Magazinrundschau
Entgrenzt und losgelassen
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
23.09.2025. In Atlantic erklärt Jill Lepore die Rechtsidee des Originalismus, der die US-Verfassung für unveränderbar erklärt - ähnlich wie Islamisten den Koran. Die LRB findet die intellektuellen Wurzeln des Trumpismus im Paläolibertarismus eines Murray Rothbard. Le Grand Continent entdeckt das neueste Instrument des Priestertrugs. In Irozhlas spricht Agnieza Holland über ihren neuen Film "Franz" (Kafka). In Public Books erklärt der Südamerika-Historiker Greg Grandin einen wesentlichen Unterschied zwischen den USA und Lateinamerika. Quietus huldigt Kate Bush.
The Atlantic (USA), 23.09.2025

Le Grand Continent (Frankreich), 21.09.2025
Charlie Kirk spricht aus dem Jenseits - dank KI:
Künstliche Intelligenz ist das neueste Instrument des Priestertrugs: "In mehreren Megakirchen haben Pastoren in den letzten Tagen Tausenden von Gläubigen eine Botschaft vorgespielt, die von einer Simulation der Stimme von Charlie Kirk stammt, der - nach seinem 'Martyrium' - angeblich aus dem Jenseits und dem Paradies spricht", erzählt der Rechtsprofessor und Religionswissenschaftler Pasquale Annicchino im Gespräch mit Gilles Gressani von Le Grand Continent. Die evangelikale Dimension des Trumpismus wurde bisher - wohl aus genereller Wohlgesonnenheit gegenüber allem Religiösen in westlichen Öffentlichkeiten - viel zu wenig thematisiert. Aber jenseits des Kitsches von AI-Videos, wie sie nach dem Tod von Charlie Kirk im Netz zirkulieren, gilt es, die apokalyptischen Visionen der MAGA-Revolutionäre äußerst ernstzunehmen, warnt er. Denn sie rechtfertigen einen Ausnahmezustand mit der Begründung, "dass nach der Ermordung von Kirk nichts mehr so sein kann wie zuvor... Dieser Ansatz trägt ganz offensichtlich dazu bei, die Grundlagen jedes zivilen Dialogs zu untergraben, denn er rechtfertigt jede Maßnahme, die als nützlich angesehen wird, um Amerika vor den Mächten der Finsternis zu 'retten'. Wenn Ihr Gegner ein satanischer Feind ist, sind alle Mittel erlaubt und Gesetze müssen außer Kraft gesetzt werden. Die jüngsten Äußerungen von Stephen Miller, stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses, der die Existenz einer 'organisierten terroristischen Bewegung' in der Linken aufdecken will, eröffnen die Möglichkeit, jeden politischen Gegner wegen Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten anzuklagen, was wahrscheinlich den operativen Kern dieses Schemas erweist."
🚨✝️UNSHAKEN FAITH: Unbelievable Tribute: Charlie Kirk Meets Paul, Peter in Glory -FAITH OVER FEAR!!
- Project Constitution (@ProjectConstitu) September 14, 2025
In a world trying to silence truth, this powerful tribute hits hard: "Unshaken" - Charlie Kirk standing tall in glory with the first Christian martyrs like Paul, Peter, Andrew,… pic.twitter.com/zF4zSXRm3F
Künstliche Intelligenz ist das neueste Instrument des Priestertrugs: "In mehreren Megakirchen haben Pastoren in den letzten Tagen Tausenden von Gläubigen eine Botschaft vorgespielt, die von einer Simulation der Stimme von Charlie Kirk stammt, der - nach seinem 'Martyrium' - angeblich aus dem Jenseits und dem Paradies spricht", erzählt der Rechtsprofessor und Religionswissenschaftler Pasquale Annicchino im Gespräch mit Gilles Gressani von Le Grand Continent. Die evangelikale Dimension des Trumpismus wurde bisher - wohl aus genereller Wohlgesonnenheit gegenüber allem Religiösen in westlichen Öffentlichkeiten - viel zu wenig thematisiert. Aber jenseits des Kitsches von AI-Videos, wie sie nach dem Tod von Charlie Kirk im Netz zirkulieren, gilt es, die apokalyptischen Visionen der MAGA-Revolutionäre äußerst ernstzunehmen, warnt er. Denn sie rechtfertigen einen Ausnahmezustand mit der Begründung, "dass nach der Ermordung von Kirk nichts mehr so sein kann wie zuvor... Dieser Ansatz trägt ganz offensichtlich dazu bei, die Grundlagen jedes zivilen Dialogs zu untergraben, denn er rechtfertigt jede Maßnahme, die als nützlich angesehen wird, um Amerika vor den Mächten der Finsternis zu 'retten'. Wenn Ihr Gegner ein satanischer Feind ist, sind alle Mittel erlaubt und Gesetze müssen außer Kraft gesetzt werden. Die jüngsten Äußerungen von Stephen Miller, stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses, der die Existenz einer 'organisierten terroristischen Bewegung' in der Linken aufdecken will, eröffnen die Möglichkeit, jeden politischen Gegner wegen Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten anzuklagen, was wahrscheinlich den operativen Kern dieses Schemas erweist."
HVG (Ungarn), 23.09.2025
Die aus Siebenbürgen stammende Publizistin Boróka Parászka kommentiert in HVG die jüngsten Grenzverletzungen in Polen, Rumänien und Estland durch russische Drohnen und Kampfflugzeuge der vergangenen Tage sowie die Reaktionen der ungarischen Regierung darauf: "Die Unverschämtheit der Orbán-Regierung, die hetzerischen, Ukraine-feindlichen Plakate und die verlogenen 'friedliebenden' Parolen waren schon bisher widerwärtig, beleidigend und erniedrigend. Wer Augen hat, kann sehen, wie Orbán um sein politisches Überleben ringt und wie er sich verhält. In Kiew hat man dies genau verfolgt, in der Karpatenregion hat man genau verstanden, wie der ungarische Ministerpräsident die dort lebenden Ungarn im Stich lässt. Jetzt stehen wir jedoch nicht mehr vor einer egoistischen Unhöflichkeit. Wenn es keine Wende in der ungarischen Politik gibt, wenn sich Ungarn nicht an die Seite der anderen solidarischen und sich gegenseitig unterstützenden Staaten der Union stellt, dann setzt es Europa, aber auch seine eigenen Bürger einer direkten Gefahr aus und sabotiert die Verteidigung. Im September sind wir an einem entscheidenden Punkt angelangt: Wird es eine gemeinsame, wirksame Verteidigung geben, oder wird Ungarn sie sabotieren?"London Review of Books (UK), 25.09.2025
William Davie beschäftigt sich anlässlich von John Ganz' Buch "When the Clock Broke: Con Men, Conspiracists and the Origins of Trumpism" mit den intellektuellen Wurzeln des Trumpismus und stößt dabei auf eine Denktradition, die vor allem in den frühen 1990er Jahren proliferierte - und zwar, anders als vorherige dominante Paradigmen auf Seiten sowohl der Rechten als auch der Linken, größtenteils außerhalb des akademischen Systems. Eine der Figuren, für die er sich besonders interessiert, ist Murray Rothbard, der sich selbst als einen "Paläolibertären" bezeichnet. Der Unterschied zu älteren konservativen Strömungen ist offenkundig: "Neoliberale wie Friedman waren ausdrücklich in ein Projekt des 'Elite Capture' eingebunden, das darauf abzielte, die Orthodoxie der wirtschaftspolitischen Entscheidungsfindung zu verändern. Der Paradigmenwechsel vom Keynesianismus zum Neoliberalismus gelang über bestehende Kreisläufe akademischer Forschung, politischer Beratung, der Finanzpresse und multilateraler Institutionen. Rothbard hatte die gegenteilige Überzeugung. Seiner Ansicht nach waren es die übergebildeten Eliten, die im Begriff waren, Amerika den Sozialismus aufzuzwingen; das einfache Volk hingegen war ein Verbündeter des Kapitalismus, gemeinsam mit dessen zentralen Werten, Privateigentum und persönlicher Freiheit. Der Paläolibertarismus war ein ausdrücklich populistisches politisches Projekt, das darauf abzielte, dem Volk Freiheit und Selbstverwaltung zurückzugeben. Rothbards Rhetorik enthielt deutliche Hinweise auf die Gewalt, die notwendig wäre, um dies zu erreichen - Gewalt, die (paradoxerweise) manchmal von zentralisierten politischen Mächten gegen die Institutionen der Elitenherrschaft ausgeübt werden müsste. Die Doppelhelix von Libertarismus und Autoritarismus, die sich durch große Teile von Trumps Programm zieht, lässt sich zu Rothbards Werk zurückverfolgen. Ein Problem, mit dem alle Paläos in den frühen 1990er-Jahren konfrontiert waren, bestand darin, wie man eine Massenbewegung koordinieren und ein politisches Programm entwerfen kann, während man gleichzeitig die etablierte Regierung, die Medien und öffentliche Institutionen angreift, die zur Umsetzung eines solchen Programms nötig sind. Das Talkradio lieferte einen Teil der Antwort, indem es die Wut weißer Männer kanalisierte und befeuerte, die zu einer zunehmend prägenden Kraft in der amerikanischen Politik wurde. Zwanzig Jahren später stellten die soziale Medien die Werkzeuge für die Verbreitung eines auf Ressentiment basierenden Populismus bereit."Irozhlas (Tschechien), 23.09.2025
New Lines Magazine (USA), 22.09.2025
"Als Nicht-Amerikaner zeichnen sich Kanadier stolz in Politik, Gesellschaft und Temperament aus, schlafen aber immer mit einem offenen Auge und dem Gesicht nach Süden", erklärt Jake Pitre, der die Geschichte des kanadischen Anti-Amerikanismus nachzeichnet. Denn der begann keinesfalls erst mit Trumps Drohung der Annexion: "Viele Historiker und Beobachter der Beziehungen zwischen den USA und Kanada haben versucht, die psychologischen Faktoren hinter den anhaltenden Ängsten zwischen den beiden ansonsten 'besten Freunden' zu diagnostizieren, die oft damit prahlen, die längste unbewachte Grenze der Welt zu teilen. Kim Richard Nossal, der wohl führende Wissenschaftler zum Thema kanadischen Antiamerikanismus, stellte fest, dass Kanada das einzige Land der Welt sei, das 'seine Existenz einem bewussten Akt des Antiamerikanismus verdanke', und zwar aufgrund der 'Weigerung der Eliten in den anderen britischen Kolonien in Nordamerika [heute Ontario, Quebec, Nova Scotia und New Brunswick], die Einladung der amerikanischen Revolutionäre anzunehmen, sich dem neuen republikanischen Experiment anzuschließen'." Um die anhaltende Wirkung "antiamerikanischer Stimmungen zu verdeutlichen, lohnt es sich, die vielfältigen Auswirkungen zu betrachten, die sie haben können. Nehmen wir den Vietnamkrieg, als, wie der kanadische Historiker J.L. Granatstein es 1996 in seinem Buch 'Yankee Go Home: Canadians and Anti-Americanism' formulierte, die Antikriegs- und die antiamerikanische Wut in Kanada langsam wuchsen und sich gegenseitig verstärkten.' Eine Studie der kanadischen Anglistikwissenschaftlerinnen Alison Borden, Alexandra Erath und Julie Yang zeigte beispielsweise, dass sich das kanadische Englisch angesichts der zunehmenden antiamerikanischen Stimmung während des Vietnamkriegs noch stärker dem britischen Englisch annäherte und Schreibweisen wie 'colour' übernahm, um Kanadier noch stärker von Amerikanern zu unterscheiden. Heute nutzen Kanadier die Sprache erneut, wenn auch vielleicht etwas frecher, um diese Unterscheidung zu verdeutlichen: Viele Cafés ändern ihre Kaffeekarten und ersetzen 'Americanos' durch 'Canadianos' - um dem Konsum dieses Yankee-Getränks besser aus dem Weg zu gehen."Public Books (USA), 23.09.2025

Quietus (UK), 15.09.2025
Elet es Irodalom (Ungarn), 19.09.2025
Der Schriftsteller und Herausgeber der jüdischen Monatszeitschrift Szombat (Samstag) Gábor T. Szántó zeichnet in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung "1945 - wie weiter?" der 2B Galerie, Parallelen und Unterschiede der Lebensverläufe der polnischen und ungarischen Juden vor, während und nach dem Holocaust nach und bekräftigt eine ethnologische Perspektive auf jüdisches Leben in Ungarn am Beispiel des Warschauer Polin Museums: "Das vor einem Jahrzehnt eröffnete Polin-Museum in Warschau kann die Geschichte der polnischen Juden angemessen darstellen, weil es eine ethnologische Perspektive einnimmt, die sich aus der ehemaligen ethnokulturellen Souveränität der polnischen Juden ergibt: ihrer Unabhängigkeit und Selbstidentität mit eigener Sprache, Kultur und politischen Organisationen. Der Großteil der ungarischen Juden war vor und während des Zweiten Weltkriegs stärker assimiliert als die polnischen Juden. Ihre Identität basierte ausschließlich auf religiösen Unterschieden - bei vielen gab es nicht einmal das. Der ausschließende, zerstörerische Schock der Vernichtung verursachte daher in ihrem Identitätsbewusstsein vielleicht ein noch tieferes, existenzielles Trauma, das über die Zahl der Opfer und das individuelle Leid hinausging, da es ihnen ohne eine feste, eigenständige Zugehörigkeit schwerer fiel, über das, was ihnen widerfahren war, zu sprechen und es war für sie schwieriger, ihre Wut gegenüber den Tätern und ihren Kollaborateuren zu empfinden und auszudrücken, da sie sich als Opfergemeinschaft scharf von den Tätern und der schweigenden Mehrheit der Gesellschaft abgrenzen mussten. (…) An Warschauer Polin arbeiteten 150 Historiker und Fachleute aus anderen Disziplinen fast ein Jahrzehnt lang und entwickelten das Konzept in zahlreichen Diskussionen. Vielleicht kommt einmal die Zeit, dass auch in Ungarn eine ähnliche Einrichtung entsteht. Denn wir brauchen kein 'Haus der Schicksale', sondern ein historisches Museum zur Geschichte der ungarischen Juden, in dem nicht nur die Vernichtung der Juden, sondern auch ihr Leben dargestellt wird."Guardian (UK), 23.09.2025
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