Magazinrundschau - Archiv

The Point

4 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 09.03.2021 - The Point

Wussten Sie, dass Albert Camus kurze Zeit als Meteorologe gearbeitet hat? Laura Marris, die gerade Camus' "Die Pest" übersetzt, stieß darauf bei ihren Recherchen zu den vielen Wetterangaben im Roman. "Fast ein Jahr lang, von 1937-38, trug er einen Laborkittel am Institut für Geophysik in Algier und katalogisierte Messungen des atmosphärischen Drucks von hunderten von Wetterstationen in ganz Nordafrika. Die Daten hatten sich angehäuft, und trotz der Arroganz ihrer imperialen Ambitionen konnten die Männer, die das Institut leiteten, nicht genug Geld auftreiben, um einen Wissenschaftler einzustellen, der für diese 'anspruchsvolle und in der Tat verblüffende Aufgabe' ausgebildet war. Dennoch war Camus' Vorgesetzter, Lucien Petitjean, mit seiner Arbeit zufrieden. Sie muss ihm ein detailliertes Bild des Wetters gegeben haben, das so trocken und klinisch war, dass es im Widerspruch zu seiner Erfahrung der natürlichen Welt stand. 'Wie in allen Wissenschaften der Beschreibung (Statistik - die Fakten sammelt) ist das größte Problem in der Meteorologie ein praktisches Problem: das des Ersetzens fehlender Beobachtungen', schrieb er in sein Notizbuch. 'Die Temperatur schwankt von einer Minute zur nächsten', stellte er klar. 'Dieses Experiment verschiebt sich zu sehr, um in mathematischen Konzepten stabilisiert zu werden. Die Beobachtung stellt hier einen willkürlichen Ausschnitt der Realität dar.' Bald ließ Camus das Geophysikalische Institut hinter sich und arbeitete für die Zeitung Alger Républicain. Aber seine Sensibilität für die Schwankungen des Wetters blieb ihm erhalten, besonders als er beschloss, über eine Seuche zu schreiben. Für seinen Roman griff er auf eine wissenschaftliche Quelle mit literarischen Bezügen zurück - das 1897 erschienene Buch 'La défense de l'Europe contre la peste'. Der Autor war kein Geringerer als Adrien Proust, Epidemiologe und Vater des Schriftstellers Marcel."

Magazinrundschau vom 09.07.2019 - The Point

Aktualisierung vom 10. Juli: Entgegen unserer Behauptung, dass es in Deutschland nicht so brillante Polemiken zum Habermas-Geburtstag gab, müssen wir darauf hinweisen, dass Geuss' Aufsatz zuerst auf deutsch in Soziopolis erschien. Außerdem ist Geuss nicht mehr Amerikaner, sondern - nach Einbürgerung - Brite. Pardon. D.Red.

In der angelsächsischen Sphäre scheint Jürgen Habermas ganz eindeutig als "Liberaler" zu gelten. In The Pointmag veröffentlichte der amerikanische Philosoph Raymond Geuss (ex Cambridge) zum Neunzigsten des Denkers eine Polemik, wie man sie in dieser Qualität in Deutschland nicht zu lesen bekam: Geuss wirft dem Habermasschen Kult der "Diskussion" und der "Kommunikation" eine sträfliche Naivität vor. Beispiel ist für ihn der Brexit, ein Ziel das vor Jahren allenfalls zehn Prozent der Briten angestrebt hätten und das durch permanentes Schnattern und Kommunizieren zum Super-GAU einer schlecht qualifizierten Mehrheit wurde. Auch Habermas' Idee der Legitimität greift Geuss an. Ingesamt klingt seine Polemik konservativ: Das haben wir also davon, wenn dieses ganze Volk anfängt zu deliberieren.

Auf Geuss' Polemik antwortet nun der amerikanische Historiker Martin Jay, der Habermas in Schutz nimmt: Natürlich suche eine modernen Demokratie permanent nach Legitimität, und zwar durch nichts anderes als Diskussion und Kommunikation: "Die Suche nach einem plausiblen Begriff von Legitimität mittels einem diskursiven Prozess der Willensbildung als ein heuchlerisches liberales Experiment abzuqualifizieren... ist in einer säkularen Welt, in der Fragen der Souveränität, der Menschenrechte und konstitutioneller Zwänge permanent ausgehandelt werden, erschreckend zynisch."

Magazinrundschau vom 05.02.2019 - The Point

Der Philosoph Anton Barba-Kay denkt in einem Essay gründlich darüber nach, wie das Internet die politische Diskussion verändert, weil die Diskussion im Netz ohne sozialen Kontext der Sprechenden auskommen muss. Kontextlos sind auch oft Fakten, die benutzt werden, die eigene Meinung "objektiv" zu untermauern: "Studien haben gezeigt...", heißt es dann. "Doch auch wenn wissenschaftliche Daten zur prestigeträchtigsten Art des Online-Informationsaustauschs geworden sind, hat diese Entwicklung nicht zur Versöhnung unserer politischen Unterschiede beigetragen, sondern im Gegenteil die Polarisierung verstärkt. Während politische oder soziale Informationen ihre Fragmentierung in 'Fakten' erleben, weil sie nach dem Standard objektiven Neutralität bewertet werden, den wissenschaftliche Fakten verkörpern sollen, werden sie zur gleichzeitig parteiischer. Jede Tatsache ist das Ergebnis eines Urteils, das im Rahmen des Zulässigen gefällt wurde. Es gibt eine mehr oder weniger ausgewogene und nüchterne Berichterstattung, aber keine objektive oder neutrale. Wenn also die Charakterisierung des Nachrichtenwürdigen für uns online optional wird, wenn unsere Informationsquellen so vielfältig sind, dass sie auf mich zugeschnitten und kommerzialisiert sind, dann kann es nicht überraschen, wenn diese Vielfalt eher der Polarisierung als dem Konsens dient. Schließlich gibt es keinen zwingenden Grund, das, was ich 'bias' nenne, von dem zu unterscheiden, was Sie einen 'substantiellen Einwand' nennen."
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Magazinrundschau vom 23.05.2017 - The Point

Andrew Kay hat ein Ph.D. in englischer Literarur, seine Dissertation befasst sich mit poetischen Theorien des Vergnügens im 19. Jahrhundert. Seit Jahren bewirbt er sich für eine Universitätsstelle. Gleichzeitig sucht er über Dating-Apps nach einer Freundin. Beide Bewerbungsarten enden in deprimierender Häufigkeit im Nirvana. Sie haben auch sonst einiges gemeinsam, lernt er und erzählt von einem Date, das in seiner Wohnung endete: "Wir küssten uns die nächsten Minuten, erst gelassen, dann mit größerer Intensität. Dann begannen wir uns auszuziehen. Während sie meinen Gürtel löste, lehnte sie sich vorwärts und sagte mir ins  Ohr: 'Ich will wissen, was du alles mit mir tun wirst. Wo steckst du das hin?' Überrascht beschloss ich die Frage als buchstäblich und akademisch modisch zu verstehen und antwortete - kein Scherz, Leser, ich sagte das wirklich, ohne eine Spur von Ironie - 'deine Vagina?" Sie zog sich zurück, sah mich an, erst spöttisch, dann mit leichter Verzweiflung. Nach einem Augenblick fing sie sich wieder und sah mich wieder an, diesmal mit der unnachgiebigen Entschlossenheit von jemandem, der mit einer 44er Magnum auf einen zielt: 'Komm schon, das ist dein Vorsprechen.'"