
Jedes Jahrzehnt hat wohl so seinen Geheimintellektuellen, der lange Zeit vor der eigenen Aktualität schrieb, und plötzlich alle Zauberwörter für eben diese Aktualität schon ausgesprochen zu haben schien. Walter Benjamin hatte mal diesen Status, Carl Schmitt vielleicht, später Leo Strauss und jetzt also
René Girard, der unter anderem so oft genannt wird, weil der Oberfinsterling der amerikanischen Rechten, Peter Thiel, ihn jetzt für sich beschlagnahmt hat. Dagegen
wehrt sich in
Salmagundi der Girard-Schüler
Paul Leslie, der eindrücklich zeigt, dass Girard Thiel nicht verdient hat - Thomas Assheuer hat Leslies Text vor einigen Monaten ausführlich in der
Zeit gewürdigt. Geoff Shullenberger
erinnert in
The Point an andere Kontroversen, in die Girard zu seinen Lebzeiten verwickelt war. Seine Ausgangsszene ist der Streit zwischen dem extrem radikalen Sartre-Sekretär
Benny Lévy und
Michel Foucault zur Frage der
revolutionären Gewalt - ausgetragen wurde er seinerzeit in Sartres Zeitschrift
Les Temps modernes. Lévy plädierte (natürlich verkürzt gesagt) für Volkstribunale, Foucault für dionysische Gewalt losziehender Volkshorden, die die
Schädel ihrer Unterdrücker auf Spießen herumführen. Aber Foucault hatte damals auch Girards Buch "La Violence et le Sacré" (1972) gelesen und mit Girard darüber korrespondiert - und Girard schien laut Shullenberger damals der bei weitem vernünftigste. In dem Buch habe Girard gezeigt, wie sich Gesellschaft in frühester Zeit über das Opfer und den Sündenbock konstitutierte. Erst Judentum und Christentum hätten es geschafft, diese Logik der Gewalt zu zähmen. Für Girard ist Gewalt "lediglich eine Ablenkung von der eigentlichen Krise der Moderne, nämlich: 'Wie kann man ohne Verbote, ohne opfernde Fehlwahrnehmung,
ohne Sündenböcke überleben?' In ihrer Vorstellung, dass Gesten der Überschreitung oder vielleicht die 'entschlossene Massenaktion' politisch Militanter die Stagnation einer festgefahrenen Moderne durchbrechen könnten, spielten Radikale wie Deleuze und Foucault lediglich ein
konventionelles Drehbuch des modernen Lebens nach. Nur weil Gewalt in der Moderne so effektiv unterdrückt wurde, argumentierte Girard, konnte ihre Wiederauferstehung für moderne Intellektuelle verlockend erscheinen." Benny Lévy wurde nach seiner extremistischen Phase übrigens zu einem frommen orthodoxen Juden. Shullenberger zitiert aus einem späten Brief an Sartre auch folgende Passage des gewandelten Lévy: "Er stellt Sartre eine sehr
Girard'sche Frage: 'Kann Humanität durch Gewalt hervorgebracht werden? … Kann Gewalt wirklich die erlösende Rolle, die konstitutive Funktion haben, die Sie ihr zugeschrieben haben?' Nach kurzem Zögern antwortet der Philosoph: 'Diese Meinung vertrete ich nicht mehr.'" Und Lévy weiter: "Vielleicht spürt der Jude, dass der revolutionäre Mob zum
Pogrommob werden kann, und weiß, dass er bedroht ist, wenn eine Menschenmenge beginnt, sich als mystischer Körper zu verstehen.'" Girard hat laut Shullenberger aber auch verstanden, dass Religion nicht der eigentliche Riegel gegen Gewalt sei: "Als atheistische revolutionäre Bewegungen im späten 20. Jahrhundert ihre Zugkraft verloren, füllten offen religiöse Bewegungen das Vakuum. Aber anstatt einen neuen Weg einzuschlagen, wie Foucault es sich kurzzeitig für den
iranischen Islamismus erträumt hatte, fielen diese Bewegungen weitgehend in das zurück, was Lévy als 'Perversionen' ihrer säkularen Vorgänger bezeichnete."