Felix Vallotton, Die Lüge (Holzschnitt und Gemälde) aus der Reihe "Intimitäten" Die Filmkritikerin und -produzentin (Godard) Brooks Riley hat einen Schweizer Maler für sich entdeckt: Felix Vallotton. Mehr noch als seine Naturlandschaften interessieren sie die "inneren Landschaften der Pariser Bourgeoisie", die Vallotton Ende des 19. Jahrhunderts gemalt hat: "In einer satirischen Serie von Holzschnitten mit dem Titel 'Intimitäten' entlarvte er die amourösen Täuschungsmanöver des gehobenen Ehebruchs in nüchternen Schwarz-Weiß-Drucken, in denen Schwarz der dominierende, alles verzehrende Farbton ist. Mit Misia Sert als angeblichem Modell wurde die Serie in der anarchistischen Publikation La Revue blanche ihres Mannes Thadée Natanson abgedruckt, wo sie sofort ein Erfolg wurde. Was auch immer zwischen Vallotton und seinem Modell geschah oder nicht geschah, es blieb genug übrig, um eine Reihe schillernder Gemälde zu inspirieren, deren bemerkenswerte Farben auf ein chromatisches Vokabular der Leidenschaft hinauslaufen, in all seinen köstlich klaustrophobischen Treibhausfarben - von den dunkelsten Violett-, Blau- und Rosatönen der schwelenden Anziehung bis hin zu den flammenden Rottönen einer Lüge. Wenn man sieht, wie diese Farben von Gemälde zu Gemälde ineinandergreifen, entdeckt man in ihnen eine Sprache der Liebe - eine Palette, die eher an Gefühle als an Orte erinnert. Es handelt sich nicht um die typischen Interieurs der Bourgeoisie, sondern um gepolsterte Gefäße der Intimität, die Vallotton selbst erfunden hat, mit konspirativen Farben und Texturen, die symbolisch zusammengeführt werden. Die meisten dieser Gemälde entstanden im Jahr vor Vallottons Heirat mit der verwitweten Tochter des Kunsthändlers Alexandre Bernheim - oft als Scheinehe bezeichnet, aber dennoch eine echte Liebesgeschichte, wenn man einem Brief Vallottons an seinen Bruder Glauben schenken darf. Ob die intimen Gemälde aus jenem Jahr eine anhaltende Schwäche für Misia oder eine Leidenschaft für seine Verlobte Gabrielle widerspiegeln, wird wohl nie geklärt werden. Vallotton, der sein ganzes Leben lang Tagebuch geführt hat, hat später alles, was vor 1914 geschah, gelöscht." (Lesenswert zu Vallotton ist auch Hans-Joachim Müllers Besprechung in der Welt der Vallotton-Ausstellung 2019 in der Royal Academy in London, unser Resümee.)