonialismus als Verbrechen zum Ziel hatte. Die ganze Menschheit sollte nach dem Wunsch der Veranstalter bei dieser feierlichen Versammlung der Geschichte ins Antlitz blicken und mit Gelassenheit ihre Chronik schreiben.

Schöne Absichten, aber sie führten sehr schnell zu einer Atmosphäre der Opferkonkurrenz und der Lynchjustiz gegenüber israelischen Organisationen und allen Personen, die man verdächtigte, Jude zu sein. Das Vorhaben, durch eine Art kollektive Therapie zu einer Heilung der Vergangenheit und neuen Menschenrechtsstandards zu gelangen, führte nur zu einer Explosion des Hasses, die durch die Attentate des 11. September, die einige Tage später verübt wurden, allerdings schnell in Vergessenheit geriet.

Erinnern wir uns also: Gegen den Willen der Veranstalter wurde Durban zu einer Arena, in der man sich anschrie, beleidigte und die Komödie der Verdammten dieser Erde im Angesicht ihres weißen Eroberers neu aufführte. "Durch den Mund ihrer Nachfahren verlangen die Toten nach Gerechtigkeit, denn der Schmerz und der Zorn sind noch da - The pain and anger are still felt. The dead, through their descendants, cry out for justice", hatte Kofi Annan am 31. August des selben Jahres gesagt - eine erstaunliche Ausdrucksweise für einen Generalsekretär der UN, eher ein Ruf nach Rache als nach Versöhnung. Die Delegierten der Konferenz, besonders jene aus den arabisch-muslimischen Staaten nahmen ihn auch genau so wahr und machten aus der Konferenz zusammen mit der afrikanischen Gruppe einen Ort antikolonialistischer Revanche. Der von Natur aus völkermörderische Westen sollte seine Verbrechen anerkennen, um Verzeihung bitten und den ehemals Unterdrückten symbolische und finanzielle Reparationen zahlen. Der Zorn kochte hoch und wurde von den Berichten über die von der israelischen Armee niedergeschlagene zweite Intifada noch angeheizt.

Man verdammte sogleich den Zionismus als gegenwärtige Form des Nazismus und der Apartheid, aber auch den "weißen Furor", der "mit dem Menschenhandel, der Sklaverei und dem Kolonialismus in Afrika einen Holocaust nach dem anderen verursacht hat". Israel sollte veschwinden, seine Politiker sollten vor einem international Strafgericht ähnlich dem von Nürnberg verurteilt werden. Antisemitische Karikaturen machen die Runde, Exemplare von "Mein Kampf" und der "Protokolle der Weisen von Zion" wurden herumgereicht: Unter einem Foto Hitlers hieß es, dass Israel niemals existiert hätte und die Palästinenser ihr Blut nicht hätten vergießen müssen, wenn er gesiegt hätte. Einige Delegierte wurden physisch bedroht, man rief "Tod den Juden". Die Farce erreicht ihren Gipfel als der sudanesische Justizminister Ali Mohamed Osman Yasin Reparationen für die Sklaverei forderte, während in seinem eigenen Land weiterhin schamlos Menschen versklavt werden. Als würde sich ein Kannibale plötzlich für den Vegetarismus aussprechen.

Man hätte meinen können, dass diese finstere Komödie der UNO zu denken gibt und einen zweiten Irrtum dieser Art verhindern hilft. Aber man darf die außerordentliche Entschlossenheit der Diktaturen und Fundamentalisten nicht unterschätzen, die den Menschenrechtsrat der UNO zu einer Plattform ihrer Forderungen machen. Im Jahr 2009 soll ein Durban 2 stattffinden, das eine Wiederholung von Durban 1 verspricht. Die "Durban Review Conference" ist für 20. bis 24. April 2009 in Genf angesetzt (mehr dazu hier).

Seit sechs Jahren werden Berichte und Projekte formuliert, die das schlimmste fürchten lassen. Am 14. September 2007 hielt Doudou Diene, der UN-Sonderberichterstatter für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung, eine Rede vor den Vereinten Nationen in Genf (auf dieser Seite unter der Nummer A/HRC/6/6 als pdf).

Darin beschuldigt er die westlichen Länder zum wiederholten Male, seit dem 11. September 2001 die perfidesten Formen der Islamophobie ins Werk zu setzen. Diese Islamophobie definiert er als einen Rassismus, der bereits auf die ersten Kontakte zwischen Islam und Christentum zurückgeht, besonders die Kreuzzüge und die spanische Reconquista. Zwar erwähnt er Antisemitismus, Christenfeindlichkeit und andere Formen religiöser Unterdrückung, doch der "antimuslimische Rassismus" liegt ihm besonders am Herzen. In ganz Europa und den Vereinigten Staaten hätten sich Intellektuelle und Politiker aller Richtungen einer ganzen Reihe von Verfehlungen gegenüber der Religion des Propheten schuldig gemacht.

Da sind das Prinzip der Laizität, wie es von den Franzosen verfochten wird, das "Verbot religiöser Zeichen an öffentlichen Schulen", "das drohende Verbot der Burka in öffentlichen Gebäuden Englands" und die Erklärungen gegen Schleier und Kopftuch, welche ein Zeichen der Intoleranz seien. Diene bedauert, dass der "Laizismus zu einem allgemeinen Verdacht gegen den religiösen Glauben" geführt habe Er glaubt, dass der "dogmatische Säkularismus" benutzt wird, um die "Freiheit der Religion zu manipulieren". Da scheint es ihm auch nicht erstaunlich, dass der Westen als "Stützpeiler der Sklaverei und des Kolonialismus" auch an der Spitze einer "systematischen Hetzkampagne gegen muslimische Intellektuelle" stehe (er denkt hier vor allem an Tariq Ramadan) und die Idee eines "Kampfs der Kulturen" a la Huntington verfolge.

Die Verfolgungen christlicher Minderheiten im Nahen und Mittleren Osten, Afrika und Indien sind dagegen seiner Meinung nach die bedauerliche Konsequenz der Missionsarbeit evangelikaler Gruppen aus Nordamerika, die ihre Religionsgenossen für ihre Bigotterie büßen lassen. Jede Kritik eines Dogmas, jede Infragestellung eines religiösen Glaubens sollten nach Diene einer rassistischen Beleidigung gleichgestellt und bestraft werden. Jesus, Moses, Mohammed, Buddha, Konfuzius werden so zu unberührbaren Ikonen, die gegen verbrecherische Attacken geschützt werden müssen. Sollte der Straftatbestand der Blasphemie, der von den Fundamentalisten der drei Monotheismen eingefordert wird, tatsächlich bald wieder eingeführt werden - wie einst im Ancien Regime?

Man wird nicht erstaunt sein zu erfahren, dass dieser Bericht von der Islamischen Konferenz und einer Mehrheit der Blockfreien-Bewegung, in der sich die Demokratien an den Fingern einer Hand abzählen lassen, heftig unterstützt wird. Denn Doudou Diene achtet sehr darauf, den autoritären Regimes in Asien, Afrika und Lateinamerika Kritik zu ersparen. Seine Munition bewahrt er für die Staaten Europas und Nordamerikas auf, denen er regelrechte Pogrome gegen ihre Minderheiten unterstellt. Man wird auch nicht erstaunt sein, dass der Iran im April 2007 zum Vizepräsidenten und Syrien zum Berichterstatter der Abrüstungskommission ernannt wurden. Es wäre zum Kaputtlachen - wenn es nicht so tragisch wäre!

Kurz: Der Antirassismus ist in der UNO zur Ideologie der totalitären Bewegungen geworden, die ihn für ihre Zwecke benutzen. Diktaturen oder notorische Halbdiktaturen (Libyen, Pakistan, Iran, Saudi Arabien, Algerien; Kuba, Venezuela und so weiter) bemächtigen sich einer demokratischen Sprache und instrumentalisieren juristische Standards, um sie gegen die Demokratien in Stellung zu bringen und sich selbst niemals in Frage zu stellen. Eine Neue Inquisition etabliert sich, die den Begriff der "Verunglimpfung der Religion" hochhält, um jede Regung des Zweifels, besonders in islamischen Ländern zu unterdrücken. Und das im Moment, wo sich Millionen Muslime, besonders in Europa, von Frömmelei und Fundamentalismus lösen wollen. Umkehrung der Werte: Der von den Despoten verfochtene Antirassismus stellt sich in den Dienst des Obskurantismus und der Unterdrückung der Frauen! Er dient dazu, genau diejenigen Dinge zu rechtfertigen, gegen die er ursprünglich formuliert wurde, die Unterdrückung, die Vorurteile, die Ungleichheit.

Die UNO wird in den Händen dieser mächtigen und organisierten Lobbys zu einem Instrument des Rückschritts in der Welt, als sei sie nicht ins Leben gerufen worden, um Recht, Frieden, menschliche Würde zu verbreiten.

Angesichts dieses Narrenstücks ist eine klare Haltung Europas gefordert: der Boykott, schlicht und einfach. So wie ihn Kanada bereits beschlossen hat. Vielleicht sollte man auch darüber nachdenken, den Menschenrechtsrat aufzulösen oder in ihr nur wirklich demokratische Länder zuzulassen. Es ist nicht zu ertragen, dass die Lobbies der Fanatiker und Tyrannen im Jahre 2008 - wie einst in den dreißiger Jahren - ausgerechnet jene Nationen vor das Tribunal der Geschichte ziehen, die das Recht, den Mehrparteienstaat und die Meinungsfreiheit anerkennen.

Pascal Bruckner

Archiv: Essay

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