Magazinrundschau
Ohne Sündenböcke überleben?
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
30.09.2025. René Girard ist der Denker der Stunde, insistieren Salmagundi und The Point - aber nicht weil Peter Thiel ihn liest. Die London Review, HVG, Respekt, Elet es Irodalom, der New Statesman und der New Yorker machen sich alle Sorgen um die Meinungsfreiheit, fragen sich aber auch, wo ihre Grenzen sind. New Lines stellt das Musiklabel "Baidaphon" vor, das zwischen den Weltkriegen in Berlin hunderte Platten von Musikern aus dem Nahen und Mittleren Osten produzierte. Der Rolling Stone porträtiert den Rasputin am Trumpschen Hof. La Regle du jeu lernt Emmanuel Carreres Mutter kennen, Frankreichs berühmteste Russlandexpertin und Putin-Freundin Hélène Carrère d'Encausse.
The Point (USA), 11.08.2025
Jedes Jahrzehnt hat wohl so seinen Geheimintellektuellen, der lange Zeit vor der eigenen Aktualität schrieb, und plötzlich alle Zauberwörter für eben diese Aktualität schon ausgesprochen zu haben schien. Walter Benjamin hatte mal diesen Status, Carl Schmitt vielleicht, später Leo Strauss und jetzt also René Girard, der unter anderem so oft genannt wird, weil der Oberfinsterling der amerikanischen Rechten, Peter Thiel, ihn jetzt für sich beschlagnahmt hat. Dagegen wehrt sich in Salmagundi der Girard-Schüler Paul Leslie, der eindrücklich zeigt, dass Girard Thiel nicht verdient hat - Thomas Assheuer hat Leslies Text vor einigen Monaten ausführlich in der Zeit gewürdigt. Geoff Shullenberger erinnert in The Point an andere Kontroversen, in die Girard zu seinen Lebzeiten verwickelt war. Seine Ausgangsszene ist der Streit zwischen dem extrem radikalen Sartre-Sekretär Benny Lévy und Michel Foucault zur Frage der revolutionären Gewalt - ausgetragen wurde er seinerzeit in Sartres Zeitschrift Les Temps modernes. Lévy plädierte (natürlich verkürzt gesagt) für Volkstribunale, Foucault für dionysische Gewalt losziehender Volkshorden, die die Schädel ihrer Unterdrücker auf Spießen herumführen. Aber Foucault hatte damals auch Girards Buch "La Violence et le Sacré" (1972) gelesen und mit Girard darüber korrespondiert - und Girard schien laut Shullenberger damals der bei weitem vernünftigste. In dem Buch habe Girard gezeigt, wie sich Gesellschaft in frühester Zeit über das Opfer und den Sündenbock konstitutierte. Erst Judentum und Christentum hätten es geschafft, diese Logik der Gewalt zu zähmen. Für Girard ist Gewalt "lediglich eine Ablenkung von der eigentlichen Krise der Moderne, nämlich: 'Wie kann man ohne Verbote, ohne opfernde Fehlwahrnehmung, ohne Sündenböcke überleben?' In ihrer Vorstellung, dass Gesten der Überschreitung oder vielleicht die 'entschlossene Massenaktion' politisch Militanter die Stagnation einer festgefahrenen Moderne durchbrechen könnten, spielten Radikale wie Deleuze und Foucault lediglich ein konventionelles Drehbuch des modernen Lebens nach. Nur weil Gewalt in der Moderne so effektiv unterdrückt wurde, argumentierte Girard, konnte ihre Wiederauferstehung für moderne Intellektuelle verlockend erscheinen." Benny Lévy wurde nach seiner extremistischen Phase übrigens zu einem frommen orthodoxen Juden. Shullenberger zitiert aus einem späten Brief an Sartre auch folgende Passage des gewandelten Lévy: "Er stellt Sartre eine sehr Girard'sche Frage: 'Kann Humanität durch Gewalt hervorgebracht werden? … Kann Gewalt wirklich die erlösende Rolle, die konstitutive Funktion haben, die Sie ihr zugeschrieben haben?' Nach kurzem Zögern antwortet der Philosoph: 'Diese Meinung vertrete ich nicht mehr.'" Und Lévy weiter: "Vielleicht spürt der Jude, dass der revolutionäre Mob zum Pogrommob werden kann, und weiß, dass er bedroht ist, wenn eine Menschenmenge beginnt, sich als mystischer Körper zu verstehen.'" Girard hat laut Shullenberger aber auch verstanden, dass Religion nicht der eigentliche Riegel gegen Gewalt sei: "Als atheistische revolutionäre Bewegungen im späten 20. Jahrhundert ihre Zugkraft verloren, füllten offen religiöse Bewegungen das Vakuum. Aber anstatt einen neuen Weg einzuschlagen, wie Foucault es sich kurzzeitig für den iranischen Islamismus erträumt hatte, fielen diese Bewegungen weitgehend in das zurück, was Lévy als 'Perversionen' ihrer säkularen Vorgänger bezeichnete."London Review of Books (UK), 25.09.2025
Das Problem an KI-Deepfakes, glaubt Claire Wilmot, ist nicht, dass sie alternative Fakten schaffen, die von den Menschen für bare Münze genommen werden. Vielmehr durchschaut die Zielgruppe in der Mehrzahl die Fälschungen - und verbreitet sie trotzdem enthusiastisch weiter: "Wie Deleuze und Guattari in 'Anti-Ödipus' schrieben, war der Faschismus der 1930er-Jahre nicht in erster Linie ein Problem der Unwissenheit: 'Die Massen waren keine unschuldigen Betrogenen; zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter bestimmten Bedingungen, wollten sie den Faschismus, und es ist diese Perversion des Begehrens der Massen, die erklärt werden muss.' Ein Teil des Missverständnisses in Bezug auf die Bedrohung durch Deepfakes rührt daher, dass man sie als ein Problem faktisch falscher Informationen versteht, anstatt als ein Problem des Begehrens (oder der materiellen Bedingungen, die dieses Begehren formen). Die Deepfakes, die sich in den sozialen Medien der extremen Rechten vervielfältigen - einige davon wurden am 13. September bei einer Right-Wing-Demonstration in London sogar ausgedruckt und auf Bannern gezeigt -, sind faschistische Traummaschinen. Sie bieten klare, illustrative Diagnosen der angeblichen Probleme Großbritanniens (Islam, People of Colour, Migranten), eine Theorie des Wandels (abgeriegelte Grenzen, Masseninhaftierungen, Deportationen) und eine Vision der Zukunft (hegemoniale weiße Männlichkeit, christlicher Revanchismus)." Die Labour-Regierung hat dem wenig entgegen zu setzen, meint Wilmot.HVG (Ungarn), 25.09.2025
Innerhalb kürzester Zeit haben zwei voneinander unabhängige Suizidfälle - einer jungen Schauspielerin und eines Polizisten - größere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erlangt, denn beide Personen wurden in einigen Medien für politische Kampagnenzwecke zunächst kritisiert, dann persönlich attackiert. Unerträglich, findet die Publizistin Boróka Parászka. "Heute ist es eine legitime politische Frage, wen man noch weiter in den Sumpf herunterziehen und noch tiefer versenken kann. Es werden 'Kämpfer' rekrutiert, keine Menschenretter. Sie verkünden, dass es Schwäche sei, nicht weiter auf den am Boden Liegenden einzuschlagen. In dieser Psychose ist psychische Instabilität nichts, wofür der Staat eine Therapie anbieten oder was die aufgeheizten Bürger als Alarmsignal wahrnehmen würden. Der Verlust des seelischen Gleichgewichts ist ein Zustand, den wir unseren Gegnern wünschen. Den anderen aus dem Gleichgewicht bringen, erniedrigen, in Angst versetzen, ihm ständige Unruhe bereiten - das nennt man heutzutage politische Taktik, Wahlkampf. (…) Aber die beiden Tode haben deutlich gezeigt, wie sehr die gefährdeten, schutzlosen Menschen auf sich allein gestellt sind, wie sehr es erschwert wurde, den in Not geratenen, zurückgelassenen Menschen zu helfen. Und vor allem, dass die Selbstsucht und die Schädigungsbereitschaft im öffentlichen Leben keine Grenzen mehr kennen."New Statesman (UK), 26.09.2025
Ella Dorn schaut sich in Online-Foren um, in denen Fans - oder besser: Ex-Fans - des Popstars D4vd sich obsessiv mit dem Tod eines 15-jährigen Mädchens beschäftigen, deren Leiche in einem Auto des Sängers gefunden wurde. Als Indizien werden unter anderem Songtexte D4vds, Fotografien unklarer Herkunft und alte Chatprotokolle herangezogen. Was dabei völlig auf der Strecke bleibt, ist Empathie mit der Toten: "Die Detektive des Internets spielen selbstbewusst ein Kriminalverfahren nach. Doch sie haben die Sache verkehrt herum aufgezogen. Mehr Platz in den Foren wird damit gebraucht, über das Böse zu grübeln, als es zu beenden. Nichts kann das Opfer zurückbringen; der erste Preis ist für die Online-Poster nicht die Bestrafung des Angeklagten oder auch nur das Lob, das man für die Aufdeckung einer kriminellen Verschwörung erhalten könnte. Es ist ein voyeuristischer Zugang zu der Trauer anderer Menschen; D4vds ehemalige Fans, die durchaus berechtigt wären, selbst Trauer zu empfinden, fühlen sich nun dazu verpflichtet, sich in den Tatort hineinzuphantasieren. Punkte erhält, wer am meisten dazu beiträgt, die letzten Augenblicke eines jungen Mädchens auf Erden möglichst genau in seinem Kopf nachzustellen."Respekt (Tschechien), 28.09.2025
Kurz vor den tschechischen Parlamentswahlen sorgt sich Respekt-Chefredakteur Erik Tabery, dass die Tschechen eine "Wutregierung" wählen könnten: "Wir brauchen nicht drumherumzureden, die [Parteien] SPD und Stačilo! sagen offen, was sie vorhaben. Sie versprechen, uns aus der Europäischen Union und der NATO herauszuführen. Sie wollen die Kontinuität und Ausrichtung des Landes, die wir 1989 eingeschlagen haben, brechen." Ferner verbreiteten die SPD und Stačilo! permanenten Hass - gegen Flüchtlinge, LGBT+-Personen, Liberale, missliebige Medien und gemeinnützige Organisationen. Und leider sei die Zeit ihnen gewogen. "Es ist eine perfekte Zeit für diejenigen, die sich nicht an Regeln halten, und dagegen eine äußerst schwierige Zeit für alle, die sich durch Kontrollinstitutionen und Gepflogenheiten einschränken lassen." Gleichzeitig sei der Raum für klassische Debatten geschrumpft. "Im Fernsehen gibt es mehr Politik als je zuvor, aber in Wirklichkeit weniger denn je. Man gibt vor allem dem Gebell Raum, man setzt auf den Konflikt, darauf, dass sich die politischen Kontrahenten gegenseitig bekämpfen, guten journalistischen Fragen hingegegen wird weniger Bedeutung beigemessen. (…) Und da die öffentliche Debatte ausschließlich auf Konflikten basiert, haben wir uns daran gewöhnt, Wahlen als Bestrafung zu betrachten - als Bestrafung anderer Parteien, anderer Teile der Gesellschaft. Wut wird zu einer immer stärkeren Triebkraft, das Gefühl, dass nichts etwas wert ist, also werde ich's denen wenigstens zeigen."Elet es Irodalom (Ungarn), 26.09.2025
Die Soziolinguistin Ágnes Huszár analysiert in Elet es Irodalom die Kommunikationsstrategien der Regierungspartei Fidesz sowie des Ministerpräsidenten Viktor Orbán: "Das Hauptziel von Orbáns Rede am 7. September beim jährlichen "bürgerlichen Picknick" im West-Ungarischen Kötcse (Kötsching) war es, sich neben Russland, das er zum Sieger erklärte, dem neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten, der die Welt verändert, und der Weltmacht China zu positionieren und, wenn auch nur vage, auf die Beute hinzuweisen, die einem treuen Gefolgsmann zusteht: die ehemals ungarischen Gebiete in der Karpatenregion. Damit hat er seine Regierung und seine Partei endgültig auf eine postfaktische Politik festgelegt. Die Wahrheit - die Übereinstimmung mit den Tatsachen - spielt dabei keine Rolle mehr. Der Wahlkampf ist post-truth-, oder, um es unverblümter zu sagen: lügenzentriert (...) Diese Politik richtet sich an das Inland und zielt darauf ab, die Wahlen im nächsten Jahr zu gewinnen. Orbán möchte sich als globalpolitischer Faktor präsentieren, als wichtiger Mann, auf den die Führer der Großmächte hören und der selbst globalpolitische Wendepunkte herbeiführen kann, beispielsweise den Untergang oder den Fortbestand der Europäischen Union. Er, der in die Zukunft blickt und die Weltpolitik gestaltet, wird sich nicht mit irgendwelchen Kleinigkeiten - dem ungarischen Gesundheitswesen, dem Bildungswesen - beschäftigen, diese Probleme lösen sich von selbst. Oppositionsmitglieder nimmt er nicht einmal als Menschen wahr - sie sind für ihn Wanzen, kleine Hähne, haarlose Füchse vom Lande. (…) Was Orbán als 'Kunst der Politik' darzustellen versucht, ist in Wirklichkeit Betrug, Wortbruch, Täuschung eines gutgläubigen Partners. Früher oder später wird dies auffliegen. Bei den europäischen Partnern ist dies bereits geschehen, so wird er zu wichtigen Beratungen nicht mehr eingeladen."New Yorker (USA), 06.10.2025
Nicht erst seit dem Mord an Charlie Kirk schlägt das Thema Meinungsfreiheit in den USA besonders hohe Wellen, das zeigen Louis Menand zwei neue Bücher der Princeton-Professoren Christopher Eisgruber ("Terms of Respect: How Colleges Get Free Speech Right") und Fara Dabhoiwala ("What Is Free Speech? The History of a Dangerous Idea"). Der Historiker Dabhoiwala hält die Entwicklungen zu einem großzügiger ausgelegten Recht auf freie Rede für gefährlich, weil dadurch auch Hate Speech legitimiert werde: "Die richtige Art und Weise, um zu entscheiden, welche Aussagen toleriert werden sollen, sei, die 'dubiose Unterscheidung' zwischen Worten und Handlungen aufzugeben. 'Ihre angeblich unterschiedliche Macht', betont er, 'ist nur ein bequemer Mythos.' Wir sollten Sprache genauso regulieren wie Verhalten. Es ist 'total nachvollziehbar, sich gegen Äußerungen zu stellen, die man für ernsthaft schädlich hält', so Dabhoiwala, 'und zu argumentieren, dass diese nicht unter Meinungsfreiheit fallen.' Was genau die Argumentation von Donald Trump ist. Ich hoffe, dass dies Dabhoiwala anregt, seine Position zu überdenken. Als Akademiker versucht haben, bestimmte Begriffe und Auffassungen zu stigmatisieren, wie beispielsweise in Princeton, haben sie die erste Regel der Meinungsfreiheit vergessen: The Postman always rings twice. Die heute Gemaßregelten sind die Maßregelnden von morgen. Wenn die Aktionen der Administration so dreist unrechtmäßig sind, warum geben dann alle einfach nach? Zum Teil aus Kosten-Nutzen-Gründen. (…) Regierungsämter können vor Gericht angegriffen werden und manche dieser Angriffe waren vor Berufungsinstanzen erfolgreich. Aber zuletzt entscheidet immer noch der Supreme Court. Manchen, die von der Regierung zu Feinden im Krieg um die Meinungsfreiheit ernannt wurden, macht das Sorgen. Universitäten, die den Betrieb einstellen oder ihre Diversity-Programme umbenennen, wollen nicht nur den Präsidenten zufriedenstellen. Sie haben antizipiert, dass die Gerichte wohl eher die Behörden unterstützen werden, die 'Diversität' als Alibi für eine unzulässige rassistische Klassifizierung interpretieren, die den Gleichstellungsgrundsatz verletzt. Professoren, die sich beschweren, dass ihre Unis 'einknicken', wenn sie den Begriff Diversity aufgeben, sollten das wissen."Weitere Artikel: Jon Lee Anderson beschreibt die schwierige Situation von Kubanern, die vor Castros Regime in die USA geflüchtet sind, die selbst immer autoritärer werden. Tim Berners-Lee erzählt Julian Lucas, wie er das Internet retten will (mehr dazu hier). Und Justin Chang sah im Kino Paul Thomas Andersons "One Battle After Another".
New Lines Magazine (USA), 26.09.2025
Anna-Theresa Bachmann und Hannah El-Hitami stellen das libanesische Musiklabel "Baidaphon" vor, das in der Zwischenkriegszeit in Berlin hunderte Platten der unterschiedlichsten Musiker aus dem Nahen und Mittleren Osten produzierte: "Die Aufnahmen, die auf Arabisch, Farsi, Türkisch und Hebräisch veröffentlicht wurden, erzählen eine längst vergessene Geschichte. Der Aufstieg und Fall dieses Musiklabels ist untrennbar mit der Geopolitik des 20. Jahrhunderts verbunden. Es ist eine Geschichte von Unternehmertum und Erfindungsreichtum, die sich über mehrere Länder erstreckt, in einer Zeit großer globaler Umbrüche, und eine Geschichte von Liebe und Freundschaft zwischen Arabern und Juden in einer Zeit wachsenden Rassismus und Antisemitismus. Vor allem aber ist es die Geschichte der Familie Baida", bestehend aus dem christlich-libanesischen Unternehmer Michel Baida und seiner deutsch-jüdischen Frau Hilde. "Berlin entwickelte sich zwischen den Weltkriegen zu einem Magnet für die arabischsprachige Diaspora: Arabische Clubs veranstalteten Tanzpartys, Studentenvereinigungen und politische Gruppen organisierten Demonstrationen und veröffentlichten Zeitschriften. Dieser Zeitgeist spiegelt sich in den Platten von Baidaphon wider. Msika beispielsweise nahm während ihres Aufenthalts in Berlin eine Reihe von Liedern mit nationalistischen Texten auf. 'Wir alle! Für das Vaterland, für Ruhm und die Flagge', singt sie in der ältesten bekannten Aufnahme der libanesischen Nationalhymne. 'Nicht jede von Baidaphon veröffentlichte Platte war nationalistisch oder antikolonial', erklärte uns der Historiker Christopher Silver von der McGill University in Montreal in einem Videogespräch. 'Aber viele der Platten waren es. Und selbst wenn nicht, interpretierten die Leute sie subversiv. In den 1930er Jahren waren die französischen Kolonialbehörden in Algerien, Tunesien und Marokko so besorgt über den Einfluss dieser Musik, dass sie Baidaphon-Platten in den von ihnen kontrollierten Gebieten verboten. Sie warfen Michel sogar vor, im Auftrag der Deutschen zu handeln, um die französische Kontrolle über ihre Kolonien zu schwächen. Dennoch verbreitete sich die Musik durch Umetikettierung und über die Baidaphon-Filialen in Casablanca, Jaffa, Bagdad und Beirut.'" Nach der Machtergreifung mussten die Baidas aus Deutschland fliehen und kehrten schließlich nach Beirut zurück. Hier singt der ägyptische Sänger und Baidaphon-Star Mohammed Abdel Wahab "Al-Warda al-Baida" (Die weiße Rose) aus dem gleichnahmigen Film von 1933:
La regle du jeu (Frankreich), 23.09.2025

Dlf - Essay und Diskurs (Deutschland), 28.09.2025
Ava Kofman erzählt (in einem zuvor im New Yorker veröffentlichten Text) von ihren Treffen mit dem früheren Programmierer Curtis Yarvin, der seit den Nullerjahren - damals noch anonym als Blogger unter dem Pseudonym Mencius Moldbug - davon träumt, die USA in eine wie ein IT-Business geführte Monarchie umzuwandeln und die liberale Demokratie auf dem Friedhof der Geschichte zu entsorgen. Seinerzeit fiel es noch leicht, ihn und seine Anhänger als spinnerte Online-Politsekte innerhalb der IT-Branche abzutun. Heute hingegen reicht Yarvins Einfluss über seine Kontakte mit dem einflussreichen rechtslibertären Milliardär Peter Thiel bis direkt ins Weiße Haus, wo man seine Texte und Slogans mittlerweile mehr oder weniger offensichtlich als Stichwortgeber fürs eigene politische Programm zum Umbau der Demokratie in einen autoriären Staatsapparat nutzt. "J. D. Vance, der heutige Vizepräsident und frühere Mitarbeiter in einer von Peter Thiels Risikokapitalfirmen, zitierte Yarvin 2021 bei seinem Auftritt in einem rechtsextremen Podcast, als er vorschlug, eine künftige Trump-Regierung solle 'jeden einzelnen mittleren Beamten, sämtliche Staatsdiener im Verwaltungsapparat feuern und durch unsere Leute ersetzen'. Gerichte, die daran Anstoß nähmen, solle man ignorieren. Marc Andreessen, Co-Chef von Andreessen Horowitz und informeller Berater im sogenannten Department of Government Efficiency (DOGE), zitiert inzwischen seinen 'guten Freund' Yarvin, wenn er anmahnt, dass eine Gründergestalt unsere 'außer Kontrolle geratene' Bürokratie in die Hand nehmen müsse. Andrew Kloster, der neue Chefjustiziar im Amt für Personalverwaltung der Regierung, hat erklärt, der Austausch von Beamten durch loyale Anhänger könne Trump dabei helfen, 'die Kathedrale' zu besiegen. ... 2011 sagte Yarvin, Trump sei eine von zwei Persönlichkeiten, die 'biologisch' das Zeug zum amerikanischen Monarchen hätten. 2022 empfahl er Trump, im Falle seiner Wiederwahl die Leitung der Exekutive an Elon Musk zu übergeben. In einem Podcast mit seinem Freund Michael Anton, dem heutigen Leiter des Planungsstabs im Außenministerium, sprach sich Yarvin dafür aus, zivilgesellschaftliche Institutionen wie etwa die Harvard University zu schließen. ... Wann immer ich Yarvin nach Parallelen zwischen seinen Texten und realen Ereignissen fragte, gab er sich lässig. Offenbar sah er sich selbst als Kanal für die reine Vernunft - rätselhaft war ihm allein, warum andere ihm immer so hinterherhinkten. 'Eine Lüge kann man erfinden, die Wahrheit aber kann man nur entdecken', sagte er zu mir."Rolling Stone (USA), 14.09.2025
Asawin Suebsaeng, Nikki McCann Ramirez und Andrew Perez porträtieren den stellvertretenden Stabschef des Weißen Hauses und Berater für Heimatschutz Stephen Miller und dessen "Schreckensherrschaft". Millers Kompetenzen gehen weit über die ihm verliehen Ämter hinaus, so die drei Reporter, er sei der eigentliche Kopf hinter Trumps brutaler Migrationspolitik. Die Autoren schildern Miller als einen rechtsextremen Fanatiker, der davon überzeugt ist, einen Kulturkampf gegen "anti-weißen Hass" und "anti-weißen Rassismus" führen zu müssen. Dabei steht ihm unter Trump nichts mehr im Wege: "Miller berührt praktisch jede politische und exekutive Maßnahme (insbesondere im Zusammenhang mit innenpolitischen Initiativen), praktisch alle Dokumente, Trump-Direktiven, verfassungsrechtlich fragwürdigen Anordnungen und Memos (...). Das umfassende Vorgehen der Trump-Administration gegen Diversitätsprogramme, Hochschulbildung und die Meinungsfreiheit, die Trump nicht interessiert, ist ein direkter Ausdruck von Millers Ethos und belebt Millers lang gehegten Wunsch, den konservativen 'Kulturkampf' auf eine Weise zu föderalisieren, die einst gesellschaftlich inakzeptabel war. Trumps ausufernde Einwanderungs- und Grenzkontrollen sind nichts weiter als 'The Stephen Miller Show', präsentiert von Stephen Miller Productions LLC und persönlich inszeniert von Stephen Miller. Jedes Stück Papier, das der Präsident zur Einführung dieser Inlandsprogramme unterzeichnet, liest der Trump-Stellvertreter sorgfältig durch, nimmt manchmal Korrekturen vor und drängt andere Trump-Beamte im gesamten Bundesapparat, es zu erledigen. Seine Beschimpfungen von Beamten innerhalb der Ministerien und Behörden sind legendär, wenn nicht gar zu Albträumen geworden. Seit Beginn der zweiten Trump-Administration berichteten zwei Quellen, die in der Bundesregierung gearbeitet und persönlich mit Miller zu tun hatten, dem Rolling Stone, dass seine Beschimpfungen sie beide bei der Arbeit zum Weinen gebracht hätten. Bei behördeninternen Diskussionen beschimpfte und schrie Miller regelmäßig Beamte an, bedrohte deren Jobs oder ihre Zukunft in der Partei und versuchte, sie vor ihren Kollegen zu demütigen. Er wird wütend, wenn er das Gefühl hat, dass die Zahl der festgenommenen Einwanderer nicht hoch genug angesetzt ist oder Trumps innenpolitische Agenda auch nur geringfügig ins Stocken gerät. Er ist bekannt für seine Überstunden und sein Mikromanagement der brutalen Politik der neuen Regierung. Seit 2017 genießt er in den republikanischen Führungsebenen den Ruf, alles zu sagen, alles zu tun und fast jeden zu verraten - im Dienste Trumps und, was noch wichtiger ist, um seine Macht und Nähe zum Präsidenten zu wahren."
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