Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.03.2005. Götz Aly überall. Die Zeit preist ihn als einen der "interessantesten Außenseiter" der Geschichtsforschung. Im Interview mit der Welt erklärt er seine These von "Hitlers Volksstaat". Die SZ bringt einen Artikel von Hans Mommsen. In der FAZ wendet sich der Berliner Historiker Ludolf Herbst gegen eine Zentralisierung des Gedenkens und fordert statt dessen eine bessere Ausstattung der universitären Holocaust-Forschung. In der Berliner Zeitung spricht der tschetschenische Dichter Apti Bisultanow über Aslan Maschadow.

Zeit, 10.03.2005

Im Aufmacher des Literaturteils preist Volker Ullrich den Historiker Götz Aly als einen der "interessantesten Außenseiter der deutschen Geschichtswissenschaft". Trotz gewisser Einwände kann er sein neues Buch "Hitlers Volksstaat" nur empfehlen: "Nie zuvor ist der symbiotische Zusammenhang zwischen 'Volksstaat' und Verbrechen, zwischen den attraktiven und kriminellen Elementen des Nationalsozialismus so scharfsinnig und einleuchtend dargestellt worden. Dieses Buch gehört zu jenen seltenen Werken, die unseren Blick auf die düsterste und folgenreichste Periode der deutschen Geschichte neu schärfen" (Eine Leseprobe finden Sie hier).

Thomas Assheuer stellt eine interessante, nur noch durch Belege zu unterfütternde Hypothese auf: Der schicksalhafte Kapitalismus, meint er, teilt die kulturellen Eliten Deutschlands in Melancholiker und Tragiker: "Die einen pflegen eine Rhetorik der Sorge und die anderen eine Rhetorik der Härte... Während der Melancholiker noch mit erhabener Trauer die Verluste bilanziert, entschließt sich sein Gegenspieler zur tragischen Flucht nach vorn und akzeptiert die Welt so, wie sie ist. Nie mehr dürfe die Realität an einem Ideal, einer Utopie oder einer besseren Vergangenheit gemessen werden. Heroismus der Anpassung - so lautet die Antwort des Tragikers auf den Kapitalismus als Schicksal."

Weiteres: Ganz hingerissen ist Elisabeth von Thadden von Abdellatif Kechiches bereits mit etlichen Cesars überhäuften französischen Vorstadt-Film "L'Esquive": "Hier wird keine soziale Tragödie beweint, hier bleibt auch die Liebe, was sie ist: ein unbegreiflicher Schlamassel. Hier wird eben geliebt und Theater gespielt." Katja Nicodemus plaudert mit Angelica Huston über das Kino, das Rauchen und Hollywoods Jugendlichkeitswahn: "Ich finde es bemerkenswert, dass ich mit meinem ungelifteten Gesicht bei den Oscars oder den Golden Globes heutzutage wie ein authentischer Dinosaurier wirke." Peter Kümmel sieht bei Elfriede Jelinek gespenstische Spaltungserscheinung im Zuge der Nobelpreis-Verwertung: "Sie gibt die schönsten großherzigsten, uneitelsten Interviews. In der Einsamkeit der literarischen Produktion hingegen schwillt das Schreib-Ich Jelineks an wie das Monsterwesen auf jener Lithografie von A. Paul Weber, die 'Das Gerücht' heißt."

Evelyn Finger ärgert sich über Hans Christoph Blumenbergs Zeitzeugen-Dokudrama "Die letzte Schlacht" als "verlogenen Hyperrealismus". Volker Hagedorn schwärmt von dem finnischen Dirigenten Esa-Pekka Salonen, der zur Zeit mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra in Köln gastiert. In der Reihe "Filmklassiker" beschwört Volker Schlöndorff Josef von Sternbergs "Blauen Engel". Thomas E. Schmidt schreibt den Nachruf auf die "heimliche Tragödin" Brigitte Mira. Claudia Herstatt empfiehlt das Buch "The Expert versus the Object" (Oxford University Press), das zweifelhaften Expertisen über die Echtheit von Kunstgegenständen auf den Grund geht.

Besprochen werden die Ausstellung "Begierde im Blick" mit surrealistischen Fotografien in der Hamburger Kunsthalle, das Miles-Davis-Konzert von 1970 auf der Isle of Wight auf DVD und Ian Bostridges und Mitsuko Uchidas Version von Schuberts "Die schöne Müllerin".

NZZ, 10.03.2005

Hassan Dawud, libanesischer Schriftsteller und Redakteur der Tageszeitung Al-Mustaqbal, war bei einem Treffen arabischer Intellektueller in Kairo und beschreibt ihre Reaktionen auf die Demonstrationen im Libanon. Leicht verdutzt stellten sie fest, dass die "Bürger" ihnen vorausgegangen sind. "Unablässig redete man dort über die Ereignisse in Beirut. Manche nannten sie 'großartig', andere meinten, so etwas sei seit vielen Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen in der arabischen Welt." Der ägyptische Literaturwissenschaftler Muhammad Badawi "beschrieb ausführlich, was man in den Nachrichten am vergangenen Abend gesehen hatte - wie die Menschen auf der Place des Martyrs im Beiruter Stadtzentrum zusammenströmten, während die Streitkräfte den Platz hätten einkesseln sollen, wie die Demonstranten libanesische Fahnen schwenkten und was auf den Transparenten zu lesen war ... Er warte nur auf den Tag, an dem sich seine Landsleute auf dem Kairoer Midan at-Tahrir versammeln würden, um es den Libanesen gleichzutun, meinte Gamal al-Ghitani, der bedeutende ägyptische Romancier und Chefredakteur der Kulturzeitschrift Al-Akbar al-Adab. Er legte mir ans Herz, seine Aussage in Al-Mustaqbal zu zitieren; und seine Anerkennung für den Mut der Libanesen, die die Regierung ihres Landes in die Enge getrieben hatten, verband sich mit dem Wunsch, einen solch mutigen Schritt möchten auch einmal die Ägypter tun. Alle Konferenzteilnehmer reagierten so: Sie feierten mit dem, was in Libanon vorging, auch das, was sie sich für ihre eigenen Länder wünschten."

Weitere Artikel: Moby plaudert im Interview entspannt über sein neues Album "Hotel". Nick Liebmann stellt den Jazzpianisten Jason Moran vor. Besprochen werden Alejandro Amenabars Film "Mar adentro" und Bücher, darunter Gerhard Meiers Gedichtband "Ob die Granatbäume blühen" und ein Handbuch der Kulturwissenschaften (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Stichwörter: Beirut, Kairo, Libanon, Moby, Tahrir

FAZ, 10.03.2005

Der bekannte Türkei-Historiker Norman Stone bespricht die Türkei-Ausstellung in der Londoner Royal Academy. Er erzählt unter anderem von den Sitten der Ottomanenzeit, die unter deutschem Einfluss schon einmal zivilisatorisch gemildert wurden: "Eine weitere Eigentümlichkeit bestand in den zeremoniellen Schädelpyramiden, mit denen die Türken ihre Anwesenheit markierten und zugleich deutlich machten, was mit Leuten geschah, die anderer Ansicht waren als sie. Vor dem Topkapi-Palast lag solch eine Pyramide uralter Schädel, bis Kaiser Wilhelm II. bei seinem Besuch 1899 Abdul Hamit II. davon überzeugte, dass so etwas geschmacklos sei."

Der Berliner Historiker Ludolf Herbst antwortet auf einen Artikel Ulrich Herberts und wendet sich gegen eine Zentralisierung der Gedenkstätten in Berlin. Statt dessen fordert er eine bessere Ausstattung der Universitäten: "So könnte man es als Skandal betrachten, dass in Berlin Millionen in ein Holocaust-Mahnmal investiert worden sind, aber keine der drei Berliner Universitäten über einen Lehrstuhl für Holocaust-Studien verfügt. Man könnte es auch als Skandal betrachten, dass die bestehenden Bibliotheken nicht in der Lage sind, die Neuerscheinungen der Holocaust-Forschung zu kaufen, während für das Informationszentrum des Holocaust-Mahnmals ein weiteres Mal Basisliteratur beschafft wird, die es in allen einschlägigen Berliner Bibliotheken gibt."

Weitere Artikel: In der Leitglosse mokiert sich Andreas Platthaus über einen vom FBI ausgemachten angeblichen "cultural destabilzation plan" von Al Qaida. Heiko Rehmann beschreibt die "posttraumatische Verbitterungsstörung", die vom Berliner Charite-Arzt Michael Linden erstmals beschrieben wurde und die offensichtlich besonders viele ehemalige DDR-Bürger befällt - Heilung verspricht allenfalls die "Weisheitstherapie". Eleonore Büning meldet ernüchternde Auslastungszahlen der Berliner Opern, die nur bei etwa 62 Prozent liegen. Dieter Bartetzko schreibt zum Tod der Schauspielerin Brigitte Mira. Oliver Jungen hat ein Berliner Symposion zum Thema "Altes Reich und neue Staaten" verfolgt. Wiebke Hüster ergründet die Intentionen des Bremer Festivals "TANZstadt".

Auf der Filmseite empfiehlt Peter Körte sehr Thom Andersens Collagefilm "Los Angeles Plays Itself", der das Los-Angeles-Bild des Hollywoodfilms refklektiert - der Film läuft im Berliner Arsenal. Andreas Platthaus freut sich, dass Walt Disneys "Bambi"-Film nun auf DVD erhältlich ist. Hans-Jörg Rother hat sich eine Reihe mit litauischen Filmen, ebenfalls im Berliner Arsenal, angesehen. Und Michael Althen wundert sich, dass sich die Franzosen nach dem Erfolg von "Good bye Lenin" auf einmal wieder für deutsches Kino interessieren.

Auf der Medienseite porträtiert Melanie Mühl den Schauspieler Heino Ferch, der demnächst einige wichtige Rollen im Fernsehen spielt. Michael Hanfeld untersucht die Lage von Premiere nach dem Börsengang. Anita Boomgaarden stellt neue Zahlen über die Radionutzung in Deutschland vor. Und Jürg Altwegg meldet, dass die Redakteure von Le Monde dem Kapitalzufluss durch die spanische Prisagruppe um El Pais zähneknirschend zugestimmt haben.

Auf der letzten Seite berichtet Michael Gassmann aus Korea, wo die Musikhochschule Weimar mit Hilfe einer koreanischen Universität ein neues Konservatorium aufgebaut hat. Oliver Tolmein verweist auf eine heutige Bundestagsdebatte zum Thema Sterbehilfe und auf neue Vorschläge der mit diesem Thema befassten Politikern Margot von Renesse. Und Stefanie Schramm schreibt ein verblüffendes kleines Porträt über den 24-jährigen MIT-Professor Erik Demaine, der aus der japanischen Papierfaltkunst Origami alle möglichen für die heutige Mathematik zentrale Prinzipien abgeleitet hat: Eine daraus entwickelte Software "hilft beispielsweise Autoherstellern, einen Airbag so im Lenkrad zu verstauen, dass er beim Aufblasen nicht platzt".

Besprochen werden der Film "L'Esquive" von Abdellatif Kechiche, Philippe Boesmans' Oper "Julie" in Luc Bondys Brüsselers Inszenierung, Martin Suters Stück "Über den Dingen" am Zürcher Theater Neumarkt und Werner Herzogs Dokumentarfilm "White Diamond".
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FR, 10.03.2005

"Traurige Gestalten am rechten Rand, die, so schrill sie sich auch aufführen mägen, weit davon entfernt sind, die Demokratie zu gefährden." so schätzt der Hamburger Jurist Horst Meier die sächsischen NPD-Abgeordeten ein. Dass jetzt bis zum 8. Mai eine Lex NPD zur Einschränkung der Versammlungsfreiheit durch sämtliche Lesungen gepeitscht, sowie ein im V-Leute-Sumpf stecken gebliebenes Verbotsverfahren wieder angeschoben werden soll, spricht aus seiner Sicht nicht gerade für die Urteilskraft der politischen Klasse. "Der gereizten Verbotsdebatte um die NPD, die seit einigen Jahren schwelt, fehlt ein Mindestmaß an Klarheit und Entschiedenheit. Man traut sich weder, richtig zu verbieten, noch richtig die offene politische Auseinandersetzung zu führen. Also prüft man Verbotsanträge und rührt im grauen Brei der Empörung. Neuland ist nicht in Sicht im Umgang mit unseren rechtsradikalen Mitbürgern. Ihre Provokationen wecken nicht etwa demokratisches Selbstbewusstsein und Streitlust, sondern die bekannten Ausgrenzungsreflexe und eine erstaunliche Angst vor der Freiheit."

Weitere Artikel: Silke Hohmann porträtiert das Hausmeisterehepaar der Frankfurter Städelschule, Helga und Hartmut Rausch, das in den letzen Jahren eine grandiose Kunstsammlung zusammengetragen hat. Daniel Kothenschulte feiert noch einmal Brigitte Mira, die am Dienstag in Berlin gestorben ist, und aus seiner Sicht das Zeug zu einer deutschen Shirley MacLaine gehabt hätte, wenn ihr Talent früher entdeckt worden wäre. Christoph Schröder widmet die Times-Mager-Kolumne dem heutigen Schmerztag.

Besprochen werden eine Lesung, die Martin Walser zur Eröffnung seiner Ausstellung im Münchner Literaturhaus hielt (Heribert Kuhn zitiert daraus den schönen Satz: "Beten ist schwer, weil ich zu gut formuliere!"), Mathilde Monniers Choreografie "Publique" auf dem Festival "Tanz Bremen", Alejandro Amenabas Film "Das Meer in mir", die Architekturausstellung "Konstruktive Provokation. Neues Bauen in Vorarlberg" im Kunsthaus Bregenz und Anna Bergmanns kulturwissenschaftliches Buch über unsere Vorstellungen vom Lebendigen "Der entseelte Patient" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 10.03.2005

Kristin Helberg erzählt auf den Tagesthemenseiten, wie im Jemen Religionsgelehrte versuchen, inhaftierte Islamisten von einem gemäßigten Islam zu überzeugen. Zuständig dafür ist Hamoud al-Hitar, Richter und Leiter des "Komitees für Dialog": "Der Richter sitzt im Besucherraum seines Hauses, auf dem Kopf eine weiße Kappe, auf den Lippen ein Lächeln. 'So wie ein Arzt einen kranken Körper behandelt, so wollen wir einen kranken Geist heilen', erklärt er. Dafür müssen al-Hitars Leute - respektierte und moderate Islamgelehrte - den Hass, den radikale Prediger in den jungen Leuten gesät haben, in Toleranz und Respekt umwandeln. Ein hehres Ziel. Aber ist das so einfach - lassen sich jahrelang indoktrinierte Extremisten mit ein paar Diskussionsrunden bekehren? 'Nicht alle', antwortet al-Hitar, 'aber viele.' Schließlich gehe es nicht darum, die Leute von ihrem Glauben abzubringen, sondern darum, diesem eine andere Richtung zu geben. 'Ihr starker Glaube an Gott und den Propheten Mohammed hilft uns. Denn dadurch haben sie großen Respekt vor theologischen Argumenten', sagt al-Hitar. Islamisten hätten lediglich ein paar Dinge im Islam falsch verstanden, daher ihre radikalen Ansichten." Ansonsten nimmt al-Hitar die Angelegenheit recht sportlich: "Wer in der Argumentation unterliegt, muss die Überzeugungen der Gegenseite annehmen, so lautet die Abmachung. Al-Hitar bezeichnet das als 'Dialog auf Augenhöhe'." Bisher hat er noch nie verloren.

Außerdem spricht Amat al-Alim al-Soswa, jemenitische Ministerin für Menschenrechte, im Interview über ihre Arbeit und darüber, wie es ist, die einzige Frau im Kabinett zu sein.

Im Kulturteil freut sich Frank Schäfer über die Wiederauflage von Bernward Vespers fragmentarischem Roman "Die Reise": "Schon in der erweiterten 'Ausgabe letzter Hand' von 1979, in den dort edierten Materialien nämlich, hätte man lesen kännen, dass Vesper sowohl die 'letzte Ernte', also die von ihm angefangene Werkausgabe Will Vespers, als auch seine rechtsreaktionäre Publizistik noch mit den nötigen Worten bedenken wollte. Er wusste durchaus, 'dass es scheiße war, was ich schrieb', er ist nur schlicht nicht fertig geworden mit dem Buch. All das haben nicht zuletzt jene gern übersehen, die Vesper als Kronzeugen für einen vermeintlichen subkutanen Faschismus der Linken in Anspruch nahmen."

Weitere Artikel: Reinhard Krause verabschiedet die Volksschauspielerin Brigitte Mira. "Keine Angst vor Alterseinsamkeit!" beruhigt uns "mre" in der tazzwei und teilt mit, dass man in Japan für 61 Euro sprechende Plastikenkel erwerben kann. Christian Semler erklärt, wie wir uns "von nationalen Stereotypen zu begründeten Urteilen" über die Ukraine hochhangeln.

Besprochen werden Werner Herzogs Monumentaldokumentarfilm über einen Zeppelinbauer im Dschungel von Guyana "The White Diamond", Abdellatif Kechiches Film "Lesquive", Alejandro Amenabars neuer Film "Das Meer in mir", Charles Shyers Film "Alfie" mit Jude Law in der Rolle des früher von Michael Caine gespielten herzlosen Herzensbrechers und Christopher Smiths Horrorfilm "Creep".

Schließlich Tom.

Welt, 10.03.2005

Im Interview mit Eckhard Fuhr erläutert Götz Aly seine unheimliche "Volksstaats"-These: "Wenn Sie die Zeit des Nationalsozialismus betrachten, dann stehen Sie immer wieder vor der Frage, wie sich der hohe Grad an innerer Integration und Mobilisierung erklären lässt. Und wenn Sie das politische Spannungsverhältnis zwischen Volk und Führung im Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts insgesamt untersuchen, dann erkennen Sie rasch, dass es - sieht man einmal vom Sommer 1914 ab - nie eine größere Übereinstimmung zwischen Volk und Führung gab als in den zwölf kurzen Jahren der NS-Herrschaft." Einen Vorabdruck aus Alys Buch finden Sie hier.

Berliner Zeitung, 10.03.2005

Der Tod des tschetschenischen Politikers Aslan Maschadow stieß in Deutschland auf allgemeine Indifferenz. Christian Esch unterhält sich mit dem tschetschenischen Dichter und Weggefährten Maschadows Apti Bisultanow: "Er war wohl wirklich einzig in dem Sinne, dass er bis zum Zeitpunkt seines Todes die Hand ausstreckte für Friedensgespräche. Ich bin sicher, mit Maschadows Tod beginnt der Krieg erst richtig. Die Suche nach einer friedlichen Lösung wird viel, viel schwieriger, und zwar im gesamten Nordkaukasus. Maschadows Untergang ist ein großer Verlust."

In Le Monde gratuliert Andre Glucksmann den "Messieurs Chirac, Bush et Schröder" zum Tod Maschadows: Putin sei sehr mit ihnen zufrieden. "Le nouveau tsar vous dit merci..."

SZ, 10.03.2005

Großer Bahnhof für das neue Buch von Götz Aly, den der rezensierende Historiker Hans Mommsen als einen der originellsten NS-Forscher feiert. Nach Alys heute erscheinendem Buch "Hitlers Volksstaat" (Leseprobe), schreibt Mommsen im Aufmacher des Feuilletons, werde man sich von der Vorstellung trennen müssen, dass die NS-Politik nur auf die verhängnisvollen Einflüsse fanatisierter völkischer Minderheiten zurückgeht. "Für die Interpretation der Geschichte des Dritten Reiches setzt die Untersuchung von Götz Aly deutlich neue Akzente. Von der Weltkriegserfahrung wurde die Strategie abgeleitet, sich das Wohlwollen der Massen durch steuerliche und soziale Konzessionen zu erkaufen und die Kriegslasten zu größeren Teilen auf die unterworfenen Länder, auf Juden, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene abzuwälzen. Die vom NS-Regime entfesselte politische Dynamik verschaffte dem 'Traum von Dritten Weg' immer neuen Auftrieb und unterband die Formierung von Gegenkräften. Das Syndrom, stets in der Abwehr säkularer Bedrohungen zu stehen, verknüpfte sich unauflöslich mit der Rassentheorie und erleichterte den einzigartigen Amoklauf eines Regimes, das sich der vorbehaltslosen Unterstützung durch die 'Volksgenossen' nicht sicher sein konnte und diese auf Kosten des übrigen Europa privilegierte."

Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh verabschiedet die Schauspielerin Brigitte Mira, die am Dienstag vierundneunzigjährig in Berlin gestorben ist. Thomas Steinfeld hörte Martin Walser in München aus seinen Tagebüchern lesen. Anke Sterneborg unterhält sich mit Andy Tennant über seine Komödie "Hitch - Der Date Doktor". Susan Vahabzadeh berichtet, wer zur Zeit was mit wem dreht. Wolfgang Jean Stock schreibt den Nachruf für den verstorbenen Münchner Museumsleiter Wend Fischer. Bernd Graff stimmt auf die Technologie-Messe "Cebit" ein, die gestern abend in Hannover eröffnet wurde, und "jüb" berichtet vom Dauer-Spar-Drama am Freiburger Theater.

Besprochen werden Lawrence Gutermans Film "Son Of Mask" ("Klamauk, mit einem eklatanten Mangel an innerer Logik", findet Susan Vahabzadeh), eine große Film-Noir-Retrospektive im Filmmuseum Wien, Christopher Smiths U-Bahn-Horrorfilm "Creep" mit Franca Potente (in den Augen von Tobias Kniebe schafft der Film etwas, "was dem Horrorkino nur noch selten gelingt: So etwas wie echte Erschütterung auszulösen"), Charles Shyers New Yorker Macho-Moritat "Alfie", Helen Malkowskys Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Oper "Merlin" in der Nürnberger Staatsoper, die Sammlung der Generali Foundation im Münchner Haus der Kunst und Bücher, darunter Hartmut Binders Studie über Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).