Magazinrundschau - Archiv

The Point

3 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 09.07.2019 - The Point

Aktualisierung vom 10. Juli: Entgegen unserer Behauptung, dass es in Deutschland nicht so brillante Polemiken zum Habermas-Geburtstag gab, müssen wir darauf hinweisen, dass Geuss' Aufsatz zuerst auf deutsch in Soziopolis erschien. Außerdem ist Geuss nicht mehr Amerikaner, sondern - nach Einbürgerung - Brite. Pardon. D.Red.

In der angelsächsischen Sphäre scheint Jürgen Habermas ganz eindeutig als "Liberaler" zu gelten. In The Pointmag veröffentlichte der amerikanische Philosoph Raymond Geuss (ex Cambridge) zum Neunzigsten des Denkers eine Polemik, wie man sie in dieser Qualität in Deutschland nicht zu lesen bekam: Geuss wirft dem Habermasschen Kult der "Diskussion" und der "Kommunikation" eine sträfliche Naivität vor. Beispiel ist für ihn der Brexit, ein Ziel das vor Jahren allenfalls zehn Prozent der Briten angestrebt hätten und das durch permanentes Schnattern und Kommunizieren zum Super-GAU einer schlecht qualifizierten Mehrheit wurde. Auch Habermas' Idee der Legitimität greift Geuss an. Ingesamt klingt seine Polemik konservativ: Das haben wir also davon, wenn dieses ganze Volk anfängt zu deliberieren.

Auf Geuss' Polemik antwortet nun der amerikanische Historiker Martin Jay, der Habermas in Schutz nimmt: Natürlich suche eine modernen Demokratie permanent nach Legitimität, und zwar durch nichts anderes als Diskussion und Kommunikation: "Die Suche nach einem plausiblen Begriff von Legitimität mittels einem diskursiven Prozess der Willensbildung als ein heuchlerisches liberales Experiment abzuqualifizieren... ist in einer säkularen Welt, in der Fragen der Souveränität, der Menschenrechte und konstitutioneller Zwänge permanent ausgehandelt werden, erschreckend zynisch."

Magazinrundschau vom 05.02.2019 - The Point

Der Philosoph Anton Barba-Kay denkt in einem Essay gründlich darüber nach, wie das Internet die politische Diskussion verändert, weil die Diskussion im Netz ohne sozialen Kontext der Sprechenden auskommen muss. Kontextlos sind auch oft Fakten, die benutzt werden, die eigene Meinung "objektiv" zu untermauern: "Studien haben gezeigt...", heißt es dann. "Doch auch wenn wissenschaftliche Daten zur prestigeträchtigsten Art des Online-Informationsaustauschs geworden sind, hat diese Entwicklung nicht zur Versöhnung unserer politischen Unterschiede beigetragen, sondern im Gegenteil die Polarisierung verstärkt. Während politische oder soziale Informationen ihre Fragmentierung in 'Fakten' erleben, weil sie nach dem Standard objektiven Neutralität bewertet werden, den wissenschaftliche Fakten verkörpern sollen, werden sie zur gleichzeitig parteiischer. Jede Tatsache ist das Ergebnis eines Urteils, das im Rahmen des Zulässigen gefällt wurde. Es gibt eine mehr oder weniger ausgewogene und nüchterne Berichterstattung, aber keine objektive oder neutrale. Wenn also die Charakterisierung des Nachrichtenwürdigen für uns online optional wird, wenn unsere Informationsquellen so vielfältig sind, dass sie auf mich zugeschnitten und kommerzialisiert sind, dann kann es nicht überraschen, wenn diese Vielfalt eher der Polarisierung als dem Konsens dient. Schließlich gibt es keinen zwingenden Grund, das, was ich 'bias' nenne, von dem zu unterscheiden, was Sie einen 'substantiellen Einwand' nennen."

Magazinrundschau vom 23.05.2017 - The Point

Andrew Kay hat ein Ph.D. in englischer Literarur, seine Dissertation befasst sich mit poetischen Theorien des Vergnügens im 19. Jahrhundert. Seit Jahren bewirbt er sich für eine Universitätsstelle. Gleichzeitig sucht er über Dating-Apps nach einer Freundin. Beide Bewerbungsarten enden in deprimierender Häufigkeit im Nirvana. Sie haben auch sonst einiges gemeinsam, lernt er und erzählt von einem Date, das in seiner Wohnung endete: "Wir küssten uns die nächsten Minuten, erst gelassen, dann mit größerer Intensität. Dann begannen wir uns auszuziehen. Während sie meinen Gürtel löste, lehnte sie sich vorwärts und sagte mir ins  Ohr: 'Ich will wissen, was du alles mit mir tun wirst. Wo steckst du das hin?' Überrascht beschloss ich die Frage als buchstäblich und akademisch modisch zu verstehen und antwortete - kein Scherz, Leser, ich sagte das wirklich, ohne eine Spur von Ironie - 'deine Vagina?" Sie zog sich zurück, sah mich an, erst spöttisch, dann mit leichter Verzweiflung. Nach einem Augenblick fing sie sich wieder und sah mich wieder an, diesmal mit der unnachgiebigen Entschlossenheit von jemandem, der mit einer 44er Magnum auf einen zielt: 'Komm schon, das ist dein Vorsprechen.'"