Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.09.2006. Idomeneo je oh je! Die Blätter sind voll und noch mutiger als damals, als sie die Mohammed-Karikaturen lieber nicht publizierten. In der SZ sagt Hans Neuenfels: "Wenn die Schere im Kopf schon bei diffusester Faktenlage von selbst zuschnappt, kann das ungeheure Auswirkungen haben für die Kunst". Die FAZ fordert, dass die Deutsche Oper Hans Neuenfels' abgesetzte "Idomeneo"-Inszenierung nun täglich bringt - mit anschließenden Diskussionen. Die Berliner Zeitung spottet über "die deutsche Kultur", die "für ihren staatlich bezahlten Mut weltbekannt" ist. Im Tagesspiegel unterrichtet der Berliner Innensenator Ehrhart Körting über das Wesen des Glaubens. Im Spiegel klagt Henryk Broder über Verletzung seiner nicht-religiösen Gefühle als säkularer Jude: Wo war bei Neuenfels der abgeschlagene Kopf des Moses? Auch die New York Times wurde schon auf die Peinlichkeit aufmerksam. In der Zeit online ärgert sich Klaus Harpprecht über die seiner Ansicht nach recht billige Kritik an Kirsten Harms. Die FR aber findet: Zumindest Harms, die Intendantin der Deutschen Oper, war nicht kopflos.

Berliner Zeitung, 27.09.2006

Am Ende von Hans Neuenfels' drei Jahre alter "Idomeneo"-Inszenierung präsentiert der Held der Oper die abgeschlagenen Köpfe Buddhas, Jesu, Poseidons und, äh naja, eben Mohammeds. Kirsten Harms, Chefin der Deutschen Oper, hat die Wiederaufnahme der Inszenierung für den November abgesagt. Der Grund: Das Landeskriminalamt war nach einem anonymen Hinweis zu dem Ergebnis gekommen, dass die Aufführung "ein Sicherheitsrisiko von unkalkulierbarem Ausmaß" bedeuten könnte. Konkrete Drohungen gab es nicht, sondern nur den Anruf einer ängstlichen Opernzuschauerin bei der Berliner Polizei. Harms wollte die Neuenfels-Inszenierung in aller Stille begraben. Erst durch Nachfragen und die Meldung eines Journalisten von epd kam die Sache ans Licht. Soweit die Sachlage.

Die Politiker kritisierten die Entscheidung gestern mit geradezu verdächtig einhelliger Empörung (soviel Mut war uns bei der Karikaturen-Affäre weder in Politik noch in Medien aufgefallen). Und heute sind die Zeitungen voll mit Reaktionen auf die Absetzung der Inszenierung.

Die Berliner Zeitung macht das Thema zum Aufmacher der Titelseite und zum Tagesthema. Kulturchef Harald Jähner gießt eine Ladung Spott über "die deutsche Kultur", die "für ihren staatlich bezahlten Mut weltbekannt (ist). So viel Kunstblut wie auf unseren Bühnen fließt nirgendwo sonst auf der Welt. Es wird sich das Zeug gleich literweise über den Kopf geschüttet, es wird nackt geschissen, masturbiert und ejakuliert, und wenn einem gar nichts mehr einfällt, um ein paar Leute zum wütenden Herausrennen zu bewegen, wird neben der Orgie ein Kreuz aufgestellt, damit wenigstens der örtliche Bischof von seinen Gemeinden zum Abfassen eines Protestbriefs gedrängt wird. Dann stellt sich die geballte Geistesmacht der Republik vor die in ihrer Freiheit bedrohte Kunst und jagt dem armen Bischof einen gehörigen Schrecken ein... Wie wenig Mut zu solchen Skandalen unter den Bedingungen unserer desensibilisierten Öffentlichkeit tatsächlich gehört, stellt eindrucksvoll die Deutsche Oper unter Beweis: gar kein Mut. Denn sobald sich auch nur in der Fantasie ein anders gestricktes Publikum abzeichnet, eines, das am Bühnengeschehen ernsthaft Anstoß nehmen könnte, wird die Aufführung aus dem Programm genommen."
Stichwörter: Hans Neuenfels, Oper, Zeitungen

Tagesspiegel, 27.09.2006

Der Tagesspiegel liefert einen ausführlichen Bericht über die Hintergründe der Entscheidung und Kommentare: "Seltsam" findet es Rüdiger Schaper, "wie die Welten sich annähern. In Diktaturen mühen sich Autoren und Regisseure in kleinen Schritten um offenere Formen, während hierzulande dieses höchste Gut der Kunst- und Meinungsfreiheit zumindest nicht mehr so ganz selbstverständlich erscheint." Hans Neuenfels zeige in seinem "Idomeneo": "Die westliche Gesellschaft hat sich radikal des religiösen Diskurses entledigt. Den Unterschied muss man sehen, er ist in diesem Krieg der Köpfe entscheidend: Anderswo werden Menschen enthauptet, in der Oper Puppen. Man nennt es Zivilisation."

Der Berliner Innensenator Ehrhart Körting hält alles Reden bei der heute beginnenden Islamkonferenz für vergebens, "wenn wir nicht eine gemeinsame Grundlage haben". Dazu gehört für ihn, dass "ich die (religiöse) Position des anderen auch dort akzeptieren muss, wo sie meiner eigenen entgegensteht. Das Wesen des Glaubens besteht ja gerade darin, dass der jeweils andere Glaube Irrglaube oder Unglaube ist: Der Islam leugnet wesentliche Grundsätze unseres christlichen Glaubens... Für den Islam sind Christen Nichtrechtgläubige. Das gilt umgekehrt genauso. Für Christen ist Mohammed kein heiliger Prophet, für Christen sind Muslime Nichtrechtgläubige. Man kann nur an das eine oder an das andere glauben."

"Dass die Oper von Störungen unterbrochen wird, danach kann sie sich nur sehnen", meint Christoph Schlingensief und erinnert an einen Regieeinfall zu seinem Bayreuther "Parsifal": "Im zweiten Akt fragt Kundry Parsifal: Hast du überhaupt eine Ahnung, was in mir vorgeht, was ich ertragen muss? Du kümmerst dich nur um deine Sachen. So stelle ich mir ein Streitgespräch zwischen Jesus und Gott vor oder zwischen Liebenden. Kundry trägt eine schwarze Burka, im dritten Akt nimmt sie Parsifal seine Gewänder ab, und er streift ihre Burka ab. Das ist vielleicht Kitsch, aber darum geht es: dass Menschen ihres Auftrags entkleidet werden und einander als Menschen begegnen. Religion wird immer wichtiger, weil wir Relikte brauchen, Relikte vom Metaphysischen: einen Splitter vom Kreuz oder auch nur den Bierdeckel, auf dem Kardinal Ratzinger mal seinen Humpen abgestellt hat. Die Welt schreit nach Außerirdischen, nach dem Mehr an Bedeutung, das nicht greifbar ist. Das verteidigen wir, darum streiten wir jetzt."

Spiegel Online, 27.09.2006

Henryk M. Broder fühlt sich von Neuenfels' "Idomeneo"-Inszenierung unglaublich diskriminiert: "Nachdem die Katholische Kirche 359 Jahre gebraucht hat, um das Urteil gegen Galileo Galilei aufzuheben, brauchte der amtierende Papst nur zwei Tage, um sich von einem Zitat zu distanzieren, das 500 Jahre alt und dennoch aktuell ist... Und nun hat die Deutsche Oper in Berlin die Mozart-Oper 'Idomeneo' vom Spielplan genommen, nachdem das Landeskriminalamt (LKA) in einer 'Gefährdungsanalyse' befunden hat, dass 'Störungen der Aufführungen nicht ausgeschlossen werden können'. In der Inszenierung der über 200 Jahre alten Mozart-Oper von Hans Neuenfels tritt Idomeneo, der König von Kreta, mit einem blutigen Sack auf die Bühne, aus dem er die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed hervorzieht, um sie triumphierend in die Höhe zu halten. Und schon bin ich als säkularer, ungläubiger Jude beleidigt. Ich fühle mich verletzt, diskriminiert und ausgegrenzt. Wieso ist der Kopf von Moses nicht dabei? Was soll diese Missachtung einer Weltreligion?"

Navid Kermani erklärt in einem Interview, was er sich von der heute beginnenden Islamkonferenz mit Innenminister Schäuble erwartet. Er befürchtet, dass die Terrorangst die Konferenz überschatten wird: "Ich halte es für die falsche Haltung, vorsorglich alles zu verhindern, was irgendwelchen Leuten aufstoßen könnte. Ich finde jede Art von 'Lex Islam' falsch. Diese Unterstützung brauchen die Muslime bestimmt nicht. Was sie brauchen, sind die gleichen Rechte, keine Sonderrechte."

Außerdem: ein Bericht über die Pressekonferenz, auf der Kirsten Harms ihre Entscheidung begründete, und die größtenteils empörten Reaktionen.
Anzeige

Welt, 27.09.2006

Eckhard Fuhr sammelt vor allem politische Stimmen zur vorläufigen Absetzung der "Idomeneo"-Inszenierung. Quer durch die Parteien wird Kirsten Harms' Entscheidung kritisiert. "Besonders fällt auf, dass sich gerade Politiker christlicher Parteien als Verteidiger der Freiheit zur Religionskritik hervortun. Deutlicher kann nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass das Christentum die aufgeklärte Moderne nicht nur hinnimmt, sondern aktiv mitträgt. Diesen Weg kultureller Evolution muss der Islam noch zurücklegen, wenn er ein 'normaler' Bestandteil der europäischen Zivilgesellschaft werden will. Mit einer grenzenlosen Bereitschaft zum Appeasement seitens der christlichen und säkularen Mehrheit kann er bei anstehenden Konflikten nicht rechnen. Auch das ist eine Botschaft, die Kirsten Harms mit ihrem unglückseligen vorauseilenden Gehorsam in die Welt gesetzt hat. Es findet sich niemand, der hinterhereilt."

Mathias Döpfner war es rund um "Idomeneo" zumindest gestern noch zu ruhig im Feuilleton und spricht von "Intellektuellen, die ein Ausrufezeichen der Feigheit an die Wand malen. Churchill hat Appeasement so definiert: 'Man füttert das Krokodil, weil man hofft dass es einen deshalb zuletzt frisst.' Viel Erfolg!"

Weiteres: Für Andre Mielke ist die Verschiebung des Fernsehfilms "Wut", in dem unter anderem ein krimineller Türke auftritt, ebenfalls ein Resultat der "Angst vor Islamisten". Jan Rübel erinnert sich an islamische Proteste gegen eine kritische Koran-Exegese in der Vergangenheit. Uwe Wittstock porträtiert Carel Halff, den Leiter der stetig wachsenden Weltbild-Gruppe. Sven Felix Kellerhoff begrüßt die morgen in Warschau beginnende deutsch-polnische Historikerkonferenz zur Erinnerung der beiden Länder an den Zweiten Weltkrieg, und empfiehlt Jochen Böhlers Studie "Auftakt zum Vernichtungskrieg" als fundierten Beitrag zum deutschen Angriff auf Polen. Peter Dittmar meldet die Amsterdamer Versteigerung des Hausrats von Bertolt Brecht.

Besprechungen widmen sich Oliver Stones Film "Word Trade Center" (laut Hanns-Georg Rodek immerhin ein "passables Denkmal") und den "ungewöhnlich frischen" Alben von jungen deutschen Jazzmusikern wie Michael Schiefel und der Gruppe Em.

Zeit, 27.09.2006

In der Zeit online ärgert sich Klaus Harpprecht über die seiner Ansicht nach recht billige Kritik an Kirsten Harms. "Die Chefin des Opernhauses, ist eine kluge und, wie ihre Karriere beweist, in der Regel auch mutige Frau. Es wäre billig, über die Arme herzuziehen, die ohne Zweifel dem Gebot ihrer Verantwortung folgte, gewiss schweren Herzens. Die empörten Schlagzeilen der Bild-Zeitung, die zu Recht so genannt werden, deckten die ganze Seite des Blattes, wenn ein Bömbchen auch nur in 100 Meter Entfernung vom Schauplatz hochgegangen wäre, von einer ernsten Katastrophe nicht zu reden. Kein Kommentator, der nicht über die Dame herfallen würde: Die Heuchelpotenz des Berufsstandes der Journalisten kennt keine Grenzen. Und dennoch war die Absage grundverkehrt."

Necla Kelek, die an der Islamkonferenz teilnimmt, fordert im Interview eine klare Abgrenzung moderater Muslime von Fundamentalisten und eine klare Festlegung von Regeln, die alle einhalten müssen: "Ja, zum Beispiel das Verbot von Kopftüchern und Koran-Unterricht schon in der Grundschulen. Alle Kinder müssen gleich behandelt werden, deutsche wie muslimische. Und es sollte ein Recht auf Kindheit geben. Das wäre für mich ein wunderbares Resultat. Dass auch muslimische Kinder endlich Kind sein dürfen, und dass es eine strikte Einhaltung der körperlichen Unversehrtheit gibt. Also keine Beschneidungen, keine körperlichen Züchtigungen. Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, kann man ja dann sehen, in welcher Weise man ihnen Islam-Unterricht gibt. Auch da hat Innenminister Schäuble Gott sei dank klare Vorstellungen: Er muss auf Deutsch sein, er muss von hier ausgebildeten und vom deutschen Staate kontrollierten Lehrern gegeben werden."

TAZ, 27.09.2006

Die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" ist der taz heute die Titelseite wert. Zu Recht sei daraus nun ein Politikum geworden, findet Daniel Bax in seinem Kommentar auf Seite 1. "Für die Kunstfreiheit ist der Vorgang fatal. Denn irgendwer wird sich immer finden, der sich durch so ein Stück gestört fühlt. Das aber kann und darf nicht der Maßstab sein... Die größte Gefahr für die Kunst- und Meinungsfreiheit in Deutschland geht nicht von radikalen Islamisten aus. Sondern von hasenfüßigen Intendanten, die sich von ihrer Angst den Spielplan diktieren lassen."

Auf den Tagesthemenseiten erklärt Niklaus Hablützel, worum es in Mozarts Oper überhaupt geht und wie die inkriminierte Szene mit den abgeschlagenen Köpfen zu verstehen ist. Gesammelt sind außerdem Reaktionen auf die Absetzung. So stellt unter anderem Zeit-Herausgeber Michael Naumann, fest: "Die Absetzung ist erstens feige, zweitens grotesk und drittens schade für die Abonnenten."

Auf den Kulturseiten heute nur Besprechungen. Saskia Draxler stellt eine Ausstellung mit Werken der 1993 verstorbenen Künstlerin Anna Oppermann in der Berliner Galerie Kienzle & Gmeiner vor. Jan Distelmeyer sieht in Oliver Stones Film "World Trade Center" "auf eine gewisse Weise das direkte Gegenstück" von Michael Moores "Fahrenheit 9/11". Und Christine Wahl lobt Jan Jochymskis "großartige" Inszenierung von "Orpheus, Illegal" des ukrainischen Autors Juri Andruchowytsch in der Neuen Szene des Schauspiels Leipzig.

Und hier Tom.

FR, 27.09.2006

Zur Absetzung der "Idomeneo"-Inszenierung vom Spielplan der Deutschen Oper in Berlin schreibt Harry Nutt auf der Hintergrundseite: "Es spricht einiges dafür, dass an der Berliner Bismarckstraße in vorauseilendem Gehorsam gehandelt wurde. Die heftigen Reaktionen auf die Regensburger Vorlesung von Papst Benedikt XVI. dürfte Kirsten Harms in ihrer Einschätzung bestärkt haben, dass religionskritische Anspielungen derzeit im buchstäblichen Sinn enorme Sprengkraft bergen, und seien sie auch noch so gut in historischen Kontext eingebettet und durch hermeneutische Kniffe abgesichert. Von übereilter Reaktion und unbedachter Handlung kann man dennoch nicht sprechen. Wohl aber von mangelnder Beratung."

Knut Pries findet in seinem Kommentar: "Da singt der Chor der billig Ermannten und Empörten. Wer jetzt die Intendantin schilt, macht es sich zu einfach. Frau Harms hat nicht kopflos kapituliert, sondern in ihrer Not eine rationale Entscheidung gefällt, im Sinne der Fürsorglichkeit für Schutzbefohlene beiderseits des Vorhangs. Wenn von berufener Stelle eine Bedrohung vermeldet wird, ist es nicht Sache eines Opernensembles, die Kunst mit den Mitteln der Arie zu verteidigen."

Auf den Kulturseiten erklärt Georg-Friedrich Kühn, was Hans Neuenfels mit seinem Epilog der abgeschlagenen Köpfe wollte. Außerdem informiert die FR über ein Gespräch mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der gegenüber der Zeitung betont habe, "dass man bestimmten politischen oder religiösen Kräften durch solche Fälle von Selbstzensur keinen Auftrieb geben dürfe. Neumann sagte ausdrücklich, dass es ihm nicht um die Oper oder um deren Inszenierung gehe. Er legte Wert auf die Feststellung, dass die Kunst über eine eigene Verantwortung verfüge."

Presse, 27.09.2006

Im Interview kommt der als "Islamkritiker" apostrophierte Orientalist Hans-Peter Raddatz naturgemäß zu einer recht negativen Einschätzung der Angelegenheit. "Der sogenannte 'Dialog mit dem Islam' hat sich zu einer sanften Diktatur entwickelt, die die deutsche Bevölkerung zwingt, ihre eigenen Rechtsgrundlagen durch die Brille islamischer Forderungen zu sehen." Das werde nun langsam, aber spät erkannt. "Der Meinungsdruck hat eine historisch korrekte Analyse, eine realistische Auseinandersetzung mit dem Islam verhindert. Hier wirkt eine ungute Mischung aus traditioneller Orientophilie und neuen Blütenträumen des alten deutschen Links- und Rechtsradikalismus nach. Zudem glaubt man, durch die Verbindung von Islam und Anti-Amerikanismus eine eigene Position gegen die USA aufbauen zu können - eine groteske Verkennung der Realität."

Standard, 27.09.2006

Birgit Baumann sieht die Kunstfreiheit in Deutschland nicht nur in der Oper auf dem Rückzug vor dem Islam. "Daher kann man diese Aktion nicht einfach als besonders originellen Beitrag zum Mozartjahr 2006 verbuchen, sondern als äußerst bedenklichen Dammbruch. Noch nie hat es in der deutschen Kunst und Kultur einen derart vorauseilenden Gehorsam gegeben. Im Gegenteil: Viele Aktionen - man denke an die umstrittene RAF-Ausstellung im Vorjahr - haben orkanartigem Gegenwind getrotzt. Kunst darf, ja sie muss sogar provozieren. Da dies zunehmend infrage gestellt wird, wenn der Islam ins Spiel kommt, zeigt auch eine Entscheidung der ARD. Ursprünglich hat sie für den heutigen Mittwoch den Film 'Wut' ins Hauptabendprogramm gesetzt. Doch nach Protesten gegen den Streifen, in dem ein brutaler türkischer Drogenhändler eine deutsche Akademikerfamilie traktiert, wurde 'Wut' hurtig auf übermorgen in das Spätabendprogramm verlegt.

Weitere Medien, 27.09.2006

Selten macht eine deutsche Operninszenierung weltweit Schlagzeilen. Kirsten Harms hat es mit der Absetzung von Hans Neuenfels "Idomeneo"-Inszenierung auf die Seite 1 der New York Times geschafft. In Judy Dempseys Bericht dazu heißt es: "Einige Kritiker der Entscheidung sagen, sie enthülle die Schwäche von Berlins großzügig subventionierten Kulturinstitutionen. 'Da sie vom deutschen Staat subventioniert werden, gibt es hohes Maß an künstlerischer Unabhängigkeit, aber auch einen Mangel an Verantwortlichkeit und intellektueller Strenge', sagt Gary Smith, Direktor der American Academy in Berlin."

SZ, 27.09.2006

"Wenn die Schere im Kopf schon bei diffusester Faktenlage von selbst zuschnappt, kann das ungeheure Auswirkungen haben für die Kunst", sagt Regisseur Hans Neuenfels im Interview mit Christine Dössel über die Absetzung seiner "Idomeneo"-Inszenierung. "Es sind vier Köpfe, das ist ganz wichtig - der von Mohammed ist nur einer davon. Es sind die Häupter von großen, weltberühmten Religionsstiftern, darunter auch Poseidon, dem Gott der Griechen, der von Idomeneo den Opfertod seines Sohnes verlangt. Es geht um die subjektive Sicht des Idomeneo, der am Ende den Fanatismus keiner Religion mehr mitmacht und sich aus allen Bindungen löst. Mit einer tiefen, intensiven Erschütterung von dramatischer Kraft hat sich dieser Idomeneo von seiner Religion, von seiner Weltanschauung getrennt und zu seiner ureigenen Substanz gefunden. Die Inszenierung richtet sich weder gegen den Islam noch gegen eine andere Religion, sondern ist ein Diskurs über Religionsstiftung."

Zum gleichen Thema erläutert auf der Tagesthemenseite Jörg Königsdorf, weshalb die mit der Absetzung eigentlich beabsichtigte Verhinderung islamistischer Aktionen nun umso mehr erwartet werden könne. "In Indien und Iran werden vermutlich schon die ersten Mozart-Puppen zur Verbrennung vorbereitet. Schließlich dürfte der Komponist aus islamischer Sicht ohnehin als problematisch gelten: In seiner 'Entführung aus dem Serail' kommen die Muslime ja auch nicht so gut weg." Und Hans Leyendecker wundert sich an gleicher Stelle, warum in Berlin die Warnung, von denen es offenbar unzählige gibt, ernst genommen wurde.

Weitere Themen im Feuilleton: Martin Mosebach schreibt sein indisches Tagebuch fort. Helmut Schödel resümiert das Eröffnungswochenende beim Steirischen Herbst in Graz. Jörg Königsdorf erzählt vom ersten internationalen Klavierwettbewerb für Amateure in Berlin, bei dem der jüngste Teilnehmer 36, der älteste 83 war. Eric-Oliver Mader informiert über den 36. Rechtshistorikertag in Halle. Rainer Gansera gratuliert der Film- und Fernsehakademie Berlin zum 40. Geburtstag. Jens Malte Fischer würdigt in einem Nachruf den amerikanischen Bariton Thomas Stewart. Und Stephan Opitz unternimmt einen Streifzug durch die Göteborger Buchmesse.

Georg Klein hat sich am Oldenburgischen Staatstheater Staatstheater die Einrichtung von Goethes "Wahlverwandtschaften" für die Bühne angesehen: "Wo Goethe gut ist, kommt er zu Ehren. Wo er feig ausweicht oder gar lügt, erzählt das vorzügliche Ensemble den ganzen schönen und traurigen Rest der Wahrheit mit Bewegung, Mimik und dem Farbenreichtum der menschlichen Stimme."

Besprochen werden Oliver Stones Film "World Trade Center", eine Ausstellung der Architekturprojekte des Guggenheim-Museums in der Bonner Bundeskunsthalle, Inszenierungen der Aischylos-"Orestie" und Alban Bergs "Wozzeck" am Theater Ulm, Konzerte des Trios e.s.t. ("öder Popjazz") und des Trios Töykeät von Lenni-Kalle Taipale ("mit purer Physis geklotzt"), und Walter Kempowskis Roman "Alles umsonst" über die Flucht aus Ostpreußen im Frühjahr 1945 (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 27.09.2006

Nachdem die Sache in den Sand gesetzt scheint, fordert Eleonore Büning in ihrem Leitartikel auf Seite 1 des politischen Teils wenigstens von jetzt ab mutige Schritte: "Die Deutsche Oper könnte ihren 'Idomeneo', statt ihn für immer in den Fundus zu bannen, gleich morgen wieder aufführen. Am besten als Serie, zu günstigen Sonderpreisen, die es jeder Schulklasse ermöglichen, das Stück zu sehen. Und vor oder nach jeder Vorstellung sollte dann jeder seine Einwände vorbringen dürfen, in einem öffentlichen Diskurs, damit nicht nur die Musikkultur, sondern auch die politische Kultur vorangebracht wird."

Im Feuilleton werden Szenenfotos mit den diversen Köpfen gezeigt. Mehrere Redakteure haben den Hergang der Affäre rekonstruiert und einige Stimmen gesammelt, zum Beispiel Monika Maron (mehr): "Die Entscheidung von Kirsten Harms ist eine Aufforderung an die Muslime, die Selbstverständlichkeiten unserer Kultur nach möglichen Kränkungen abzusuchen und sie einer islamischen Zensur zu unterwerfen. Wenn Frau Harms Mozart und Neuenfels davor nicht schützen will, sollte sie zurücktreten."

Ivan Nagel verteidigt Neuenfels' stummes Schlussbild, in dem ein verrückter Idomeneo die in effigie abgeschlagenen Köpfe präsentiert: "Und die Religion? Sie lässt sich nicht nur einspannen - sie scheint fast geschaffen, um Krieg zu erfinden und Schuld aufzubürden. Die falschen Götter stehen im Bund mit den Eroberer- und Mördervätern. Wie befreien sich die Jungen, die Troerin Ilia, der Grieche Idamante von ihnen? Wie werden sich unsere Kinder von ihnen befreien? Es ist schlimmer als feig, diese Fragen, diese Inszenierung vom Spielplan abzusetzen."

Weitere Artikel: In der Leitglosse erzählt Paul Ingendaay, dass die Branche der Bars in Spanien ebenso expandiert wie die Rettungsringe der immer mehr verfettenden Jugendlichen. Rüdiger Soldt wirft die knifflige Frage auf, wem die mittelalterlichen Handschriften gehören, mit deren Verkauf das Haus Baden ihr Schloss restaurieren will - dem Haus Baden oder dem Land Baden-Württemberg? Christian Geyer und Regina Mönch sinnieren über Wolfgang Schäubles heute beginnende Islamkonferenz, die nun von den akuteren Geschehnissen um die Deutsche Oper in den Hintergrund gedrängt ist. Irene Bazinger nimmt die ersten Inszenierungen im nagelneuen Potsdamer Hans-Otto-Theater unter die Lupe (Spielplan). Tilman Spreckelsen schreibt zum Tod des Kinderbuchautors Dimiter Inkiow.

Besprochen werden ein Frankfurter Konzert des sich nun endlich manifestiert habenden Popsängers Peter Licht ("Da steht ein kleiner, eher unscheinbarer junger Mann mit Schlaumeierbrille und Wandergitarre am Mikro"), ein riesiges Fotobuch des Fotografen Gilles Peress über den Mauerfall, das nach dem Willen des Fotografen möglichst im Bonner "Haus der Geschichte" dauerhaft ausgestellt werden soll.

Auf der Medienseite gratuliert Jan Freitag dem Ratesender 9Live zum Fünften. Michael Reufsteck empfiehlt die heute auf Vox startende Serie "Boston Legal". Gemeldet wird, dass in der Frankfurter Rundschau weitere 200 Stellen (darunter 120 per Entlassung) gestrichen werden sollen. Frank Pergande berichet, dass der verwunschene Park Rehse in Brandenburg, in dem die Nazis einst eine Ärzteschule unterhielten, von einer alternativen Lebensgemeinschaft erworben wurde. Und Eva-Maria Magel porträtiert den Nachfolger des Bischofs Tutu in Südafrika, Njongonkulu Ndungane.

NZZ, 27.09.2006

Die Schweiz hat der "Idomeneo"-Orkan noch nicht erreicht. Der Schriftsteller David Albahari in einem Text über die Herren der Worte denkt ganz allgemein über Schriftsteller als Herren der Worte nach: "Ist das Schreiben nicht der schlimmste aller Kerker? Und ist der Schriftsteller, gleich, was er erzählt und wie er sich darstellt, nicht eigentlich ein verkappter Kerkermeister?... Ein echter Schriftsteller, sagte meine Frau weiter, hat keine Angst vor dem Kerker, so wie er auch die Macht des Wortes nicht fürchtet. Der eine schwingt die Faust, der andere haut mit einem Satz um sich."

Weiteres: "Banausen in Baden" sieht Joachim Güntner am Werk, nachdem sich der Ministerpräsident und der Erbprinz von Baden darauf geeinigt haben, "die einzigartige Handschriftensammlung der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe zu verscherbeln". Besprochen werden Hans Werner Henzes Oper "L'Upupa" an der Staatsoper in Hamburg, Oliver Stones 9/11-Film "World Trade Center" ("Hermit wird sich Mr. Stone die Gunst der Mächtigen in Hollywood zurückgekauft haben", läster Andreas Maurer), Adam Lindemanns Kunstsammler-Fibel "Collecting Contemporary" und Tomek Tryznas moderner Ritterroman "Zauberer" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).