Magazinrundschau

Die Tragödie der Allmende

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
28.04.2026. In Razpotja spricht Tania Branigan über ihr Buch zum "Red Memory" der Chinesen. The Ideas Letter erklärt, warum KI gerade dabei ist, das aufzufressen, wovon sie zehrt: soziale Komplexität. The Insider fragt, wie zulässig Kompromisse mit einem repressiven Regime sind. The Free Press liest drei Bücher aus der Gazology. Desk Russie untersucht das Verhältnisses der europäischen Linken zum Iran. Qantara stellt eine Anthologie mit Gedichten 26 zeitgenössischer saudischer Dichter vor. Outside blickt auf die Bärenkrise in Japan.

Razpotja (Slowenien), 22.04.2026

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Tania Branigan, langjährige China-Korrespondentin für den Guardian, hat mit "Red Memory" ein Buch über die Kulturrevolution und ihre Folgen für China geschrieben. Im Interview mit Luka Lisjak Gabrijelčič (von Eurozine hier ins Englische übersetzt) erklärt sie, warum man ohne die Kulturrevolution das heutige China nicht verstehen kann: "Auch ihre Auswirkungen auf die Politik bleiben unsichtbar", zum Beispiel die Überzeugung der heutigen chinesischen Führung, dass "das beste Mittel gegen Totalitarismus Autoritarismus" ist. "Es ist ein sehr merkwürdiges Paradoxon, dass es der Kommunistischen Partei gelungen ist, die Kulturrevolution zu nutzen, um ihre Position in der chinesischen Gesellschaft zu festigen. Sie hat eine Geschichte über die Kulturrevolution geschaffen, in der es darum geht, dass die Menschen außer Kontrolle geraten sind. Es ist eine Erzählung darüber, was passiert, wenn man keine Ordnung, keine Disziplin, keine Hierarchie und keinen festen Griff auf das Geschehen hat. Die Partei kann diese Erzählung verbreiten, weil sie die politische Dimension der Kulturrevolution ausblendet: Sie gibt nicht zu, dass es Maos Methode war, die Kontrolle wiederherzustellen und Rivalen auszuschalten." Das Besondere an der chinesischen Kulturrevolution war laut Branigan, dass sie "vom Volk selbst getragen wurde, sie war allgegenwärtig und sehr persönlich. Dieses Ausmaß an Mitschuld war am verheerendsten, insbesondere weil sich die Menschen nicht nur gegen ihre Klassenkameraden, Freunde, Arbeitskollegen und Genossen wandten, sondern sogar gegen ihre engsten Familienangehörigen." Die meisten Menschen wollen darüber heute nicht mehr sprechen.
Archiv: Razpotja

The Ideas Letter (USA), 16.04.2026

Die zugrunde liegende Intelligenz eines großen Sprachmodells (KI) hängt nicht von seiner Rechenleistung ab, sondern von der "sozialen Komplexität der Zivilisation, deren Sprache das Modell verarbeitet hat". Und genau die greift KI an, warnt Bright Simons in einem Essay. Denn je mehr sich die Menschen auf KI verlassen, desto weniger denken, agieren und kommunizieren sie selbst. Die Gesellschaft wird immer gleichförmiger und das Sprachmodell - zwangsläufig - immer dümmer. Simons veranschaulicht das mit einem britischen Forschungsprojekt: "Im Frühjahr 2024 baten sie rund 300 Autoren, Kurzgeschichten zu verfassen. Einige wurden von GPT-4 unterstützt, andere arbeiteten allein. Welche Geschichten, so wollten die Forscher wissen, würden kreativer sein? Im Durchschnitt produzierten die Autoren mit KI-Unterstützung Geschichten, die von unabhängigen Juroren als kreativer bewertet wurden als jene, die ohne KI geschrieben wurden. So weit, so gut: eine bekannte Geschichte über die unvermeidliche Übernahme durch intelligente Maschinen. Als die Forscher jedoch nicht einzelne Geschichten, sondern den gesamten Korpus untersuchten, wurde das Bild unklar. Die KI-unterstützten Geschichten ähnelten sich stärker. Jeder Autor war individuell besser geworden; als Gruppe hatten sie sich jedoch angeglichen. Anil R. Doshi und Oliver Hauser, die die Studie in 'Science Advances' veröffentlichten, griffen auf einen Begriff aus der Ökologie zurück, um dies zu erklären: die Tragödie der Allmende. Behalten Sie dieses Ergebnis im Hinterkopf: individueller Gewinn, kollektiver Verlust. Es beschreibt etwas weitaus Bedeutsameres als ein Schreibexperiment - es beschreibt die verborgene Logik unserer gesamten Beziehung zur künstlichen Intelligenz."

Qantara (Deutschland), 28.04.2026

Im Libanon mussten mehr als eine Million Menschen vor den israelischen Angriffen auf die Hisbollah fliehen. Die meisten von ihnen sind Schiiten, und sie haben große Schwierigkeiten, in anderen Teilen des Landes Hilfe zu finden, berichtet Alizée Lambin. Der Krieg hat die Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften wieder aufleben lassen: "Die Eskalation hat eine Tendenz verstärkt, die schiitische Gemeinschaft im Libanon, die als soziale Basis der Hisbollah gilt, kollektiv verantwortlich zu machen. 'Schiiten schützen die Hisbollah', sagt ein armenischer Einwohner von Bourj Hammoud, nördlich von Beirut. 'Und jetzt zahlt das ganze Land den Preis. Sie haben ihnen einen Grund gegeben, uns anzugreifen. Das ist nicht unser Krieg.' 'Wer aus dem Süden kommt, den sehen die Leute anders an', sagt Faour, 38, ein Schiit. 'Es ist, als ob die gesamte schiitische Gemeinschaft dafür verantwortlich wäre.' ... Laut einer Mitarbeiterin einer franziskanischen Hilfsorganisation in Beirut können Orte zu Zielen werden, wenn sich Kämpfer oder ehemalige Hisbollah-Mitglieder dort verstecken. 'Selbst für uns ist es schwierig, genaue Daten über die Menschen in den Unterkünften zu erhalten: ihr Alter, ihr Geschlecht, ob sie verletzt sind. Dabei brauchen wir diese Informationen, um wirksam Hilfe leisten zu können, aber die Menschen befürchten, dass sie in die falschen Hände geraten könnten', sagt sie mit Blick auf den israelischen Geheimdienst."

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Marcia Lynx Qualey stellt die Anthologie "Tracing the Ether" vor, die Gedichte 26 zeitgenössischer saudischer Dichter versammelt: "Viele der Gedichte erkunden die sich rasant verändernde Landschaft der Arabischen Halbinsel und Veränderungen, die durch die Ölindustrie und digitale Technologien angestoßen worden sind. Dieses Interesse an Veränderung erwächst auch aus der Geschichte des Nomadentums, der vorislamischen Dichtung und dem Gefühl eines ständig drohenden Verlusts." Der Titel des Buchs vereint "verschiedene Bedeutungsnuancen des Wortes 'Äther': von den ätherischen, also flüchtigen Echos der Menschheitsgeschichte bis zum unsichtbaren 'Äther' der modernen Technologie. Dieser Äther ist sowohl 'digital als auch atmosphärisch', sagt Herausgeberin Moneera al-Ghadeer, und die Dichter vollziehen darin 'ein modernes Ritual der Wiederentdeckung. Inmitten der unsicheren und unsichtbaren Strömungen des technologischen Zeitalters finden sie das zeitlose Drehbuch der menschlichen Erfahrung wieder.'"

Außerdem: Im Interview erklärt der Genozid-Forscher Scott Straus, dass im Sudan ganz eindeutig ein Völkermord verübt wird, es interessiert nur niemanden: "Für mich, der vor 20 Jahren über den Darfur-Krieg geschrieben hat, ist es wirklich bemerkenswert, wie wenig internationale Aufmerksamkeit es heute im Vergleich zu damals gibt. Heute gibt es praktisch keine Berichterstattung, keine Aufmerksamkeit. Vor 20 Jahren gab es erhebliche internationale Einwände, studentische Proteste und eine breite zivilgesellschaftliche Bewegung. Der Kontrast ist wirklich frappierend. Er verdeutlicht, wie es weltweit um die Völkermordprävention steht."
Archiv: Qantara

Elet es Irodalom (Ungarn), 24.04.2026

Attila Gásparik, der in Siebenbürgen geborene Schauspieler und ehemalige Direktor des Teatrul Naţional Târgu Mureş im siebenbürgischen Marosvásárhely, kritisiert scharf den orbannahen mächtigen Direktor des Budapester Nationaltheaters Attila Vidnyánszki, dem er nahelegt, als Konsequenz aus den Wahlen von seinem Direktorposten zurückzutreten: "Ich habe elf Jahre lang ein rumänisches Nationaltheater geleitet. Ich war davon überzeugt, dass man die ungarischen Theater im Karpatenbecken auf der Grundlage von Werten miteinander verbinden kann - und muss. Dass es einen fachlichen Dialog, gegenseitige Beachtung und echte Zusammenarbeit geben kann. Dieser Dialog blieb jedoch wegen des 'Großen Bruders' aus. In der Branche gewannen die Bruchlinien 'Hauptstadt - Provinz', 'diesseits der Grenze - jenseits der Grenze', 'guter Ungar - schlechter Ungar' an Bedeutung, ja in jüngerer Zeit sogar die Unterteilung in 'christlich - nichtchristlich'. (...) Das Misstrauen galt nicht nur uns, den jenseits der Grenze Lebenden, sondern einem Großteil der ungarischen Szene. Auf der Bühne des Nationaltheaters in Budapest haben in den letzten Jahren kaum ungarische Regisseure inszeniert, und von dem einst meistgespielten zeitgenössischen ungarischen Autor, Csaba Székely, wurde in dreizehn Jahren kein einziges Stück aufgeführt." Darum muss Vidnyánszki "jetzt gehen", meint Gásparik, "er hat der Szene, der europäischen Idee und uns, den außerhalb der Grenzen lebenden und schaffenden Ungarn, großen Schaden zugefügt."

The Nation (USA), 06.04.2026

Es war schon ein ziemlicher Schlag, als die New York Times berichtete, dass der amerikanische Bürgerrechtler und Gründer der "United Farm Workers" Cesar Chavez, eine Ikone der Linken in den USA, beschuldigt wurde, zwei Teenager missbraucht zu haben, die beide von ihm schwanger wurden. Diese Art der Personalisierung linker Politik ist ein Fehler, meint Julissa Natzely Arce Raya. "Chavez' Vermächtnis ist seit langem komplizierter als der Mythos, der ihn umgibt. In einer Rezension der Los Angeles Times zu Miriam Pawels Biografie wird er als 'paranoid und diktatorisch' beschrieben, wobei die von ihm aufgebaute Organisation als einer 'sektiererischen Kommune' ähnlich charakterisiert wird. ... Chavez wandte sich zudem gegen Arbeiter ohne Papiere, die er als Bedrohung für die Arbeiterbewegung ansah, und in den 1970er Jahren leitete er Bemühungen, sie den Einwanderungsbehörden zu melden - ein krasser Widerspruch für einen Führer, der heute weithin als Verfechter der Ausgegrenzten in Erinnerung ist. Und doch tragen Schulen, Straßen und Fachbereiche für Chicana/o-Studien den Namen Chavez. In einer Reihe von Bundesstaaten, darunter Kalifornien, Arizona und Texas, wird der Cesar-Chavez-Tag als staatlicher Feiertag begangen. Hollywood hat ihn verewigt. Latinos haben lange darum gekämpft, dass unsere Beiträge, unsere Geschichte und unsere Kultur anerkannt werden. Chavez - der charismatische Anführer, der einige der am stärksten ausgebeuteten Arbeiter des Landes organisierte, der betete und fastete, der die Traubenstreiks anführte, die die Aufmerksamkeit des Landes auf sich zogen - wurde zu einer Figur, hinter der wir uns versammeln konnten. Durch ihn wurden wir sichtbar." Das hatte einen Preis: "Einer der Gründe, den viele der Frauen, die mit der Times sprachen, für ihr jahrzehntelanges Schweigen angaben, war die 'Angst, das Image eines Mannes zu beschädigen, der zum Gesicht der lateinamerikanischen Bürgerrechtsbewegung geworden ist'."
Archiv: The Nation

The Free Press (USA), 21.04.2026

Matti Friedman beschreibt in einem viel beachteten Artikel ein neues literarisches Genre, das er unter den Oberbegriff "Gazology" fasst. Es handelt sich um Bücher über den Gazakrieg, die weniger die Geschehnisse dort beschreiben, als dass sie ein "Narrativ" etablieren. Er nennt drei Beispiele "One Day, Everyone Will Have Always Been Against This" von Omar El Akkad, "The Destruction of Palestine Is the Destruction of the Earth" des Klimaaktivisten Andres Malm und "Die Welt nach Gaza" des allseits hochgeschätzten Postkolonialisten Pankaj Mishra. Allen drei Büchern ist nach Friedman gemein, dass es den Autoren weder auf Kenntnis des Terrains, noch auf Verankerung der eigenen Behauptungen in gesicherten Fakten ankommt. Hauptsache, man kann die Israeli des "Genozids" bezichtigen. "Dieses Wort ist der Schlüssel zu diesem Buch und zum gesamten Genre der 'Gazologie': Völkermord ist das Äquivalent zu Wasser in 'Dune', es ist die Substanz, die die Handlung vorantreibt. Wenn die Juden Völkermord begangen haben, können alle anderen endlich aufhören, über den an den Juden begangenen Völkermord nachzudenken, können sich ohne Schuldgefühle gegen den Staat wenden, der es den Juden zum ersten Mal ermöglichte, sich zu schützen, und können erleichtert in ihre Denkweisen aus der Zeit vor dem Holocaust zurückfallen - denn durch die Begehung des ultimativen Übels haben die Juden endlich bewiesen, dass diese Denkweisen richtig waren. Die Anschuldigung dient dazu, Gewalt gegen Israelis zu rechtfertigen, einschließlich rückwirkend die Gewalt des 7. Oktober, wodurch sie für einen von Palästinensern begonnenen Krieg verantwortlich gemacht werden. Der 'Genozid' von Gaza mag eine offensichtliche Lüge sein, aber als Geschichte ist er unwiderstehlich."
Archiv: The Free Press

The Insider (Russland), 24.04.2026

Vlag Gagin blickt für The Insider sehr detailliert auf das russische Verlagswesen. Dieses ist derzeit durch Selbstzensur geprägt. "Die Notwendigkeit, Bücher zu zensieren, wirft in der Verlagsbranche unweigerlich Fragen nach den Kosten solcher Kompromisse auf und danach, ob Zensur überhaupt gerechtfertigt ist. Einer der bekanntesten Skandale, der dieses Thema in den Fokus rückt, steht im Zusammenhang mit einem Gedichtband von Anna Gorenko, einer Emigrantin, die 1999 in Israel verstorben ist. Der Moskauer Verlag Vyrgorod veröffentlichte diese Sammlung, wobei potenziell heikle Passagen in den Gedichten durch Auslassungspunkte ersetzt wurden. Ein eindrucksvolles Beispiel für solche Kürzungen findet sich in dem Gedicht 'Ich habe dich erwischt und wurde erwischt…', in dem zwei Wörter durch Auslassungspunkte ersetzt wurden. Diese Wörter waren 'bisexuell' und 'Drogenabhängige'." Diese Wörter sind nach dem russischen "LGBT"-Gesetz verboten. Der russische Literaturwissenschaftler Ilja Kukulin weist hier auf ein Dilemma hin: "'Die Frage nach den Kosten der Selbstzensur im Einzelfall ist sehr schmerzhaft. Sie bringt uns gefährlich nahe an die Debatte darüber, ob Kompromisse mit einem repressiven Regime zulässig sind, um 'Institutionen zu bewahren'. Ich stimme denen zu, die argumentieren, dass bei solchen Kompromissen die 'Erhaltung von Institutionen' sehr schnell zum Selbstzweck wird und in den meisten Fällen von der Institution nur noch ihr früherer Name übrig bleibt - und nicht immer einmal das.' (...) Der Dichter und Prosaautor Jewgeni Nikitin sprang dem Verlag jedoch zur Seite: 'Boris Kutenkov veröffentlicht diese Reihe mit seinem eigenen Geld in einem Land, in dem man dafür ins Gefängnis kommen kann. Das macht alle Vorwürfe gegen ihn etwas fragwürdig. Die Klammern, die die ausgelassenen Wörter markieren, machen die Lücken sichtbar - und damit auch den Unterdrückungsapparat, der die Entstehung solcher Lücken überhaupt erst erzwingt. Diesen Kompromiss zu kritisieren bedeutet im Grunde, den russischen Verlegern die Wahl zwischen Schweigen und Gefängnis zu lassen.'"
Archiv: The Insider

New Statesman (UK), 28.04.2026

Anlässlich der inzwischen doppelten Blockade der Straße von Hormus beschäftigt sich David Wengrow mit dem Prinzip der Freiheit der Meere, das er bis zu "Mare Liberum" zurückverfolgt, einer Schrift des niederländischen Juristen Hugo Grotius aus dem Jahr 1609. Wengrow rekonstruiert, wie dieses Dokument in die damalige geopolitische Interessenlage passte. Die europäischen Kolonialmächte kommen dabei nicht gut weg, tatsächlich beschreibt der Autor die europäische Version der Freiheit der Meere als ein Mittel imperialistischer und kolonialistischer Politik. Das hat, meint Wengrow, auch Folgen für die Gegenwart: "Wir werden wahrscheinlich demnächst noch sehr viel mehr über die 'Freiheit der Meere' hören. Als rechtliches Prinzip bildet sie heute den Rahmen für Entscheidungen nicht nur über die globale Wirtschaft, sondern auch über Krieg und Frieden, Migration und politisches Asyl sowie die klimabedingte Ausdehnung der Weltmeere. Wer sich auf dieses Prinzip beruft, sollte nicht nur daran denken, wie es ins Völkerrecht Eingang fand - im Dienste der europäischen Eroberungen im Indischen Ozean -, sondern auch daran, dass dieselben Gewässer andere Geschichten von Freiheit bergen, die auf Prinzipien der Gastfreundschaft beruhen, statt auf der Fähigkeit, Gegner durch Einschüchterung und Bombardierung zur Unterwerfung zu zwingen."
Archiv: New Statesman

Desk Russie (Frankreich), 26.04.2026

Die Geschichte des Verhältnisses der europäischen Linken zum Iran muss noch geschrieben werden. Eine Episode schildert Vincent Laloy in Desk Russie. Sein Artikel handelt von der anhaltenden Nettigkeit französischer Politiker gegenüber den Mullahs - angefangen mit Präsident Valéry Giscard d'Estaing, der dem Ajatollah Khomeini Asyl gewährt hatte. Gegenüber den Sozialisten, so Laloy, war man im Iran zunächst misstrauischer: "Und doch hatte die islamische Diktatur der Mullahs keinen Grund, sich über die Sozialistische Partei zu beklagen: Als der spätere Premierminister und Lionel Jospin im Juni 1980 in Teheran eine internationale Konferenz zum Thema 'amerikanische Einmischungen' mitorganisierte, während die amerikanischen Botschaftsgeiseln noch immer festgehalten wurden - was einen eklatanten Verstoß gegen das Völkerrecht darstellte -, zögerte er nicht, die Delegation der Partei anzuführen, begleitet von Didier Motchane, einem Vertrauten von Jean-Pierre Chevènement, Vertretern der Kommunistischen Partei und der Gewerkschaft CGT, von Roger Garaudy, dem späteren Holocaustleugner, dem linksradikalen Richter Louis Joinet und Joë Nordmann, dem stalinistischen Anwalt." Es ist schwierig, im Netz Belege für diese Reise zu finden. Jospin hat die Reise allerdings selbst bestätigt, denn er schrieb das Vorwort zu dem Buch "Les socialistes français et l'Iran" von Alain Chenal von 2012, das man im Netz als pdf-Dokument lesen kann. Jospin schildert die Reise so, als habe die internationale Linke noch das Beste aus der Revolution machen wollen: "Nach diesem Besuch im Iran im Juni 1980 kehrte ich mit großer Sorge um jene unserer Freunde zurück, die in der Anfangsphase der islamischen Revolution gewählt worden waren. Und ich erinnere mich, dass ich oft von dieser Revolution als Beispiel dafür gesprochen habe, wie eine Revolution 'ihre Kinder verschlingt'." Dass die Mullahs die iranische Linke in der Folge vernichtete, schreibt Jospin der amerikanischen und französischen Unterstützung für den Irak im Krieg mit dem Iran in den achtziger Jahren zu.
Archiv: Desk Russie

Seznam Zpravy (Tschechien), 21.04.2026

Ausstellungsplakat: William Kentridge, The Battle Between YES and NO, Kunsthalle Prag


Für die Prager Kunsthalle hat der südafrikanische Künstler William Kentridge zusammen mit der Kuratorin Christelle Havranek die Ausstellung "The Battle Between Yes and No" konzipiert, die noch bis 7. September zu sehen ist. Sie präsentiert sich als multidisziplinäre, pulsierende Collage und virtueller Rundgang durch sein Atelier, wie Hanna Slívová berichtet. Flucht und Migration schwingen als Themen der Ausstellung mit. William Kentridges Großvater, ein litauischer Anwalt und Politiker jüdischer Herkunft, floh damals mit seiner Frau vor dem zaristischen Terror nach Südafrika, seine Eltern wiederum kämpften als Anwälte gegen die Apartheid, und sein Vater verteidigte in den 1950er-/60er-Jahren auch Nelson Mandela. "Viele Juden engagierten sich im Kampf gegen die Apartheid, weil sie mit Unterdrückung nur zu sehr vertraut waren", erklärt Kentridge im Interview. Für die tschechische Ausstellung hat der Künstler sich zudem von Milan Kundera, Jan Švankmajer, Jiří Trnka, dem "guten Soldaten Schwejk" und Franz Kafka inspirieren lassen. "Ich denke, wenn man Kafka und Schwejk kombiniert, hat man eine gute Grundlage, um die Welt zu verstehen", so Kentridge. Slívová ist besonders von seinen Kohlezeichnungen angetan: "Kentridges Fähigkeit, so viele geistige Quellen und künstlerische Ansätze zu deren Umsetzung unter einen Hut zu bringen, ohne dabei an Relevanz zu verlieren, ist beeindruckend. Aber vielleicht noch fesselnder ist es, das Schwirren seiner ursprünglichen Einfälle in der verwischten Gestalt der Kohle zu beobachten."
Archiv: Seznam Zpravy

London Review of Books (UK), 28.04.2026

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William Davies bespricht ein Buch des Politikwissenschaftlers Anton Jäger über "Hyperpolitics" - gemeint ist die seit einigen Jahren zu beobachtende zunehmende Politisierung der Öffentlichkeit, die sich oftmals kaum in messbaren Fortschritten im realpolitischen Raum niederschlägt. Und zwar, weil es an der institutionellen Infrastruktur - zum Beispiel in Form von Gewerkschaften - fehlt, die dem politischen Furor dauerhaft Wirkkraft verschaffen könnten: "Während die Politisierung weiter zunimmt, befindet sich die Institutionalisierung auf einem Tiefpunkt. Genau das unterscheidet die Hyperpolitik von der Massendemokratie der Mitte des 20. Jahrhunderts. Symbolische politische Gesten sind heute allgegenwärtig, doch die bezahlte Mitgliedschaft in Organisationen und Parteien ist stark zurückgegangen. Die Linke hat es nicht geschafft, einen Ersatz für die Gewerkschaften als Grundlage kollektiven Handelns in der Zivilgesellschaft zu finden. Es fällt den Leuten leicht, sich politische Bewegungen anzuschließen - und sie wieder zu verlassen. Die Kluft zwischen politischer Haltung (politics) und politischer Gestaltung (policy) wird größer, da erstere zu einem fruchtlosen Strom der Empörung mit wenig oder gar keinen praktischen Konsequenzen wird. Jäger blickt fast wehmütig auf die Antipolitik der frühen 2010er Jahre zurück, die zumindest konkrete Forderungen stellte, bestimmte Eliten ins Visier nahm und über neue politische Parteien mit klaren politischen Programmen - wie etwa Podemos, gegründet 2014 - 'erste Schritte hin zu einer Re-Institutionalisierung' unternahm."

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Zu den vielen vergessenen und langsam erst wiederentdeckten Malerinnen zählen die Französin Élisabeth Vigée Le Brun sowie die englisch-italienische Malerin Maria Cosway. Sie kannten einander und auch ihre an Turbulenzen reichen Leben ähnelten sich, wie Rosemary Hill in der soeben erschienenen Cosway-Biografie von Diane Boucher sowie in den ebenfalls jüngst editierten Erinnerungen von Vigée Le Brun "Souvenirs" liest. Als talentierter, auch wagemutiger erwies sich die Französin: So löste ihr Porträt "Marie-Antoinette en gaulle" 1783 einen Skandal aus. In dem Porträt "wurden die brisanten Konzepte von Weiblichkeit und Monarchie zu einer explosiven Mischung vereint. Die Königin wurde in einem modischen weißen Musselinkleid von äußerster Schlichtheit dargestellt, das für die meisten Menschen damals so aussah, als trüge sie nur Unterwäsche. Eine solche Reaktion auf neue Modetrends in der Damenmode ist nicht ungewöhnlich, doch Marie-Antoinettes Porträts galten als Ikonen des Ancien Régime, und dies wurde als Blasphemie ausgelegt - ein PR-Desaster von solchem Ausmaß, dass Le Brun das Bild aus dem Salon entfernen ließ. Sie malte Marie-Antoinette dreißig Mal und war praktisch ihre offizielle Porträtmalerin, was sie bei Ausbruch der Revolution in Gefahr brachte. ... Ihre Flucht wird in 'Souvenirs' sachlich und kurz behandelt, als eine einzelne Episode in einem Leben und einer Karriere, die von Krieg und Revolutionen geprägt waren und an deren letzte Jahre sie sich mit Witz und Gelassenheit erinnert."

Sydney Review of Books (Australien), 27.04.2026

Wie beginnt man einen Roman, fragt sich die Schriftstellerin Jane O'Sullivan in der Sydney Review of Books. Ratschläge gibt es viele, gute Beispiele auch, aber auch die Gewissheit, dass wir uns gerade in Zeiten befinden, in denen die Leserinnen weniger werden, der Druck, einen spektakulären ersten Satz rauszuhauen, hingegen steigt: "Ich finde es überraschend - vielleicht naiverweise - dass Schreibtipps für Fiktionales sich so oft aufs Ködern der Leser beziehen. Wenn man es so sieht, ist Schreiben ein Rennen gegen die Zeit. Die Leser verlassen schon den Raum, aber wenn du gut genug bist, und viel Glück hast, kannst du einen der letzten erwischen. Das ist so eine deprimierende Haltung. Warum sich noch bemühen, und so weiter." Was aber macht den ersten Satz eines Romans gut für O'Sullivan? "In vielen der ersten Sätze, die mich überzeugen, stimmt ganz klar etwas nicht. Die 'Bell Jar'-artige Eröffnung von Josephine Rowes 'A Loving, Faithful Animal' fängt so an: 'Das war der Sommer, als ein Pottwal krank in die Bucht trieb, tot am Mount Martha angespült wurde, und viele geschmacklose Witze über Fruchtbarkeit gemacht wurden' (Pottwal heißt auf Englisch sperm whale, d.Red.) Aber es ist nicht immer vordergründig oder laut wie Orwells 'die Uhren schlugen dreizehn'. Manchmal ist es nur ein Hinweis und das Unbehagen, das man als Leserin fühlt, weil alles ein bisschen zu verdächtig perfekt ist."

Istories (Lettland / Russland), 22.04.2026

Wolodomir Selenski hat vor Kurzem wieder gewarnt, dass Belarus Kriegspartei im Ukraine-Krieg werden könnte. Istories blickt darauf, wie real diese Gefahr sein könnte. "Lukaschenko erklärt, dass er 'im Kriegsfall' und im Falle einer Mobilmachung die Armee auf 500.000 Soldaten aufstocken könnte. Das oppositionelle Vereinigte Übergangs-Kabinett von Belarus geht davon aus, dass die Armee durch Mobilmachung bestenfalls auf 140.000 bis 200.000 Soldaten aufgestockt werden könnte, wobei diese Zahl die inneren Truppen des Innenministeriums einschließen würde. 'Eine halbe Million ist meiner Meinung nach nur ein Mantra, das zur Selbstberuhigung oder vielleicht zur Einschüchterung der Nachbarn dient', sagt Vadzim Kabanchuk, Vertreter des Verteidigungsausschusses innerhalb der belarussischen Opposition. Außerdem müsste geklärt werden, wie eine so große Zahl von Rekruten ausgerüstet, untergebracht und ausgebildet werden soll. (...) Auch das Militär ist nach Einschätzung der belarussischen Opposition nicht gerade kriegslustig. 'Den Soldaten selbst fehlt die Motivation - man muss ihnen erklären, warum sie in ein fremdes Land einmarschieren und es besetzen sollen. Dafür gibt es keine politische Ideologie', sagt der Aktivist Ilja Dobrotvor."
Archiv: Istories
Stichwörter: Ukrainekrieg, Belarus

Outside (USA), 07.04.2026

In Japan sind die Bären los! Insbesondere in den ländlichen Regionen abseits der Metropolen, die immer schon stark von bewaldeten Gebirgszügen geprägt waren, häufen sich die schweren, teils tödlichen Angriffe insbesondere durch den für das Land typischen Kragenbären. Das Jahre 2025 ist gar ein annus horribilis, im Herbst gab es fast täglich Schlagzeilen von Angriffen und teils militärisch geführten Gegenmanövern. Owen Clarke war zu diesem Zeitpunkt vor Ort und hat sich nach den Gründen für die Bärenkrise umgehört: Einerseits finden die Bären immer weniger Nahrung in den Wäldern - was mit dem Klimawandel und einer starken Zunahme der Bärenpopulation zu tun hat, da es aufgrund der strikten Waffengesetze in Japan kaum mehr Jäger gibt. Auf der anderen Seite ist die Demografie ein Hauptfaktor: "Japan vergreist rapide", während die Geburtsraten 2024 erneut auf einem Rekordtief waren. Der Soziologie "Daniel Aldirch ... glaubt, dass dieser sich auftürmende demografische Wandel zur Bärenkrise des Landes beiträgt." Denn "ohne ausreichend junge Erwachsene, die in den ländlichen Regionen leben und Kinder großziehen, schmilzt die Bevölkerung dahin und in der Folge, erklärt Aldrich, kann der Grenzbereich zwischen Zivilisation und Wildnis unscharf werden. 'Es gibt weniger Autos auf den Straßen, weniger Jäger im Wald, weniger Bauern in den Feldern', sagt er. ... In weiten Teilen des ländlichen Japans werden Äcker wieder zu Wald und die Städte gehen in die natürliche Welt über, erzählt der Agrarwissenschaftler Masashi Soga." Um das Problem zu lösen, 'sollte Japan über einen radikalen Rückzug aus den ländlichen Gegenden nachdenken, meint Aldrich. In Regionen, in denen Geschäfte schließen und Häuser leer stehen, sollte die Regierung einschreiten und die Leute in dicht besiedelte Gemeinden und Städte umsiedeln."
Archiv: Outside