Emmanuel Carrere

Ein russischer Roman

Cover: Ein russischer Roman
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2017
ISBN 9783957573636
Gebunden, 282 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Claudia Hamm. "Mein Leben war verfolgt von Wahnsinn und Horror. Die Bücher, die ich geschrieben hatte, sprachen von nichts anderem. Nach 'Der Widersacher' konnte ich nicht mehr. Ich wollte diesem Zwang entkommen. Und ich dachte, ihm durch die Liebe zu einer Frau und durch Nachforschungen über meine Familie entkommen zu können. Die Nachforschungen drehten sich um meinen Großvater mütterlicherseits, der nach einem tragischen Leben 1944 verschwand und sehr wahrscheinlich als Kollaborateur erschossen wurde. Seine Geschichte ist das Geheimnis meiner Mutter, das Gespenst, das in unserer Familie spukt. Um dieses Gespenst zu bannen, ging ich riskante Wege."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.08.2017

Schwer zu sagen, worum es in Emmanuel Carreres "Russischer Roman" geht, denn eigentlich schreibt der Autor "vom permanenten Prozess der Enttäuschung", so Sabine Vogel. Diese Enttäuschung äußert sich aber auch in der Erzählung, in der jeder aufgenommene Faden - der verschwundene Großvater, ein verschollener Soldat, eine pornografische Szene in einem Zug - sich schnell wieder verliert und die Rezensentin "desillusioniert, melancholisch und depressiv" zurücklässt. Russland stellt sich dar als Gemisch aus "Trostlosigkeit, Gewalt und Wodka", das Russische als Sprache, in der sich nur über das Grauen schreiben lässt, was dem "depressiven Knitter-Egomanen" Carrere aber gut zu Gesicht steht, findet Vogel.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 06.05.2017

Am Rande seiner Begegnung mit dem französischen Schriftsteller Emmanuel Carrere verliert Richard Kämmerlings auch einige Worte über dessen "russischen Roman", der, wie der Kritiker erfährt, mehr Autofiktion als Roman ist. In dem im Original bereits 2007 erschienenen Buch erzählt Carrere von der Suche nach seinen russischen Wurzeln, erklärt der Rezensent, der hier nachliest, wie sich der Autor nach einer Russland-Reise mit dem familiären Trauma um den als georgischer Emigrant nach Frankreich geflohenen Großvater auseinandersetzt, der im Zweiten Weltkrieg mit den deutschen Besatzern kollaborierte und nach der Befreiung spurlos verschwand. Überhaupt ist das Werk ein "Krisenbuch" geworden, fährt Kämmerlings fort, der hier auch einem Beziehungsdrama des Autors folgt. Wie Carrere seine Geschichte als "witzige Reisereportage" in die postkommunistischen Provinz beginnen lässt, nebenbei ein "Eifersuchtsdrama" ersinnt und geradezu "masochistisch" und zugleich herrlich selbstironisch von seiner Obsession mit der russischen Seele und seiner "Liebesparanoia" erzählt, findet der Kritiker virtuos.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.04.2017

Keinen Roman, auch kein Memoir hat Rezensent Ijoma Mangold mit Emmanuel Carreres im Original bereits 2008 erschienenem Buch gelesen. Nein, das Werk ist viel mehr als das, versichert der Kritiker, der in dem französischen Schriftsteller den Begründer eines neuen Genres jenseits der Autofiktion erkennt: Thematisch müssen Carreres Bücher weder etwas mit dem Leben des Verfassers zu tun haben, noch authentisch verbürgt sein - und doch ist der Autor in jedem Moment mit im Bild, klärt Mangold auf. Im "russischen Roman" geht Carrere noch einen Schritt weiter, informiert der Kritiker, der dem Autor hier nicht nur auf autobiografische Spurensuche ins postsowjetische trostlose Russland der frühen nuller Jahre folgt, sondern vor allem staunt, wie Carrere mittels performativer Sprechakte direkt in die Wirklichkeit einzugreifen versucht: Er erzählt hier, wie er in "Le Monde" seiner damaligen Freundin Sophie eine "exhibitionistische Liebeserklärung" machte, dort ihre intimen Körperstellen exakt beschrieb und in Folge plante, dass alle Leserinnen sich im Zugrestaurant trafen, um durch gegenseitige Berührung herauszufinden, wer Sophie sein könnte, resümiert der Kritiker. Der in der Wirklichkeit angerichtete Schaden wird durch die Spannung und Virtuosität des Buches allemal gerechtfertigt, ist sich Mangold sicher.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2017

Dieses Buch, so die sehr beeindruckte Rezensentin Hanna Engelmeier, ist eine "große Gabe" an seine Leserinnen und Leser. Groß, aber kaum weniger "monströs" als die realen Geschenke, von denen es handelt: einem pornografischen Brief an seine Geliebte, den Emmanuel Carrère für alle Welt sichtbar in "Le monde" veröffentlicht hat; einem Film, der seinen Gegenstand, die junge Russin Anja, nur noch postum adressieren kann; und dem Buch, das Carrère seiner Mutter, einer in Frankreich hochberühmten Historikerin, widmet - obwohl sie sich nichts weniger wünscht als ein solches Geschenk. Vielschichtig ist das Buch, kein Roman, keine Autobiografie, sondern ein ganz eigenes Carrèresches Ding. Erzählprosa als offene Bekennerschrift, die sich, so Engelmeier, an der Grenze "zu Meditation, Essay und Reportage" bewegt. Sie bewegt sich an dieser Grenze, daran lässt die Rezensentin keinen Zweifel, hoch virtuos. Aber starke Nerven braucht die Leserin doch.
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