Magazinrundschau

Entgrenzt und losgelassen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
23.09.2025. In Atlantic erklärt Jill Lepore die Rechtsidee des Originalismus, der die US-Verfassung für unveränderbar erklärt - ähnlich wie Islamisten den Koran. Die LRB findet die intellektuellen Wurzeln des Trumpismus im Paläolibertarismus eines Murray Rothbard. Le Grand Continent entdeckt das neueste Instrument des Priestertrugs. In Irozhlas spricht Agnieza Holland über ihren neuen Film "Franz" (Kafka). In Public Books erklärt der Südamerika-Historiker Greg Grandin einen wesentlichen Unterschied zwischen den USA und Lateinamerika. Quietus huldigt Kate Bush.

The Atlantic (USA), 23.09.2025

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Wer hätte gedacht, dass konservative amerikanische Richter wie Islamisten argumentieren, wenn sie die Verfassung interpretieren? Und warum? Um Frauenrechte zu beschränken, was sonst. Das lernt man aus Jill Lepores neuem Buch "We the People: A History of the U.S. Constitution", aus dem The Atlantic einen langen Auszug bringt, der sich mit der Geschichte des Originalismus befasst. 1971 hatte der "Yale-Rechtsprofessor Robert Bork eine Methode der Verfassungsauslegung vorgestellt, die als Originalismus bekannt wurde. Der Begriff 'Originalismus' hielt erst 1980 Einzug in die englische Sprache und war vor 1987, als Reagan Bork für einen Sitz am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten nominierte, praktisch unbekannt. Die Nominierung wurde abgelehnt. Bork vertrat die Auffassung, dass die Verfassung nur unter Berücksichtigung der ursprünglichen Absichten ihrer Verfasser gelesen werden könne und dass jede andere Auslegungsmethode einer Änderung durch die Justiz gleichkomme." Zwei Jahre später legalisierte der Supreme Court in Roe v. Wade das Recht auf Abtreibung. Als Reagan 1981 Präsident der USA wurde, begann eine Kampagne der Republikaner, neu zu ernennende Bundesrichter routinemäßig auf ihre Auffassung zur Abtreibung zu überprüfen. Das "war damals sowohl neuartig als auch umstritten. Mitglieder von Reagans Justizministerium verteidigten diese Praxis mit dem Argument, dass sie stattdessen auf Originalismus prüften. Wie ein stellvertretender Generalstaatsanwalt in einem Memo an den Generalstaatsanwalt schrieb: 'Die Idee der 'ursprünglichen Absicht' darf nicht einfach als eine weitere Theorie der Rechtswissenschaft vermarktet werden, sondern ist vielmehr ein wesentlicher Bestandteil des verfassungsrechtlichen Systems der Gewaltenteilung.' Er betonte: 'Entgegen den Behauptungen wählen wir keine Richter aus, die der Nation eine 'rechte Sozialagenda' aufzwingen, sondern solche, die erkennen, dass auch sie an die Verfassung gebunden sind.'" Mit der Ernennung von Antonin Scalia 1986 zum Richter am Supreme Court, schaffte es der Originalismus dann an das höchste Gericht. Scalia schaffte es noch nicht Roe v. Wade zu kippen, dass gelang dann den drei originalistischen Richtern Neil Gorsuch, Brett Kavanaugh und Amy Coney Barrett. Sie folgten damit Scalia, der überzeugt war, Frauen hätten kein Recht auf Abtreibung, weil das nicht in der Verfassung stehe. "'Wenn ich sie finde - die ursprüngliche Bedeutung der Verfassung - bin ich gefesselt', sagte er und presste seine Hände zusammen, als wären sie gebunden. 'Die Verfassung ist kein lebender Organismus, um Himmels willen', sagte er und rezitierte dann den bekannten Refrain: 'Sie ist tot, tot!'" So könnte Ali Khamenei über den Koran sprechen.
Archiv: The Atlantic

Le Grand Continent (Frankreich), 21.09.2025

Charlie Kirk spricht aus dem Jenseits - dank KI:


Künstliche Intelligenz ist das neueste Instrument des Priestertrugs: "In mehreren Megakirchen haben Pastoren in den letzten Tagen Tausenden von Gläubigen eine Botschaft vorgespielt, die von einer Simulation der Stimme von Charlie Kirk stammt, der - nach seinem 'Martyrium' - angeblich aus dem Jenseits und dem Paradies spricht", erzählt der Rechtsprofessor und Religionswissenschaftler Pasquale Annicchino im Gespräch mit Gilles Gressani von Le Grand Continent. Die evangelikale Dimension des Trumpismus wurde bisher - wohl aus genereller Wohlgesonnenheit gegenüber allem Religiösen in westlichen Öffentlichkeiten - viel zu wenig thematisiert. Aber jenseits des Kitsches von AI-Videos, wie sie nach dem Tod von Charlie Kirk im Netz zirkulieren, gilt es, die apokalyptischen Visionen der MAGA-Revolutionäre äußerst ernstzunehmen, warnt er. Denn sie rechtfertigen einen Ausnahmezustand mit der Begründung, "dass nach der Ermordung von Kirk nichts mehr so sein kann wie zuvor... Dieser Ansatz trägt ganz offensichtlich dazu bei, die Grundlagen jedes zivilen Dialogs zu untergraben, denn er rechtfertigt jede Maßnahme, die als nützlich angesehen wird, um Amerika vor den Mächten der Finsternis zu 'retten'. Wenn Ihr Gegner ein satanischer Feind ist, sind alle Mittel erlaubt und Gesetze müssen außer Kraft gesetzt werden. Die jüngsten Äußerungen von Stephen Miller, stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses, der die Existenz einer 'organisierten terroristischen Bewegung' in der Linken aufdecken will, eröffnen die Möglichkeit, jeden politischen Gegner wegen Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten anzuklagen, was wahrscheinlich den operativen Kern dieses Schemas erweist."

HVG (Ungarn), 23.09.2025

Die aus Siebenbürgen stammende Publizistin Boróka Parászka kommentiert in HVG die jüngsten Grenzverletzungen in Polen, Rumänien und Estland durch russische Drohnen und Kampfflugzeuge der vergangenen Tage sowie die Reaktionen der ungarischen Regierung darauf: "Die Unverschämtheit der Orbán-Regierung, die hetzerischen, Ukraine-feindlichen Plakate und die verlogenen 'friedliebenden' Parolen waren schon bisher widerwärtig, beleidigend und erniedrigend. Wer Augen hat, kann sehen, wie Orbán um sein politisches Überleben ringt und wie er sich verhält. In Kiew hat man dies genau verfolgt, in der Karpatenregion hat man genau verstanden, wie der ungarische Ministerpräsident die dort lebenden Ungarn im Stich lässt. Jetzt stehen wir jedoch nicht mehr vor einer egoistischen Unhöflichkeit. Wenn es keine Wende in der ungarischen Politik gibt, wenn sich Ungarn nicht an die Seite der anderen solidarischen und sich gegenseitig unterstützenden Staaten der Union stellt, dann setzt es Europa, aber auch seine eigenen Bürger einer direkten Gefahr aus und sabotiert die Verteidigung. Im September sind wir an einem entscheidenden Punkt angelangt: Wird es eine gemeinsame, wirksame Verteidigung geben, oder wird Ungarn sie sabotieren?"
Archiv: HVG

London Review of Books (UK), 25.09.2025

William Davie beschäftigt sich anlässlich von John Ganz' Buch "When the Clock Broke: Con Men, Conspiracists and the Origins of Trumpism" mit den intellektuellen Wurzeln des Trumpismus und stößt dabei auf eine Denktradition, die vor allem in den frühen 1990er Jahren proliferierte - und zwar, anders als vorherige dominante Paradigmen auf Seiten sowohl der Rechten als auch der Linken, größtenteils außerhalb des akademischen Systems. Eine der Figuren, für die er sich besonders interessiert, ist Murray Rothbard, der sich selbst als einen "Paläolibertären" bezeichnet. Der Unterschied zu älteren konservativen Strömungen ist offenkundig: "Neoliberale wie Friedman waren ausdrücklich in ein Projekt des 'Elite Capture' eingebunden, das darauf abzielte, die Orthodoxie der wirtschaftspolitischen Entscheidungsfindung zu verändern. Der Paradigmenwechsel vom Keynesianismus zum Neoliberalismus gelang über bestehende Kreisläufe akademischer Forschung, politischer Beratung, der Finanzpresse und multilateraler Institutionen. Rothbard hatte die gegenteilige Überzeugung. Seiner Ansicht nach waren es die übergebildeten Eliten, die im Begriff waren, Amerika den Sozialismus aufzuzwingen; das einfache Volk hingegen war ein Verbündeter des Kapitalismus, gemeinsam mit dessen zentralen Werten, Privateigentum und persönlicher Freiheit. Der Paläolibertarismus war ein ausdrücklich populistisches politisches Projekt, das darauf abzielte, dem Volk Freiheit und Selbstverwaltung zurückzugeben. Rothbards Rhetorik enthielt deutliche Hinweise auf die Gewalt, die notwendig wäre, um dies zu erreichen - Gewalt, die (paradoxerweise) manchmal von zentralisierten politischen Mächten gegen die Institutionen der Elitenherrschaft ausgeübt werden müsste. Die Doppelhelix von Libertarismus und Autoritarismus, die sich durch große Teile von Trumps Programm zieht, lässt sich zu Rothbards Werk zurückverfolgen. Ein Problem, mit dem alle Paläos in den frühen 1990er-Jahren konfrontiert waren, bestand darin, wie man eine Massenbewegung koordinieren und ein politisches Programm entwerfen kann, während man gleichzeitig die etablierte Regierung, die Medien und öffentliche Institutionen angreift, die zur Umsetzung eines solchen Programms nötig sind. Das Talkradio lieferte einen Teil der Antwort, indem es die Wut weißer Männer kanalisierte und befeuerte, die zu einer zunehmend prägenden Kraft in der amerikanischen Politik wurde. Zwanzig Jahren später stellten die soziale Medien die Werkzeuge für die Verbreitung eines auf Ressentiment basierenden Populismus bereit."

Irozhlas (Tschechien), 23.09.2025

In Tschechien läuft gerade der Kafka-Film "Franz" (Trailer) der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland an. Holland, die in den 1960er Jahren an der Prager Filmhochschule studierte, weist im Gespräch mit Lucie Výborná auf die Paradoxien von Kafkas Prager Existenz hin: Besonders nach dem Ersten Weltkrieg sei seine Entfremdung groß gewesen, weil er zum einen Jude war, "aber kein wirklich jüdischer Jude, er war nicht religiös", zum anderen tschechoslowakischer Staatsbürger, aber zugleich hatten die Tschechen in ihrer neugeschaffenen Nation "keine besondere Wertschätzung für einen Juden, der auf Deutsch schrieb. Und auch die Deutschen betrachteten ihn nicht als den ihren." Schon darum sei er ein Außenseiter gewesen, nicht nur wegen seiner charakterlichen Disposition. "Dann kam der Zweite Weltkrieg, in dem fast seine gesamte Familie umkam." Und nach dem Krieg sei er weltberühmt geworden, man habe in seiner Vision einer entmenschlichten Welt die Prophezeiung des Holocaust erkannt. Doch dann kam der Stalinismus in die Tschechoslowakei "und Kafkas Werke wurden weder gedruckt noch gelesen, er galt als bourgeoiser Perverser." Das änderte sich mit dem Prager Frühling, den Holland hautnah miterlebte. "Er begann unter anderem mit einer Konferenz über Kafka, die der tschechoslowakische Schriftstellerverband organisierte." Agnieszka Holland besuchte auch die Literaturgeschichtsvorlesungen ihres Professors Milan Kundera, der sich auf die deutschsprachige Literatur konzentriert habe und "hauptsächlich über Kafka, Broch, Musil und Thomas Mann sprach, aber außer Mann hatten meine Kommilitonen nichts davon gelesen, sie kannten es schlicht nicht. Ich war die Einzige, die Kafka komplett gelesen hatte." Eine Zeitlang wurde alles von Kafka gedruckt, dann wiederum kam die kommunistische "Normalisierung" und Kafka habe abermals als verkommener Bourgeoiser gegolten. Mit dem Kapitalismus und dem freien Unternehmertum habe sich dann herausgestellt, dass Kafka als "großartige touristische Ware" funktionierte. "Meiner Meinung nach haben die meisten Tschechen Kafka nie wirklich als Menschen und Künstler wahrgenommen." Für Holland war von Anfang an klar, dass sie ihren Film nicht als Biopic anlegen wollte, dafür sei Kafkas Leben auch zu eintönig gewesen, seine reiche innere Welt verlangte nach einer mehr assoziativen und fragmentarischen Dramaturgie. Dabei stelle sie fest, dass vor allem jüngere Zuschauer viel mit ihrem Film-Kafka anfangen könnten. "Viele junge Menschen haben heute das Gefühl, anders zu sein und eine sogenannte neurodivergente Persönlichkeit zu haben. Franz hatte das ganz bestimmt auch."
Archiv: Irozhlas

New Lines Magazine (USA), 22.09.2025

"Als Nicht-Amerikaner zeichnen sich Kanadier stolz in Politik, Gesellschaft und Temperament aus, schlafen aber immer mit einem offenen Auge und dem Gesicht nach Süden", erklärt Jake Pitre, der die Geschichte des kanadischen Anti-Amerikanismus nachzeichnet. Denn der begann keinesfalls erst mit Trumps Drohung der Annexion: "Viele Historiker und Beobachter der Beziehungen zwischen den USA und Kanada haben versucht, die psychologischen Faktoren hinter den anhaltenden Ängsten zwischen den beiden ansonsten 'besten Freunden' zu diagnostizieren, die oft damit prahlen, die längste unbewachte Grenze der Welt zu teilen. Kim Richard Nossal, der wohl führende Wissenschaftler zum Thema kanadischen Antiamerikanismus, stellte fest, dass Kanada das einzige Land der Welt sei, das 'seine Existenz einem bewussten Akt des Antiamerikanismus verdanke', und zwar aufgrund der 'Weigerung der Eliten in den anderen britischen Kolonien in Nordamerika [heute Ontario, Quebec, Nova Scotia und New Brunswick], die Einladung der amerikanischen Revolutionäre anzunehmen, sich dem neuen republikanischen Experiment anzuschließen'." Um die anhaltende Wirkung "antiamerikanischer Stimmungen zu verdeutlichen, lohnt es sich, die vielfältigen Auswirkungen zu betrachten, die sie haben können. Nehmen wir den Vietnamkrieg, als, wie der kanadische Historiker J.L. Granatstein es 1996 in seinem Buch 'Yankee Go Home: Canadians and Anti-Americanism' formulierte, die Antikriegs- und die antiamerikanische Wut in Kanada langsam wuchsen und sich gegenseitig verstärkten.' Eine Studie der kanadischen Anglistikwissenschaftlerinnen Alison Borden, Alexandra Erath und Julie Yang zeigte beispielsweise, dass sich das kanadische Englisch angesichts der zunehmenden antiamerikanischen Stimmung während des Vietnamkriegs noch stärker dem britischen Englisch annäherte und Schreibweisen wie 'colour' übernahm, um Kanadier noch stärker von Amerikanern zu unterscheiden. Heute nutzen Kanadier die Sprache erneut, wenn auch vielleicht etwas frecher, um diese Unterscheidung zu verdeutlichen: Viele Cafés ändern ihre Kaffeekarten und ersetzen 'Americanos' durch 'Canadianos' - um dem Konsum dieses Yankee-Getränks besser aus dem Weg zu gehen."

Public Books (USA), 23.09.2025

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Der Südamerika-Historiker Greg Grandin unterhält sich mit Alexander Aviña über sein neues Buch "America, América: A new history of the world", eine 800 Seiten starke Geschichte über das angespannte Verhältnis zwischen Lateinamerika und den Vereinigten Staaten. Vor allem geht es Grandin aber auch darum, wie Lateinamerika zur Entstehung der modernen Welt beigetragen hat, nämlich maßgeblich, so die Hauptthese des Buches. Ein bezeichnenden Unterschied sieht der Historiker bereits darin, wie nach der jeweiligen Unabhängigkeit mit den Rechten der indigenen Bevölkerung umgegangen wurde. In Südamerika zeigte sich ein Humanismus und Geschichtsbewusstsein, das ganz anders war als das der Amerikaner: "Männer wie Hamilton, Jefferson und Adams glaubten jedenfalls nicht, sich für irgendetwas entschuldigen zu müssen. Simon Bolívar und andere seiner revolutionären Kohorte hingegen waren der Ansicht, die Unabhängigkeit erfordere nicht nur einen politischen, sondern einen intellektuellen und moralischen Bruch. Dies erfordere zumindest eine klare Auseinandersetzung mit der Geschichte, eine ethische Auseinandersetzung mit den Schrecken, Brutalitäten und Heucheleien der Kolonie. Viele Verfassungen und Unabhängigkeitserklärungen der Region verurteilten die Eroberung offen, mit Worten, die direkt von dem fortschrittlichen Theologen Bartolomé de Las Casas übernommen wurden. Während die Sklavenhalter sagten, die amerikanischen Ureinwohner seien weniger als Menschen und könnten daher unterworfen werden, bezeichneten Las Casas und spätere Unabhängigkeitsführer die Konquistadoren als Untermenschen, die sich durch die Befreiung von allen sozialen und moralischen Zwängen in wilde Tiere verwandelten und wie 'tollwütige Wölfe' über die Ureinwohner herfielen. Las Casas zitierte Cicero und betonte, dass die Menschlichkeit der Indigenen nicht auf ihrer Individualität im modernen Sinne beruhte, sondern vielmehr darauf, dass sie Gente waren, Individuen, die zusammenkamen, um sozial zu leben: 'Gente para vivir socialmente', schrieb Las Casas."
Archiv: Public Books

Quietus (UK), 15.09.2025

Patrick Clarke erinnert an "Hounds of Love", Kate Bushs großen, vor 40 Jahren erschienen Popklassiker, der im Zuge der letzten "Stranger Things"-Staffel ein beachtliches popkulturelles Comeback hingelegt hat. Für heutige Ohren mag ein Song wie "Running Up that Hill" einfach wie ein typischer 80s-Popsong klingen, "doch damals, 1985, wirkte das Stück, trotz seinen wuchtigen Linn-Drums und dem raumgreifenden Synthesizern, komplett einzigartig, entgrenzt und losgelassen. Weit davon entfernt, in einer Zeit des Sound-Konformismus kommerzielle Kapitualition zu repräsentieren, schuf sich Bush mit den Produktionstechniken der achtziger Jahr neue Instrumente für ihr Projekt, die Parameter von Pop zu erweitern. 'Running Up That Hill' fordert Offenheit gegenüber dem Anderen in einem Zeitalter des Selbst, drückt Staunen aus in einer Zeit des Pragmatismus und beschwört das Unheimliche in einem Zeitalter des Realismus herauf. ... Der Autoritarismus dieser Zeit stand oft im Widerspruch zur proklamierten Freiheit der Achtziger - und ging oft sogar dagegen vor. ... Während 'Hounds of Love' den Utopismus geradezu umarmt, erkennt das Album - auch unabhängig von Kate Bushs persönlichen Ansichten - die reaktionären, autoritären Kräfte an, die solchen Impulsen feindlich gegenüberstehen und sie unterdrücken. Wenn Bush in 'Running Up That Hill' ausruft 'Is there so much hate for the ones who love' positioniert sie im Zeitalter von AIDS die gegenkulturelle Befreiung gegenüber dem zeitgenössischen Konservatismus. In einer Periode, in der traditionelle Männlichkeit sich vom Einmarsch der Frauen in die Arbeitswelt bedroht sah, ruft 'Waking the Witch' pointiert die Erinnerung an die historische Verfolgung befreiter Frauen wach. ... Träume und Fantasie als Ausdruck von Befreiung und Absage an die Konventionen werden für die Männer an der Macht immer eine Bedrohung darstellen, die solche utopischen Impulse unterdrücken und den 'Realismus' des Status Quo bekräftigen. Bush hingegen ... stürmte solchen Beschränkungen und Anspannungen mit kindlicher Freude entgegen und dies nie freudiger, exzentrischer und kommerziell erfolgreicher als auf 'Hounds of Love'."

Archiv: Quietus
Stichwörter: Bush, Kate, Pop, 80er

Elet es Irodalom (Ungarn), 19.09.2025

Der Schriftsteller und Herausgeber der jüdischen Monatszeitschrift Szombat (Samstag) Gábor T. Szántó zeichnet in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung "1945 - wie weiter?" der 2B Galerie, Parallelen und Unterschiede der Lebensverläufe der polnischen und ungarischen Juden vor, während und nach dem Holocaust nach und bekräftigt eine ethnologische Perspektive auf jüdisches Leben in Ungarn am Beispiel des Warschauer Polin Museums: "Das vor einem Jahrzehnt eröffnete Polin-Museum in Warschau kann die Geschichte der polnischen Juden angemessen darstellen, weil es eine ethnologische Perspektive einnimmt, die sich aus der ehemaligen ethnokulturellen Souveränität der polnischen Juden ergibt: ihrer Unabhängigkeit und Selbstidentität mit eigener Sprache, Kultur und politischen Organisationen. Der Großteil der ungarischen Juden war vor und während des Zweiten Weltkriegs stärker assimiliert als die polnischen Juden. Ihre Identität basierte ausschließlich auf religiösen Unterschieden - bei vielen gab es nicht einmal das. Der ausschließende, zerstörerische Schock der Vernichtung verursachte daher in ihrem Identitätsbewusstsein vielleicht ein noch tieferes, existenzielles Trauma, das über die Zahl der Opfer und das individuelle Leid hinausging, da es ihnen ohne eine feste, eigenständige Zugehörigkeit schwerer fiel, über das, was ihnen widerfahren war, zu sprechen und es war für sie schwieriger, ihre Wut gegenüber den Tätern und ihren Kollaborateuren zu empfinden und auszudrücken, da sie sich als Opfergemeinschaft scharf von den Tätern und der schweigenden Mehrheit der Gesellschaft abgrenzen mussten. (…) An Warschauer Polin arbeiteten 150 Historiker und Fachleute aus anderen Disziplinen fast ein Jahrzehnt lang und entwickelten das Konzept in zahlreichen Diskussionen. Vielleicht kommt einmal die Zeit, dass auch in Ungarn eine ähnliche Einrichtung entsteht. Denn wir brauchen kein 'Haus der Schicksale', sondern ein historisches Museum zur Geschichte der ungarischen Juden, in dem nicht nur die Vernichtung der Juden, sondern auch ihr Leben dargestellt wird."

Guardian (UK), 23.09.2025

Chang Che porträtiert Song-Chun Zhu, einen AI-Forscher, der lange in Harvard und an der UCLA gearbeitet hatte, seit 2020 aber ein staatliches AI-Forschungsinstitut in China leitet. Zhu, lernen wir, vertritt die Auffassung, dass sich der gegenwärtige Mainstream seiner Forschungsrichtung auf dem Holzweg befindet, da er zu einseitig auf große Datenmengen setzt. Sein eigenes Beijing Institute for General Artificial Intelligence (BigAI) setzt hingegen auf ein Modell, das Kognition alltagsnah nachbilden möchte: "Beim letztjährigen Tech-Forum hatte BigAI ein virtuelles humanoides Kind namens TongTong vorgestellt, von dem sie hofften, dass es Fähigkeiten besitzen würde, die den meisten KI-Systemen fehlen. Forscher sind sich weitgehend einig, dass gesunder Menschenverstand, also Intuitionen darüber, wie die physische und soziale Welt funktioniert, zu den schwierigsten Dingen gehören, die neuronale Netzwerke erfassen können. Wie der AI-Pionier LeCun kürzlich sagte: 'Wir haben LLMs, die die Anwaltsprüfung bestehen können, also müssen sie ja intelligent sein. Aber dann können sie nicht in 20 Stunden Autofahren lernen wie ein 17-Jähriger, sie können den Esstisch nicht abräumen oder die Spülmaschine einräumen, wie es ein 10-Jähriger in einem Versuch kann. Warum ist das so? Was fehlt uns?' TongTong war noch nicht fähig, als Jurist zu arbeiten, schien aber dazu in der Lage zu sein, eine Spülmaschine zu beladen. Das Programm wurde entwickelt, um die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten eines drei- bis vierjährigen Kindes zu imitieren. In diesem Jahr stellte das BigAI-Team TongTong 2.0 vor, von dem sie behaupten, dass es die Fähigkeiten eines fünf- oder sechsjährigen Kindes besitzt. Auf einem großen Bildschirm erschien TongTong 2.0 in Form eines animierten Mädchens, das in einem virtuellen Wohnzimmer spielte. An der Frontseite des Konferenzraums führte ein BigAI-Ingenieur eine Live-Demonstration von TongTongs Fähigkeiten vor. Als der Ingenieur TongTong bat, mit ihrer Freundin LeLe, einem weiteren KI-Geschöpf, zusammenzuarbeiten, um ein Spielzeug zu finden, schien TongTong Bereiche zu meiden, die ihre Freundin bereits durchsucht hatte. Später, als TongTong gebeten wurde, eine Fernbedienung von einem Regal zu holen, das außerhalb ihrer Reichweite war, benutzte sie ein Kissen, um die eigene Reichweite zu erhöhen. Bei ähnlichen Aufgaben mit ChatGPT haben Forscher herausgefunden, dass das Programm ein schlechter Problemlöser ist, wenn es um Fragen des gesunden Menschenverstands ist. Zhu glaubt, dass diese Schwäche keine ist, die tief lernende Systeme wie ChatGPT überwinden können."
Archiv: Guardian