Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.03.2005. In der Welt fragt der Autor Michael Kleeberg leise, warum seine Schriftstellergeneration nicht laut wird. Die SZ ist erleichtert, dass Christoph Albrecht nun doch nicht Intendant der Bayerischen Staatsoper wird. In der NZZ denkt Ralf Dahrendorf über den Freiheitsbegriff von Isaiah Berlin nach.

Welt, 19.03.2005

Der Autor Michael Kleeberg, geboren 1959, gibt in der Literarischen Welt eine etwas ratlose Antwort auf die Frage, warum seine Schriftstellergeneration politisch so leise ist und immer noch die Altvorderen und 68-er als Meinungsführer gelten. "Stimmt schon, unsere Generation hat ihre Schwierigkeiten mit dem öffentlichen aufrechten Gang. Gehätschelt und zugleich kleingehalten vom gluckenhaften Literaturbetrieb, snobistische Insassen eines Ghettos, geben wir, stehen wir einmal im Rampenlicht, selten ein stolzes Bild ab. Übung würde hier vielleicht den Meister machen, aber Übung haben wir nicht."

Auf den Forumsseiten prangert Abu Khawla von Amnesty International das "gellende Schweigen der arabischen Welt" zu den Massakern in Darfur an. Und im Kulturteil versucht sich Michael Pilz die jüngsten Erfolge neuerer deutscher Popbands zu erklären.

SZ, 19.03.2005

Christoph Albrecht, der ab Herbst 2006 als Nachfolger von Peter Jonas den Intendantenposten an der Bayerischen Staatsoper hätte übernehmen sollen, wird, sein Amt nicht antreten. Reinhard J. Brembeck freut sich recht offen darüber, er hat die Besetzung schon immer für eine "Schnapsidee" des ehemaligen Kulturministers Hans Zehetmair gehalten. Albrecht fiel seiner Meinung nach "meist eher durch Unglücksfälle und Negativschlagzeilen auf. Die Absage von Musikchef Semyon Bychkov, Richard Wagners 'Ring des Nibelungen' zu vollenden, die Kündigung von Hausregisseur Joachim Herz, die genauso vor Gericht landete wie die Auseinandersetzung mit Regisseur Peter Konwitschny um dessen 'Csardas-Fürstin': All das wirkt nicht so, als sei da ein modern innovativer und charismatisch motivierender Unternehmensführer am Werk." In einem Kommentar diktiert Brembeck schon mal seine Anforderungen an den Nachfolger des Nachfolgers. Dieser "müsste ein jüngerer, teamfähiger Macher sein, so innovativ im Künstlerischen wie im Finanziellen, und zudem fähig, auch jenseits des bildungsbürgerlichen Kunstselbstverständnisses ein Publikum zu finden."

Sonja Zekri spricht mit dem entnervten Autor Wladimir Sorokin über die lautstarken Proteste gegen sein Opernlibretto für das Bolschoi, in dem es um geklonte russsiche Komponisten geht. "Das ist natürlich heller Wahnsinn. Und es verrät, wie wenig Hirn diese Jugendlichen haben: Sie werden vom Parkett des Kreml aus gesteuert, sind aus den Ritzen des Kreml herausgekrochen."

Weitere Artikel: Gunnar Tausch polemisiert gegen die in einem "windigen Verfahren" an Kleihues und Kleihues vergebenenen Pläne für den Neubau des BND in Berlin. Zu viele dunkle Ecken, eine monoton auf allen Seiten "durchgerasterte" Fassade: "In der Tat verhält sich das Gebäude zu seiner Umgebung autark wie eine Burg." In einem Kommentar zum Abweichler in Schleswig Holstein sieht Hans Leyendecker wenig Grund, gleich von Verrat zu sprechen. Denn Abgeordnete "sind manchmal zwar an Überweisungen gebunden, aber Weisungen der Fraktionsspitze sollen angeblich nicht gelten."

Siggi Weidemann meldet, dass Hirsi Ali nach Meinung der niederländischen Justiz den Propheten Mohammed durchaus als "nach westlichen Maßstäben perversen Tyrannen" bezeichnen darf und außerdem grünes Licht für "Submission 2" bekommen hat. Auf der Literaturseite informiert Ijoma Mangold kurz über den erstmals verliehenen Preis der Leipziger Buchmesse, "jsl" weist auf die Dringlichkeit von osteuropäischen Übersetzungen deutscher Literatur hin und Lothar Müller berichtet von Bestrebungen, das Buch als Werbefläche zu nutzen.

Besprochen werden Friederike Hellers Inszenierung von Elias Canettis "Blendung" in Graz (Christopher Schmidt gefällt, dass Heller "betont selbstironisch mit Masse und Macht des überbordenden Textmaterials" umgeht), Howard Hawks" Western "Rio Bravo", Florent Siris "kruder" Thriller Hostage mit Bruce Willis, und Bücher, Jörg Magenaus Biografie von "Martin Walser" sowie Josef H. Reichholfs Band über "Die Zukunft der Arten".

In der SZ am Wochenende wandert Hilmar Kluthe auf den Spuren des Schriftstellers Ralf Rothmann durch das Ruhrgebiet. Benjamin Henrichs unternimmt einen winterlichen Ausflug in die Randbezirke Berlins und des Sports. Auf dem Programm steht Dameneishockey in Wedding oder Prellball in der Sochos-Halle in Steglitz. Tobias Kniebe darf sich mit der verehrten Cate Blanchett über "Klasse" unterhalten.

Außerdem druckt die SZ Teile der stenographischen Aufzeichnungen Elias Canettis aus dem Exil in London 1941. "Merkwürdig ist die plötzliche Wendung zu den Ameisen hin, die der russische Krieg bei mir bewirkt hat. Im Laufe der letzten Woche habe ich mich mit einiger Gründlichkeit in das Studium der Ameisen vertieft. Ich habe mir einige der besten wissenschaftlichen Bücher darüber verschafft, darunter das große Werk von Ford. Früher pflegte ich immer zu zögern, wenn es an die ernsthafte Beschäftigung mit einer Materie ging, die dazu angetan war, ein Stück meines geistigen Schicksals zu werden."

TAZ, 19.03.2005

"Scheiß=Schiller!" Im Feuilleton geht Jan Süselbeck in seiner Schiller-Kolumne auf den zeitlebens gegen Schiller polemisierenden Arno Schmidt ein. Gerrit Bartels berichtet von der Leipziger Buchmesse, dem angeblichen Trend zu Verlagsgründungen und der Verleihung des neuen Preises. Dominik Kamalzadeh resümiert vorab das österreichische Filmfest "Diagonale", wo ihm trotz der Anstrengungen des neuen Intendantentrios noch nicht genug Wert auf kritische Öffentlichkeit gelegt wird. In der zweiten taz porträtiert Nadja Klinger drei Idealisten, Politiker und Journalisten, die ihre Illusionen nach der Wende schnell verloren haben. Ulrike Herrmann fordert im Hinblick auf die gescheiterte Wiederwahl von Heide Simonis die Personalabstimmungen öffentlich zu machen - um solche Überraschungen in Zukunft zu vermeiden. Auf der Medienseite fällt Michael Lünstroth auf, dass immer mehr journalistische Texte als Buch zweitverwertet werden.

"Die Integration ist gescheitert", stellt die Soziologin und Autorin Necla Kelek in einem Gespräch über die Zwangsehe mit Sabine am Orde auf den vorderen Seiten fest. Dafür sei aber nicht nur die Politik verantwortlich. "Ich höre aus ihrer Frage die Unterstellung, die Migranten seien Opfer dieser Gesellschaft. Aber das ist zu einfach. Auch sie selbst reproduzieren ihre Lage, indem sie zum Beispiel ihre Kinder arrangiert verheiraten und so aus dem Integrationsprozess dieser Gesellschaft herausreißen."

Karim El-Gawhary warnt in einem Kommentar im Politiktteil davor, dass die Demokratisierung der arabischen Welt die konservativen Gesellschaften leicht überfordern könnte. "Bereits heute erleben wir manchmal, dass undemokratische arabische Institutionen gesellschaftliche Reformen durchsetzen wollen, die aber von den wenigen demokratischen Institutionen - besetzt mit Islamisten und traditionalistischen Stammesscheichs - blockiert werden. Der Emir von Kuwait will das Frauenwahlrecht einführen und scheitert an seinem konservativen Parlament. König Abdallah in Jordanien will 'Ehrenmorde' an Frauen schärfer bestrafen lassen, sein Parlament lehnt ab. Oft sind arabische Gesellschaften vielfach konservativer als ihre Regime."

Die Linke verhält sich zu Europa noch recht ungeschickt, erfährt Daniela Weingärtner vom PDS-Europapolitiker Jens Wolfram im Interview. "Sie stellen immer nur fest, dass die Verfassung eine für sie unerwünschte Politik weiterhin ermöglicht. Statt auszuloten, welche Politik sie auf der Grundlage der Verfassung machen können, wenn sie eine Mehrheit zustande bekommen."

Besprochen werden die Ausstellung "Über Schönheit" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, in der zwei Drittel der Künstler aus dem fernen und den nahen Osten kommen, Andreas Dresens Verfilmung von Christoph Heins Roman "Willenbrock", und Bücher, Elfi Mikeschs Bild-Text-Band "Traum der Dinge", Oskar Lafontaines "witziger, scharfsinniger, maßloser" Versuch einer "Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft" sowie eine Auswahl von Liebesbriefen des walisischen Großdichters Dylan Thomas.

Im tazmag schreibt Antje Bauer den Nachruf auf unbotmäßigen DDR-Sozialisten Nathan Steinberger (mehr). Und Uta Andersen erinnert an Michael Succow, der vor fünfzehn Jahren dafür sorgte, dass die DDR kurz vor der Wiedervereinigung nicht mehr benötigte Gebiete unter Naturschutz stellte. "Müritz, Schorfheide, Darßwald - insgesamt vier Prozent des DDR-Bodens waren 'Staatsjagdgebiete', kaum berührte Landschaften, in denen die realsozialistischen Bonzen das Märchen vom feudalistischen Herrschen lebten."
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FR, 19.03.2005

Dieter Rulff prophezeit ganz im Sinne des Bundespräsidenten einen Rückbau der Politik. Ausrichten kann sie sowieso nicht mehr viel. "Es ist nicht allein eine Krise falschen staatlichen Handelns, sondern inzwischen eine staatlicher Ohnmacht. Die Zäsur, welche die Gesellschaft durchlebt, fordert einen Wandel des politischen Stils. Die Bewältigung des Mangels bestimmt zunehmend das operative Geschäft. Unter diesen Bedingungen gewinnt Politik keine Stärke mehr, indem sie Zuständigkeiten reklamiert, sondern indem sie den Radius ihrer Tätigkeiten auf das beschränkt, was sie tatsächlich beeinflussen kann. " In times mager wehrt sich Christian Schlüter gegen diese Aussicht.

Klaus Walter versucht in einem recht ziellosen Artikel zu klären, wann Michael Jackson vom Verwunderliche ins Absonderliche gerutscht ist. Hans-Klaus Jungheinrich schreibt zum Tode des israelischen Dirigenten Gary Bertini, ehemaliger Intendant der Oper Frankfurt. Die erstmalige Verleihung der "Preise der Leipziger Buchmesse" war kein Reinfall, beruhigt Ina Hartwig. Begeistert haben sie die Ehrungen Terezia Moras (mehr), Rüdiger Safranskis (mehr) und Thomas Eichhorns. Auf der Medienseite spürt Jan Freitag einen zunehmenden Hang zum Eskapismus im Fernsehen.

"Das Prinzip Staatsraub": Der Historiker Götz Aly dokumentiert im Politikteil noch einmal seine Ergebnisse zur prekären wie kriminellen finanziellen Basis der NS-Diktatur. "Zu beschreiben ist ein groß angelegter, gesamteuropäischer Geldwäschevorgang zum Vorteil Deutschlands." Das Ziel aller Enteignungen war "die deutsche Kriegskasse. So konnten gewisse Spitzenlasten gedeckt werden. Genaue Zahlenangaben bleiben schwierig, weil die Deutschen das Verstaatlichen jüdischer Vermögen vielerorts mit umfassenden, gegen andere Menschengruppen gerichteten Enteignungsakten verbanden." Götz Alys Essay im Perlentaucher finden sie hier, sein Buch über "Hitlers Volksstaat" hier.

Besprechungen gelten Luc Bondys Inszenierung von Philippe Boesmans' Kammeroper "Julie" in der Brüsseler Monnaie sowie Chris Wedges' Animationsfilm Roboter (Daniel Kothenschulte bewundert das "Streamline-Art-Deco"-Design, aus einer Zeit, "als die Technik noch am schönsten war").

NZZ, 19.03.2005

Die Beilage Literatur und Kunst eröffnet heute eine Reihe, die das Thema Liberalismus aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten soll. Den Anfang macht Ralf Dahrendorf, der sich mit dem Freiheitsbegriff von Isaiah Berlin auseinandersetzt. "Wer den Versuchungen der Unfreiheit widersteht, hat ein bestimmtes Verhältnis zur Freiheit. Sie vor allem ist ihm teuer. Sogar das Wort 'heilig' verwendet Isaiah Berlin, wenn er von der Freiheit spricht. Freiheit ist im Kern immer die Fähigkeit und der Wille, zu tun und zu lassen, was man will. Freiheit ist das Fehlen von Zwang. Damit ist nicht der Zwang durch natürliche Grenzen gemeint. Isaiah Berlin bemerkt mit Recht, dass es exzentrisch wäre zu sagen, jemand sei unfrei, weil er nicht mehr als drei Meter hoch springen oder auch die 'obskureren Seiten von Hegel verstehen' kann. Der Mensch ist ein 'Wesen, das sein eigenes Leben führt' und führen will."

Uwe Justus Wenzel liefert eine kleine Charakterkunde des wahren Liberalen, und Jörn Leonhard, Historiker in Jena, beschreibt die verschiedenen Spielarten des europäischen Liberalismus'. Ein zweiter Schwerpunkt ist China gewidmet: Karl-Heinz Ludwig schreibt über das Verhältnis der römischen Kirche zu China im 16. bis 18. Jahrhundert. Roman Luckscheiter untersucht Chinas Präsenz in deutschen Kulturzeitschriften um 1900. Und Christiane Hammer stellt ein "hervorragendes Nachschlagewerk" zur chinesischen Literatur vor. Jürgen Tietz erinnert an Hitlers Lieblingsarchitekten Albert Speer, der vor hundert Jahren in Mannheim geboren wurde. Besprochen werden Neuerscheinungen über Albert Speer und Nagai Kafus Tagebuch von 1937.

Im Feuilleton beschreibt Jelena Gall in einem Artikel, den man sich etwas auführlicher gewünscht hätte, eine Fülle von literarischen Skandalen, die sich in den letzten Monaten in Serbien ereignet haben. Dort brachten Kriegsverbrecher wie Radovan Karadzic ihre fiktiven Memoiren heraus, gleichzeitig wurden Autoren wie Danilo Kis als "Kitschautoren" angegriffen. Eva Clausen stellt die Kunstsammlung im Palazzo Chigi Saracini in Siena vor. Hubertus Adam konstatiert mit Wohlgefallen die Umwidmung des einstigen Sudhauses des "Adambräu" von Lois Welzenbacher nahe dem Innsbrucker Hauptbahnhof in ein Architekturzentrum für den Westen Österreichs. Joachim Güntner hat die erste Hörbuchmesse in Köln besucht.

Besprochen werden Bücher, darunter Eva Menasses Roman "Vienna" und Stewart O'Nans "Abschied von Chautauqua" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 19.03.2005

Britta Sachs stellt die "glanzvoll restaurierten" Räume der Villa Stuck in München vor. Andreas Platthaus, Christian Geyer und Mark Siemons liefern Notizen zur Leipziger Buchmesse. Andreas Rossmann hat zugehört, wie Robert Gernhardt auf der lit.Cologne kunstvoll Friedrich Schiller verteidigte. In der Reihe Hundert Jahre Deutschland antwortet diesmal der britische Historiker Ian Kershaw auf Fragen wie: Was wäre geschehen, wenn Hitler 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des israelischen Dirigenten Gary Bertini. Abgedruckt sind die Erinnerungen Dieter Hildebrandts an den Verleger Karl Blessing.

In der ehemaligen Tiefdruckbeilage gratuliert Gerhard Stadelmaier dem Regisseur Peter Brook zum Achtzigsten. Tilman Spreckelsen hat den Schriftsteller Hans Keilson, "letzter Überlebender einer Autorengeneration, die von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben wurde", in Bussum besucht. Die Medienseite bringt ein kleines Interview mit Monde-Chefredakteur Jean-Marie Colombani zur aktuellen Lage seiner Zeitung.

Besprochen werden Hubert Saupers Dokumentarfilm "Darwins Albtraum", die Dramatisierung von Elias Canettis Roman "Die Blendung" im Schauspiel Graz, Andreas Dresens Film "Willenbrock" und Bücher, darunter Gila Lustigers Familienroman "So sind wir" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phonoseite stellt Gerhard Rohde den koreanisch-deutschen Komponisten Isang Yun vor. Besprochen werden die neue CD von Beck und CDs, auf denen "junge Leute" Sonaten von Reger und Strauss spielen.

In der Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius ein Gedicht von Gertrud Kolmar vor:

"Mädchen

Ich war der Krug, drin Rose stand
Mit Blättern, gelb wie Honigsüße;
Vom Ohr ein flammig buntes Band
Sprang mir herab auf dunkle Füße.
..."