Heute in den Feuilletons

Wie ein Flokatiteppich

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.03.2008. Die NZZ fragt, warum ausgerechnet die abrisswütige Stadt Frankfurt nun Attrappen kriegszerstörter Gebäude neu errichten will. Die FR berichtet über die polnische Auseinandersetzung mit den antisemitischen Säuberungen im Jahr 1968. Die FAZ beschreitet den von Norman Foster entworfenen Flughafen Peking, mit dem China untermauern will, dass es in der Moderne angekommen sei.

NZZ, 10.03.2008

Hubertus Adam kommentiert Pläne der abrisswütigen Stadt Frankfurt, historische Gebäude, die im Krieg zerstört wurden, nun als Attrappe wieder aufzubauen: "Angesichts der Rekonstruktionsmanie, die in Deutschland derzeit ständig neue Kopien zerstörter Gebäude gebiert, während originale Bausubstanz abgerissen wird, bleiben zentrale Fragen unbeantwortet: etwa die, wie eine Rekonstruktion möglich sein soll, wenn detaillierte Bauaufnahmen fehlen."

Felix Philipp Ingold stellt die von Irina Prochorowa herausgegebene Zeitschrift Novoje literaturnoje obozrenie (Neue literarische Rundschau) vor, die Anschluss an die Postmoderne und anderes westliches Denken sucht und sich bei politisch unliebsamen Themen vorsichtig verhalten muss, aber dennoch als ein Refugiom der kritischen Intelligenz zu sehen sei: "Dass ihr erfolgreiches Medienunternehmen bisher von behördlichen Übergriffen unbehelligt geblieben ist, hat wohl einzig mit seiner überaus geringen Präsenz im öffentlichen Raum zu tun."

Weitere Artikel: In einer ganzseitigen Reportage beschreibt Jonathan Fischer unter der Überschrift "Die Weißen ziehen ein, die Schwarzen ziehen aus" die Gentrification des New Yorker Stadtteils Harlem. Klaus Bartels erklärt in einem "Stichwort 'Plagiat'" wie aus der ursprünglichen Bedeutung des Worts Plagium, Menschenraub, in einem Epigramm Martials die übertragene Bedeutung des Ideenklaus wurde. Alfred Zimmerlin weist auf Konzerte der Osterausgabe des Lucerne Festivals hin.

Besprochen wird ein Dokumentarfilm über die Jugendbuchautorin Federica de Cesco.

FR, 10.03.2008

Der März 1968 steht in Polen nicht nur für Studentenproteste, sondern auch für den Beginn der antijüdischen Hetze des Staatsapparats, erzählt Andreas Mix. Zwanzigtausend Juden verließen in der Folge das Land, die damals aufgerissenen Gräben sind immer noch nicht wieder verschüttet. "Staatspräsident Aleksander Kwasniewski, dessen politische Karriere in der kommunistischen Partei der späten Volksrepublik begann, entschuldigte sich 1998 offiziell bei den Ausgebürgerten. Sein Nachfolger Lech Kaczynski, der die Unruhen von 1968 als Jurastudent in Warschau erlebte, ehrte jetzt vierzig der damaligen Demonstranten mit dem Orden für die Wiedergeburt Polens. Henryk Szlajfer und Adam Michnik gehörten nicht dazu. Als Herausgeber der Tageszeitung Gazeta Wyborcza ist Michnik einer der schärfsten Kritiker von Kaczynski. Führende Intellektuelle fordern außerdem, den 1968 Verjagten die polnische Staatsbürgerschaft symbolisch zurückzugeben. Doch der Präsident zögert."

In der Times mager erschrickt Christian Schlüter über die Rückkehr der Gesinnungsethik in die Politik, die ihm bei der Diskussion um den Wortbruch der hessischen SPD deutlich wurde. Besprochen werden die Uraufführung von Peter Eötvös' Oper "Lady Sarashina" zum Auftakt des Festivals "Japon 2008" in Lyon, Adam Greens Album "Sixes & Sevens" und Marcel Beyers Roman "Kaltenburg" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Hannoversche Allgemeine Zeitun, 10.03.2008

Der Übersetzer Helmut Frielinghaus erzählt, wie es zuging, wenn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt sich mit "seiner Frau Jane, dem Leiter der Übersetzungsabteilung und dessen Assistentin, dem Übersetzer, wenn der dabei sein sollte, oder einem weiteren Lektor" tagelang zurückzog, um die Übersetzung eines Buchs zu besprechen. "Die Teamarbeit ging so vonstatten: die Assistentin, lange Jahre Liselotte Hohlwein, verlas langsam, mit wohlklingender Stimme und starkem hessischen Akzent, Satz für Satz den vom Übersetzer abgelieferten Text. Alle starrten ins Original und meldeten sich, wenn sie einen Übersetzungsfehler entdeckten oder eine Änderung, eine stilistische oder syntaktische Verbesserung vorschlagen wollten. Was relativ häufig geschah. Lady Jane, wie wir unter uns Ledigs Frau nannten, knüpfe dabei, die Finger mit langen Fingernägeln bewehrt, an einem Teppich, unterbrach aber ihre Arbeit, wenn sie, die Engländerin, merkte, dass wir alle auf dem Holzweg waren. Es war immer derselbe Teppich, all die 15 Jahre, die ich an diesen Treffen teilgenommen habe."
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Stichwörter: Lektor, Teppiche

TAZ, 10.03.2008

Dorothea Marcus begleitet das Theater Osnabrück auf einem Gastspiel in Bulgarien. Dort wird Theater vor allem als entspannende Unterhaltung verstanden. Für eine kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart fehlt dem jungen Theater das Geld - und die Leute. "Seit Bulgarien in der EU ist, legen Stiftungen wie 'Pro Helvetia' oder die amerikanische 'Open Society' keine Förderprogramme mehr auf, sagt die Journalistin Ludmila Dimova in Sofia. Das sei ein schwerer Einschnitt für den künstlerischen Nachwuchs. Zudem leide die Künstlerszene seit der Wende am Wegzug von annähernd zwei Millionen Bulgaren, etwa 20 Prozent der Bevölkerung. Die Hälfte pendele zwischen Ost und West, 'der Rest ist einfach verschwunden'."

Weitere Artikel: Fanziska Oliver erzählt von ihrem Spanisch-Kurs im langweiligen Montevideo. Die Politikwissenschaftlerin Dagmar Herzog glaubt nicht, dass die religiöse Rechte in den USA am Ende ist. Noch ist nicht so ganz klar, seit wann Sabine Christiansen Markenbotschafterin von Mercedes ist, wie Steffen Grimberg im Medienteil feststellt.

Getestet und für angenehm kaputt empfunden wird das neue Album "Midnight Boom" der Londoner Zweimannband The Kills.

Und Tom.

Welt, 10.03.2008

Vor hundert Jahren brachte Ernst Rowohlt sein erstes Buch heraus und wurde Heinrich Maria Ledig-Rowohlt geboren - Uwe Wittstock erzählt die Geschichte der Verlegerfamilie, die lange Zeit das "Kraftzentrum des literarischen Lebens" in Deutschland war. Hendrik Werner durchstöbert die Wikipedia-Parodien wie uncyclopedia.org, falsipedia.com oder stupipedia.org. Uwe Schmitt gönnt dem evangelikalen Bush-Berater Timothy Goeglein, beim Plagiieren aufgeflogen zu sein: "Soviel Aufgeblasenheit gehört bestraft." Sascha Krüger unterhält sich mit Joe Jackson über sein neues Album "Rain" und Berlin als neue Wahlheimat. Und Rolf Schneider erinnert an den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland vor siebzig Jahren: "Alles Bemühen, den österreichischen Totalitarismus nach 1934 kleinzureden, bleibt Augenwischerei. Äußerstenfalls lässt sich sagen, mit einer Wendung von Karl Kraus, der dortige Faschismus sei gemildert gewesen durch Schlamperei."

Besprochen werden das ARD-Dokudrama "Grenzenlose Liebe" und auf der DVD-Seite eine Olli-Dittrich-Werkschau und Vincente Minellis Melodramen.

nachtkritik, 10.03.2008

Michael Eberth, zuletzt früherer Chefdramaturg am Hamburger Schauspielhaus, beschreibt, wie er gelernt hat, das Theater von Yasmina Reza zu lieben, als er nämlich erkannte, dass man "Fragen nach Verblendung und Wahrheit" nicht nur ideologisch diskutieren kann, sondern auch "existenziell" und dass ihr Theater nicht gefallsüchtig ist: "Dass Gefallsucht und Verblendung die Ursachen für die Verirrungen waren, die uns in die Arme unsres 'schlimmsten Feindes' getrieben und diesen dazu veranlasst hatten, sich von unsren Irrtümern hin- und mitreißen zu lassen, stand am Ende meiner Theaterzeit außer Zweifel. Ich konnte mir darum keine pointiertere Gebärde des Abschieds vorstellen als die Aufführung eines Stücks, das der Egomanie und Gefallsucht des Theatervolks die von Reinheit und Beherrschung geprägte Leidenschaft gegenüberstellt, die der Musiker anstrebt."

FAZ, 10.03.2008

Den neuen Terminal 3 des Flughafens von Peking hat Mark Siemons besucht. Norman Foster hat ihn entworfen und seine nicht prunkende Eleganz (Bild) scheint für Siemons ganz deutlich zu sagen: Das "Neureichen-Stadium ist also jetzt vorbei. Wer an diesem Flughafen ankommt, soll sich wie in einem Land fühlen, das sich seiner selbst und seiner Modernität gewiss ist und sich daher ein gewisses Understatement erlauben kann."

Weitere Artikel: Uwe Walter hat einen Berliner Vortrag des Islamwissenschaftlers Aziz Al-Azmeh besucht, bei dem dieser über die Zusammenhänge zwischen Islam, Spätantike und frühem Christentum sprach. In der Glosse informiert Lorenz Jäger darüber, mit welchem Aufwand der Weltfrauentag in Kamerun gefeiert wird. Marcus Jauer liefert Berlin-Impressionen aus der exotischen Perspektive von Hartz-IV-Empfängern. Den Gesetzentwurf zur Patientenverfügung kommentiert Oliver Tolmein. Oliver Jungen porträtiert den hauptamtlichen Thrillerautor und neuerdings nebenamtlichen Schriftstellervater Robert Littell. Martin Wittmann hat sich mit Halldor Gudmundsson getroffen, dem Halldor-Laxness-Biografen, der für den Frankfurter Buchmessenauftritt Islands im Jahr 2011 verantwortlich ist. Auf der Medienseite stellt Christoph Gunkel Al-Aksa-TV vor, den Haussender der Hamas, der mit Vorliebe Hass schürt.

Besprochen werden die diesjährige New Yorker Whitney-Biennale (Jordan Mejias konstatiert: "Ausstellungen, Vorstellungen, Zurschaustellungen, alles geht ineinander über"), Peter Sellars' Uraufführung von Kaija Saariahos Oper "Adriana Mater", Thomas Langhoffs Inszenierung von George Taboris "Goldberg-Variationen" am Berliner Ensemble (eine "Bauchlandung", findet Irene Bazinger), Elias Perrigs Baseler Inszenierung von Dennis Kellys Stück "Liebe und Geld", Mahamet-Saleh Harouns Film "Daratt" und Bücher, darunter Karl Ove Knausgards Bauernroman "Alles hat seine Zeit" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 10.03.2008

Brigitte Helbling berichet, dass nun auch deutsche Publikumsverlage immer häugier "Graphic Novels" in ihr Programm aufnehmen: "Der deutsche Literaturmarkt folgt damit einem Trend, der in Frankreich und den USA schon länger besteht. In den USA hat der angesehene Grafiker Chip Kidd für Pantheon Books - eine Abteilung des Random House Verlags, der seinerseits zu Bertelsmann gehört - in den vergangenen Jahren ein anspruchsvolles und erfolgreiches Comic-Roman-Programm zusammengestellt, und in Frankreich drängen sich so viele Buchverlage auf den Comic-Markt, dass es den Comic-Verlagen inzwischen schwer fällt, ihre Bücher neben den Comic-Ausgaben der Buchverlage in den wichtigen Buchhandelsketten unterzubringen."

SZ, 10.03.2008

Die Paparazzi waren glatt elegante Ironiker verglichen mit dem Publikum, das Prominente heute mit der Handykamera abschießt, glaubt Jörg Häntzschel im Aufmacher. Zum Deutschlandstart von "Om Shanti Om" (mehr hier) untersucht Alex Rühle den Mythos des Bollywood Stars Shah Rukh Khan, King Khan genannt oder einfach SRK, der sich selbst als "einfacher Angestellter des Shah-Rukh-Khan-Mythos" bezeichnet (der sich auch schon auf Deutschland ausgebreitet hat). Sogar die sonst Kaczynski-freundliche Tageszeitung Rzeczpospolita kritisiert den polnischen Präsidenten dafür, dass er Adam Michnik nicht zu den Feierlichkeiten für die Studentenunruhen von März 1968 eringeladen hat, wie Thomas Urban informiert. Als fruchtbar erlebte Florian Kessler die Diskussion um den Kölner Moscheenbau zwischen dem Architekten Paul Böhm, Seyran Ates, Sherko Fatah, Navid Kermani und Günter Wallraff auf der lit.cologne (mehr dazu hier). Lothar Müller resümiert im Literaturteil eine Tagung über den Europäer August Wilhelm Schlegel in der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.

Auf der Medienseite berichtet Marc Felix Serrao aus Brighton, wo die BBC wie jedes Jahr Hof hält und ihre neuen Produktionen in die ganze Welt verkauft, nach den USA vor allem an deutsche Sender. Nur online klagt Claudia Tieschky über einen sehr braven "Nachtstudio"-Moderator Volker Panzer, der sich Peter Handke bei dem vergangene Nacht ausgestrahlten Fernsehinterview "gleich von Anfang an zu Füßen legte wie ein Flokatiteppich".

Besprochen werden die Schau über den Renaissance-Maler Sebastiano del Piombo im Palazzo Venezia in Rom, Luca Ronconis Inszenierung von Puccinis "Il Trittico" unter musikalischer Leitung von Riccardo Chailly an der Mailänder Scala, neue DVD-Erscheinungen rund um Bob Dylan (D.A. Pennebakers "Don"t Look Back" mit Bonus-Film "65 Revisited" ist zu erwähnen), die Ausstellung "Lichtflecke - Frau sein im Holocaust" im Dresdner Residenzschloss und Bücher, darunter Jan Philipp Reemtsmas Studie über "Vertrauen und Gewalt", Feridun Zaimoglus Roman "Liebesbrand" und bisher nur online Jürgen Todenhöfers Buch über Freiheitskämpfer im Irak "Was tötest Du, Zaid?" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).