Magazinrundschau
Die Rottöne einer Lüge
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
24.06.2025. Africa is a Country fürchtet um Mali. Aeon erklärt, warum Zölle total amerikanisch sind: Schon George Washington erhob sie. New Republic erzählt, wieviel reicher die Reichsten in den letzten Jahrzehnten wurden. Die LRB feiert die Ausstellung "Paris Noir" im Centre Pompidou. Harper's versucht herauszufinden, warum einige der treuesten Israel-Unterstützer im Pazifik leben. Aktualne erinnert an den Bürgermeister von Proseč, Jan Herynek, der unter Lebensgefahr Thomas und Heinrich Mann zu einer tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft verhalf.
Africa is a Country (USA), 06.06.2025
Viele Malier waren gar nicht so unzufrieden, als 2021 die Armee unter Assimi Goïta nach zwei Militärputschen die Regierung festnahm und die Macht übernahm, dann die Franzosen aus dem Land warf und schließlich auch die Multidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen (MINUSMA). Hilfe bei der Verteidigung des Landes gegen die Islamisten suchten die Militärs dafür bei der Wagner-Gruppe. Die Malier, die die Korruption ihrer Beamten und die fremden Soldaten im Land satt hatten, nahmen es hin und hofften auf eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Doch daraus wurde bis heute nichts, schreibt der politische Berater Abdelkader Abderrahmane. "Seit Februar 2022 hat die Übergangsregierung die Wahlen wiederholt mit der Begründung 'technischer Gründe' verschoben und schließlich eine Verlängerung der Amtszeit des Präsidenten bis 2030 vorgeschlagen. Die Besorgnis über Goitas autoritären Stil wächst, insbesondere nachdem er sich selbst 2024 in den Rang eines Generals erhoben hat. Die Verschiebung der Wahlen war der unmittelbare Auslöser für die Demonstrationen der politischen Oppositionsparteien Anfang Mai. Anstatt die Forderungen nach einer Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung bis Dezember 2025 anzuerkennen, erließ die Regierung rasch ein Verbot aller politischen Parteien. Die politische Krise hat wirtschaftliche Wurzeln. Trotz zahlreicher Versprechungen der Regierung Goïta sind die Lebensbedingungen für die meisten Malier nach wie vor katastrophal, wobei sich das Wirtschaftswachstum weitgehend auf die städtischen Gebiete und Großstädte konzentriert und die ländlichen Gebiete vernachlässigt werden." Auch an der Korruption hat sich nichts geändert, und die Armut steigt. Und jetzt noch das Verbot aller politischen Parteien, "das zweifellos mehr Jugendliche dazu ermutigen, sich militanten Gruppen anzuschließen, die in Mali und in der Sahelzone sowie weiter südwestlich auf dem Kontinent aktiv sind. Solche Gruppen sind bereits auf dem Vormarsch ..."Harper's Magazine (USA), 31.07.2025
Einige der loyalsten Verbündeten Israels leben im Pazifik, lernen wir von Pete McKenzie. Das zeigte sich als die Uno angesichts der israelischen Bombardierung Gazas einen Waffenstillstand forderte: "Außer Israel selbst, den Vereinigten Staaten und einigen anderen Mitgliedstaaten wie Ungarn lehnten nur Fidschi, Nauru, Tonga, die Marshallinseln, Mikronesien und Papua-Neuguinea den Vorschlag ab." Tatsächlich glauben viele Bewohner der Inseln, dass sie der "Verlorene Stamm Israels" seien. Einige glauben sogar, die Israelis seien der Verlorene Stamm Fidschis. McKenzie will der Sache auf den Grund gehen. Seine Reportage ist interessant, aber auch etwas herablassend: "Ich hatte erwartet, nur eine bunt zusammengewürfelte Ansammlung von Gaunern und Exzentrikern vorzufinden, wie sie so oft in der abgelegenen Südsee Fuß fassen. Stattdessen fand ich zu meiner Überraschung eine Fabel, die von Gesetzgebern und Premierministern vertreten wird". McKenzie erzählt dann die Geschichte der Entdeckung der Salomon Inseln durch den spanischen Adligen Álvaro de Mendaña de Neira, der einen Kontinent "voller Gold und voller Heiden" zu finden hoffte, genauer: "das Land Ophir, aus dem König Salomo der Bibel zufolge seine legendären Reichtümer bezog. Er fand nichts, außer feindselige Einheimische und kehrte zurück. Der Name Salomon blieb jedoch haften und die Missionare, die später kamen, inspirierten weitere Geschichte über das biblische Erbe. "In der Zwischenzeit geriet die Inselgruppe bei Außenstehenden weitgehend in Vergessenheit - bis zum Zweiten Weltkrieg, als ihre Nähe zu Australien sie strategisch unentbehrlich machte und die japanische Besetzung und die amerikanische Invasion von Guadalcanal, der größten der Salomonen, zur Folge hatte. Als der Krieg zu Ende war, ging die Welt wieder weiter. Doch die Bewohner der Salomonen blieben mit einem ausgeprägten Gefühl für ihre eigene Bedeutung zurück, das sich mit den Erzählungen über ihre ophirische Abstammung deckte: Wenn man den Mythen Glauben schenken durfte, waren sie kein übersehenes Volk am Rande der Welt, sondern wichtige Akteure in einer jahrtausendealten religiösen Sage. Für viele erwies sich dieses Gefühl der Zentralität als unwiderstehlich."Der Dichter, Essayist und Schmetterlingskundler Lewis Hyde denkt mit dem Geologen Charles Lyell und Charles Darwin über das Mysterium der "tiefen Zeit" nach, die in Jahrtausenden und -millionen rechnet. "Die Aussage, dass die Anden fünfundzwanzig Millionen Jahre brauchten, um sich zu erheben, oder dass der Granit in den kalifornischen Transverse Ranges mehr als sechsundsechzig Millionen Jahre alt ist, impliziert, dass wir die Zeit im Griff haben, dass wir sie sozusagen domestiziert haben, dass wir sie in das Haus der Wissenschaft geholt haben und sie uns vertraut und nicht fremd geworden ist. Aber weder eine Tabelle mit den Äonen, Epochen und Zeiträumen der Geologie noch eine Infinitesimalrechnung können das Gefühl der Ehrfurcht vor der geologischen Zeit beseitigen. Darwin hat dieses Gefühl, soweit ich sehen kann, nie verloren. In 'Origin' sagt er kurz vor seiner Analyse des Wealds, dass all diese geologischen Wunder seinen Geist beeindrucken 'wie das vergebliche Bemühen, sich mit der Idee der Ewigkeit auseinanderzusetzen', und als er mit seinem Experiment der Periodisierung fertig ist, kehrt er sofort zu seinem Gefühl des Staunens zurück: 'Welche unendliche Zahl von Generationen, die der Verstand nicht fassen kann, muss in der langen Rolle der Jahre aufeinander gefolgt sein!' Etwas von dieser geologischen Ehrfurcht hat sich nun zu meiner kindlichen Begeisterung für Schmetterlinge gesellt. Denn es gibt fossile Lepidoptera [Schmetterlinge]. In Colorado wurden in der Green River Formation mindestens vier Exemplare aus dem Eozän vor achtundvierzig Millionen Jahren und in der nahe gelegenen Florissant Formation ein Dutzend Arten dreizehn Millionen Jahre später gefunden. Eine solche klar datierte Periodisierung mag leichter zu begreifen sein als 'die Idee der Ewigkeit', aber selbst dann sollte sie das anfängliche Wunder unberührt lassen, dass Schmetterlinge existieren und überleben, ein Beweis dafür, was die Natur aus dem Leben machen kann, wenn sie die Chance hat, mit blühenden Pflanzen, Sonnenlicht und Luft zu spielen."
Aktualne (Tschechien), 20.06.2025
Substack, Brooks Riley (USA), 23.06.2025

Die Filmkritikerin und -produzentin (Godard) Brooks Riley hat einen Schweizer Maler für sich entdeckt: Felix Vallotton. Mehr noch als seine Naturlandschaften interessieren sie die "inneren Landschaften der Pariser Bourgeoisie", die Vallotton Ende des 19. Jahrhunderts gemalt hat: "In einer satirischen Serie von Holzschnitten mit dem Titel 'Intimitäten' entlarvte er die amourösen Täuschungsmanöver des gehobenen Ehebruchs in nüchternen Schwarz-Weiß-Drucken, in denen Schwarz der dominierende, alles verzehrende Farbton ist. Mit Misia Sert als angeblichem Modell wurde die Serie in der anarchistischen Publikation La Revue blanche ihres Mannes Thadée Natanson abgedruckt, wo sie sofort ein Erfolg wurde. Was auch immer zwischen Vallotton und seinem Modell geschah oder nicht geschah, es blieb genug übrig, um eine Reihe schillernder Gemälde zu inspirieren, deren bemerkenswerte Farben auf ein chromatisches Vokabular der Leidenschaft hinauslaufen, in all seinen köstlich klaustrophobischen Treibhausfarben - von den dunkelsten Violett-, Blau- und Rosatönen der schwelenden Anziehung bis hin zu den flammenden Rottönen einer Lüge. Wenn man sieht, wie diese Farben von Gemälde zu Gemälde ineinandergreifen, entdeckt man in ihnen eine Sprache der Liebe - eine Palette, die eher an Gefühle als an Orte erinnert. Es handelt sich nicht um die typischen Interieurs der Bourgeoisie, sondern um gepolsterte Gefäße der Intimität, die Vallotton selbst erfunden hat, mit konspirativen Farben und Texturen, die symbolisch zusammengeführt werden. Die meisten dieser Gemälde entstanden im Jahr vor Vallottons Heirat mit der verwitweten Tochter des Kunsthändlers Alexandre Bernheim - oft als Scheinehe bezeichnet, aber dennoch eine echte Liebesgeschichte, wenn man einem Brief Vallottons an seinen Bruder Glauben schenken darf. Ob die intimen Gemälde aus jenem Jahr eine anhaltende Schwäche für Misia oder eine Leidenschaft für seine Verlobte Gabrielle widerspiegeln, wird wohl nie geklärt werden. Vallotton, der sein ganzes Leben lang Tagebuch geführt hat, hat später alles, was vor 1914 geschah, gelöscht." (Lesenswert zu Vallotton ist auch Hans-Joachim Müllers Besprechung in der Welt der Vallotton-Ausstellung 2019 in der Royal Academy in London, unser Resümee.)
Aeon (UK), 16.06.2025
Donald Trumps Erhebung von Zöllen ist dem Versuch geschuldet, die USA möglichst autark zu machen, meint Ben Chu. Das widerspricht dem Trend zur Globalisierung, der in den letzten Jahrzehnten die Handelspolitik der Welt und insbesondere der USA bestimmte. "Handel und Verflechtung, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, sind Teil unseres Wesens - und waren es schon immer. Dennoch ist es müßig zu leugnen, dass der Impuls zur Autarkie ebenfalls sehr tief in unsere Psyche und unsere Geschichte hineinreicht", meint Chu, der in der neuerlichen Hinwendung zur Autarkie auch etwas persönliches ausmacht: Die "Tugend der Eigenständigkeit", die von Menschen in allen Jahrhunderten hochgehalten wurde. Auch in den USA: "Im Januar 1790 erhob sich George Washington, der erste Präsident der Vereinigten Staaten, um seine erste Botschaft an den US-Kongress zu richten: 'Ein freies Volk sollte nicht nur bewaffnet, sondern auch diszipliniert sein', erklärte er, 'und seine Sicherheit und sein Interesse erfordern, dass es solche Manufakturen fördert, die es in Bezug auf lebenswichtige, insbesondere militärische Güter von anderen unabhängig machen.' ... Eine der ersten Amtshandlungen des ersten Kongresses war die Einführung von Zöllen. Das so genannte 'Amerikanische System' inspirierte den nach Pennsylvania ausgewanderten Deutschen Friedrich List 1841 zu einem einflussreichen Buch, in dem er ein 'nationales System der politischen Ökonomie' empfahl, das die kanonischen Argumente von Adam Smith und David Ricardo über die Rationalität von Nationen, die Freihandel betreiben, verwarf. List vertrat stattdessen die Ansicht, dass Länder mit einem großen, noch nicht ausgeschöpften Industriepotenzial, die versuchten, den Produktivitätsvorsprung des Spitzenreiters - in diesem Fall Großbritanniens - aufzuholen, ihre unreifen Fabriken mit starken Einfuhrbeschränkungen vor dem Wettbewerb mit dem Spitzenreiter schützen sollten, bis sie stark genug waren, um konkurrenzfähig zu sein. Es ist auch heute noch ein überzeugendes Argument für die Staats- und Regierungschefs sowohl der Entwicklungsländer als auch der wohlhabenden Länder, das oft angeführt wird, um den Handelsprotektionismus als Eckpfeiler der Industrialisierungs- oder Reindustrialisierungsstrategien zu rechtfertigen. Es ist schon erstaunlich, wenn man Washingtons erste Rede vor dem Kongress mit dem vergleicht, was Trump im Jahr 2025 vor derselben Institution sagte. 'Wenn wir keinen ... Stahl und viele andere Dinge haben, haben wir kein Militär und, offen gesagt, werden wir nicht lange ein Land haben', begründete der 47. Präsident die Wiedereinführung von Zöllen auf Stahlimporte. ... Indem er die Handelspolitik ausdrücklich mit der nationalen Eigenständigkeit und den Verteidigungsfähigkeiten verknüpfte, ließ Trump Ideen wieder aufleben, die bereits bei der Gründung der US-Republik eine Rolle spielten." (Hingewiesen sei noch auf die List-Biografie von Roland Brecht, die vor zwei Jahren im Kohlhammer Verlag erschien.)New Republic (USA), 19.06.2025

Elet es Irodalom (Ungarn), 24.06.2025
Der Physiker und Philosoph György Marosán macht sich Gedanken über das Aufkommen und die zunehmende Verbreitung der künstlichen Intelligenz und deren Auswirkungen auf den Menschen: "KI ist zunehmend in der Lage, als rationaler und verständnisvoller Partner zu agieren, der uns mit den unausweichlichen Hindernissen konfrontiert, die der Verwirklichung unserer Sehnsüchte entgegenstehen. So seltsam das auch klingen mag: KI ist nicht weit davon entfernt, den Partner zu verkörpern, der einen am besten kennt. Aber sie kann den Einzelnen ebenso noch weiter von seinem menschlichen Gegenüber entfernen. Schon heute ist die Einsamkeit eine globale Epidemie der modernen Welt, die sich unaufhaltsam ausbreitet. Wir sind selbst schuld daran, weil wir uns weigern, uns an unsere Mitmenschen anzupassen. Aber die Gefahr kann noch vervielfacht werden, wenn man seinen KI-'Assistenten' in einen Befehle ausführenden Agenten verwandelt, der keine Widerworte geben kann. Das macht einen noch unfähiger, mit seinen Mitmenschen, die einen Willen und Wünsche haben, zusammenzuleben. Die wichtigste Aufgabe für das kommende Jahrzehnt besteht darin zu lernen, mit unseren natürlichen und künstlichen Mitmenschen zusammenzuarbeiten, ihre Ratschläge zu berücksichtigen, ihre unterschiedlichen Ansichten zur Kenntnis zu nehmen und bereit zu sein, sich an sie anzupassen."New Yorker (USA), 23.06.2025
Elizabeth Kolbert tauscht sich für den New Yorker mit verschiedenen Experten darüber aus, wie wir die stetig wachsende Bevölkerungszahl umweltfreundlicher ernähren könnten - und woran es momentan scheitert. Im Labor Kultiviertes hat schon mal nicht den gewünschten Erfolg gebracht, erklären die Bücher "We Are Eating the Earth: The Race to Fix Our Food System and Save Our Climate" von Michael Grunwald und "How to Feed the World: The History and Future of Food" von Vaclav Smil. Letzterer argumentiert, "die Welt könnte deutlich besser mit dem Ernährungsbedarf Schritt halten, wenn wir besser mit den Vorräten haushalten. Ein Report, der von der Food and Agriculture Organization der United Nations in Auftrag gegeben wurde, schätzt, dass global etwa 40 Prozent Obst und Gemüse, 30 Prozent Getreide und 20 Prozent Fleisch und Milchprodukte nicht gegessen werden. Das Problem ist am schlimmsten in wohlhabenden Ländern wie den USA, wo mehr als 200 Pfund Lebensmittel pro Jahr und Person weggeschmissen werden. 'Selbst geringe Reduzierungen von Lebensmittelverschwendung würden kumulativ große Einsparungen bedeuten', hat Smil beobachtet. Dann gibt es da noch Verschwendung, die aus unbedachten Gewohnheiten resultiert. Fotosynthese hat energietechnisch schon eine niedrige Konversionsrate, die Ernten an Tiere zu verfüttern, verstärkt das Problem um ein Vielfaches. Smil zufolge verstoffwechselt Mais circa 0,7 Prozent der Sonnenenergie, die auf ihn trifft, wenn er als Kuhfutter benutzt wird, im Steak sind nur noch ungefähr 0,002 Prozent der ursprünglichen Energie enthalten. Schweine und Hühner sind besser darin, Getreide zu Fleisch werden zu lassen. Trotzdem kostet es ein Vielfaches der Ressourcen, ein Pfund Schwein oder Hühnchen zu produzieren als dieselbe Menge Maisbrei. Fleischkonsum zu reduzieren, wäre, wie Smil argumentiert, 'sowohl rational als auch höchst wünschenswert.'" Allerdings ist auch ein erhöhter Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln nicht ganz risikofrei, wie Bestrebungen mit manipuliertem Getreide zeigen: "Erhöhter Wasserbedarf, Pestizide und Düngernutzung führen derweil zu einer Menge Umweltprobleme. In Indien beispielsweise hat die Regierung Bauern dazu ermutigt, ihre durstigen Pflanzen zu bewässern, indem sie Bohrungen in unterirdischen Grundwasserleitern vornehmen. Um die dreißig Millionen Rohrbrunnen wurden verlegt. Jetzt, nach mehreren Dekaden Pumpen, sind viele der Brunnen trocken. Einem kürzlich bei Deccan Herald erschienenen Bericht zufolge, 'ist Indien mit der schlimmsten Grundwasserkrise seiner Geschichte beschäftigt.'" Übrigens gibt es auch Prognosen, dass die Weltbevölkerung schrumpft, was auch wieder doof ist, unser Resümee.Weitere Artikel: Joshua Yaffa erzählt, wie Donald Trump die Natomitgliedsstaaten dazu brachte, ihre Verteidigungsbudgets anzuheben. Jia Tolentino liest nach, ob junge Menschen genug Sex haben. Amanda Petrusich hört die neue Platte von Haim. Alex Ross hört Bach. Und Justin Chang sah im Kino Joseph Kosinkis Brad-Pitt-Vehikel "F1". Lesen dürfen wir außerdem Han Ongs Erzählung "Happy Days".
n+1 (USA), 16.06.2025

Alex Kong beherrscht die höchste Kunst eines Filmkritikers. Er schafft es, einen Film so zu beschreiben, dass sich - ohne Trennung von Erzählung und Interpretation sein Sinn erschließt. In New York gab es bereits vor einem Jahr eine Retrospektive des japanischen Filmklassikers Hiroshi Shimizu, dessen Werk sich in zwei Hälften aufteilt, vor dem Krieg und nach dem Krieg. Immer, so Kong, charakterisiert Shimizu eine Leichtigkeit und Heiterkeit: Er ist ein Regisseur der Düfte. Das schließt ernste Themen nicht aus. "Shimizus Nachkriegsfilme versuchen, eine bereits zerrissene Gesellschaft wiederherzustellen. 'Kinder aus dem Bienenstock' (1948) beispielsweise begleitet eine Gruppe von Kindern, die im Krieg zu Waisen geworden sind und durch das Land ziehen. Der Film enthält eine erstaunliche Sequenz, die inmitten der zerbombten Ruinen von Hiroshima spielt - gedreht vor Ort, aber unter Aufsicht der amerikanischen Besatzungsbehörden, die verhindern wollten, dass Shimizu zu viel von der zerstörten Stadt zeigt. In den Trümmern zerstörter Gebäude spielt sich ein Versteckspiel zwischen einem der Waisenkinder und einer jungen Frau ab, die die Rolle einer Ersatzmutter übernommen hat. Sie muss nach Tokio aufbrechen, aber das Waisenkind verfolgt sie in die Ruinen, als sie versucht, ihn zurückzulassen. Er huscht zwischen Trümmern hin und her, die seinen kleinen Körper überragen, während er vergeblich versucht, sie inmitten des Labyrinths aus Schutt zu finden. Die Kamera spiegelt seine Orientierungslosigkeit wider, indem sie teilweise verdeckte Ansichten aus den Ecken und Winkeln zeigt, die er verzweifelt durchsucht, während die beiden in Miniaturform den Versuch nachstellen, einen Weg durch ein vom Krieg verwüstetes Land zu finden."
Den ganzen Film kann man auf Youtube sehen, mit englischen Untertiteln. vorausgesetzt, man kann die palästinensische Fahne in der Ecke unten rechts übersehen. Auf archive.org auch ohne Flagge!
London Review of Books (UK), 23.06.2025

Der Schriftsteller Adam Shatz schwärmt von der aktuellen Ausstellung "Paris Noir" im Centre Pompidou in Paris, die Werke schwarzer amerikanischer Künstler zeigt, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris lebten. Am Beispiel des amerikanischen Malers Beauford Delaney erklärt Shatz, wie die Stadt für viele von ihnen zum Ort der (relativen) Befreiung wurde. James Baldwin drängte den schwulen, schwarzen Künstler Delaney einst aus Knoxville nach Paris zu kommen, denn hier konnte er sich, obwohl es natürlich auch in Frankreich Rassismus gab, im Gegensatz zu den USA relativ frei fühlen: "Delaneys Dämonen folgten ihm nach Paris; dennoch erlebte er in seiner neuen Heimat ein beispielloses Gefühl der Freiheit. Bekannt wurde er vor allem als Porträtist, der begann, völlig abstrakte Gemälde zu schaffen und seinen figurativen Bildern eine farbenprächtige Note zu verleihen. Baldwin verbrachte den Herbst 1955 mit Delaney in Clamart, wo er den Einfluss des Ortes auf Delaneys Stil bemerkte: 'Dieses Leben, dieses Licht, dieses Wunder, das begann ich in Beaufords Gemälden zu sehen.' Dieses 'Licht, dieses Wunder' wird in Delaneys Porträt der Altistin Marian Anderson eindrucksvoll zur Schau gestellt. Auf dieser riesigen Leinwand steht Anderson dem Betrachter gegenüber: eine statuenhafte Figur mit weit geöffneten Augen und geschlossenen roten Lippen. Ihre Hände sind vor ihr gefaltet, als wolle sie gerade den Mund öffnen und singen. Der Hintergrund, ein strahlendes Gelb, das ihr Kleid und ihren Schal färbt, ist von orangefarbenen, grünen und blauen Streifen durchzogen. Er ist nur spärlich skizziert, abgesehen von der unteren rechten Ecke, wo sich direkt unter der kleinen, schwach gezeichneten Figur eines Pianisten ein Dickicht aus Strichen abzeichnet. Der Reichtum des Impastos und die Farbpalette scheinen die Leuchtkraft von Andersons Stimme zu evozieren."
Artforum (USA), 23.06.2025

Der afrikanische Schriftsteller Percy Zvomuya stellt die südafrikanische Malerin Esther Mahlangu vor, eine Angehörige der Ndebele-Ethnie. Ndebele-Frauen bemalen traditionell die Fassaden ihrer Häuser, erklärt Zvomuya, ihre Kunst "umfasst geometrische Motive, die mit Dung, Kalkstein, rotem Ton, Ruß, Asche und anderen natürlichen Pigmenten auf Hauswände gemalt werden." Mahlangu schaffte es, die künstlerische "Ndebele-Grammatik" nicht nur in den westlichen Kunstmarkt, sondern auch in die Mode einzubringen. Ihre Werke wurden 2024 in einer Ausstellung in der South African National Gallery in Cape Town gezeigt, erklärt Zvmouya. Man sah "Mahlangus mittlerweile berühmtes BMW Art Car aus dem Jahr 1991: Sie war die erste afrikanische Künstlerin, die mit der Malerei für diese Serie beauftragt wurde. Ebenfalls ausgestellt waren mit Perlen verzierte Puppen; Gemälde mit geometrischen Motiven auf Alltagsgegenständen wie einem Fernseher, Stilettos, Turnschuhen und Bergmannshüten; und eine wunderschöne gestreifte Decke, in die komplizierte Formen (Pyramiden, Winkel, ein Parallelogramm) in bunte Perlen eingraviert waren. Die Besucher sahen auch ihre figurativen Werke zu den Themen Freiheit und Demokratie, die in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen südafrikanischen Staatsmann und Anti-Apartheid-Ikone Nelson Mandela entstanden."
Seznam Zpravy (Tschechien), 17.06.2025
In den vergangenen Jahren hat sich die tschechische Literatur verstärkt der tschechisch-deutschen Geschichte gestellt, besonders Schriftstellerinnen sind es, die die Vertreibung der Deutschen und damit verbundene Traumata schilderten und schildern - oft mit einem großen Publikumsecho in Tschechien. Nun ist die Anthologie "Sudety: Ztracený ráj" (Sudeten: Das verlorene Paradies) erschienen, die in zehn Erzählungen von Autoren wie Kateřina Tučková und Jaroslav Rudiš und Illustrationen von Jaromír 99 Geschichten jenseits von Eskalation und Gewalt suchen, also vom früheren, ganz normalen Zusammenleben zwischen Tschechen und Deutschen in der Grenzregion erzählen. "In diesen Geschichten wird Tschechen und Deutschen gleichermaßen viel Raum und erzählerische Empathie gewidmet", stellt Jonáš Zbořil in seiner Rezension fest. Meist in der Zwischenkriegszeit angesiedelt, handeln sie "von erster Liebe, dem komplizierten Aufbau der Ersten Tschechoslowakischen Republik, auch von einem Mord, zu dem es aus Angst vor Entwurzelung kommt. Die Schuld wird von einer Figur auf die andere abgewälzt, unabhängig von ihrer Herkunft. Aber das Gleiche gilt für die Liebe. Hier kennen Tschechen und Deutsche sich gut, verlieben sich oder entfremden sich voneinander. Manchmal geht dies mit Wut, manchmal mit Frustration einher, etwa wenn sich Freunde plötzlich auf der anderen Seite einer Kriegsfront oder politischer Werte wiederfinden."New York Magazine (USA), 23.06.2025
Ähnlich wie im Manga-Bereich, der den entsprechend spezialisierten Verlagen auch in Deutschland in den letzten Jahren nahezu irreale Umsatzsteigerungen bescherte, geht auch die Popularität von Anime weltweit schier durch die Decke und lässt den Nischen-Status, den das japanische Popkulturphänomen im Westen bislang hatte, hinter sich, erklärt Eric Vilas-Boas. Alleine in den USA stieg die Nutzung von 2019 bis 2024 Studien zufolge um satte 176 Prozent, die Zahl der Serien habe sich gar verdreifacht. Insbesondere in der jüngsten Generation genießen die japanischen Trickfilme und -serien eine Popularität, die die gängiger westlicher Starphänomene mitunter deutlich übersteigt. "Popularität und Umsatz von Anime lassen nicht nach und das, obwohl die Unterhaltungsbranche im Großen und Ganzen im Zuge des Hollywoodstreiks, eines jahrelangen Pandemiekaters und dem Rückzug von Streamingdollars geschrumpft ist. Die japanische Industrie mag auf unterbezahlten Arbeitern und entsetzlichen Arbeitsbedingungen fußen, aber weltweit generiert Anime-Content pro Jahr um die 20 Milliarden Dollar Profit. ... 'Reisefähigkeit' ist der Schlüssel zum Erfolg dieses Sektors, sagt die Analystin Katerina Naddaf. Dem liegt die Einsicht zugrunde, dass eine Serie zwar zunächst für ein japanisches Publikum produziert wird, aber im besten Fall auch das Potenzial hat, ein noch größeres Publikum in Übersee zu erreichen. Gita Rebbapragada von Crunchyroll sagt, dass der Streamingdienst sich dessen 'überaus bewusst' ist, dass er für die verschiedenen Märkte, in denen er operiert, 'regional relevanten' Anime produzieren will. 'Regional relevant' kann dabei unterschiedliche Dinge bezeichnen, von kulturellen Nuancen bis zur Geschichte, die mit einem bestimmten Ort einhergeht. Bei Warner konzentriert sich DeMarco auf internationale Coproduktionen, die idealerweise auf beide Märkte abzielen, mit einem Fokus auf den Westen, da der Konzern hier ansässig ist. Bei Crunchyroll indessen war der aktuelle Fußball-Anime 'Blue Lock' Rebbapragada zufolge in Lateinamerika und Teilen Europas sehr erfolgreich, Regionen, die versessen auf Fußball sind."1 Kommentar