Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.03.2005. In der FAZ wirft Andre Glucksmann dem Westen Mitverantwortung an der Ermordung Aslan Maschadows vor.  Die taz berichtet vom Filmfestival Ouagadougou. Die SZ kritisiert die von SWR-Intendant Peter Voß betriebene Verstümmelung des SWR-Vokalensembles. Die NZZ  porträtiert die türkisch-deutsche Autorin Emine Sevgi Özdamar.

FAZ, 11.03.2005

Die FAZ druckt heute Andre Glucksmanns Text aus Le Monde (hier das Original) über die Ermordung des tschetschenischen Politikers Aslan Maschadow nach. Der Philosoph wirft dem Westen Komplizenschaft vor: "Maschadows Tod hat auch mit unserem sprachlichen Unvermögen zu tun. Die Salafisten und Saddamisten, die im Irak Wahlhelfer und einfache Wähler ermorden, bezeichnen wir als 'Widerstandskämpfer'. Aber wir lehnen es ab, so auch die Freiheitskämpfer zu nennen, die nicht hinnehmen wollen, dass ihr Volk verschwindet. Die westlichen Führer, die sich weigerten, Maschadow als das zu bezeichnen, was er tatsächlich war, nämlich als einen Präsidenten und Patrioten, willigten damit im voraus in seine Ermordung ein." Auf Englisch publiziert Glucksmann seinen Text in signandsight.com.

Der Soziologe Stanley Kurtz aus Stanford entwirft in einem ganzseitigen Essay recht unheimliche Perspektiven zu kulturellen Veränderungen in alternden Gesellschaften: Entweder sie schrumpfen weiter, oder man entwickelt auf Initiative von Feministinnen künstliche Gebärmütter zur Züchtung von Babys, oder man kehrt zu konservativen Familienwerten zurück, was vom Autor befürwortet zu werden scheint: "Säkularismus, Individualismus und Feminismus sind Bestandteile eines sozialen Systems, das sinkende Geburtenziffern begünstigt. Wenn die Welt angesichts dieses Bevölkerungsrückgangs nicht überlebensfähig ist, dann mögen diese kulturellen Trends ebensowenig überlebensfähig sein. Anders gesagt, wenn wir diese kulturellen Trends nicht modifizieren oder ausgleichen können, wird die Weltbevölkerung immer rascher abnehmen."

Weitere Artikel: Gegen einen Vorschlag des Historikers Götz Aly plädiert Jürgen Kaube in der Leitglosse für die weitere Subventionierung historischer Nachwuchsarbeiten durch Druckkostenzuschüsse. Mark Siemons resümiert ein Symposion über "Ehrenmorde" in Berlin. Christian Schwägerl hat der gestrigen Bundestagsdebatte über Sterbehilfe zugehört. Der Historiker und ehemalige Studienrat Uwe Walter plädiert gegen eine zu stark auf Didaktik und nicht genug auf Fachwissen ausgerichtete Lehrerausbildung. Bettina Erche schreibt über den drohenden Abriss einer Rothschild-Villa in Frankfurt - sie ist das letzte bleibende Zeugnis der Familie Rothschild in der Stadt. Julia Spinola hat eine Streichquartett-Meisterklasse Walter Levins in Basel verfolgt. Freddy Langer schreibt zum Tod des Fotografen Peter Keetman. Jürg Altwegg schildert den französischen Geburtstagsaufruhr zu hundert Jahren Sartre.

Gemeldet wird, dass Orhan Pamuk nach Angriffen auf seine Äußerungen zum Genozid an den Armeniern seine deutsche Lesereise abgesagt hat. Und dass die Musiker des SWR alternative Finanzierungsmodelle entwickelt haben, um das SWR-Vokalensemble lebensfähig zu halten.

Auf der Medienseite schildert Karen Krüger eindringlich die immer rabiateren Methoden der GEZ, um die Fernsehgebühren einzutreiben - nun ist ihr auch noch das Anmieten von Adresskarteien gestattet worden. Michael Hanfeld besucht Dreharbeiten zu einem Film über die Bombardierung Dresdens, der im Auftrag des ZDF gedreht wird. Und Reiner Bürger berichtet, dass der Sächsische Landtag für die Gebührenerhöhung stimmt.

Auf der letzten Seite besucht Dirk Schümer die römische Villa Massimo, wo gerade die neuen Stipendiaten aus Kunst und Kultur einziehen. Patrick Bahners resümiert amerikanische Diskussionen über die Aufstellung von Marmortafeln mit den zehn Geboten in öffentlichen Gebäuden des Landes. Und Hannes Hintermeier porträtiert den Hobby-Historiker und -Sammler Jan Murken, dessen Leidenschaft dem Wittelsbacher Griechenkönig Otto gilt.

Besprochen werden Ausstellung "Hieroglyphen um Nofretete" im Berliner Kulturforum, Stanislaw Moniuszkos Oper "Halka" in Münster und Rob Bowmans Film "Elektra".

Im FAZ.Net finden wir auch die dpa-Meldung, dass Essen und Görlitz als Kulturhauptstädet 2010 vorgeschlagen sind.

TAZ, 11.03.2005

Hakeem Jimo beschreibt eine Zäsur in der Geschichte des Filmfestivals von Ouagadougou. Den ersten Preis, den goldenen Hengst "Yennenga", gewann Zola Masekos Film "Drum" über den "legendären Journalisten Nxumalo", der in den fünfziger Jahren die Apartheid in Südafrika beschrieb. Dieser Film, so Jimo, orientiert sich "eindeutig stärker an der US-amerikanischen Filmsprache" als frühere Preisträger. "Der andere Unterschied hat mit der gesprochenen Sprache zu tun, denn der südafrikanische Film war erst der zweite englischsprachige Film überhaupt, der in über 30 Jahren den Hauptpreis gewinnen konnte." Sonst waren es französischsprachigen Filme. "Viele Stimmen in Ouagadougou sprachen deshalb bereits von einer 'politischen' Entscheidung. Denn Südafrika gilt als aufstrebende Filmnation auf dem afrikanischen Kontinent, und diese Entwicklung nicht zu berücksichtigen könnte das Filmfestival in Burkina Faso langsam ins Abseits drängen. Schon die rasante Entwicklung der Film- und Videokultur in Nigeria, auch Nollywood genannt, fand beim Fespaco-Festival keinen Widerhall. Selbstkritische Filmemacher aus Nigeria sagen aber auch, dass ihre Fernsehfilme weniger für schöngeistige Festivals, sondern für den Massenkonsum gemacht sind."

Daniel Bax stellt das Plattenlabel "Eastblok" vor, das mehr Musik aus Osteuropa in den Westen schleusen will. Hinter dem Label stecken "der Musikmanager Alex Kasparov und sein Kompagnon Armin Siebert: Beide leiteten bis vor kurzem die Osteuropa-Dependance des Branchenriesen EMI, bevor sie sich unabhängig machten. In einem unscheinbaren Ladenraum in Kreuzberg haben sie sich jetzt ihr Büro eingerichtet. Zu lange waren sie damit beschäftigt, westliche Popstars wie Robbie Williams in den Osten zu importieren, der umgekehrte Weg war in der Konzern-Logik kaum vorgesehen. Nun wollen die beiden russische Punk-Bands wie Markscheider Kunst, Leningrad oder die Ethno-Elektroniker vom Amina Sound System aus Ungarn einem größeren Publikum im Westen bekannt machen." Erste CD ist eine Compilation mit Revolutionspop aus der Ukraine.

Weitere Artikel: In tazzwei meldet Rudolf Balmer, dass heute in Frankreich das Gedenkjahr zu Jean-Paul Sartre mit einer Sonderausgabe der Liberation beginnt und mit einer Ausstellung in der Bibliotheque Nationale. Daniel Cohn-Bendit erinnert sich in drei kurzen Erzählungen an seine Begegnungen mit Sartre. Er schließt mit den Worten: "Noch heute reagiere ich auf die Widersprüche seines Denkens und Handelns wie damals: mit Achtung, Verehrung und ikonoklastischer Revolte gleichermaßen. Dass es letztlich heute keine solchen großen, autokratischen Intellektuellen mehr gibt, bedaure ich nicht, denn es ist ein Zeichen dafür, dass auch das Denken sich demokratisiert hat." Besprochen wird die CD "Human After All" von Daft Punk.

Schließlich Tom.

FR, 11.03.2005

Elke Buhr war in der Ausstellung "Occupying Space" aus der Sammlung der Generali Versicherung im Münchner Haus der Kunst und ist beeindruckt. Konzeptkunst wird dort gezeigt, die es woanders in Deutschland kaum zu sehen gibt: von Adrian Piper, Mary Kelly, Valie Export oder Florian Plumhösl. Die Ausstellung ist "nicht zuletzt als ein Lehrstück darüber zu verstehen, wie eine privat finanzierte Institution überraschend souverän in die Lücke stößt, die öffentliche Museen heute lassen." Aber "auch die Grenzen zwischen Mäzenatentum und fast parasitärer Indienstnahme der Kunst und sind bei einer Stiftung wie der Generali Foundation fließend - und sie weiß es. Die Künstlerin Andrea Fraser hat Manager und Mitarbeiter der Versicherung über Zweck und Wirkung all der teuer erstandenen Kunst befragt. Die Ergebnisse hängen in der Ausstellung an der Wand, ein Kunstwerk unter anderen. Durch die Verbindung zur zeitgenössischen Kunst, so wird die Unternehmungsleitung zitiert, sollen die Kunden glauben, 'dass wir Initiative ergreifen, modern, offen, zukunftsorientiert und dynamisch sind'. Nach innen soll die Konfrontation mit der Kunst die Mitarbeiter geistig flexibler machen. Einerseits lasse man die Peitsche über den Angestellten knallen, und dann belästige man sie auch noch mit Kunst, die sie nicht verstehen, so kommentiert das ein Mitarbeiter."

Weiteres: Peter Michalzik hat Kulturstaatsministerin Christina Weiss auf einer Reise durch die ostdeutsche Provinz begleitet und beobachtet, wie man in Zittau, Bauerbach und Meiningen um und für sein Theater streitet. Daniel Kothenschulte widmet Times Mager dem Tod des 22-Pfund-Hummers Bubba aus Pittsburgh, dem der Emaildienst deathwatch@slick.org einen würdigen Nachruf zukommen ließ.

Auf der Medienseite berichtet Holger Römers über eine Kölner Tagung zum Thema Videoaktivismus. Und Alfred Möhrle, neuer Vorsitzender des HR-Rundfunkrates, erklärt im Interview, wie er den "Kulturauftrag" der Öffentlich-rechtlichen versteht.
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NZZ, 11.03.2005

Sieglinde Geisel porträtiert die türkisch-deutsche Autorin Emine Sevgi Özdamar. Geboren wurde sie in der Türkei, mit 19 Jahren zog sie nach Westberlin, 1976 wohnte sie immer noch dort, arbeitete aber an der Ostberliner Volksbühne als Regieassistentin. Über diese Erfahrungen hat sie in ihrem Roman "Seltsame Sterne starren zur Erde" geschrieben. "Die Perspektive der jungen Frau von damals musste Özdamar bei diesem Buch nicht aus der Erinnerung holen. Sie konnte Tagebuchpassagen wörtlich zitieren, denn in der Langsamkeit der DDR hatte sie damals begonnen, Tagebuch zu schreiben. Zunächst pendelte sie jeden Tag von West nach Ost. 'Mich hat die Mauer nie interessiert, und ich habe damals auch nie an die Stasi gedacht.' Über die Mauer hätte jeder schreiben können, und es wäre immer Ähnliches dabei herausgekommen. Doch Emine Sevgi Özdamar schreibt mit der Stimme ihres früheren Ichs über das, was niemand anders erlebte und sah. Wer sonst hätte von den Türken berichtet, die in Ostberlin als Westler galten und sich dort eine Freundin suchten, bei der sie aßen und wohnten, und die doch jeden Tag einmal rüber mussten, weil sie auch kein Dauervisum hatten. Wenn die Erzählerin wieder in den Westen geht, staunt sie jedes Mal, dass es jenseits der Mauer auch geregnet hat. Hier lebt sie in einer dieser Siebziger-Jahre- Wohngemeinschaften - die Badezimmertür bleibt offen, man sitzt zu viert in der Badewanne und tratscht über Jens' neue Freundin, die beim Sex so laut kreischt, dass ihr niemand glaubt."

Weiteres: Aldo Keel schreibt eine kurze Geschichte der deutsch-dänischen Beziehungen in den letzten 200 Jahre. Gemeldet wird eine "Kanak Attack" in Wien: Feridun Zaimoglu hat die Fassade der Kunsthalle im Museumsquartier mit vierhundert roten, halbmondverzierten Fahnen verhüllt. "Es sei das, so sagt der Künstler, eine imperiale Geste." Besprochen werden eine Ausstellung zum Werk des Architekten Josep Lluis Sert (1902-1983) in der Fundacio Joan Miro in Barcelona, die Uraufführung von Wolfgang Mitterers "Crushrooms" in Basel und eine Ausstellung im Theatermuseum München zur Familie Tschechow.

Auf der Filmseite stellt Sascha Badanjak Filmproduktionen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens vor (der Artikel ist leider nicht online). Besprochen werden Charles Shyers Hollywoodremake des Michael-Caine-Klassikers "Alfie", diesmal mit Jude Law in der Hauptrolle, und Marc Rothemunds Film "Sophie Scholl": "Dieses Unternehmen gelingt dank Julia Jentsch, die für ihre Rolle an der Berlinale zu Recht als beste Darstellerin geehrt wurde. Der Film wäre ohne ihr intensiv-verhaltenes Schauspiel nicht das, was er ist: ein bewegendes Denkmal für Sophie Scholl", schreibt Claudia Schwartz.

Auf der Medienseite beschreibt Heribert Seifert, wie sich in den Händen von Videoaktivisten die Kamera allmählich zu einer politischen und publizistischen Waffe gestaltet. Menschenrechtsorganisationen wie Witness in New York lassen zum Beispiel filmisches Belegmaterial für Diskriminierung, Unterdrückung und Ausbeutung sammeln. "Den Landarbeitern auf den Philippinen oder Fabrikarbeitern in Argentinien soll die Möglichkeit gegeben werden, mit der Kamera gegen Entrechtung und politökonomische Verbrechen zu kämpfen. Es gibt Beispiele dafür, dass solche Filme die Aufmerksamkeit von Fernsehsendern finden und gar Ermittlungen der Polizei auslösen. In Deutschland wirkt der Videoaktivismus dagegen funktionslos. Organisationen und Initiativen wie Labor B, Kanal B und Indymedia, die seit 2000 auf diesem Feld arbeiten, berufen sich zwar wortreich darauf, eine Gegenöffentlichkeit für den 'antikapitalistischen Widerstand' zu schaffen, der nirgendwo sonst in den Mainstream-Medien noch vorkomme. Mustert man aber ihre Produktionen, die monatliche Videomagazine ebenso einschließen wie schnell produzierte kurze Agitprop-Clips gegen Hartz IV und die Globalisierung, so lassen sich solche Behauptungen kaum halten."

"ras" meldet, dass 67 Journalisten und journalistische Hilfspersonen" im Irak in den vergangenen zwei Jahren umgekommen sind, davon 44 Iraker.

SZ, 11.03.2005

Wolfgang Schreiber sieht die Zukunft des SWR Vokalensembles auch durch die neuen Vorschläge von Indendant Peter Voß gefährdet: "Mit der windigen, kompliziert bewerkstelligten Halbierung von 36 Planstellen samt der Kosten sei der Bestand des Chors garantiert, meint das Voß-Papier vom 2. März, in Wahrheit aber ist da - dank vorgesehener Vokalaushilfen - eine 'Form der semiprofessionellen Ausprägung' vorgesehen, die die künstlerische Qualität des Ensembles längerfristig doch sehr in Frage stellt."

Johan Schloemann berichtet von einem Bücherstreit in Mainz. Hier will die übervolle Universitätsbibliothek Platz schaffen, indem sie Bücher aussortiert, die seit fünfzehn Jahren niemand mehr gelesen hat. Bernd Noack berichtet recht übellaunig über eine Tour von Kulturstaatsministerin Christina Weiss durch die ostdeutsche Theaterlandschaft. Adrienne Braun war dabei, als Marie Zimmermann das Programm für das "Theater der Welt 2005" vorstellte.

Für Dirk Peitz geht das Urteil des Bundesgerichtshofs gegen die Band Landser durchaus in Ordnung: Ja, meint er, eine Neonazi-Rockband wie Landser kann eine kriminelle Vereinigung sein. Marco Finetti meldet, dass wahrscheinlich Essen und Görlitz ins Rennen um das Prädikat "Kulturhauptstadt Europas 2010" gehen werden. Eine interessante Zahl hat Ijoma Mangold bei einer Hamburger Tagung über Einwanderung mitgebracht: "Jedes vierte Kind, das heute in Deutschland zur Welt kommt, hat mindestens ein Elternteil mit ausländischer Herkunft oder Migrationshintergrund."

Besprochen werden Albert Ostermaiers und Wolfgang Mitterers Oper "Crushrooms" am Theater Basel, eine Günther-Uecker-Werkschau im Berliner Martin-Gropius-Bau, die "Walküre" an der Covent Garden Opera in London (mit einem skrupulösen Bryn Terfel als Wotan) und Bücher, darunter Klaus Merz' Novelle "Los" und neue Jugendmedien (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).