Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Ich bin das Volk

Alle reden von Hitler, wir reden von Hitler-Deutschland. Von Götz Aly
03.09.2004. Der Nationalsozialismus war ein revolutionärer Triumph über den Reformstau der ersten deutschen Republik und erkaufte sich den sozialen Frieden mit der Gründung des deutschen Sozialstaats. Krieg und Judenmord dienten der Steigerung des allgemeinen deutschen Wohlstands.
Der Film über Hitlers letzte Tage ist kein "Zeichen der Emanzipation", wie eine deutsche Zeitung vermutete. Umgekehrt besteht kein Anlass zur Sorge, die Deutschen könnten es sich mit ihrem bedeutendsten Massenmörder gemütlich machen und ihn ins Allzumenschliche herunterschunkeln. "Der Untergang" zeigt den Potentaten in der untypischen Situation des Scheiterns. Dank der sowjetischen Soldaten hatte er jeden Handlungsspielraum eingebüßt - bis auf die Wahl zwischen Gift und Kugel. Wer den Führer-Grusel liebt, der kommt im Bunker auf seine Kosten. Doch analytisch weist der Film ins Nichts, erzeugt Kopfschütteln, Unverständnis, Ferne.

Weder Hitler noch der mit einem Dokumentarstreifen bedachte Goebbels waren für sich genommen besonders aufregend. Interessant ist nur, wie und warum sie für die Deutschen zu Medien des politischen Willens wurden. Fragt man so, dann rücken einem die Nazi-Gespenster plötzlich unangenehm nah, egal ob man zu den Altachtundsechzigern zählt, zu den Anti-Hartz-Demonstranten, zur CSU oder zum alerten Management eines Medienbetriebs.

Wie alle Revolutionäre erzeugten Hitlers überaus junge Gefolgsleute die Aura des Jetzt-oder-nie. Zum Zeitpunkt der Machtübernahme 1933 war Goebbels 35 Jahre alt, Heydrich 28, Speer 27, Eichmann 26, Mengele 21, Himmler und Frank waren 32. Göring - einer der Älteren - hatte gerade den 40. Geburtstag gefeiert. Der 1915 geborene, spätere Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer mokierte sich als 27-jähriger Besatzungsfunktionär in Prag über die zögerlichen Alten, die den Aufbruch in den "wirklichen Nationalsozialismus" störten: "Die uns in jungen Jahren in der Kampfzeit anerzogene Bereitschaft, Aufgaben zu suchen und nicht auf sie zu warten, haben uns früher als üblich in die Verantwortung gestellt."

Hans Schuster - ebenfalls Jahrgang 1915 und den älteren SZ-Lesern als Leitender Redakteur dieser Zeitung in Erinnerung - wurde im Mai 1941 Wirtschaftsattache an der Deutschen Gesandtschaft in Zagreb (Agram). Zuvor hatte er, prädestiniert durch seine Leipziger Dissertation "Die Judenfrage in Rumänien", an der Deutschen Botschaft in Bukarest gearbeitet. Er schrieb 1942 im Rückblick auf das Vorjahr: "... fast zu glatt ist vieles gelungen - wenn auch unter großen Anspannungen und wochenlangen Gefahren. Das war der Staatsstreich in Belgrad und dann der Krieg und unser Staatsstreich hier in Agram. Dann das Glück, unter einem hervorragenden Menschen wie der Gesandte Kasche (SA-Obergr.-Führer!) an dem mühseligen Aufbau dieses Staates unter großer Eigenverantwortung ein gutes halbes Jahr teilnehmen zu können ..."

Für die Mehrzahl der jungen, keineswegs monströsen Männer bedeutete der Nationalsozialismus Freiheit und Abenteuer, ein körperliches und geistiges Anti-aging-Programm. Sie suchten Herausforderung, Spaß und den letzten Kick im modernen Bewegungskrieg. Sie betrieben die nachpubertäre Identitätssuche im Vollgefühl der Omnipotenz. Ihnen fehlte die Sozialisationsinstanz Anpassung. Sie errichteten das im zerstörerischen Sinn erfolgreichste Generationsprojekt der Neueren Geschichte.

Hitler agierte als klassischer Stimmungspolitiker. Er fragte sich fast stündlich, wie er die Zufriedenheit der deutschen Mehrheitsbevölkerung sicherstellen könnte. Auf der Basis von Geben und Nehmen errichtete er einen Umverteilungsstaat par excellence. Das Ehegattensplitting, das die Konservativen während der Kabinettsbildung im Jahr 2002 so mannhaft verteidigten, stammt von 1934. Die Kilometerpauschale, die der Bayerischen Landesregierung am Herzen liegt, findet sich in demselben Steuerreform-Gesetz mit der Begründung: "Es ist der Grundsatz des Nationalsozialismus, die Bevölkerung im eigenen Heim und in der freien Natur anzusiedeln ..." Seit 1941 sind die deutschen Rentner automatisch krankenversichert und nicht länger auf die öffentliche und kirchliche Fürsorge verwiesen. Unter Hitler verdoppelte sich die Zahl der Urlaubstage.

Die Zuschläge für Sonn-, Feiertags- und Nachtarbeit waren in Deutschland bis zum 2. Oktober 1940 steuerpflichtig. Doch dann schaffte die NS-Regierung diese Steuern mit einem Federstrich ab. Selbst der Reichsfinanzminister hatte zugestimmt, "vorausgesetzt natürlich, dass der Krieg im Jahr 1940 zu Ende geht". Nicht zu Unrecht freute er sich auf den "starken Eindruck", den eine solche soziale Wohltat auf die deutsche Öffentlichkeit mitten in einem "gigantischen Krieg" machen werde.

Wer den destruktiven Erfolg des Nationalsozialismus verstehen will, der sollte sich die Schauseite der Vernichtungspolitik ansehen - den modernen, sozialpolitisch warmgehaltenen Gefälligkeitsstaat. Die deutschen Soldatenfrauen erhielten im Zweiten Weltkrieg das Doppelte an Familienunterhalt wie ihre britischen und US-amerikanischen Kolleginnen. Sie verfügten über mehr Geld als im Frieden. Da das Lohnabstandsgebot nicht gewahrt worden war, sahen die Frauen keinen Grund zur Arbeit. Deshalb kam 1942 der Vorschlag auf, die staatlichen Transferleistungen einzuschränken und zu besteuern. Das scheiterte an Hitler, der Stimmungseinbrüche befürchtete. "Wir haben im Krieg zu opulent gewirtschaftet", bemerkte Reichswirtschaftsminister Funk dazu trocken, "aus dieser Entwicklung ist schwer herauszukommen."

80 Prozent der Deutschen zahlten bis zum 8. Mai 1945 keinerlei direkte Kriegssteuern. Die indirekten hielten sich in Grenzen. Sie erstreckten sich auf Tabak, Branntwein und Bier. Die volksverbundene Vorsicht des Regimes zeigt sich dabei in jedem Detail. "Im südostdeutschen Verbrauchergebiet" machte die Steuer für einen Liter Vollbier ("positives Stimmungselement", Goebbels) 10 Reichspfennige aus, im Norden knapp 30 mehr. Auf die Weinsteuer wurde verzichtet, weil sie "mittelbar auch den Winzerstand treffen würde, dessen wirtschaftliche Lage im Allgemeinen nicht günstig ist".

Vom Kündigungs- über den Mieter- bis zum Pfändungsschutz bezweckten Hunderte fein austarierte Gesetze das sozialpolitische Appeasement. Hitler regierte nach dem Prinzip "Ich bin das Volk" und er zeichnete damit die politisch-mentalen Konturen des späteren Sozialstaats Bundesrepublik vor. Die Regierung Schröder/Fischer steht vor der historischen Aufgabe des langen Abschieds von der Volksgemeinschaft.

Hitler gewann die massenhafte Unterstützung dank seiner Politik des Schuldenmachens und dank der regelmäßigen Hinweise, es würden andere sein, die dafür aufzukommen hätten. Er versprach den Deutschen alles und mutete ihnen wenig zu. Das konstante Gerede vom Volk ohne Raum, von Weltgeltung, wirtschaftlichen Ergänzungsräumen und so genannter Entjudung bezweckte am Ende immer das eine: die Aussicht auf eine nicht selbst zu erarbeitende Steigerung des allgemeinen deutschen Wohlstands. Dieses Ziel und nicht die Interessen der Herren Flick, Krupp oder Abs bildeten die entscheidende Triebkraft für die Politik des Verbrechens. Finanzwirtschaftlich funktionierte der NS-Staat als betrügerisches Schneeballsystem, politisch als ungeheuerliche, von den einfachen Volksgenossen aufgepustete Spekulationsblase.

Natürlich gab es Skeptiker en masse. Die meisten, die sich auf die Volkspartei NSDAP einließen, taten das wegen eines der reichlich verwaschenen Programmpunkts. Die einen folgten ihr, weil es gegen den Erbfeind Frankreich ging, die anderen, weil die Staatsjugend massiv mit den überkommenen Moralvorstellungen brach; katholische Geistliche segneten die Waffen für den Kreuzzug gegen den gottlosen Bolschewismus und wehrten sich gleichzeitig gegen die Euthanasie-Verbrechen; dagegen begeisterten sich sozialistisch vorgeprägte Volksgenossen für die antiklerikalen und antielitären Züge des nationalen Sozialismus. Das folgenschwere, punktuell begründete Mitläufertum von Millionen Deutschen ließ sich hinterher spielend in - historisch allerdings unwirksamen - "Widerstand" umdeuten.

Hitler hielt das labile Gemenge aus den unterschiedlichsten Interessen und politischen Haltungen allein im Tempo des Handelns stabil. Darin bestand die politische Alchemie seiner Herrschaft. In der Politik des permanenten Rucks baute sich überall dort eine hochgradige Grundspannung auf, wo die NSDAP das Widerstreitende verband: die Pflege des angeblich Althergebrachten mit der technisch-modernen Lust an allem Machbaren, die antiautoritäre Freude am Umsturz mit der autoritär-utopischen Ausrichtung auf den deutschen Sonnenstaat. Hitler kombinierte die nationale Wiedergeburt mit dem Risiko des Untergangs, die gemeinschaftsselige Klassenharmonie mit arbeitsteiliger Vernichtungsgewalt.

In ihrer Mehrheit gerieten die Deutschen zuerst in einen Taumel, dann in den Rausch historischer Hochgeschwindigkeit, später - mit Stalingrad, unterstützt von Flächenbombardements und nun merklichem exemplarischem Terror im Inneren - in einen ebenfalls betäubenden Schüttelzustand. "Es kommt mir immer alles wie Kino vor", bemerkt Victor Klemperers Kaufmann Vogel mitten in der Sudetenkrise 1938. Ein Jahr später, neun Tage nach dem Beginn des Feldzuges gegen Polen, versicherte Göring den Arbeitern der Rheinmetall-Borsigwerke in Berlin, sie könnten sich auf eine Führung verlassen, "die selber vor Energie, ich möchte sagen, rast". In seinem Tagebuch sekundierte Goebbels: "Am ganzen Tag ein tolles Tempo."

Oft deutete Hitler im engeren Kreis die Möglichkeit seines baldigen Todes an, um damit das für die politische Balance erforderliche überdrehte Tempo seines Regierens zu wahren. Er bewegte sich ähnlich einem dilettierenden Seiltänzer, der sein Gleichgewicht nur mit Hilfe immer weiterer, dann immer schnellerer, schließlich hastig-zielloser Ausgleichsbewegungen halten kann - und zuletzt doch stürzt. Im Film "Der Untergang" werden die letzten Meter des Absturzes im Zeitlupentempo gezeigt. Hinweise für die Gründe finden sich darin nicht.

*

Dieser Artikel ist am 1. September in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Wir bringen ihn erstmals online und in voller Länge. Passagen, in denen von "dieser Zeitung" die Rede ist, beziehen sich auf die SZ: Wir danken Götz Aly für die Abdruckgenehmigung.
Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Essay

Michael Hasin: Gute Literaturkritik ist Gesellschaftskritik

07.08.2015. Kritik braucht Glauben, nicht an Gott, aber an die Literatur. Kritiker müssen daran glauben, dass sie gut ist, nicht nur für einen selbst, sondern auch für andere. Sie müssen Fundamentalisten sein, missionieren wollen. Mormonen der Literatur. Mehr lesen

Guido Graf: Kritik als Reparatur

22.07.2015. Muss der Betrieb gerettet werden oder die Kritik? Was wollen wir überhaupt von Kritik? Wie können wir sie verbessern? Indem wir die subjektlose Objektivität der heutigen Literaturkritik durch eine kollektive Subjektivität ersetzen. Dazu muss der Kritiker Kollaborateur werden, Gesprächspartner und Gastgeber. Mehr lesen

Wolfgang Tischer: Wir brauchen einen Inselführer

17.07.2015. Wolfram Schüttes Idee einer Literaturzeitung im Netz könnte die falschen Finanziers anlocken, und sie pflegt einen Begriff von Literatur, der den Entwicklungen im Netz hinterhinkt: Das heißt nicht, dass es nicht Orte einer durchaus auch elitären Reflexion über Literatur im Netz braucht. Mehr lesen

Jan Drees: Wofür wir brennen

09.07.2015. Seit Wochen und Monaten wird (mal wieder) über den Zustand der Literaturkritik debattiert. Entstanden ist der Wunsch nach stärkerer Institutionalisierung. Warum wir keine neue Literaturzeitung brauchen, aber mehr Leidenschaft. Mehr lesen

Marie Luise Knott: Aus der ideologischen Antike

06.07.2015. Die Kunstbiennale in Venedig läuft noch bis November und wird auch dieses Jahr wieder Millionen Besucher anziehen. Doch die öffentlichen Reaktionen auf die von Okui Enwezor kuratierten Räume - zentraler Pavillon und Arsenale - sind durchwachsen. Von "Inhaltismus" und "Revolutionsromantik" ist die Rede. Überhört wurden im Trubel der Eröffnung die Stimmen, die in den Sälen umgehen, ein wenig wie Gespenster - oder sind es doch gute Geister? Mehr lesen

Florian Kessler: Die Vielfalt preisen

03.07.2015. Heute ist das Netz die literarische Öffentlichkeit. Und eine Gesellschaft, in der nicht nur Profis das Gespräch dominieren, kann nicht völlig missraten sein. Wozu also eine Printzeitung im Netz? Was wir dagegen gebrauchen könnten, wäre ein renovierter Alfred-Kerr-Preis! Mehr lesen

Dana Buchzik: Es braucht Dialog

02.07.2015. Apropos Leser: Eine digitale Zeitung muss sich, mehr noch als ein Printblatt mit Online-Ableger, darauf gefasst machen, dass eine bunte, lebendige und interessierte Leserschaft von sich hören lassen wird. Mehr lesen

Ekkehard Knörer: Tatsächlich ein Desiderat

01.07.2015. Die Bedeutung von Literaturkritik hat sich aus gutem Grund relativiert und kann nicht künstlich reanimiert werden. Die Idee einer Netzzeitung ist dennoch höchst reizvoll. Die Los Angeles Review of Books könnte ein Vorbild sein. Stellt sich nur die Frage der Finanzierung... Mehr lesen

Jörg Sundermeier: Nele liebt Paul, aber Paul liebt Isa

30.06.2015. Ist es nur eine Frage des Orts? Auch im Internet braucht Kritik mündige Leserinnen und Leser - und mündige Kritikerinnen und Kritiker. Die Frage wäre also, ob Wolfram Schüttes Literaturzeitung im Netz etwas am Zustand des Betriebs ändern könnte. Mehr lesen

Nikola Richter: Literaturkritik ist überall

30.06.2015. Ich würde Wolfram Schütte wirklich gerne einmal auf einen Kaffee treffen und ihm zeigen, wie er mit ein paar einfachen Handgriffen das für ihn vielleicht noch unübersichtliche Internet sondieren könnt. Was er sucht, das Finden ohne Suchen, gibt es längst. Mehr lesen

Tilman Winterling: Mit einer Idee und einem Arbeitstitel

29.06.2015. Das ideale Online-Literaturmagazin wäre eines, das das Beste aus beiden Welten - Print und Netz - verbindet. Die Krautreporter könnten ein Vorbild sein. Mehr lesen

Michael Kötz: "Wunderwelt" wäre mein Vorschlag

26.06.2015. Wolfram Schüttes Projekt einer Literaturzeitung im Netz ist der Vorschlag für ein Unternehmen. Aber ein Unternehmen wird nur begonnen, wenn eine Chance auf Gewinn besteht. Einige Vorschläge Mehr lesen

Perlentaucher-Debatte Literaturkritik im Netz

26.06.2015. Wenn Literaturkritik eine Zukunft hat, dann im Netz - wenn auch in Form einer Zeitung. Ein Appell von Wolfram Schütte - und eine Perlentaucher-Debatte. Überblick über alle Artikel. Aktualisiert am 10. August. Mehr lesen

Alexander Kluge: Rettende Öffentlichkeit

25.06.2015. Ein Zuviel an Silicium nennt man Wüste. In der Wüste gibt es Stützpunkte des Lebens. Das sind die Oasen. Oft sind sie räumlich klein, im Verhältnis zum Gesamtgelände. Zu Wolfram Schüttes Projekt einer Netzzeitung für Kritik. Mehr lesen

Wolfram Schütte: Über die Zukunft des Lesens

24.06.2015. Wenn die Kritik eine Zukunft hat, dann im Netz - wenn auch in Form einer Zeitung, die online steht. Nennen wir sie Fahrenheit 451. Ein Plädoyer Mehr lesen